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»ER HAT MIR NICHTS ZULEIDE GETAN«

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 31/1965

Dem Schwurgericht in Frankfurt, vor dem seit über 19 Monaten der Auschwitz-Prozeß stattfindet, ist ein Gespenst erschienen. Denn nächstens wird sich das Frankfurter Gericht zur Beratung zurückziehen. Es wird beurteilen müssen, welche Schuld der vor ihm angeklagten 20 Männer nach 359 Zeugenaussagen als bewiesen gelten kann. Das Gespenst heißt Otto Hoppe, ist 51 Jahre alt und sitzt seit 1952 als Lebenslänglicher im Zuchthaus von Celle.

Kurz vor der wohl schwierigsten Beratung, die je einem deutschen Gericht aufgegeben war, demonstriert der Fall Hoppe, daß Zeugen auch dann das bedenklichste von allen Beweismitteln sein können, wenn es um Verbrechen der NS-Zeit geht.

Otto Hoppe wurde am 18. April 1950 vom Schwurgericht beim Landgericht Stade zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Hoppe, der es bei der SS bis zum Oberscharführer gebracht hatte, gehörte von 1938 bis 1942 zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Buchenwald.

Das Schwurgericht verurteilte: wegen Mordes in vier Fällen, wegen eines versuchten Mordes, wegen Totschlags in sieben Fällen, wegen versuchten Totschlags in fünf Fällen, wegen Körperverletzung im Amt in 79 Fällen, wegen Totschlags und versuchten Totschlags in je zwei weiteren Fällen.

Hoppe beteuerte seine Unschuld. Doch das Gericht befand, »durch hartnäckiges und verstocktes Leugnen« zeige Hoppe nur, daß er keine Reue empfinde. Der Fünfte Strafsenat des Bundesgerichtshofs verwarf am 20. Dezember 1951 Hoppes Revision. Zur Rüge der Verteidigung, das Gericht habe die be- und entlastenden Zeugen nicht gewürdigt, erklärte der Senat, eine Zeugenwürdigung im einzelnen sei nicht notwendig.

Hoppe behauptete weiterhin, er sei unschuldig. Er sprach von einer Verschwörung, deren Opfer er geworden sei. Aus der Zelle erstattete er Strafanzeigen gegen Zeugen, die ihn belastet hatten. Er hatte damit nur gegen Walter Przyjemski Erfolg.

Dieser Zeuge hatte 1950 behauptet, Hoppe habe ihm in Buchenwald die Zähne ausgeschlagen. Der Zeuge hatte seinen Auftritt eindrucksvoll gestaltet, indem er seine Zahnprothese aus dem Mund nahm und auf den Richtertisch legte. Doch war er, wie sich später herausstellte, keineswegs durch Hoppe Prothesenträger geworden.

1963 begannen Hoppes Unschuldsbeteuerungen den Rechtsanwalt und Notar Heinrich Sierwald in Stade zu beunruhigen. Sierwald kannte den Fall, er war Partner des inzwischen verstorbenen Verteidigers von Hoppe im Jahre 1950 gewesen.

Sierwald, ohne jede Sympathie für das NS-Regime, wehrte sich lange gegen den Gedanken, Hoppe sei Unrecht geschehen. Die Verbrechen in den Konzentrationslagern hatten ihn erschüttert, Zweifel an der Gerechtigkeit eines Urteils über einen KZ-Wächter wollten ihm nicht in den Kopf.

1963 entschied er sich endlich: »Ich will vor meinem eigenen Gewissen Ruhe haben.« Die zahllosen Briefe, die Hoppe ihm geschrieben hatte, ließen sich nicht mehr ignorieren. Sierwald sagte sich, daß es keinen Zweck haben werde, die Zeugen frontal anzugreifen, wie Hoppe es jahrelang getan hatte. Er beschloß, sich an die wenigen im Urteil vorkommenden Namen von Opfern Hoppes zu halten.

Da hatte 1950 in Ost-Berlin der Zeuge Brinitzer in einer eidlichen Vernehmung geschildert, wie Hoppe versucht hatte, den ehemaligen jüdischen SPD-Reichstagsabgeordneten Asch umzubringen. Hoppe habe Asch, der im Steinbruch arbeitete, die Mütze vom Kopf gerissen und sie über die Postenkette geworfen. Er habe Asch dazu verleiten wollen, die Postenkette zu überqueren.

Sierwald kümmerte sich nicht um diese Schilderung, er suchte nach Herrn Asch. Wo Sierwald aber auch fragte, vom Bundestagsarchiv über das Rote Kreuz bis zur SPD: Ein Buchenwald-Häftling Asch war unbekannt. Lediglich ein Politiker seines Namens fand sich, der Staatsminister in Mecklenburg -Schwerin Julius Asch. Doch der war 1932 gestorben und ruht seitdem auf dem Friedhof in Rostock. Der ganze Fall Asch, der Hoppe im Urteil als ein Mordversuch (und ein versuchter Totschlag) angelastet worden war: eine Erfindung.

Das Urteil schilderte eine weitere Untat Hoppes ausführlich. Im Mai und Juni 1940 wurde in Buchenwald zwischen Küche und Wäscherei, in der Nähe einer absterbenden Eiche, ein Kartoffelkeller gebaut. Häftling Heinrich Seiler vom Kartoffelkeller-Kommando bekam Befehl, die Eiche zu begießen. Während er das tat, kam, dem Urteil zufolge, der SS-Unterscharführer Hoppe vorüber.

»Hoppe bemerkte den einen ausgewachsenen Baum gießenden Häftling«, nahm an, einen arbeitsscheuen Drückeberger vor sich zu haben, und versetzte ihm »mit einem Knüppel heftige Schläge auf Kopf und Körper«. Der Häftling Seiler brach zusammen, wurde ins Revier geschafft und starb dort »trotz allen Bemühungen« nach acht Tagen. Im Urteil 1950 wurde das als Totschlag bewertet.

Sier-wald besorgte sich beim Internationalen Roten Kreuz in Arolsen Unterlagen über alle Seilers, die je im KZ gewesen waren. Es handelte sich um sieben oder acht. Ende vergangenen Monats hatte er dann das düstere Vergnügen, das »Opfer« Hoppes, inzwischen 59 Jahre alt und Fuhrmann in Gießen, bei einer richterlichen Vernehmung kennenzulernen.

Seiler erklärte: »Hoppe hat mir nichts zuleide getan.« Von dem Zeugen, auf dessen Aussage hin Hoppe wegen Seiler verurteilt worden war, wußte Seiler allerdings Erstaunliches zu berichten. Dieser, seit dreieinhalb Jahren tot, hatte Seiler in Gießen besucht, also sehr wohl gewußt, daß Seiler lebte.

Noch werden überall für das inzwischen in vier Punkten zugelassene Wiederaufnahmeverfahren Hoppe Zeugen von 1950 erneut gehört. Es kann deshalb nur angedeutet werden, daß Rechtsanwalt Sierwald schon weit über Asch und Seiler hinaus ist.

Sierwald sieht die Sache, so energisch er sich ihrer annimmt, nüchtern. Ein Rest wird bleiben gegen Hoppe, schon deshalb, weil nicht alle Feststellungen des Urteils von 1950 so formuliert wurden, daß sie Nachforschungen gestatten. Doch für den Rest, meint Sierwald, käme eine Strafe von drei bis fünf Jahren in Betracht.

Gab es 1950 eine Verschwörung gegen Hoppe? Sierwald schweigt. Und was ist heute los, seit die Zeugen von 1950 wieder die Hand heben müssen? Reist irgendwer in Sachen Hoppe? Sierwald schweigt. Das Problem hinter dem Fall Hoppe überläßt er, wenigstens vorerst, anderen. Das Schwurgericht im Auschwitz-Prozeß aber wird sich ihm vor 359 Zeugen stellen müssen.

»Der Prozeß gegen die Chargen von Auschwitz«, schrieb der Schriftsteller Martin Walser, »hat eine Bedeutung erhalten, die mit dem Rechtsgeschäft nichts mehr zu tun hat. Geschichtsforschung läuft mit, Enthüllung, moralische und politische Aufklärung einer Bevölkerung, die offenbar auf keinem anderen Wege zur Anerkennung des Geschehenen zu bringen war.«

Walser definiert die Bedeutung des größten deutschen Strafprozesses genau. Doch am Ende hat jeder Strafprozeß, um Walsers Formulierung aufzugreifen, ein (sauberes) »Rechtsgeschäft« zu sein. Der Lebenslängliche Hoppe ist ein Gespenst.

Verurteilter Hoppe (1950)

Der Ermordete lebt

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