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»Er lachte wie ein Weihnachtsmann«

aus DER SPIEGEL 39/1979

Chruschtschow hatte gegenüber einem ausländischen Besucher einmal geprahlt, wenn man Gromyko befehlen würde, sich mit heruntergelassenen Hosen auf einen Eisblock zu setzen, dann würde der das ohne Zögern tun und so lange sitzen bleiben, bis man ihm befehle, wieder aufzustehen. Breschnew machte, obwohl nicht ganz so brutal, ähnliche Scherze. Beide ließen keinen Zweifel daran, daß eine der Haupttugenden Gromykos in ihren Augen darin bestand, daß er, willfähriges Werkzeug willkürlicher Macht, jeden Befehl wirklich befolgte.

Gromykos Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, wenn er die Zielscheibe derart grober Scherze war. Seine Augen aber blieben wachsam und ein wenig melancholisch wie die eines Jagdhundes, der die unerklärlichen Launen seines Herrn erträgt, sie aber schließlich doch zu seinem Vorteil zu nutzen weiß ...

Wir lernten uns auf einem Empfang kennen, den der Präsident im September 1969 für die Delegationschefs bei den Vereinten Nationen gab. Gromyko kam auf mich zu und sagte: »Sie sehen aus, als seien Sie Henry Kissinger.« Ich erwiderte: »Sie sehen aus wie Richard Nixon.« Er brauchte ein paar Sekunden, um das zu verdauen, besonders weil seine Begleiter nicht wußten, ob sie lachen dürften, bevor er das Zeichen gegeben hatte.

Aber ein Jahr später hatte er sich mit der amerikanischen Mentalität vertraut gemacht. Als wir darüber sprachen, welchen Eingang des Weißen Hauses er bei seinem Zusammentreffen mit Nixon benutzen sollte, sagte Gromyko, das sei ganz gleichgültig, die Wachen würden ohnehin salutieren und ihn überall durchlassen: Wer würde schon den Präsidenten anhalten?

Damit alle -- besonders aber seine Mitarbeiter -- merkten, daß dies scherzhaft gemeint war, lachte er laut und fröhlich wie ein Weihnachtsmann an einer Straßenecke.

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