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»ER WAR IMMER DER BESTE SEINER KLASSE«

aus DER SPIEGEL 1/1967

Er hat kein Staatsamt. Aber er ist -- nächst Walter Ulbricht -- der mächtigste Mann im Staate: Erich Honecker, 54, kontrolliert als Sicherheitsbeauftragter und Personalbevollmächtigter des SED-Politbüros den Parteiapparat, die Armee, den Staatssicherheitsdienst und die Polizei der DDR.

Seit September vorigen Jahres gilt der Politbürokrat zudem als Nachfolger »Walter Ulbrichts an der Spitze der Partei. Denn damals übertrug ihm das Zentralkomitee einstimmig das ideologische Hauptreferat auf dem VII. SED-Parteitag im April dieses Jahres -- eine Aufgabe, die in kommunistischen Parteien allein den Führern oder Ihren Kronprinzen vorbehalten ist.

Honecker, der gern von sich und seinesgleichen sagt »Walter Ulbricht -- das sind wir alle«, hat nun selber alle Chancen, alles zu werden. Der Mann, der gern Buttermilch trinkt und Eisbein ißt, Intellektuelle verabscheut, perfekt Partei-Chinesisch spricht und lange Zeit Stalins »Geschichte der KPdSU (B)« für das einzige lesenswerte Buch hielt, steht damit an der Schwelle zur Herrschaft über »Deutschlands stärkste Partei« (Walter Ulbricht).

Sein Weg dorthin war so gradlinig wie der kaum eines anderen Genossen aus der SED-Führung. Denn der Glaube an die Partei, die immer recht hat, ist ihm angeboren. Und schon an seiner Wiege wachten Marxisten.

Sie stand im saarländischen Neunkirchen, wo Erich Honecker am 25. August 1912 als drittes von sechs Kindern des -- roten Bergmanns Wilhelm Honecker das Licht der kaiserlichen Welt erblickte.

Der alte Wilhelm, heute 85, schloß sich nach dem Ersten Weltkrieg den Kommunisten an. Er haute sich im Neunkirchen-Nachbarort Wiebelskirchen, Neunkircher Straße 88, ein Haus und wurde Mitglied der kommunistischen Fraktion im Gemeinderat. Alt-Honecker, noch heute voller Proletarierstolz: »Wir hatten elf Sitze und die Sozis nur drei.«

Sohn Erichs Eintritt in den Klassenkampf datiert von 1920. Der Achtjährige half der Mutter beim Austragen des KP-Blattes »Arbeiter-Zeitung«. Zwei Jahre später trat der Junior unter die rote Fahne -- als Mitglied des kommunistischen Kinderbundes.

Schon damals war Erich Honecker vorn. Neben dem Einmaleins der Revolution büffelte er, stets Primus, das Volksschul-Pensum. Sein Vater: »Er war immer der Beste seiner Klasse.«

1926, inzwischen Dachdecker-Lehrling, wurde Jung-Honecker Mitglied der Kommunistischen Jugend, vier Jahre später Mitglied der Kommunistischen Partei Ernst Thälmanns. In Wiebelskirchen leitete er die örtliche Jugendgruppe so stramm, daß ihn die Partei alsbald zum Sekretär der Kommunistischen Jugend Saar ernannte und 1934 in das Zentralkomitee der Kommunistischen Jugend Deutschlands berief.

Damals -- die Hitlerdämmerung lag über dem Reich -- bewies Honecker Mut. Während der Vater daheim in Wiebelskirchen gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Arbeiter-Turn- und Sportvereins die Klubkasse vor dem Zugriff der Nazis bewahrte und unter den Klassenbrüdern aufteilte, ging der Sohn im Auftrag der KP nach Berlin und organisierte Widerstandsgruppen.

Doch schon wenige Wochen später, am 4. Februar 1936, verhaftete ihn die Gestapo. Der Volksgerichtshof schickte ihn nach 18 Monaten U-Haft wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« für zehn Jahre ins Zuchthaus Brandenburg.

Dort durften ihn die Eltern von der Saar ein- bis zweimal im Jahr besuchen. Der Häftling berichtete ihnen, daß er seit Kriegsbeginn als Führer einer Dachdeckerkolonne zerbombte Dächer reparierte. Wilhelm Honecker: »Tagsüber war Erich draußen. Nur nachts war er im Zuchthaus. Das war das Frauenzuchthaus.«

Auf diese Weise überstand Erich Honecker Krieg und Kriegsende -- im Gegensatz zu seinen Brüdern Willi und Rudolf, die als Soldaten der Großdeutschen Wehrmacht fielen. Und als Sowjet-Soldaten den Brandenburger Häftling Ende April 1945 befreiten, stand Erich Honecker wieder für seine Partei bereit: KPD-Chef Wilhelm Pieck beauf-

* Bei der Volksarmee-Parade in Ost-Berlin zum fünften Jahrestag des Mauer-Baus am 13. August 1966.

tragte ihn, die Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) vorzubereiten.

Anfang 1946 wurde Honecker Chef der FDJ. Im Jahr darauf heiratete er seine Stellvertreterin, die vormalige SPD-Genossin Edith Baumann (Jahrgang 1909). 1948 kam Tochter Erika zur Welt. Damals ließ sich der junge Papa noch gelegentlich bei seinen beiden Schwestern und dem Vater im Saarland sehen. Seit 1949 kam er nicht mehr.

Es war das Jahr, in dem Erich Honecker eine neue Mitarbeiterin erhielt: die Chefin der Jungen Pioniere, Margot Feist, aus Halle an der Saale, Jahrgang 1927.

Kaum in der Berliner Zentrale, schloß sie sich auch privat ihrem Vorgesetzten an. 1951 gebar sie ihm die Tochter Sonja, 1952 ließ sich Erich Honecker von Ehefrau Edith scheiden, 1953 heiratete er die hübsche Margot, die heute Volksbildungsminister der DDR ist.

Fast zehn Jahre lang, bis zum Mai 1955, hatte Honecker Zeit, die FDJ -- ursprünglich als überparteiliche Organisation gegründet -- zum straff gegliederten Jugendtrupp der SED zu machen. Zugleich diente er seiner Partei seit 1950 als ZK-Mitglied und als Kandidat des Politbüros. Denn unterdessen hatte sich der FDJler mit der langen Mähne und dem stets offenen Hemdkragen zum Typ des erfolgreichen Parteifunktionärs gemausert: allergisch gegen Kritik und rücksichtslos im Umgang mit der Macht.

Damals beschloß Walter Ulbricht, das saarländische Talent zu fördern. Ende 1955 schickte er den zweifachen Vater für zwei Jahre zur Schulung in die Sowjet-Union -- obligatorische Vorstufe einer Karriere in der Führungsspitze der Partei.

Kursant Honecker bestand die Prüfung. Ende 1957 aus der Zucht der moskowitischen Lehrmeister entlassen, erwies er sich auch heiklen Aufgaben gewachsen: Im Frühjahr 1958 hielt er vor dem ZK die Anklagerede. gegen die gerade entlarvten Ulbricht -- Gegner Schirdewan, Oelssner und Wollweber, den Ex-Minister für Staatssicherheit.

Honecker damals unter anderem: Wollweber habe »die Organe der Staatssicherheit« daran gehindert, »ihre Aufgaben so durchzuführen, wie es notwendig gewesen wäre«.

Noch auf derselben ZK-Sitzung ließ Ulbricht den Ankläger unter die neun Sekretäre (Hauptabteilungsleiter) des Zentralkomitees wählen. Arbeitsbereich: Sicherheit. Und noch im Sommer desselben Jahres rückte Honecker zum Vollmitglied des Politbüros auf.

Systematisch festigte er seine Position. -- Er ließ sich den neuesten Parteiklatsch zutragen, forschte nach Intrigen und nutzte die Einblicke, die er beim Umgang mit den Provinz-Satrapen der Partei gewann.

Diese Detail-Kenntnis vorwiegend der Schwächen seiner Mit-Funktionäre -- in einer sorgfältig à jour gehaltenen Zettelkartei niedergelegt -- verschafften Honecker von Anfang an eine Vormachtstellung im Politbüro. Keinen Genossen überraschte es deshalb, als Ulbricht seinem gelehrigen Adepten 1961 die streng geheimen Vorbereitungen des Mauer-Baus und, 1963, zur Aufsicht über den Sicherheitsapparat auch noch die Kontrolle der Partei-Organisation anvertraute.

Auch privat war Honecker inzwischen in den Kreis der Elite aufgerückt. Wie die anderen Super-Genossen bezog er Quartier im Prominenten-Getto Wandlitz: ein Haus mit rund 330 Quadratmeter Wohnfläche (aufgeteilt in Wohnzimmer, Speisezimmer, Küche, Toilette im Erdgeschoß; Schlaf- und Ankleidezimmer, Mädchenzimmer, Gästezimmer, zwei Arbeitszimmer und zwei Bäder im Obergeschoß).

Dort gewöhnte er sich einen bürgerlichen Lebensstil an. Er fährt Motorboot, geht zur Jagd und gönnt sich ein Vergnügen. das er allen seinen Untergebenen aus Sicherheitsgründen verboten hat -- privaten Besuch aus dem Westen: Einmal jährlich kommt Vater Wilhelm von der Saar.

Früher erschien der Alte, der seit drei Jahren Witwer ist, für zwei bis drei Monate, in diesem Jahr blieb er nur drei Wochen: »Weil sie im Moment keine Hausdame haben.«

Für immer zu Sohn und Schwiegertochter übersiedeln will der im Saarland verwurzelte Altkommunist freilich nicht. Denn Partei-Nimrod Honecker kennt kaum noch einen Feierabend, seit er damit beschäftigt ist, seinen Staat vor der vermeintlichen Umzingelung durch Feinde aus Ost und West zu bewahren. Wilhelm Honecker zum SPIEGEL: »Die haben ja so wenig Zeit. Da bleibe ich schon lieber hier.«

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