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MANAGER / INVESTMENTFONDS Erhard mehr als Mende

aus DER SPIEGEL 20/1969

Altkanzler Ludwig Erhard, 72, widmet sich künftig einem jungen Unternehmen: Er ist seit dem 1. Mai Aufsichtsratsvorsitzender der Investment-Firma Argenta Internationale Anlagegesellschaft mbH, die vor elf Monaten mit Unterstützung von fünf westdeutschen Privatbanken in München gegründet wurde.

Nachdem sich Deutschlands abgedankter Kanzler und Wundermann bereits seit zwei Jahren dem Handel mit Hühnerklein und gefrosteten Puterkeulen widmet -- als Aufsichtsratsmitglied in Firmen des amerikanischen Lebensmittelkonzerns Bauer -- und überdies kürzlich sogar laut »Wall Street Journal« beim Erwerb eines US-Stahlwerks zu helfen versuchte, strebt er jetzt nach dem Vorbild Erich Mendes auch ins Wertpapiergeschäft.

Seine Argenta GmbH offeriert den Sparern der Bundesrepublik Investment-Zertifikate von rund 100 verschiedenen Fonds, darunter Papiere des hauseigenen Fonds Argenta, der mit deutschen, japanischen und amerikanischen Wertpapieren angefüllt ist. Innerhalb der letzten neun Monate stieg die Kursnotiz der Hauspapiere um fast 14 Prozent.

Erst im Januar diese Jahres hatte der Altkanzler dementieren müssen, er werde in Mendes IOS-Gruppe einen Posten übernehmen. Jetzt schließt er sich einer Firma an, deren Führungsspitze aus der Cornfeld-Schule hervorgegangen ist und nach den Methoden der 105 Fonds-Anteile verkauft.

Urs Zondler, 29, einer der drei Geschäftsführer der Argenta -- die beiden anderen sind Hubertus Graf Dönhoff, Neffe der »Zeit«-Chefredakteurin, sowie Dr. jur. Helmut Röschinger, 26, -, war von August 1966 bis zum Februar vergangenen Jahres IOS-Agent. Seine heutigen zwei Mit-Geschäftsführer halfen ihm, Cornfeld-Wertpapiere abzusetzen.

Dem ehrgeizigen Schweizer schien indes das Wertpapier-Angebot von IOS nicht vielfältig genug. Er fand überdies heraus, daß der deutsche Kapitalanleger »immer noch konservativ denkt und viel Sicherheit verlangt. Zondler beschloß daher, »die Seriosität der Banken mit der Aggressivität der Dealer (Wertpapier-Verkäufer) zu verbinden.

Fünf renommierte Bankhäuser -- Gebrüder Bethmann in Frankfurt, Herstatt in Köln, Fürst Thurn und Taxis in München, die Westbank in Hamburg und die Württembergische in Stuttgart -- erklärten sich bereit, die Abwicklung der Investment-Geschäfte zu übernehmen. Sie beteiligten sich mit je 24 500 Mark am Argenta-Gesellschaftskapital von 250 000 Mark. 98 000 Mark stellten das Münchner Geschäftsführer-Trio und ein weiterer Gesellschafter in Frankfurt.

Binnen elf Monaten rekrutierte die Argenta 275 meist hauptamtliche Mitarbeiter im Bundesgebiet und verkaufte bis Mai diese Jahres Investment-Papiere für 81 Millionen Mark. Wie die 105-Leute stoßen auch die Argenta-Werber direkt zum Sparer vor. Zondler: »Wir fragen einen Kunden nach seinem Zahnarzt und laufen den dann an.«

Als eine Art Amtssiegei für verbürgte Seriosität des Unternehmens wünschten sich die Gründer den Maßhalte-Kanzler und Pichelsteiner-Topf-Liebhaber Erhard an die Spitze ihres Aufsichtsgremiums. Schon 105-Chef Bernie Cornfeld hatte gemeint, Erhard würde eine gute Vater-Figur für seine deutschen Wertpapier-Fonds abgeben.

Erste Kontakte zu dem Vater-Idol stellte ein Brief her, den der Direktor der Herstatt-Effekten-Abteilung Robert Fischer an Erhard schrieb. Dem Altkanzler gefiel sogleich, daß es sich bei den Argenta-Leuten nicht um Landfremde, sondern eine »rein deutsche Gruppe« handelte. Dennoch zogen sich die Verhandlungen drei Monate hin. Am 27. März unterschrieb der Kanzler i. R. schließlich den Vertrag.

Darin wird ihm für seine Aufsichts-Tätigkeit ein Fixum zugesichert, dessen Höhe Firmengeheimnis ist. Und zum erstenmal wird der Professor für Wirtschaftspolitik und Verfechter einer spät-kapitalistischen Wirtschaftsordnung selbst Kapitalist: Er erhält einen Gesellschafts-Anteil von 7500 Mark.

Urs Zondler glaubt, daß sich die Ausgabe lohnt. Er hofft: »Erhard bringt mehr als Mende.«

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