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Erhard und der Konjunktiv

aus DER SPIEGEL 10/1966

Aus der Bundestagsdebatte über das von der Regierung bestellte »Jahresgutachten des Sachverständigenrotes zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung« in der Bundesrepublik:

KARL SCHILLER (SPD): Herr Bundeskanzler, können Sie ungefähr den Zeitablauf andeuten ... in dem Sie von augenblicklich 4,2 Prozent auf eine Preissteigerungsrate von null Prozent kommen wollen?

LUDWIG ERHARD (CDU): Nein, Herr Kollege Schiller, die Frage kann ich so nicht beantworten, denn in diesen Kategorien denke ich nicht: sie sind mir zu planwirtschaftlich, zu mechanistisch. (Beifall bei den Regierungsparteien)

HELMUT SCHMIDT (SPD): Herr Bundeskanzler, ohne Sie auf Jahre festlegen zu wollen: Können Sie wenigstens sagen, daß Sie die Preissteigerungsrate im Laufe dieser Legislaturperiode, für die Sie im Augenblick ins Amt berufen sind, auf ein Prozent herunterdrücken können?

(Zuruf von der CDU/CSU: »Wenn Sie keine Anträge auf Mehrausgaben stellen!")

ERHARD: Das Ist die gleiche Frage. Die kann ich nur mit den gleichen Worten beantworten ... Wenn ich die Möglichkeit hätte, für das Jahr 1966 die Politik so zu steuern, daß wir weniger Wachstum, aber mehr Stabilität haben, dann wäre mir das sehr viel lieber als mehr Wachstum bei steigenden Preisen ...

SCHMIDT: Herr Bundeskanzler, Sie haben ... im Konjunktiv gesprochen ... Ich wollte Sie gern fragen: Haben Sie die Möglichkeit nicht? Warum sprechen Sie im Konjunktiv? Welche Möglichkeiten fehlen Ihnen und bei welchen beklagen Sie, daß sie Ihnen fehlen?

ERHARD: Herr Kollege Schmidt, die Fragestellung ist mir wieder zu exakt

(Lachen des Abgeordneten Schmidt - Abgeordneter Wehner: »Das wird ein goldenes Wort bleiben!« - Lachen und Zurufe von der SPD)

Seien Sie vorsichtig! Ich habe gesagt: keine Wirtschaftspolitik, kein Wirtschaftsminister, kein Regierungschef hat die Entwicklung so fest in der Hand, daß er mit Sicherheit sagen könnte: So und so werden die Dinge ablaufen. Aber er kann sie beeinflussen. Und ich kann Ihnen jedenfalls sagen, daß, wenn ich je nach Ablauf der wirtschaftlichen Ereignisse vor der Entscheidung stehe, zwischen diesen beiden Thesen - mehr Wachstum oder mehr Stabilität - zu wählen, dann entscheide ich mich für mehr Stabilität. (Beifall bei den Regierungsparteien)

SCHMIDT. Herr Bundeskanzler, wirklich, weil mir daran liegt, herauszufinden, warum Sie im Konjunktiv sprechen: Darf ich Ihre Antwort so verstehen ... (Abgeordneter Moersch: »Das war Konditional, das war gar nicht Konjunktiv!« - Heiterkeit)

Ich hoffe, daß der Bundeskanzler diese Ihre feinen Unterschiede begreift, Herr Moersch. Vielleicht war das aber wieder zu exakt, was Sie dazwischengerufen haben. (Heiterkeit und Zurufe von der SPD)

Darf ich Ihre Antwort so verstehen, Herr Bundeskanzler, daß der Chef der deutschen Bundesregierung vor dem Bundestage erklärt, daß er nicht alle die Möglichkeiten zur Verfügung hat, die er meint benutzen zu müssen, um seine Wirtschaftspolitik zu führen?

ERHARD: Entschuldigen Sie, hier werden mir Dinge unterstellt, die nicht stimmen. Ich habe gesagt, ich habe nicht alle Daten in der Hand, die möglicherweise den Ablauf der Wirtschaft beeinflussen werden.

("Sehr richtig!« bei der CDU/CSU)

Je nach dem Ablauf der Wirtschaft habe ich sehr wohl die Möglichkeit, das Gute und das Rechte zu tun ...

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