Zur Ausgabe
Artikel 33 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MANAGER / STUMM-KONZERN Erbe vom Patriarchen

aus DER SPIEGEL 8/1968

Topmanager Dr. Leonhard Lutz, 54, kokettierte mit der »amerikanischen Methode, sich auch einmal dem Staat zu widmen«. Der langjährige stellvertretende Generaldirektor der Henschel AG in Kassel verzichtete auf drei Viertel seines Jahresgehalts (220 000 Mark), um Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium zu werden.

Kritische Kollegen hatten dem Abwanderer seinen Idealismus nicht geglaubt und vermutet, Lutz wolle sich als Spitzenbeamter neue Beziehungen schaffen und dann einen Generaldirektor-Sessel erklimmen.

Sie behielten recht: Nach vier Jahren Staatsdienst nahm »Leo« Lutz jetzt Im Chef-Fauteull des Konzerns Gebrüder Stumm GmbH Platz. Er avancierte zum Generaldirektor eines Familienunternehmens, das 29 000 Mitarbeiter in Kohlengruben, Stahlhütten, Maschinenbaubetrieben und Handelsgesellschaften beschäftigt und 1,5 Milliarden Mark im Jahr umsetzt.

Schon Goethe hatte die 12 115 gegründete Eisen- und Waffenhammerfirma an der Saar besichtigt, war aber geflohen, »die Ohren betäubt und die Sinne verwirrt«. Das Unternehmen wuchs erst zu Industriellem Format, als der Erbe Karl Ferdinand Stumm (1836 bis 1901) seine rigorose Herrschaft antrat. Die Arbeiter mußten dem Patriarchen noch Ihre Bräute vorführen, bevor sie heiraten durften.

Stumms reiche Erben spielen längst nicht mehr Unternehmer. Die Stumm-Gesellschafter, 73 an der Zahl, treffen sich einmal im Jahr, um die Dividende zu kassieren.

Der neue Mann bei Stumm, Sohn eines Chemiefabrikanten, ist jener Managertyp, der alten Eignerfamilien das Gefühl gibt, Anschluß an moderne Zeiten gefunden zu haben. Nach bescheidenen Revisordiensten bei der Gutehoffnungshütte und einem Zwischenspiel bei der großdeutschen Wehrmacht hatte Lutz im Zweiten Weltkrieg überdies bei einer guten Adresse gedient: In Bitterfeld war er Direktionsassistent bei IG-Farben.

Wegen alliierter Entflechtungsauflagen und »wegen der Fresserei« (Lutz) mußte der Manager nach dem Kriege zwar noch für kurze Zeit in die Niederungen eines Beraters von Lebensmittelläden hinabsteigen, aber schon 1949 wurde er .Finanzdirektor der Essener Chemiegesellschaft Goldschmidt.

Über den Finanzvorstand der Düsseldorf er Schneider-Gruppe stieß er zehn Jahre später Ins Topmanagement von Henschel vor. Der stellvertretende Generaldirektor streunte damals nach Feierabend mit einer Minoxkamera durche die Betriebe und hielt am nächsten Tag den Meistern die Bilder von unordentlichen Arbeitsplätzen vor.

Streng will Lutz jetzt auch aus der locker geführten Stumm-Gruppe einen straffen Industriekonzern machen. Seine erste Anordnung: »Verkauf und Einkauf werden koordiniert und alle Geiddinge zentral gesteuert.« Später soll aus der alten Familien-GmbH eine AG werden.

Die Stumm-Erben betrachten das energische Vorgehen des Managers mit Wohlgefallen. Lutz erhielt sogar Lob, als er die Jahresdividende von sechs auf drei Prozent kürzte.

Eine Stumm-Erbin gestand dem Charmeur: »Ich habe Ihre Begründung nicht verstanden, aber Sie haben eine So schöne Stimme.«

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.