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»Er war immer hochfahrend«

Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 42/1994

SPIEGEL: Monsieur Duhamel, hat die Herrschaft des Sozialisten Mitterrand Frankreich dauerhaft verändert, oder wird sie nur eine Fußnote in der Geschichte bleiben?

Duhamel: Frankreich hat sich in den fast 14 Jahren unter Mitterrand ziemlich tiefgreifend verändert; was Mitterrand dabei persönlich bewegt hat, müssen die Historiker später entscheiden. Schon jetzt aber läßt sich sagen: Mitterrand hat die Geisteshaltung der Franzosen verändert. Er hat den Machtwechsel als Regelfall eingeführt; für Frankreich war das eine neue Etappe. Und er hat zweitens Frankreichs Verhältnis zur Marktwirtschaft normalisiert.

SPIEGEL: Nachdem er es zu Beginn seiner Amtszeit erst einmal mit einem Ausflug in den Sozialismus versucht hatte.

Duhamel: Als die Linke 1981 die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, konnte _(* Mit den Redakteuren Lutz Krusche und ) _(Romain Leick in seiner Pariser Wohnung. ) Mitterrand nicht sofort als Fürsprecher der Unternehmer und ihrer Gewinne auftreten. Mitterrand glaubt, daß stets Umwege nötig sind, um zum Ziel zu gelangen, weil man Mentalitäten und Zustände nicht von einem Tag auf den andern verändern kann. Überstürzung kann in der Politik sehr kontraproduktiv sein. Aber von 1983 an versuchte Mitterrand beständig, die Franzosen im allgemeinen und die Linke im besonderen mit der Marktwirtschaft auszusöhnen und die letzten Reste des staatlichen Kollektivismus auszumerzen; diese Modernisierung bleibt paradoxerweise als Erbe eines Sozialisten.

SPIEGEL: Glauben Sie also, daß Mitterrand einer der großen französischen Staatsmänner dieses Jahrhunderts ist?

Duhamel: Wenn man davon ausgeht, daß das 20. Jahrhundert 1914 begann und 1989 endete, dann hat Frankreich nur einen wirklich großen Staatsmann hervorgebracht: Charles de Gaulle. Auf dessen Höhe konnte Mitterrand sich nicht schwingen, daran mußte sein Ehrgeiz scheitern.

SPIEGEL: Welche Leistungen Mitterrands werden Bestand vor der Geschichte haben?

Duhamel: Politisch hat der Mitterrandismus trotz seiner monarchischen Neigungen die Grundrechte ausgebaut, den Pluralismus gefördert und den Rechtsstaat gefestigt.

SPIEGEL: Aber um den Präsidenten herum breitete sich in der politischen Führungsklasse die Korruption aus wie nie zuvor.

Duhamel: Das stimmt, nur: In der Geschichte entwickeln sich die Dinge selten klar und geradlinig. Geschäftemacherei einerseits, demokratischer Fortschritt und zunehmende Aufdeckung von Korruption durch Presse und Justiz andererseits - das gehört zu den Widersprüchen des Systems Mitterrand.

SPIEGEL: Und wie bewerten Sie seinen Rang als Europäer?

Duhamel: Im Kampf um Europa hat er nie nachgelassen. Es gab zwar schon vor Mitterrand in Frankreich einen europäischen Konsens, aber der war oberflächlich, flau. Vor allem in der schwierigen Debatte um die Ratifizierung des Maastricht-Vertrags hat Mitterrand seine Landsleute gezwungen, sich mit Europa auseinanderzusetzen. Es ist sein Verdienst, daß sich das Volk und - wichtiger noch - die Elite mehrheitlich klar und entschieden zum Aufbau Europas bekennen.

SPIEGEL: Und wo hat er als Präsident versagt?

Duhamel: In der Sozialpolitik, insbesondere beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und die Ausgrenzung der Schwachen. Da ist Frankreich im Vergleich mit seinen Nachbarländern ins Hintertreffen geraten, trägt unsere Gesellschaft viele Blessuren - eine schwere Hypothek für einen Sozialisten.

SPIEGEL: Mitterrand hat 1981 die Linke geeint und zum Sieg geführt, aber seine Partei befindet sich heute in einem jammervollen Zustand . . .

Duhamel: . . . da ist er vollkommen gescheitert, und er kann sich nicht die Hände in Unschuld waschen. Ein politischer Führer muß seine Mehrheit zusammenhalten und darf nicht sagen: Nach mir die Sintflut.

SPIEGEL: War Mitterrand vielleicht gar kein sozialistischer Neuerer, sondern ein machtbesessener Taktiker, der den Sozialismus nur als politisches Vehikel genutzt hat?

Duhamel: Das braucht nicht unbedingt ein Widerspruch zu sein. Eroberung und dann Erhalt der Macht sind die große Konstante in Mitterrands politischem Leben, von seiner Flucht aus deutscher Kriegsgefangenschaft 1941 bis heute. Dafür hat dieser leidenschaftliche Machtpolitiker all sein Talent mit den raffiniertesten taktischen Finessen eingesetzt.

SPIEGEL: Der Machttrieb hat über die Ideologie gesiegt?

Duhamel: Weder Mitterrands Herkunft noch seine Karriere waren sozialistisch geprägt. Als Sozialist präsentierte er sich erst in den sechziger Jahren, nachdem er eine Chance gesehen hatte, mit den Linken an die Macht zu kommen. Niemand weiß und wird je wissen, ob diese Bekehrung zum Sozialismus aufrichtig war. Aber was soll''s: In der Politik wird selbst der Opportunist aufrichtig, weil er mit der Zeit glaubt, was er verkündet.

SPIEGEL: Die Person Mitterrand bleibt für viele Franzosen ein Mysterium . . .

Duhamel: . . . er war immer politischer Opportunist und politischer Artist zugleich. Aber man kann ihm zugute halten, daß er nach seiner Konversion 30 Jahre lang für sozialistische Ideale gekämpft hat. Er hat - auch wenn er in der Praxis versagte - einen tiefen Sinn für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit bewiesen. Mitterrand hat den französischen Sozialismus aus der permanenten Opposition herausgeführt, wo er unter Jean Jaures und Leon Blum in der Reinheit der Gesinnungsethik verharrte, statt sich in der Ethik der Verantwortung zu bewähren.

SPIEGEL: Die Enthüllungen über Verstrickungen des jungen Mitterrand in das Kollaborationsregime des Marschalls Philippe Petain haben Frankreich erschüttert. Beflecken diese Jugendsünden Mitterrands Charakterbild?

Duhamel: Mitterrand hat sein Bild vor allem durch die Art beschädigt, wie er mit diesem Teil seiner Biographie umgegangen ist. Die Franzosen hat es nicht so sehr schockiert, daß er als Student bei ein paar Kundgebungen der Rechtsextremisten dabei war oder daß er nach seiner Flucht aus deutscher Gefangenschaft auch mal Petainist war, bevor er sich dem Widerstand anschloß. Schlimm ist, daß er zu keiner Selbstkritik fähig war und daß er noch immer zu glauben scheint, an seiner Vergangenheit sei nichts zu beanstanden.

SPIEGEL: Er hat nicht einmal geleugnet, daß er bis 1986 Umgang mit Rene Bousquet pflegte, dem Polizeichef von Vichy und Organisator der Judendeportationen.

Duhamel: Da hat er den Schritt von der Verschleierung zur Selbstentblößung getan. Das Verschweigen wäre ja noch eine versteckte Form der Selbstkritik, ein Zeichen der Scham gewesen.

SPIEGEL: Kam es zu dieser Selbstenthüllung, weil der Staatspräsident sich mit dem Alter über alles erhaben wähnt?

Duhamel: Er war immer hochfahrend und herausfordernd. Es lag immer in seiner Natur, bei scharfen Attacken noch härter zurückzuschlagen. Er hat sich immer geweigert, etwas zuzugestehen, nur weil es von ihm erwartet wurde. Lange hat er diesen Hochmut durch politisches Geschick ausgeglichen. Jetzt braucht er nicht mehr um die Macht zu kämpfen, niemand kann ihm sein Mandat mehr nehmen. Das gibt ihm die Freiheit, alle Rücksicht fahrenzulassen.

SPIEGEL: Mitterrand ist der erste Präsident der Fünften Republik, der zwei Amtszeiten von je sieben Jahren durchgehalten hat. Seit einem Jahrhundert ist kein französischer Staatschef länger an der Macht geblieben. Sind 14 Jahre nicht zuviel?

Duhamel: Doch. Aber es geht nicht nur um die Dauer. In Deutschland oder Spanien, wo Kohl und Gonzalez womöglich noch größeres Beharrungsvermögen zeigen, müssen sich die politischen Führer alle vier Jahre neu legitimieren lassen. Mitterrand ist in 14 Jahren nur einmal wiedergewählt worden, 1988. Deswegen haben die Franzosen das Gefühl, daß dieses Präsidentenamt an seinem Ende etwas Erdrückendes hat. Das Mandat sollte auf fünf Jahre verkürzt werden.

SPIEGEL: Geht mit Mitterrand auch die Fünfte Republik ihrem Ende entgegen? Diskutiert wird ja nicht nur über eine kürzere Amtszeit, sondern auch über eine Beschränkung der präsidialen Allmacht.

Duhamel: Nein. Wir Franzosen haben in den letzten Jahrzehnten den Übergang von einer zerrissenen, ja gewalttätigen Verfassungsgeschichte mit häufigen Regimewechseln zu einer ruhigen, beständigen Regierungsweise erlebt. Sicher sollten wir unser System reformieren, die Institutionen verfeinern und vor allem das Parlament stärken. Aber das bleibt im Rahmen der Verfassung und wird nicht die Sechste Republik.

SPIEGEL: Frankreich scheint seit dem Ende des Kommunismus seinen Platz in Europa nicht mehr so recht zu kennen. Herrscht bei Ihren Landsleuten Enttäuschung über den Verlust eines europäischen Sonderstatus, oder sind sie gar eifersüchtig auf die Deutschen?

Duhamel: Es war leichter, mit einem etwa gleich starken Deutschland zu leben als mit einem durch die Vereinigung stärker gewordenen Deutschland. Frankreich hat derzeit keine klare Vorstellung von seiner Rolle in Europa; es überläßt Deutschland das Feld, wenn es um die Öffnung der Europäischen Union nach Osten geht. Das ist ein gravierender politischer Fehler.

SPIEGEL: Haben die Franzosen noch immer Angst vor deutschem Übergewicht?

Duhamel: Die Deutschen haben ihren Schrecken verloren, und das ist ein großer Erfolg für Europa. Stellen Sie sich nur vor, daß ohne dieses Europa die Interessengegensätze auf dem Balkan womöglich einen vierten deutsch-französischen Krieg hätten auslösen können. Derlei ist heute undenkbar.

SPIEGEL: Frankreich lebt längst im Schatten der kommenden Präsidentschaftswahlen. 1981 und 1988 hat Mitterrand nicht zuletzt deswegen gesiegt, weil die Rechte zerstritten war. Jetzt haben die Konservativen wieder zu viele Kandidaten für den Elysee. Wird sich die Geschichte wiederholen?

Duhamel: Die Linke kann gewinnen, obwohl sie im Land keine Mehrheit hat. Erstens könnte ihr die Rivalität zwischen Ministerpräsident Edouard Balladur und dem Gaullisten-Chef Jacques Chirac helfen, zweitens steht ihr wahrscheinlich ein populärer Kandidat zur Verfügung: Jacques Delors. Im Grunde ihrer Seele wollen die Franzosen Balladur oder Delors als Präsidenten.

SPIEGEL: Weil beide keine Ideologen, sondern pragmatische Politiker der Mitte sind?

Duhamel: Richtig. Zudem sind beide relativ unverbraucht, sie waren noch nie Kandidaten für den Elysee. Die Franzosen sind komplizierte Staatsbürger: Einerseits sind sie eine alte, lange Zeit monarchistische Nation, katholisch, etatistisch - da wollen sie als Oberhaupt einen bewährten Staatsmann. Andererseits wünschen sie neue Gesichter. Delors und Balladur stehen mitten in diesen beiden Strömungen.

SPIEGEL: In den Umfragen führt Balladur klar vor Chirac. Aber der kämpft um seine letzte Gelegenheit und wird wohl kaum weichen.

Duhamel: Es kann tatsächlich passieren, daß Chirac und Balladur im ersten der beiden Präsidentschaftswahlgänge gegeneinander antreten. Die großen Parteien konnten sich nie auf einen vernünftigen Auswahlmodus einigen. Aber wenn es eine Skala für Machtbesessenheit gäbe, die von 0 bis 20 reichte, dann würde ich Mitterrand bei 19,9 einstufen - und dicht hinter ihm Balladur, weit vor Chirac.

SPIEGEL: Geben Sie Chirac keine Chance, obwohl er die gaullistische Partei in ihrer Mehrheit hinter sich hat? Auf welchen Favoriten für den Elysee würden Sie setzen?

Duhamel: Ein Politologe ist kein Buchmacher. Der Ausgang ist einfach zu ungewiß. Heute würde Balladur wohl im ersten Wahlgang Chirac schlagen und im zweiten auch Delors. Aber wer weiß - morgen kann Chirac im ersten Durchgang Balladur schlagen und im zweiten Delors unterliegen.

SPIEGEL: Monsieur Duhamel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Ein Sozialist *

tritt ab: Spätestens im Mai 1995 endet die Präsidentschaft von Francois Mitterrand, 77, der Frankreich seit 1981 regiert - so lange wie kein Staatsoberhaupt seit Napoleon III. Der Wettlauf um die Nachfolge droht die Konservativen wieder einmal zu spalten. Gaullisten-Chef Jacques Chirac, 61, schon 1988 Kandidat, sieht sich von seinem Parteifreund, dem populären Premierminister Edouard Balladur, 65, bedrängt. Auf der Linken hält sich Jacques Delors, 69, Präsident der Brüsseler Europa-Kommission, bereit. Die Fin-de-regne-Stimmung analysiert Olivier Duhamel, 44, Professor an der Sorbonne und Autor von Standardwerken über die Verfassung der Fünften Republik sowie die Rolle des Präsidenten.

* Mit den Redakteuren Lutz Krusche und Romain Leick in seinerPariser Wohnung.

Lutz Krusche
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