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»Er läßt ja niemand an sich herankommen«

Gerhard Mauz zum Urteil über Gustav Scholz *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 6/1985

Helga Scholz ist 49 Jahre alt geworden. Während des Prozesses über ihren Tod entstand der Eindruck, sie sei noch glimpflich davongekommen, als sie einem Schuß zum Opfer fiel. Denn in Wahrheit hätte sie als Hexe verbrannt gehört.

Diesen Eindruck hat nicht das Gericht entstehen lassen. Dieser Eindruck ist auch nicht den Zeugen vorzuwerfen, die über Helga Scholz aussagten. Sie haben versucht, zur Aufklärung beizutragen. Die Bewertung der Steinchen, die sie beisteuerten, war ihre Sache nicht.

Den Eindruck, die getötete Helga Scholz sei die Täterin, hat die veröffentlichte Meinung auf dem Gewissen, falls sie ein Gewissen hat.

Über die »Chancen« von Gustav Scholz wurde spekuliert, als laufe er als Pferd in einem Rennen; als ein Pferd, dem tiefes Geläuf entgegenkommt - und das Geläuf wurde bei strömendem Regen, sprich: Aussagen über Helga Scholz, doch immer tiefer!

Wie wär''s denn, wenn man in derartiger Buchmachermanier zu Wetten darüber anstiften würde, ob sich der Enkel von Axel Springer mit der Darstellung seiner Entführung durchsetzt oder ob er sich der Vortäuschung einer Straftat schuldig gemacht hat? Und jeden Tag eine neue Schlagzeile, bis zuletzt ...

Die Hauptverhandlung, in der Gustav Scholz angeklagt war, hatte an jedem Sitzungstag eine »Sensation« zu liefern. Und dazu gehört natürlich, daß nun, nach dem Urteil, die Frage obenan steht, ob Gustav Scholz ein »Prominentenbonus« zuteil wurde.

Der Staatsanwalt Willi Wiedenberg, 44, soll sich »sensationell mild« verhalten haben, als er seinen Strafantrag stellte, als er auf die Anklage wegen Totschlags verzichtete und eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung beantragte. Doch was hätte man über ihn gesagt, wäre er der Beweisaufnahme zuvorgekommen und hätte schon vor dem Prozeß, auf das vorläufige Gutachten des Psychiaters hin die Anklage wegen Totschlags fallengelassen ...

Es mußte eine Hauptverhandlung, eine Sensation sein, die nichts als eine Erinnerung an den Alltag der Strafjustiz ist. Denn es vergeht keine Woche, in der nicht irgendwo in der Bundesrepublik, nur zu oft an mehreren Gerichtsorten zur gleichen Zeit, über das verhandelt wird, was man die »Tötung des Intimpartners« nennt.

»Tötung des Intimpartners« heißt das von dem Psychiater Professor Wilfried Rasch (heute West-Berlin) verfaßte Buch, das 1964 erschien. Die Arbeit ist ein Klassiker.

Rasch spricht von »sich musterhaft wiederholenden Tötungssituationen überindividueller Vorprägung«, in denen der Täter »nur noch als Funktionsgröße in einem über ihn selbst hinweggehenden Geschehen« erscheint. Er fragt, »wieweit Motiv und Zweck einer Tat oder der bei ihr wirksame Wille aus ... der Täterpersönlichkeit selbst abgeleitet werden können«. Zu dieser Frage drängt ihn, daß es »selten einmal gelingt, eindeutige Angaben über die der Tat unterliegenden Absichten vom Täter zu erhalten«. Die vom Täter gemachte Aussage, »er habe das Geschehen nicht gewollt oder wisse nicht, warum er die Tat begangen habe«, finde kaum Gehör.

»Gleichwohl verdienen nicht alle Aussagen des Täters«, fährt Rasch fort, »in denen ein Unvermögen, Rechenschaft über sein Handeln zu geben, zum Ausdruck kommt, als Ausreden, Dissimulieren und Leugnen abgewertet zu werden. Dies ist vornehmlich dann zu berücksichtigen, wenn die Betrachtung der Vorgeschichte deutlich werden läßt, daß zur Tat keine klar vorkonzipierte Handlungskette führt, sondern ein doppelspuriges Tun mit widersprüchlichen, sich gegenseitig aufhebenden Aktionen oder daß trotz möglicherweise sich mächtig entfaltender Aktivität unklar bleibt, was er ''eigentlich will''.« Der Prozeß, in dem _(Nach dem Lokaltermin vor seinem Haus. )

Gustav Scholz angeklagt war, macht es notwendig, daran zu erinnern, wieviel über die »Tötung des Intimpartners« bekannt ist, wie lange man schon über dieses Wissen verfügt - und wie schwer es fällt, dem Raum zu geben, was man längst weiß. Die Möglichkeit eines für einen der Beteiligten tödlichen Scheiterns der engsten menschlichen Beziehung erschreckt so sehr, daß man es vorzieht, Ausflüchte, Lügen und sogar kalte Planung des Täters anzunehmen.

Eine Ehe ist der Versuch von zwei Menschen, Partner zu werden. Helga Druck und Gustav Scholz heiraten am 10. November 1955, und ihre Ehe ist ein redlicher Entschluß zur Partnerschaft.

Gustav Scholz befindet sich damals zum ersten Mal in seinem Leben am Ende. Er hat Lungentuberkulose. Daß er einmal wieder als Boxer Geld verdienen wird, viel Geld sogar, hält niemand für möglich. Helga Druck heiratet einen Mann ohne Aussichten. Gustav Scholz schließt die Ehe in einer Situation, in der es für ihn ums Überleben geht. Die Krankheit wird er überstehen, aber was wird danach sein? Er braucht einen Partner, die Frau, mit der er seit Jahren befreundet ist, einen Menschen, der ihm weiterleben hilft, der auch dann bei ihm sein wird, wenn er bei Null von vorn beginnt.

Doch es geschieht ein »Wunder«. Gustav Scholz kann 1957 in den Ring zurückkehren. 1958 und 1964 wird er (in verschiedenen Gewichtsklassen) Europameister. Und 1962 boxt er sogar um die Weltmeisterschaft. Er verliert gegen den Amerikaner Harold Johnson. Viele meinen, er hätte gewinnen können.

Es ist schon einmal zitiert worden, was Max Schmeling gesagt hat, nachdem Gustav Scholz den Weltmeisterschaftskampf gegen Harold Johnson verloren hatte: »König bist du nicht geworden, aber du hast das Schloß gesehen.« Davon muß noch einmal die Rede sein.

Wer König geworden ist, erfährt, wie wenig das ist. Er kommt buchstäblich hinter den Ruhm. Er gewinnt einen Rang, und wenn er ihn auch wieder verliert oder aufgibt - er hat seine Nichtigkeit erlebt. Er hat zumindest die Chance, zu erkennen, daß jede Geltung unter Menschen nichts ist als »ein Aschen«, wie es bei Ferdinand Raimund heißt.

Gustav Scholz hat nicht das Glück, der Königsrolle, dem Weltmeistertitel, dem Gipfel einer Boxerlaufbahn auf die Spur zu kommen. Als er 1965 seine Karriere beendet, bleibt ihm die Last der Illusion, was gewesen wäre, hätte er nur den Gipfel erreicht. Er ist 35 Jahre alt, als er sich aus dem Ring zurückzieht. Er beginnt ein drittes Leben mit der Hypothek eines nicht erreichten Ziels.

Helga Scholz hat in den Jahren des zweiten Lebens zurückstehen müssen. Sie war die Ehefrau eines »Prominenten« (man sollte das Wort Prominenter nicht mehr in den Mund nehmen, als spräche man von einem, der es geschafft hat - denn der Prominente hat nichts erreicht als die Irrtümer anderer über seine Person und seine fürchterliche Abhängigkeit von diesen Irrtümern). Die Möglichkeit, einen gemeinsamen Weg zu finden, erleidet in diesen Jahren wohl einen irreparablen Schaden.

Kann ausgerechnet ein Boxer Angst haben? Ja, eine Angst, die anders und größer ist als die vor dem nächsten Gegner. Gustav Scholz hat sich von ganz unten hochgekämpft. Er hat eine abgrundtiefe Angst davor, ein Nichts zu sein. Diese Angst hat ihn weit gebracht, solange er boxte. Als die Laufbahn des Boxers beendet war, begann ein drittes Leben, das hinter der Geltung in den Augen anderer herlief. Sein Ich, seine Identität - das war das, was die anderen in ihm sahen.

Der Psychiater und Neurologe Dr. Gerhart Zeller, 62, hat als Sachverständiger ein Gutachten erstattet, wie man es so klar, so knapp und taktvoll selten erlebt. Mit 35 tritt der Boxer Gustav Scholz ab. Bis zu seinem 50. Geburtstag, bis zu seinem Buch »Der Weg aus dem Nichts« läßt sich die Dekoration noch halten. Dann verliert alles seinen Glanz. Er hat sich einen Filmkeller in seinem Haus eingerichtet.

Und da sitzt er und sieht sich die Filme von seinen Kämpfen an.

Es ist schon körperlich schwer für einen Menschen, der Hochleistungs-, der Berufssportler war, sich auf ein Leben umzustellen, in dem er seinem Körper nicht mehr so viel wie früher abzuverlangen hat. Der Prozeß des Alterns ist für einen solchen Menschen schwerer als für andere, seelisch erst recht. Der Intelligenzquotient von Gustav Scholz ist nicht sonderlich groß, aber das hat, wie Dr. Zeller vorträgt, keine besondere Bedeutung. Seine durchschnittliche Intelligenz gleicht eine hervorragende Begabung im sozialen Bereich aus. Er kann sich in Menschen einfühlen, sie einschätzen, sich auf sie einstellen.

Diese Begabung macht freilich die Schwäche des früh alternden Gustav Scholz aus. Denn sie zwingt ihn in die Anpassung an das, was die Menschen von ihm erwarten. Während er sich immer mühsamer so darstellt, wie man ihn sehen will, wird er depressiv.

Die Mediziner sprechen von der Last des Daseins, vom Leiden an der Sinnlosigkeit, von der depressiven Tönung jeder Lebenserfahrung. Depressive Menschen können sehr leistungswillig und sogar leistungsfähig sein. Und die Mediziner wissen, daß den depressiven Menschen ein Bedürfnis nach Anerkennung, nach Nähe und Wärme, nach stärkeren Menschen kennzeichnet.

Dem Menschen gegenüber, der dieses Bedürfnis befriedigt, wird alles vermieden, was die Beziehung zu ihm gefährden könnte. »Durch gefügiges Verhalten«, sagt der Psychosomatiker Walter Bräutigam, suchen die Depressiven alles zu vermeiden, was Vorwürfe des anderen, des Menschen, den sie brauchen, dessen sie sich geradezu bemächtigen, auslösen könnte: »Vor allem aber können sie Aggressionen gegen diesen anderen nicht anerkennen.«

Endlich: »Der Depressive nimmt seine eigenen Wünsche ständig zurück, entwertet sie, sammelt dabei aber großen Ärger und Ressentiment an, ohne dies zeigen zu dürfen.« Gustav Scholz hält seiner Frau gegenüber still, bis es zu einem »aggressiven Durchbruch«, so Dr. Zeller, kommt, in dem er schießt. Und er hält auch noch, nachdem er seine Frau getötet hat, daran fest, daß er eine glückliche Ehe führte.

»Wir alle können ja nur leben, indem wir immer wieder ein wenig verdrängen«, sagt Dr. Zeller in West-Berlin. Doch für Gustav Scholz gab es nur noch ein krankes Verdrängen. Er war und ist isoliert, einer von denen, die sich um die Litfaßsäule tasten und meinen, sie seien eingemauert. »Er läßt ja niemand an sich herankommen«, sagt Dr. Zeller.

Helga Scholz hat die Depression ihres Mannes nicht mehr ertragen können. Der Partner eines Depressiven ist mindestens so gefährdet wie der Depressive. Sie hat kein Gefühl mehr »für die Selbständigkeit des Leidens Depression«. Sie sieht nur den Alkohol, es geht ihr darum, daß ihr Mann »entgiftet« wird. Sie lenkt die Therapie in eine falsche Richtung, auf das Symptom der Depression, den Alkohol. Depressive stellen hohe Anforderungen an ihre Umgebung und zunächst erfüllt man ihnen jeden Wunsch. Doch dann wird man müde, zerschlissen, kann nicht mehr. Warum reißt sich der andere nicht zusammen? Man selbst tut doch sein Teil. Es muß endlich etwas geschehen, das Herumhängen soll aufhören. Zuletzt kommt es sogar zu Todeswünschen. Soll der andere doch sterben, wenn er nicht mehr will.

Daß die Angehörigen seelisch Kranker der Betreuung bedürfen, weiß man eigentlich. Helga Scholz bedrängt die Schwestern der Klinik, in der ihr Mann eine Entziehungskur macht, ihrem Mann mehr Tabletten, als vom Arzt verordnet, zu geben, denn er verträgt ja soviel. Und als er wieder zu Hause ist, verabreicht sie ihm die Medikamente, die ihm verordnet worden sind. Sie selbst trinkt inzwischen, ist tablettenabhängig. Ihr ist die Kraft, die Geduld ausgegangen. »Eine verkehrte Welt«, sagt Dr. Zeller. Die trinkende Frau wird eingesetzt, um den Erleichterungstrinker zu betreuen. Die Medikamentenabhängige teilt die Medikamente zu.

Am späten Abend des 22. Juli 1984 schließt sich Helga Scholz auf der Gästetoilette ein. Der angetrunkene Gustav Scholz will, daß sie herauskommt. Er braucht sie. Sie muß bei ihm, neben ihm sein, sie darf nicht die Geduld, die Kraft verlieren. Er gibt einen Schuß durch die Toilettentür ab. Der trifft tödlich. Gustav Scholz muß in seinem alkoholisierten, zusätzlich von Medikamenten aufgeladenen Zustand spüren, daß etwas Unwiderrufliches passiert ist. Er trinkt noch mehr. In der Frühe beginnt er gegen die Tür zu schlagen, der Kolben der Tatwaffe bricht.

Er hat keinen Tötungsvorsatz gehabt, sagt das Gericht. Die Tat war, wie Dr. Zeller befand, persönlichkeitsfremd (und sie war sogar mehr: Sie glich einem Selbstmordversuch, so abhängig wie Gustav Scholz von seiner Frau war). Gustav Scholz wußte nicht, wo seine Frau sich auf der Toilette befand. Hätte sie gesessen: Der Schuß wäre 26 Zentimeter über sie hinweggegangen. Hätte der Schuß eine Strebe in der Tür getroffen, wäre er nicht durch einen Hohlraum gegangen, Helga Scholz könnte noch leben. Die Schuldfähigkeit von Gustav Scholz war nicht aufgehoben, aber erheblich vermindert.

Nahezu an jedem Tag findet irgendwo in der Bundesrepublik ein Strafprozeß statt, in dem es um die »Tötung des Intimpartners« geht. Es gibt schlimme Urteile in solchen Prozessen. Und nur zu oft treffen die schlimmen Urteile Frauen, die den Menschen getötet haben, mit dem der Versuch einer Partnerschaft scheiterte.

Muß deshalb ein innerlich unabhängiges, besonnenes Gericht, wie das, vor dem sich Gustav Scholz zu verantworten hatte (ein Gericht, dessen drei Berufsrichter in anderen Verfahren ihre Unabhängigkeit und Besonnenheit bewiesen haben), aus Angst vor dem Verdacht, es gewähre einen »Prominentenbonus«, unbesonnen entscheiden? Wäre Gustav Scholz zu Tode gekommen, dieses Gericht hätte auch gegenüber Helga Scholz die sich »musterhaft wiederholende Tötungssituation« erkannt und berücksichtigt, was das Leben neben einem Depressiven aus ihr gemacht hat.

Bis zum Strafantritt wurde Gustav Scholz gegen 250 000 Mark Kaution von der Haft verschont. Es ist kein besonderes, unangemessenes Entgegenkommen des Gerichts zu erkennen: drei Jahre Freiheitsstrafe wegen fahrlässiger Tötung und unerlaubten Waffen- und Munitionsbesitzes.

Wo über die »Tötung des Intimpartners« verhandelt wird, spielt die Ehrlichkeit der Richter sich selbst gegenüber eine entscheidende Rolle. Jeder hat Partner. In anderen Prozessen mögen sich Richter sagen, die Tat sei für sie nicht nachvollziehbar. In Prozessen dieser Art - muß man sich eingestehen, daß jeder Versuch einer Partnerschaft scheitern, tödlich scheitern kann.

Zwischen den Menschen, die miteinander als Partner zu leben versuchen, steht alles auf dem Spiel. Die Richter über Gustav Scholz, zu denen eine Frau gehörte, wußten das. Gustav Scholz hat nicht töten wollen. Er hat sich des Menschen beraubt, mit dem zusammen er gescheitert ist. Die Barmherzigkeit, wenigstens das Scheitern gemeinsam tragen zu können, gibt es für ihn nicht mehr. _(Mit der Richterin Gerlind Priestoph. )

Nach dem Lokaltermin vor seinem Haus.Mit der Richterin Gerlind Priestoph.

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