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NORD-IRLAND Er wählte die Unfreiheit

aus DER SPIEGEL 1/1954

Splitterfasernackt hätte der 32jährige nordirische Abgeordnete William Kelly das Neujahrsfest und dann noch elf lange Monate verbringen wollen, wenn ihn nicht ein ausdrücklicher Befehl seiner Partei daran gehindert hätte. Als seine Richter und Geschworenen ihn zu einer Alternativstrafe von zwölf Monaten Gefängnis verurteilten, rief er ihnen pathetisch zu: »Ihr könnt mich in Eure Gefängnisse werfen, aber Ihr werdet mich dort nur nackt festhalten. Niemals werde ich Sträflingskleidung tragen.

Dabei hätte es William Kelly gar nicht nötig, überhaupt im Gefängnis zu sitzen. Lediglich eine Erklärung brauchte er zu unterschreiben und eine Geldbuße anzuerkennen, um als freier Mann zu Frau und Familie zurückkehren zu können. Das zu tun aber verbieten ihm sein unversöhnlicher Haß gegen die Briten und sein echt irischer Dickschädel.

Die brachten ihn auch vor das Schwurgericht in Belfast. Was sich dann dort abspielte, war ein Lehrbeispiel für die ausweglose Lage der nordirischen (katholischen) Unabhängigkeitsfanatiker*).

*) Die katholische Minderheit befürwortet den Anschluß Nordirlands an Eire, hat aber keinerlei Aussichten, jemals mehr als etwa ein Dutzend der insgesamt 52 Parlamentssitze zu gewinnen. Die Anklage warf dem Konsumvereins-Geschäftsführer aus Pomeroy und Mitglied des Parlaments für Nordirland Widerspenstigkeit und Aufruhr vor. Polizist B. A. Durkan sagte aus, was William Kelly im Oktober in Wahlversammlungen in Carrickmore und Pomeroy geäußert haben sollte:

»Ich werde keinen Treueid auf die fremde Königin einer Bastardnation leisten. Ich leistete, als ich 16 Jahre alt war, einen Treueid auf die Irische Republik. Ich habe diesen Eid gehalten und gedenke ihn auch in Zukunft zu halten ... Das mag Verrat oder Aufruhr sein. Nennt es, wie zum Teufel Ihr es auch immer nennen wollt.«

Nicht weniger unmißverständlich war, was ein anderer Polizist, P. J. Callaghan, aus Kellys Wahlreden zitierte. »England versteht nicht«, so habe William Kelly gedroht, »was wir mit Gewalt meinen. Aber wir werden sie durch die Methode der bewaffneten Hand belehren. Die Zeit ist gekommen, wo wir Gewalt gegen Gewalt setzen müssen.«

William Kelly dachte nicht daran, sich zu verteidigen. Aber er gab, nachdem die Zeugen vernommen waren, eine Erklärung ab: Schon die Tatsache, daß sich die Anklage gegen ihn auf Wahlreden gründe, beweise zur Genüge, daß es sich um eine politische Aktion handle.

»Ich bin, soweit es die Souveränität des irischen Volkes betrifft, zu keinem Kompromiß bereit. Ich danke denen, die mich unterstützten, indem sie mich zu ihrem Vertreter wählten. Morgen, so glaube ich, werden alle Nationalisten dieser Grafschaften

meiner Politik zustimmen. Wenn das Aufruhr ist, dann bin ich schuldig, und das ist dann auch die gesamte nationalistische Bevölkerung dieses Teils von Irland.«

Das Urteil sah nicht nach politischem Terror aus, aber es verlangte - außer einer Buße von 100 Pfund - von dem Angeklagten die Erklärung, daß er Ruhe und Ordnung halten und sich fünf Jahre lang nichts zuschulden kommen lassen werde. Nur wenn er das ablehne, müsse er ins Gefängnis. Bei ihm selbst liege die Wahl.

Unabhängigkeitsmärtyrer William Kelly wählte die Unfreiheit. Nur die Sträflingskleidung zog er doch noch an. Den Befehl dazu aber hatte die Leitung der neuen, von Kelly mitbegründeten Nationalistenpartei Fianna Uladh für ihn beschlossen, denn, so argumentiert sie, »zwölf Monate nackt würde er nicht überleben. Wir aber wollen einen Führer haben, der zurückkommt und uns zum Siege führt«.

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