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AUSFUHR Erfolg im Schatten

aus DER SPIEGEL 52/1966

Auf der Bundesbahn-Versuchsstrecke zwischen Bamberg und Forchheim fuhren deutsche Lokomotiven in der vorletzten Woche Probe für die Volksrepublik China. Vier gelbe Ingenieure schauten zu, während Techniker von Rheinstahl-Henschel ihre 4000-PS-Maschinen bis auf 160 Stundenkilometer beschleunigten.

Maos Lokomotiven-Bestellung (Gegenwert: neun Millionen Mark) war nur eine der Erfolgsbotschaften, die in den letzten Monaten bei Westdeutschlands Konzernen einliefen. Während »die halbe Industrie im Rezessionsschatten steht« (Bundesverband der Deutschen Industrie), fächeln sich ihre Bosse mit Auslandsaufträgen Trost zu.

In den ersten zehn Monaten dieses Jahres steigerte die Bundesrepublik ihre Ausfuhren um 12,6 Prozent auf 65,7 Milliarden Mark. Da die Einfuhren im gleichen Zeitraum nur um 4,7 Prozent auf 60,4 Milliarden Mark anwuchsen, rechnet die Wirtschaft bis zum Jahresende mit einem Exportüberschuß von 6,5 Milliarden Mark. 1965 hatte sie ihre Außenhandelsbilanz nur mit einem Plus von 1,2 Milliarden abgeschlossen.

Der Krupp-Konzern, über den die britische Presse dieser Tage erneut die Tatarennachricht verbreitete, er stehe vor dem Zusammenbruch, strich fette Aufträge ein. Er baute in Peru eine Zementfabrik und soll in Ecuador ein Walzwerk und in Rumänien für 60 Millionen Mark eine Chemiefabrik errichten. Die spanische Regierung beauftragte Krupps Ingenieure, ein neues Stahlkombinat im Wert von 1,2 Milliarden Mark zu projektieren.

Deutsche Techniker sollen die Fernsehbilder von den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City in die Stuben der Welt werfen. Der Stuttgarter Elektrokonzern SEL wird für mehr als 60 Millionen Mark in Mexiko die Richtfunk-Verbindungen für Fernsehen, Fernsprechen und Fernschreiben installieren. Siemens komplettiert für 35 Millionen Mark das mexikanische Fernschreibnetz.

Der Salzgitter-Konzern liefert in diesen Tagen 23 doppelstöckige Triebwagen mit Baby-Wickeltischen und Wärmeplatten für Kindernahrung an die schwedische Eisenbahn aus. 1965 wurde ein Drittel aller in Deutschland gefertigten Uhren exportiert, allein die USA kauften im letzten Jahr 2,5 Millionen deutsche Wand-, Tisch- und Küchenuhren.

Von den Inlandsaufträgen allein kann Westdeutschlands Wirtschaft längst nicht mehr leben. Im Schiffbau beispielsweise lagen sie von Juli bis September um 75 Prozent niedriger als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Allein das wachsende Exportgeschäft hält die Kurzarbeit in Grenzen. Heinrich Nordhoff, der seine VW-Fließbänder in den ersten drei Monaten des kommenden Jahres 17 Tage lang anhalten wird, meinte: »Wenn wir nicht schon im Oktober in den USA einen Rekordabsatz von beinahe 43 000 Wagen gehabt hätten, würde es in den VW-Fabriken in der Bundesrepublik noch ganz anders aussehen.«

»Wir treiben einen Exportboom aus nackter Not«, behauptet Alfred E. Schulz, Vorstandsmitglied des Duisburger Maschinenbau-Konzerns Demag. »Wir müssen uns bewegen, wenn wir die Arbeitsplätze erhalten wollen.« Schulz selbst bewegt sich jährlich dreimal um den Erdball, seine Demag läßt sich 1966 die Flugreisen ihrer Manager eine Million Mark kosten.

Die 75 000 deutschen Export-Agenten in 130 Ländern erhielten aus der Heimat Weisung, Orders zu beinahe jedem Preis hereinzuholen. »Exportaufträge unterhalb der Kostengrenze«, so Demags Schulz, »sind im Maschinenbau heute keine Seltenheit mehr.« Und der Klöckner-Humboldt-Deutz-Chef Sonne: »Den Exportumsatz mit Verdienst gleichzusetzen bedeutet, Gustav mit Gasthof zu verwechseln.«

Den Deutschen kam zustatten, daß sich die amerikanische Konkurrenz im Vietnamkrieg engagierte und von den zivilen Märkten etwas abließ. Zwar rangeln alle Industriestaaten um die von den US-Firmen fallengelassenen Brocken, aber die deutschen Konzerne schnappten sich die dicksten. In den ersten neun Monaten dieses Jahres wuchs die Ausfuhr

- bei Siemens um 13,5 Prozent;

- bei den Farbwerken Hoechst um

17,7 Prozent;

- bei Bayer um 17,9 Prozent;

- bei BASF um 20 Prozent.

Auch die kleinen Fabrikanten halten mit. Firmen im Bergischen Land verschicken Apfelsinen-Pflückscheren nach Spanien, Pinzetten in arabische Länder und Brillen mit eingebautem Kurzwellen-Radio in den afrikanischen Busch. Die Berliner Hormo-Pharma KG fand für ihr Stärkungsmittel Okasa Kunden in 48 Ländern. Einer der letzten (400 000 Mark) kam aus Pakistan.

Widerstände ausländischer Bürokraten werden überspielt. Seit südamerikanische Länder die Einfuhr von Techniker-Bestecken - Rechenschieber und Meßinstrumente in einem Etui - nicht mehr gestatten, schreiben die Exporteure in ihre Warenlisten »Inhalt: Schmonzes«, zu deutsch: »belangloses Zeug«.

Sogar deutsche Finanzbeamte leisten Exporthilfe. Die Fabrikanten können

- unter der Bezeichnung »NA« (Nützliche Abgaben) - Bestechungsgelder an Diener fremder Staaten als Geschäftsunkosten absetzen. Die Exporteure selbst sprechen von »SA« (Seitliche Abgaben).

Während Bonn und die Bundesbank die steigenden Ausfuhren als Krisenventil ansehen, erklärt der Bundesverband der Deutschen Industrie, daß sie nur eine »Milderung«, aber »keinen Ausgleich des konjunkturellen Abschwunges« bringen können.

In der Tat: Im September 1966 konnten die Maschinenfabriken ihre Auslands-Orders um 15 Prozent erhöhen; da aber die Aufträge aus dem Inland um 26 Prozent zurückgingen, blieb ein Loch. In der gesamten Industrie stiegen die Exportaufträge von August bis Oktober in jedem Monat um durchschnittlich 17,3 Prozent. Gleichwohl rutschte die deutsche Industrieproduktion im August zum erstenmal unter den Vorjahresstand.

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