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»ENTWEDER DU ODER ICH, KAMERAD!«

aus DER SPIEGEL 49/1964

Die amerikanische Soldatenzeitung »The Overseas Weekly« hat in der Bundesrepublik stationierte GIs über die Sitten deutscher Autofahrer befragt und dabei Antworten bekommen wie: »Die einzige Weise, auf die man in Deutschland fahren kann, ist folgende: Man setzt die linken Räder auf den weißen Mittelstreifen und sagt 'Entweder du oder ich Kamerad'« (Sergeant Lee Forsythe, Baumholder); oder: »Sogar amerikanische Frauen fahren nicht so schlecht wie deutsche Männer« (Sergeant Ray Morgan, Münster). Dem Bericht des US Blattes, der unter der Schlagzeile »Deutschlands Autofahrer lösen das Problem der Übervölkerung« erschien, sind folgende Auszüge entnommen:

Der Fahrer des amerikanischen Armee-Jeeps, der von der Autobahn bis zur Unterkunft noch zwölf Meilen über verstopfte Straßen hatte kurven müssen, stieg aus, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte zum Leiter der Fahrbereitschaft:

»Du, Charliee, wir hätten den Zweiten Weltkrieg auch gewinnen können, ohne einen einzigen Tropfen amerikanischen Blutes zu vergießen. Wir hätten nur jedem der Burschen einen Volkswagen geben müssen. Dann hätten die sich schon gegenseitig umgebracht.«

Wer jemals versucht hat,

auf Deutschlands Straßen heile Kotflügel zu behalten, begreift, was der erschütterte Soldat meinte. Wenn man sich die hierzulande übliche Fahrerei ansieht, muß man glauben, alle Deutschen - ohne Ausnahme - hätten einen Selbstmord-Komplex. In ihrer selbstzerstörerischen Art lösen sie das Übervölkerungsproblem auf schreckliche Weise.

Mit der Zahl der Verkehrstoten steht Deutschland unter allen europäischen Ländern eisern an der Spitze. 1963 starben 14 502 Deutsche bei Verkehrsunfällen.

In den Staaten wurden 43 500 auf den Straßen getötet. Aber da gibt es auch 84 Millionen Autos, während die Deutschen nur zehneinhalb Millionen haben. Deutsche haben deshalb eine fast dreimal so große Chance, auf der Straße zu sterben, wie Amerikaner.

Wie kommt es zu diesem Massengemetzel? Deutschlands Straßen sind zwar überfüllt und in schlechtem Zustand. Aber sie sind nicht schlechter als in England oder in Frankreich, wo die Zahl der Verkehrstoten längst nicht so hoch ist.

Genau besehen, tun die deutschen Autofahrer alles, was geeignet ist, jemanden schnell unter die Erde zu bringen. Dichres Auffahren, Überholen am Berg und in Kurven, Fahrbahnwechsel ohne Blick in den Rückspiegel, rasantes Kurvenfahren, Rechtsüberholen und wahnsinniges Rasen gehören zu den typischen Merkmalen für die Ungeduld, die selbstsüchtige Angriffslust und die Rücksichtslosigkeit des PS-seligen deutschen Autofahrers.

Viele amerikanische Soldaten in Deutschland halten ein energischeres Durchgreifen der Polizei gegenüber blödsinnigen und oft sadistischen Fahrern für notwendig, die - in ihrer Barbarei miteinander wetteifernd - Deutschlands Straßen zu Kriegsschauplätzen machen.

»Wenn mehr Weiße Mäuse auf der Autobahn Jagd auf Verrückte machten, ließe sich das Problem lösen«, meint ein Verkehrsfachmann der US-Armee, der ungenannt sein möchte. »Statt dessen setzen sie die Polizisten ein, um Parksünder zu schnappen.«

Überraschenderweise ist es in Deutschland nicht leicht, einen Führerschein zu machen... Aber aus irgendeinem dunklen Grund wird aus dem vorsichtigen deutschen

Fahrschüler ein eisenfressender Chaussee-Pirat, sobald er die Prüfung hinter sich hat.

Darum müssen GIs hierzulande doppelt vorsichtig sein. Wer sich hier ans Steuer setzt, geht ein Risiko auf Leben und Tod ein.

Kaum ein Wehrpflichtiger kehrt aus Deutschland in seine Heimat zurück, der nicht wenigstens in einen Blechschaden-Unfall mit einem Deutschen verwickelt war. Ein GI glaubte, heil davongekommen zu sein: Wieder in New York gelandet, holte er sein neues Auto ab. Nach einer halben Meile Fahrt wurde er von einem VW-Fahrer, der ein rotes Licht übersehen hatte, auf einer Kreuzung gerammt.

»Verdammter Kerl«, schrie der Heimkehrer, »drei Jahre lang bin ich in Deutschland zwischen all den Idioten herumgefahren und habe keinen Unfall gehabt. Nun bin ich heil zu Hause gelandet, und da müssen Sie mich anfahren.«

Der andere sah verwirrt drein und blieb auch still, als der Soldat zu brüllen aufhörte.

»Mann, nun sagen Sie doch auch was«, verlangte der GI.

Der Mann antwortete auf deutsch: »Nix verstehen.«

Karikatur über deutsche Autofahrer aus »The Overseas Weekly«

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