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Briefe

Erhabener Tag
aus DER SPIEGEL 39/1972

Erhabener Tag

(Nr. 37/1972, Olympia-Musik)

Der Drang zur Perfektion in München machte auch vor der Musik nicht halt: sie sollte gelten als eine einzige Demonstration unbeschwerter Heiterkeit. Daß man nun nach dem feierlich-pathetischen Duktus der Spiele 1936 mit eben. so beschwingten wie infantilen Klängen ins andere Extrem fiel, ist nur ein Zeichen für die Unsicherheit, mit der man festhält an einer sogenannten olympischen Idee, die ja nichts ist als ein Krampf gemischt aus Heuchelei und fatalem Kulturoptimismus. Kurt Edelhagen und der jugendbewegte Carl Orff -- für das musikbeflissene Kind ist er so etwas wie ein Turnvater Jahn -- lieferten hierzu ihren unbekümmerten Anteil. Natürlich können sie beide nicht dafür, daß angesichts der tragischen Ereignisse in München die Eröffnungsfeier in der Erinnerung anmutet wie ein schlechter Karnevalsscherz; Musik jedoch, die sich heute zu solchen Anlässen betont unpolitisch gibt, denunziert sich selbst.

Berlin WOLFGANG MOLKOW

Idee, Gestaltung, Produktion und Realisation sind mir mit der persönlichen und alleinigen Verantwortung gegeben worden. Anderthalb Jahre waren notwendig, eine für olympische Eröffnungsfeiern völlig neuartige, originelle Mischung von Folklore und Swing in München zu spielen. Meine Aufträge habe ich an meine Mitarbeiter im Arrangeurs- und Komponistenteam mit der entsprechenden Auflage gegeben. Alle für diesen Auftrag erreichbare Literatur habe ich gelesen und Verfremdungen von Folklore der Welt analysiert. Ich habe alle Bandaufnahmen beim Mischen der 16-Spur-Maschine zu einer akustischen Selbstverständlichkeit verkocht und das widersprüchliche Element, das deutsche Bum Bum der Marschmusik nur für Stadiongäste hörbar synchronisiert. Etwa 50 Folklore-Platten als Rohmaterial sind von mir gekauft worden und dem Autorenteam zur Verfügung gestellt worden. Die Instrumentierungen mußten nur abgeschrieben werden. Kopien der Rechnungen liegen vor. Bevor Herbolzheimer, Reith und van Rooyen von mir engagiert wurden, habe ich ein Band mit von mir gewünschten eindeutigen Folklorebeispielen als Muster Herrn Daume, seinem Gremium und meinem Autorenteam vorgespielt. Es gab bereits Verhandlungen und Vorführungen, Stadionbesichtigungen etc. Anläßlich des Fußballspiels BRD-UdSSR fiel die Entscheidung zu dem Band-Live-Verfahren.

Zu einem kurzfristig angesetzten Testversuch mit marschierenden Soldaten schickte ich einen Diplonimathematiker der Universität Köln. dessen Aufgabe es war, die Umrechnung der Länge der Mannschaften in Zeit festzustellen. Die endgültige Länge der Einmarschmannschaften ist übrigens niemals bekannt geworden. Aus diesem Grunde habe ich eine Trommlercombo engagiert, die die Übergänge überbrücken sollte. Ich hatte immer die musikalische Gesamtleitung und alleinige Verantwortung mit allen Konsequenzen. Die »Frontfigur« Edelhagen war auch juristisch für alle Aufträge zuständig.

Erst zwei Monate vor der Eröffnungsfeier wurde- der Vertrag zwischen dem OK München, dem WDR Köln und Kurt Edelhagen am 21. Juni 1972 rechtskräftig geschlossen. Bis dahin war das Risiko allein bei mir.

Die Tonsetzer sind 46, 36 und 34 Jahre alt. Sie sind lange in der Musikbranche tätig und hatten genug Gelegenheit, sich als Spitzenautoren zu beweisen. Mein Auftrag bedeutet für die schon lange Arrangierenden einen weltweiten Erfolg, der erste übrigens, und sehr viel Geld. Bei welchem deutschen Bandleader hätten die Arrangeure die Möglichkeit bekommen, für ein Weltprogramm komponieren zu dürfen? Nach dem nun sicheren Erfolg spricht man von Satisfaktion. Mit einer Partitur ist noch nicht viel geschehen. Aus der Anonymität muß ich herausstellen die vielen ausgezeichneten Musiker, die Ton-Ingenieure und Cutter, den Koordinator und Manager, die Helfer zu allen vorbereitenden Arbeiten, den WDR, die OK-Mitarbeiter und die Deutsche Grammophon Gesellschaft. Auf dem SPIEGEL-Photo, welches ich veranlaßt habe, stehen drei, heute erfolgreiche, startbereite Urheber. Was aber wäre gewesen, wenn meine Idee falsch, unpassend und schlecht gewesen wäre, die Eröffnungsfeier dadurch eine Katastrophe geworden wäre? Mich allein hätte man in der Luft zerrissen, es wäre mein künstlerischer Tod gewesen.

Der 26. August 1972 war ein erhabener Fag für mich. Wer wagt das heute zu bezweifeln?

Junkersdorf (Nrdrh.-Westf.)

KURT EDELHAGEN

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