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Erbschaft mit Saugnäpfchen

aus DER SPIEGEL 17/1949

Im »Schwarzen Meer«, Hamburgs Schleusen-Ponton-Restaurant unweit des Rathauses, meldete Hans Sube seinen und seiner Getreuen Anspruch auf das 15-Millionen-Vermögen des ehemaligen Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes (DHV) an. Sube hat den alten DHV als Berufsverband der Kaufmannsgehilfen in den Deutschen Angestellten-Bund (DAB) eingegliedert, einer neuen, auf christlichnationaler Grundlage arbeitenden Dachorganisation selbständiger Berufsverbände.

Die Signatur »DHV« will Sube nur vorerst beibehalten. »Als Saugnäpfchen«, sagt er, damit die alten DHVer wissen, daß ihr früherer Verband im DAB wieder erstanden ist. Jetzt hat Hans Bechly, sein alter Freund und ehemaliger Vorsitzender des 1933 aufgelösten DHV, einiges Gift in Subes Saugnäpfchen tropfen lassen.

»Das ist ein Spaltungsversuch«, bezeichnete Hans Bechly die Neugründung. Seitdem sind die beiden ehemaligen DHV-Kämpen Feinde. »Schließlich war ich 20 Jahre lang Geschäftsführer im DHV und Bechly hat das Lager gewechselt«, erklärte der 55jährige Hans Sube. In seinem Brotgeschäft in Altonas Großer Bergstraße tagt Subes Kriegsrat.

Sube behauptet, Bechly habe kein Recht, das DHV-Vermögen der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft zuzuschanzen. Wie 1933 den Nazis, als Bechly in seiner Antrittsrede am 2. Mai 1933 den »Tag des Nationalen Umbruchs« begrüßte. »Um seine Pension zu retten«, sagt Sube. Mit einem beträchtlichen Privatvermögen ging Bechly nach Neu-Brandenburg, kaufte sich Häuser und war der einzige deutsche Verbandsvorsteher einer Arbeiter- und Angestelltenorganisation, der von den Nazis pensioniert worden ist. Mit 650, - Mark monatlich. Robert Leys DAF aber bekam die 15 Millionen Mark Verbandsvermögen des DHV. (Vergl. Spiegel Nr. 8/48.)

Der 77jährige Alt-Vorsitzer des DHV amtiert heute im neunstöckigen Hochhaus der DAG an Hamburgs Holstenwall, 1945 kam er mittellos aus der dürren Ostzone nach Hamburg zurück. Aus Subes Privattasche erhielt er monatlich 250, - Mark. »Damit er überhaupt leben konnte«, und »weil wir ihn wieder für den DHV gewinnen wollten.«

Dann kam Bechlys Rundschreiben an alle alten DHVer: »Wir alle fühlen uns noch immer verantwortlich für die Gestaltung der Zukunft unseres Berufsstandes, des Berufsstandes der Kaufmannsgehilfen. Unser Verantwortungsgefühl veranlaßt uns, dieses Rundschreiben herauszugeben. Natürlich hatten wir hier, wie alle Freunde im Reich, den Wunsch, den DHV neu erstehen zu lassen.« Doch im gleichen Atemzug mußte er einschränken: »Das ist aber jetzt nicht ratsam.« Er selbst verschrieb sich erst einmal der DAG und erhielt einen Ehrensold von 200, - Mark monatlich. Mit nochmals 300, - Mark wurde er Treuhänder beim Deutschen Ring.

Sube zog seine 250, - Mark zurück: »Dafür hatte Bechly jetzt 500, - Mark, die DAG und Aussicht auf eine Pension. Wegen der 15 Millionen DM.«

Sube weiß noch viel mehr. Der Paragraph 7 der alten DHV-Satzungen: »Juden ist die Mitgliedschaft im DHV verboten«, stamme von Bechly. »Er war Träger und Förderer dieser rassepolitischen Idee«, behauptet Sube. Bechly will nicht gern daran erinnert werden. Auch nicht an seine Rede auf dem 14. Handlungsgehilfentag in Leipzig, wo er 1919 über »Der nationale Gedanke nach der Revolution« referierte und sich gegen die Einheitsorganisation wehrte, der er heute angehört. Damals schloß Bechly mit Emanuel Geibel:

»Zieh ein zu allen Toren,

Du starker deutscher Geist,

Der aus dem Licht geboren,

Den Pfad ins Licht uns weist,

Und gründ' in unserer Mitte,

Wehrhaft und fromm zugleich,

In Freiheit, Zucht und Sitte

Dein tausendjährig Reich!«

Der Verbandstag erhob sich und sang stehend »Deutschland, Deutschland über alles«. Dann riefen Bechlys Funktionäre dreimal »Heil!«

Da Sube so vieles weiß, wollte man ihn am Holstenwall los sein. Bereits 1946, beim einjährigen Geburtstag der DAG, wurde durch Ernst Kähler, Pressemann der DAG, die Frage aufgeworfen, ob ein früherer DHV-Geschäftsführer, wie Sube, für die neue Angestelltengewerkschaft als hauptamtlicher Funktionär überhaupt tragbar sei. Die Frage wurde damals knapp für Sube entschieden.

Nur Subes Wirkungsmöglichkeit wurde immer mehr begrenzt. Unter den sechs Vorsitzenden der DAG versuchte er als einziger, berufsständische Ideen gegenüber der Einheitsfrontpolitik seiner marxistischen Kollegen Geiser, Rettig, Christmann und dem inzwischen verstorbenen Dörr zu vertreten. Das Zerwürfnis blieb nicht aus. Hans Geiser, Neffe Karl und Enkel Wilhelm Liebknechts, verbissener DHV-Gegner und heute Mitglied des DAG-Hauptvorstandes, verlangte vor hundert Funktionären »weltanschauliche Ausrichtung zum sozialistischen Staat«.

»Das ging gegen meine Ueberzeugung«, erklärt Sube. Er ist CDU-Mann. Als er sich wegen eines 33er Pg's, den Dörr halten wollte, mit den Marxisten verzankt hatte, ging er. »Wegen einseitiger Parteipolitik«.

Von Bechlys Geibel-Versen war dagegen nie die Rede. »Wegen der 15 Millionen Mark«, taxiert Sube, die die DAG gern vereinnahmen will.

Aus Kollegenkreisen wurde Sube 1948 ermuntert, eine auf christlich-nationaler Grundlage aufgebaute Angestelltenbewegung zu schaffen. Mil.Govs.-freundlicher Manpower-Division-Chef, Mr. Anderson, stimmte zu. »Wenn die Satzungen astrein sind und ein Bedürfnis ausreichend unter den Mitgliedern vorliegt«, schwächte er ab. Dann wolle er die Lizenz erteilen.

Im »Schwarzen Meer« warf Sube die Frage auf, wer nun Rechtsnachfolger des DHV-Vermögens sei, das, 1933 von den Nazis beschlagnahmt, der DAF zufiel und 1945 durch Kontrollratsbefehl 50 nochmals eingezogen wurde. »Ich bestreite der DAG das Recht, das Erbe anderer, vom Nationalsozialismus enteigneter Berufsorganisationen anzutreten«, rief Sube den Pressevertretern zu.

Ein Gewerkschaftsausschuß in Düsseldorf schlägt sich jetzt um die 15-Millionen-Erbschaft des DHV, bis der Rechtsnachfolger gefunden ist. »Das kann noch lange dauern«, sagt Sube. »Ich weiche keinen Schritt.«

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