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Rudolf Augstein ER NACH DER SINTFLUT

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 23/1968

Nun wird wohl viel von Undank die Rede sein. Aber man kann nur hoffen, daß Charles de Gaulle noch so weit auf der Höhe der Situation ist, selbst zu erkennen, daß ein Mann seines Schlages auf Dank keinen Anspruch hat. Er hat davon gelebt, anderen seinen Willen aufzuzwingen, sie zu demütigen und sich selbst auf Kosten aller anderen zu illuminieren; er hat Frankreich zur anonymen Masse gemacht, damit der große Einzelne desto leuchtender hervortrete; hat nichts lernen wollen und nichts lernen können, weil er die überzeitliche Figur des Vaterlandes repräsentierte. Solcher Hochmut muß mit Bürgerkrieg oder in Resignation oder in beidem enden. Kein Land, es sei denn das brave Deutschland, kann einen Volksverächter auf Dauer dulden. Es war also doch ein Irrtum, anzunehmen, man könne eine Diktatur ausüben, ohne selbst zum Diktator zu werden.

Verrückter hat wohl niemand den Staatsdienst mit dem Kult der eigenen Person gleichgesetzt als de Gaulle, der seine zwölf Jahre Pensionärszeit in Colombey unter die glorreiche Epoche rechnete, da »ich dem Lande in den schweren Krisen, die wir durchgemacht haben, als Leiter seiner Geschicke diente«.

De Gaulle, was immer noch geschehen mag, endet als der hybride Ich-Vergotter, der zu sein ihm Lebensinhalt war. Die Nation, die jetzt nur noch vor ihm gerettet werden muß, stößt er in eben das Chaos, das zu vermeiden er vor zehn Jahren gerufen worden war. Den Dienst, den er dem Land geleistet hat, macht er zunichte, ja rückgängig. Der Start für die Zeit nach de Gaulle ist ein Taumeln ohne institutionellen Halt, nicht besser, als wenn die Krise um Algerien 1958 ausgetragen anstatt verschleppt worden wäre.

Mit der Gerechtigkeit in geschichtlichen Prozessen hat es so seine eigene Bewandtnis. Betrügen kann man in der Politik, und de Gaulles Algerien-Spiel war ein in jedem Sinn großer Betrug. Aber zum Betrug großen Stils gehört eine gewisse Mentalität, Verachtung für die Regierten, Geringschätzung für die Menschen, Überschätzung des eigenen Ich -- alles Eigenschaften, die gezähmt zu werden verdienen und die dem erfolgreichen Staatsmann leicht zum Verhängnis gedeihen. Daß de Gaulle die Algérie Francaise, die ihn auf den Schild gehoben, verraten hat, war schon vergessen; aber die Eigenschaften, die ihn zu dieser einzig bedeutsamen Leistung befähigt haben, behielt er unverändert, und sie haben ihn in den Bürgerkrieg treiben lassen.

Frankreich hat noch nie einem demokratischen Regiment zum Vorbild dienen können; aber es rechtfertigt stets aufs neue seinen Ruf als politische Experimentier-Bühne der Menschheit, wo die geistigen Richtungen aufeinanderprallen. Unerschöpflich ist der Reichtum der Formen. Noch nie hat es, bis zu de Gaulle, ein lupenrein plebiszitäres Regime gegeben, das, bei Entleerung aller demokratischen Körper, dennoch der Mehrheit der Stimmzettel zu jedem Zeitpunkt sicher sein und sich ihrer bedienen konnte; noch nie eine so unblutige Revolution, die ein etabliertes Regime bis zur totalen Lächerlichkeit zersetzte. Wo sonst gibt es das erregende Schauspiel, eine anarchistische Bewegung in Aufruhr umschlagen zu sehen, den Aufruhr in Revolution, die Revolution in Konterrevolution und all dies ohne erkennbare Ziele, so daß erst die Konterrevolution des einen Mannes, der über Polizei und Armee zu verfügen glaubt, der Revolution wider Willen das Ziel hinstellt: einen einzelnen Mann, eine Person, die zu beseitigen jetzt erst lohnend oder zwingend geworden ist?

Dreimal haben die Franzosen ihren König beseitigt, einmal sogar physisch: 1789, 1830, 1848. Dreimal hat ausländische Intervention den plebiszitären Herrscher verschwinden machen: 1813, 1870 und 1945. De Gaulle ist nicht auf jene Weise zur Macht gekommen, die in den demokratisch ermittelten Institutionen festgelegt war, sondern in Ausnutzung illegaler Staatsstreich-Akte, wie die beiden Napoleon, ja auch wie Pétain. Er hat diesen Geburtsmakel seines Regimes nicht zu heilen, sondern auszuprägen versucht, hat seine Versprechungen gebrochen und allen anderen Institutionen auch den Schein der Autorität nicht gelassen. Seine einseitigen Willensakte hat er auf den Willen des Volkes gestützt und den Willen des Volkes jeweils durch Androhung genau jenes Chaos eingeholt, das er jetzt, in der unerbittlichen Logik aller plebiszitär-antidemokratischen Regimes, selbst herbeigeführt hat.

Jeder Lordprotektor kommt an den Punkt, wo er das von seinen Gnaden lebende Parlament auseinanderjagen, wo er dem Faktum seiner Alleinherrschaft in das nicht schmeichelhafte Spiegelbild schauen muß. Das Ende, da wir denn nicht mehr in Cromwells Zeiten leben, ist dann nicht mehr fern. Groß kann die französische Nation ohne de Gaulle in manchem wieder werden, groß im Sinne de Gaulles nicht länger sein.

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