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Briefe

ERFOLGREICH
aus DER SPIEGEL 6/1971

ERFOLGREICH

(Nr. 3/1971, Türkei)

Als türkischer Student, der seit sieben Jahren in der Bundesrepublik lebt, muß ich meiner Enttäuschung Ausdruck geben über Ihre letzten Artikel über mein Land. Die Opposition in unserem Lande ist virulenter und auch emotioneller als in der Bundesrepublik. Hierzulande würde man die Nase rümpfen, wenn eine ausländische Zeitung einen »objektiven Kommentar« über die Außenpolitik der SPD-Regierung bringen würde und dabei nur die Springer-Presse zitierte.

Berlin AHMET CAGATAY

Laut unserer Verfassung ist weder ein Premier noch die Nationalversammlung berechtigt, den Chef des Heeres zu ernennen.

Ankara (Türkei) MESUT YILMAZ

Leider hat sich Ihre geschätzte Zeitschrift in diesem Falle zu Trugschlüssen verleiten lassen und die Realitäten der Türkei ignoriert. Ich betrachte es als meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß in der Türkei heute den Deutschen gegenüber überhaupt keine Feindseligkeit herrscht. So eine Behauptung dient nur der Taktik jener Kreise, die damit spekulieren, die freie Welt mit einer böswilligen Separationspolitik zu unterminieren und traditionelle Freundschaften zu zerstören. Andererseits ist die wirtschaftliche Lage der Türkei nicht so trostlos, wie behauptet wird. Die Geldentwertung, deren positive Ergebnisse jetzt schon sichtbar sind, war eine erfolgreiche Operation. Das gesamte türkische Volk sowie die Armee sind sich heute der Tatsache bewußt, daß eine seit Jahrhunderten vernachlässigte Sozial- und Wirtschaftsstruktur nur durch ein parlamentarisches System verbessert werden und die Probleme mit demokratischen Mitteln gelöst werden können.

Ankara TURHAN BILGIN

Staatsminister für Informationsangelegenheiten

Atatürk erreichte in 15 Jahren das, was er sagte. Und zwar: »Wir werden unsere Gesellschaft auf das Niveau der zeitgenössischen Zivilisation erheben.« Aber was passierte, als er starb? Nun, die Türkei ist geradezu ein klassisches Beispiel dafür, was am Ende der antifeudalen und antiimperialistischen Revolution steht, die im zwanzigsten Jahrhundert durch Inönü, mit Menderes und nun durch Demirel gezwungen wird, den Versuch zu unternehmen, die Entwicklung einer kapitalistischen Gesellschaft nachzuvollziehen, anstatt den kemalistischen Weg zu gehen. Bei einer Außenschuld von 6,5 Milliarden Dollar gibt überdies die Türkei nun auch einen gewichtigen Beweis dafür, daß der Nachvollzug der kapitalistischen Akkumulation im zwanzigsten Jahrhundert keine reale historische Möglichkeit mehr ist.

Kelsterbach (Hessen) ATALAY

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