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Er nannte sich Hans Fallada

aus DER SPIEGEL 6/1947

Im Krankenhaus in Berlin-Pankow starb

am 5. Februar der Schriftsteller Hans Fallada an akuter Herzschwäche. Fallada, der eigentlich Rudolf Dietzen hieß, ist 54 Jahre alt geworden.

Es war im Sommer 1945, als Fallada seine Stimme wieder erhob und sich unter jene einreihte, die berufen seien, die deutsche Jugend in demokratischem Sinne neu zu erziehen. Sein Vorhaben stieß auf Widerspruch.

Es wurde auf sein Wirken als Kriegsberichter des Reichsarbeitsdienstes in Frankreich hingewiesen. Seine Bücher wurden herangezogen, um seine Tauglichkeit als demokratischer Erzieher anzuzweifeln.

Sein Erstlingswerk »Bauern, Bonzen, Bomben« hat Falladas Namen mit einem Schlage bekannt gemacht. Es wurde geschrieben in jenen turbulenten Tagen, da in Holstein Bomben gegen Landratsämter platzten und der Fememord umging. Fallada machte sich zum Sprecher der politisch Verhetzten.

Es folgten Bücher, die ihn mehr als neutralen Zeit- und Sittenschilderer, zeigten. »Kleiner Mann was nun?«, der Roman, der auch verfilmt wurde (mit Victor de Kowa), und »Wer einmal aus dem Blechnapf fraß« waren zwei jener Werke, die die ohnmächtige Verstrickung des einzelnen in sein zeitbedingtes Schicksal aufzuzeigen suchten.

Der »Wolf unter Wölfen« führte diese Linie zu einem Gipfel in Falladas Schaffen. Eine raffiniert hingeschriebene Reportage der Inflationszeit, bestechend in ihrer Schilderung menschlicher Abgründigkeiten, im ganzen lähmend und hoffnungslos bedrückend.

Jahre später erging an ihn der Wunsch des Propagandaministeriums, das Manuskript für einen Inflationsfilm zu schreiben. Aus diesem Auftrag entstand der fast 700seitige »Eiserne Gustav«. In der Gestalt jenes Berliner Droschkenkutschers, der dem deutschen Milliardenrummel entfloh und über die Landstraßen Deutschlands und Frankreichs nach Paris zockelte, erfaßte Fallada Erscheinung und Unwesen der Inflation.

Diesmal aber ging seine Schilderung weiter als in »Wolf unter Wölfen«. Er schickte den Sohn des Eisernen Gustav in die Reihen der SA, und auch der Alte mußte es sich gefallen lassen, am Ende seiner Tage das Braunhemd anzuziehen.

Von den persönlichen Lebensumständen Falladas ist vieles in seine Bücher eingegangen. Der Sohn des Amtsrichters - er wurde am 21. Juli 1893 in Greifswald geboren - blieb in vielen seiner Bücher der Gerichts- und Gefängnisatmosphäre leidenschaftlich verhaftet.

Aus seinen ersten Berufsjahren als Landwirtschaftslehrling und landwirtschaftlicher Verwalter brachte er die Vorliebe für die Welt der pommerschen und holsteinischen Gutsherren und Landarbeiter mit, die etwa in »Wolf unter Wölfen« sich so drastisch entfaltet.

Falladas letzte Lebensjahre waren so wildbewegt wie die Schicksale vieler seiner Romanhelden. 1944 wurde ihm nahegelegt, einen Kutisker-Roman zu schreiben. Er versagte sich diesem neuen Auftrag. Da wurde er als verbrecherischer Geisteskranker eingekerkert. In der Zelle schrieb er mit einer von ihm selbst erfundenen Geheimschrift seine Abrechnung mit den Nationalsozialisten.

Nach Kriegsschluß war er eine Zeitlang Bürgermeister in Mecklenburg. Aber seine Nerven waren diesem Amt nicht mehr gewachsen. Er erlitt einen Zusammenbruch. Der Dichter Johannes R. Becher, Präsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, holte ihn nach Berlin. Becher setzte sich auch sonst in dem Streit um Fallada für den Umkämpften ein.

Von neuem ging Fallada ans Werk. Der Mann, der in elf Jahren 15 umfangreiche Romane verfaßt hatte, begann nach Akten des Volksgerichtshofs noch einmal den Roman eines kleinen Mannes zu schreiben. Er veröffentlichte ein Kinderbuch und in der Neuen Berliner Illustrierten Abschnitte aus einer Erzählung aus der deutschen Gegenwart. Er schrieb, wie von einem Dämon besessen, bis in die letzten Tage seines Lebens.

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