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UNO »ER GLAUBTE, ER SEI CHRISTUS«

aus DER SPIEGEL 31/1965

Der schwedische Nationalökonom und Schrittsteller Dr. John Lindberg, 64, studierte mit Dag Hammarskjöld, arbeitete mit ihm für die schwedische Regierung und später als Wirtschafts-Diplomat der Uno. Im Juli 1964 beschrieb er den Uno-Generalsekretär in der US-Zeitschrift »Look« als machtgierigen, von einem selbstzerstörerischen Messias -Komplex besessenen Politiker. Als das US -Magazin »Fact« das nachstehende Telephon-Interview mit Lindberg veröffentlichte, erklärte Lindberg, das Gespräch sei streng vertraulich gewesen und entstellt publiziert worden. »Fact« dementierte. Der SPIEGEL prüfte das Tonband: Das Interview war korrekt wiedergegeben worden.

FRAGE: Herr Dr. Lindberg, wir haben in Dag Hammarskjölds Buch »Zeichen am Weg« einige seltsame Dinge gefunden. Glauben Sie, daß Hammarskjöld in den letzten Tagen seines Lebens die Beziehung zur Wirklichkeit verloren hatte?

LINDBERG: Ja, das glaube ich.

FRAGE: Sein Buch deutet, so scheint es uns, darauf hin, daß er einen Christus-Komplex hatte.

LINDBERG: Ja, er hatte eine fixe Idee ... die Zwangsvorstellung, er sei Christus.

FRAGE: Glauben Sie, daß ihn dies bei der Erfüllung seiner Pflichten beeinträchtigt hat?

LINDBERG: Nicht unbedingt. Er hatte zwar den großen Komplex, das Werk Christi weiterzuführen, mochte aber bei seiner täglichen Arbeit durchweg vernünftig erscheinen, obwohl er es in seinem Innern nicht war.

FRAGE: Glauben Sie, daß er zum Schluß geistig normal war?

LINDBERG: Das ist eine schwierige Frage. Wann ist ein Mensch normal? Er konnte seine Arbeit erledigen. Aber konnte er seine Grenzen sehen? Nein ... ein Mann, der weniger mächtig ... weniger groß gewesen wäre als Hammarskjöld, aber gehandelt hätte wie er, wäre wohl als abnormal beurteilt worden. Aber er war für normale Begriffe zu hoch oben. Einen geringeren Mann mit den Zwangsvorstellungen Hammarskjölds hätte man ohne Zweifel für verrückt gehalten.

FRAGE: Glauben Sie, daß Hammarskjöld den Absturz seines Flugzeuges selbst verursachte?

LINDBERG: Hm, ich ... hm, ja. Diese Überlegung habe ich schon oft angestellt ... Weder für mich noch für meine Frau, die ihn sehr gut kannte, ist diese Idee ungewöhnlich.

FRAGE: Glauben Sie, seine Lage war so ausweglos, daß er keinen anderen Ausweg als den Tod sah?

LINDBERG: Ich will versuchen, das so zu beantworten: Hammarskjöld ließ sein fertiges Buch auf seinem Tisch in New York zurück, andere persönliche Dinge und Dokumente in einem Hotel in Leopoldville. Er hat nichts mitgenommen. Die Antwort, ob er Selbstmord begangen hat oder nicht, findet sich in seinem Buch. Wenn Sie das lesen und wissen, daß er das Manuskript vor seiner Abreise beendete ... nun, ich kann mir keinen Mann vorstellen, der weiterlebt, nachdem er so etwas geschrieben hat.

FRAGE: Ja, besonders die letzten Passagen ...

LINDBERG: Ja, er schrieb sie in dem Bewußtsein, daß er in den Tod gehen würde. Er wußte es zweifellos... Wissen Sie, er war ein großer Mythen -Macher.

FRAGE: Ein Mythen-Macher?

LINDBERG: Ja, er wußte, daß sein Tod das schaffen würde, was er wollte - einen großen Mythos.

FRAGE: Wenn man alle Umstände zusammennimmt - sein Buch, seinen Flug, die Kugeln, die Spielkarte -, dann sieht das doch nach Selbstmord aus, nicht wahr?

LINDBERG: Ja, es scheint so. Wissen Sie, er war von der Idee seines eigenen Todes besessen.

FRAGE Meinen Sie, daß aus seinem Wunsch zu sterben schon ein konkreter Plan geworden Zwar?

LINDBERG: Das muß der Fall gewesen sein. Gegen Ende seines Lebens bewegte sich sein Geist auf dünnem Eis, und zum Schluß, denke ich, brach er ein.

FRAGE: Konnte Hammarskjöld eine Sprengladung an Bord gebracht haben?

LINDBERG: Hm, ich ... Sie kennen ja die Beziehungen zu seinem Leibwächter ... Ich weiß allerdings nicht, wie er es gemacht haben sollte, es ist alles, zu mysteriös. Wenn Sie sein Buch lesen und ihn kennen - und ich habe ihn seit seiner Jugend gut gekannt -, so wissen Sie, daß es für ihn alles bedeutete, grandios zu sterben.

FRAGE: Sie glauben, er wollte einen »großen Abgang« haben?

LINDBERG: Davon war er besessen. Für einen Mann seines, ungeheuren Stolzes wog das Versagen im Kongo viel schwerer als der Tod.

FRAGE: Ein letzter Punkt. Wie bewerten Sie den Menschen Dag Hammarskjöld?

LINDBERG: Er war ein sehr kalter Mann ... obwohl er diese anderen ... romantischen ... Neigungen hatte.

FRAGE: Glauben Sie, daß die Homosexualität seine Abkehr von der Wirklichkeit verstärkt hat?

LINDBERG: O ja, das glaube ich ... Ich glaube, er hatte deswegen einen schweren Schuldkomplex.

FRAGE: Glauben Sie, daß dies seinen Wunsch zu sterben bestärkt hat?

LINDBERG: Ja, ich denke schon.

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