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Moritz Pfeil ERHARDS STUNDE

aus DER SPIEGEL 1/1961

Nach der jüngsten Erkrankung des Bundeskanzlers Konrad Adenauer ging ein Bild durch die Zeitungen, das den Betrachter frieren machte. Die Krankheit, die doch angeblich gar keine gewesen war, hatte die Züge des 85 Jahre alten Mannes gezeichnet, sie waren auseinandergelaufen. So wahr es ist, daß er früher ähnlich und schlimmer krank gewesen: So schlecht sah er noch nie aus. Es heißt nicht pietätlos sein, wenn man eine vierte Kanzlerschaft für schlechtweg ausgeschlossen erklärt. Es wäre vielmehr pietätlos, dem hochbetagten Naturwunder seine In-den-Sielen-Attitüde durchgehen zu lassen, etwa unter der Devise »Wahlen first«.

Dem inneren Zustand des Kanzlers entspricht der Gang der Staatsgeschäfte. Es wird nicht mehr regiert. Ob das Interzonenhandelsabkommen gekündigt oder neu geknüpft wird, ob ein freundlicheres Gesicht nach Osten gedreht wird oder die Lechfeld-Grimasse, ob Berlin-Klausel im Handelsvertrag mit den Sowjets oder nicht, es ist alles Zufall, je nachdem, wer dem Kanzler auf dem Weg zum Fahrstuhl zuletzt einen Floh ins Ohr spedieren konnte; oder je nachdem, welcher Thronprätendent welchen Stein im Erbfolgebrett hat. Wer gegenwärtig so handelt, als sei der Kanzler irgendeiner planvollen, konzipierenden Arbeit fähig, der beträgt sich schuldhaft leichtsinnig.

In der Innenpolitik kettet sich ein Fiasko ans andere, jedes für sich in angelsächsischen Ländern ausreichend, den verantwortlichen Minister zum Zylinder greifen zu lassen. Die Fernsehpleite verdankt der Kanzler seinem Berufspleitegeier Gerhard Schröder, der es sich als selbsternannter »Verfassungsminister« nicht nehmen lassen will, mit dem Grundgesetz möglichst oft möglichst spektakulär zu karambolieren. Notstand, Reisesperre, Fernseh-Coup à la Zieten aus dem Busch - man muß sich wundern, daß er mit dem Lebensmittelgesetz durchgekommen ist.

Theo Blanks Krankenkassenreform ist zu einem lächerlichen Wechselbalg zusammengeschrumpft, unter unaufhörlicher Assistenz des gänzlich ignoranten Kanzlers, der seine Minister in die Pfanne schlägt wie ein Panzerschütze im Manöver die Eier zum Ochsenauge. Die Herren Interessenten tanzen in Bonn über Tisch und Bänke, ob sie nun einen Arztkittel tragen oder den Maßpaletot des Reviergroßkopfeten. Wer wollte reinen Herzens bestreiten, daß die Aufwertung der D-Mark richtig gewesen wäre, und daß sie immer noch am Platz ist? Die Demokratie kann auch von den Demokraten ruiniert werden.

Wer uns entgegenhält, so und nicht anders sei bei uns schon immer regiert worden, dem antworte ich: Immer oder erst jetzt, entscheidend ist,

ob ein Regime allen sichtbar als überfällig empfunden wird (was nicht immer am Ausgang der Wahlen abzulesen ist). Außerdem hat der Kanzler seit seiner Scheinpräsidentschaft offensichtlich das Gefühl, Menschen nicht mehr verantwortlich zu sein.

In dieser Situation richten sich alle Blicke auf den Wirtschaftsminister und Vizekanzler Ludwig Erhard. Er, der so hinterhältig und boshaft getreten worden ist, hätte es in der Hand, das Projekt einer vierten Kanzlerschaft Adenauers mit einem Streich zu killen, solcherart allem Raunen und Flüstern, er sei kein Politiker, sei zu weich, sei ein Gummilöwe, abrupt den Sauerstoff entziehend. Die einzige Chance der SPD liegt ja eben darin, daß es bei der CDU niemand auf sich nimmt, den kränkelnden und zu alten Rekken in den ehrenvollen Ruhestand zu komplimentieren.

Würde Ludwig Erhard heute unmißverständlich erklären, er werde noch vor der Bundestagswahl zurücktreten, wenn die Partei ihn nicht als ihren Kanzlerkandidaten nominiere, so hätte er die Kanzlerschaft in der Tasche, und der Dank einer breiten CDU-Mehrheit wäre ihm gewiß. Die CDU/CSU könnte es sich momentan nicht mehr leisten, einen grollenden, ausgeschiedenen Erhard während des Wahlkampfes am Tegernsee sitzen zu lassen. Solch ein Schritt, der im Interesse der Partei und des deutschen Volkes läge, wäre heute fast ohne Risiko, und was könnte Erhard passieren, wenn die Rücktrittsdrohung wider Erwarten ohne Erfolg bliebe? Weniger als dem abessinischen Kronprinzen. Er würde nach zwölf Jahren Ministerzeit ruhmbeladen und beispielhaft in Pension gehen, könnte sogar nach Adenauers späterem Abgang immer noch entscheiden, ob er wieder Wirtschaftsminister werden will oder nicht.

Ich höre die Schranzen des Ministers wispern: Dazu ist der Erhard zu anständig. Nein, dazu ist er nicht zu anständig, sondern allenfalls zu ängstlich, zu unpolitisch, wie Adenauer sagen würde.

Ludwig Erhard hat uns im Sommer vorigen Jahres glauben machen wollen, er sei zur Kanzlerschaft berufen. Sicher ist er berufener als irgendein Ministerkollege im Bundeskabinett. Aber sie wird ihm nicht in den Schoß fallen, er muß sie sich nehmen.

Tut er den erlösenden Schritt jetzt, so wird er ein Kanzler aus eigenem Recht sein; tut er ihn nicht, so wenn überhaupt noch, ein Lückenbüßer für und ein Steigbügelhalter des Herrn Strauß. Daß Konrad Adenauer bis zu den Wahlen etwas zustoßen würde, ist, das muß man Erhard wohl nicht eigens sagen, nicht so sehr moralisch wie politisch ein wenig tragfähiges Kalkül.

Moritz Pfeil

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