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Erbrechen, Erblinden, Ersticken

Die Wirkung von Giftgas und die furchtbare Tradition der deutschen Chemie-Industrie
aus DER SPIEGEL 3/1989

Am späten Nachmittag des 22. April 1915 kam an der Westfront, nahe der flandrischen Ortschaft Langemark bei Ypern, leichter Nordwind auf. Frontbeobachter sahen von den deutschen Linien zwei grünlich-gelbe Wolken aufsteigen, die sich in Schwaden auf die Schützengräben der Alliierten zuwälzten, dicht über dem Erdboden, etwa eineinhalb Meter hoch.

Eine Minute später waren Zehntausende französischer und algerischer Soldaten in beißenden grünen Nebel eingehüllt. Die Männer liefen blau an, umklammerten ihre Kehle und rangen verzweifelt nach Luft. Eitriger Schaum schoß ihnen aus Mund und Nase, viele husteten so stark, daß ihnen die Lunge platzte. Als sich der Nebel lichtete, waren 5000 alliierte Soldaten tot und 10 000 schwer verletzt - das deutsche Heer hatte den chemischen Krieg eröffnet.

Pioniere der 23. und 26. Heeresgruppe hatten aus zylinderförmigen Behältern rund 160 Tonnen Chlorgas ausströmen lassen und mit dieser ersten Vergasungsaktion in der Kriegsgeschichte ein sechs Kilometer breites Loch in die gegnerische Front gerissen. Fünf Monate später, nach hektischen Aktivitäten in englischen Labors, setzten die Briten ihrerseits Chlorgas ein, weitere zehn Monate später die Franzosen; fortan tobte der totale Gaskrieg.

Auch im weiteren Verlauf sorgte Deutschlands chemische Industrie für Eskalation: Sie produzierte als erste das noch giftigere Phosgen (Grünkreuz) und anschließend Senfgas (Lost, Gelbkreuz), einen stark riechenden Kampfstoff, der zu Dauer-Erbrechen, schwärenden Abszessen, Lungenentzündungen und Blindheit führen kann und ab 1917 zum Einsatz kam. Die Allierten konnten erst zwei Monate vor Kriegsende nachziehen.

Beide Seiten attackierten sich mit schätzungsweise 113 000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, gegen Ende des Krieges hauptsächlich in Form von Gasgranaten. 1,3 Millionen Soldaten wurden vergiftet, 91 000 gingen elend zugrunde. Der Schreckensruf »Gasalarm« löste in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges größere Panik aus als Bomben oder Maschinengewehrfeuer.

Ausschlaggebend für die Überlegenheit bei der Giftgasherstellung war die Kapazität der großen deutschen Chemieunternehmen, die sich nach dem Krieg zu einer Interessen-Gemeinschaft zusammenschlossen: der I. G. Farben. Die chemische Industrie, die durch den Kriegsausbruch zunächst Umsatzeinbußen hinnehmen mußte, machte mit der Giftgasproduktion ein glänzendes Geschäft. Carl Duisberg, Generaldirektor der Bayer-Werke und Verbandsvorsitzender der Farbenindustrie, hatte schon im ersten Kriegsjahr 1914 das deutsche Oberkommando zur Anwendung chemischer Waffen gedrängt - mit Erfolg.

Auch deutsche Wissenschaftler engagierten sich. Allen voran Fritz Haber, Chemieprofessor und Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts, der als »Vater« der chemischen Kriegsführung gilt. Haber arbeitete seit Herbst 1914 wie besessen an der streng geheimen Giftgaswaffe, den Ersteinsatz bei Ypern beaufsichtigte er persönlich.

Nach dem Krieg wurde er für die Entwicklung der Ammoniak-Synthese mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet, eine Entscheidung, die vor allem in den USA Empörung auslöste. »Warum«, fragte die »New York Times«, »ging der Nobelpreis für Literatur nicht an denjenigen, der General Ludendorff täglich Kommuniques geschrieben hatte?« Tatsächlich schwadronierte Haber noch 1923 über die C-Waffen-Kriegsführung als eine »technisch höhere Form« des Tötens.

Die Vorherrschaft der Deutschen bei Erforschung und Herstellung von C-Waffen setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg fort. Der Wissenschaftler Gerhard Schrader, der für den Chemiekonzern I. G. Farben forschte, entwickelte 1937 den Kampfstoff »Tabun« und 1938 eine tabunähnliche Verbindung, die »Sarin« genannt wurde - beides Nervengase, die zum totalen Kontrollverlust der Muskulatur führen. Die Opfer winden sich in Krämpfen und Zuckungen, Darm und Blase entleeren sich unkontrolliert, der Tod tritt, nach wenigen Minuten, durch qualvolles Ersticken ein.

Die Produktion solcher Giftgase wurde von den Nazis forciert, obwohl auch Deutschland das 1925 in Genf zustande gekommene Abkommen über ein Verbot der Anwendung von Chemiewaffen unterschrieben hatte. In Fabriken der I. G. Farben, der niederschlesischen Anorgana-Werke und der Chemiewerke Huels, die sämtlich unter Aufsicht des Oberkommandos des Heeres gestellt wurden, sind vor und während des Zweiten Weltkriegs bis zu 12 000 Tonnen Giftgas jährlich hergestellt worden - mit hohen Gewinnen für die chemische Industrie. Bei Kriegsende wurden die Vorräte hastig verbuddelt oder versenkt; die Überreste vermodern noch heute als chemische Zeitbomben an mehr als zwei Dutzend Plätzen im Bundesgebiet oder rosten in der Ostsee.

Zum Einsatz der Chemiekiller konnte sich Hitler nicht entschließen. Offenbar nahm er irrtümlich an, die Alliierten hätten ebenfalls Nervengase wie Tabun oder Sarin und könnten mit gleichen Mitteln Vergeltung üben. Auch hatte Hitler, nachdem er als Soldat im Ersten Weltkrieg infolge von Senfgas-Einwirkung vorübergehend erblindet war ("die Augen waren in glühende Kohlen verwandelt"), eine ausgesprochene Abneigung gegen C-Waffen.

Statt dessen tobte der Gaskrieg hinter verschlossenen Türen - in den Gaskammern von Auschwitz, Maydanek, Treblinka. Millionen Juden, nackt und wehrlos, wurden planmäßig vergast wie Ungeziefer - die Erinnerung an das einmalige Verbrechen läßt die Weltöffentlichkeit noch heute hellhörig werden, wenn im Zusammenhang mit Deutschland, wie jetzt beim Bau der libyschen Chemiefabrik in Rabita, von Giftgasproduktion die Rede ist.

Auch aus dem Holocaust zog die Chemieindustrie Profite. Das tödliche KZ-Gas Zyklon B, eine Blausäure-Chlor-Verbindung, lieferte - angeblich ahnungslos - die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), eine Tochter von I. G. Farben und Degussa. Das Geschäft mit dem Tod florierte so gut, daß die I. G. Farben von der Degesch 100- bis 200prozentige Dividenden vereinnahmen konnte.

Nach dem Krieg, 1954, verzichtete die Bundesregierung feierlich auf die Produktion von C-Waffen. Ihre Nachfolger konnten jedoch nicht verhindern, daß die U. S. Army bis heute in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg über 4000 Tonnen hochgiftiger Nervengase gebunkert hat, »VX« für den Tag X. Und die Bundeswehr läßt in Erprobungsstellen die Wirkung alter und neuer Kampfstoffe an Kaninchen, Hunden und armen Schweinen testen - offiziell nur, um Pulver, Salben und Schutzkleidung gegen die verheerende Wirkung zu entwickeln.

Die deutsche Chemieindustrie avancierte indessen zu einem der größten Insektenvertilgungsmittel-Hersteller der Welt - und gerät immer wieder in den Verdacht, Despoten der Dritten Welt bei der Produktion von Menschenvertilgungsmitteln dienstbar zu sein: erst dem irakischen Diktator Saddam Hussein, jetzt dem unberechenbaren Libyer Oberst Gaddafi.

Ob mit der behaupteten Gaddafi-Connection der Schwarzwälder Firma Imhausen-Chemie, dem bislang letzten Beispiel deutscher Verstrickung in die C-Waffen-Produktion, die furchtbare Tradition zu Ende geht, wird von Branchenkennern bezweifelt. Ein Insider: »Fortsetzung folgt.«

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