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DE GAULLE Erinnerung an Stalingrad

aus DER SPIEGEL 13/1966

Einigkeit erfüllte das Hohe Haus am Rhein, Einigkeit des Entsetzens. Der Bundestag debattierte letzten Donnerstag über die Außenpolitik des Generals de Gaulle.

Die Deutschen haben ihn einst geliebt. Seliger Jubel begleitete seine Wege durch die Bundesrepublik, damals im Sommer 1962. Der Mann war groß; in seinen Worten wurde Deutschland groß. »Ihr großes Volk, jawohl! - das große deutsche Volk!« rief Charles de Gaulle über den Bonner Marktplatz. Und die Menge jauchzte. Deutschland, so schien es, hatte wieder einen Platz an der Sonne erobert, auch wenn es nur die Höhensonne des Generals war.

Fast zwei Drittel aller Bundesbürger waren damals mit der Politik de Gaulles einverstanden. Anfang dieses Jahres hielt nur noch ein Siebtel der Deutschen seine Politik für »günstig«. Und erst danach feuerte der General seine vernichtendsten Breitseiten ab:

- Handschriftlich hat er es seinen Bundesgenossen mitgeteilt: Frankreich verläßt die Nato.

- Unter vier Augen hat er es dem deutschen Kanzler als einem der ersten klargemacht: Frankreichs Staatschef reist im Juni nach Moskau, ohne sich dabei auf Wünsche seiner Bundesgenossen festlegen zu lassen.

Angst und Unsicherheit haben Bonn beschlichen: Bricht das Atlantische Bündnis auseinander? Droht der Bundesrepublik in einer Nato ohne Frankreich die Rolle des diskriminierten Partners? Könnte Frankreich in seiner Zone das Besatzungsstatut wieder aufleben lassen? Hat mit dem Reiseplan des Generals an die Moskwa eine neue Einkreisung der Deutschen begonnen?

»Ich sehe große Gefahren«, unkte Konrad Adenauer. Und selbst in die satte Befriedigung eines Unglückspropheten, der recht behalten hat, mischten sich Töne echter Sorge, als De-Gaulle -Gegner Gerhard Schröder im Bundestag das Wort ergriff.

Im voller gewordenen Gesicht noch frische Pontresina-Bräune und wie immer mitternachtsblau-penibel gekleidet, klagte der Urlaubs-Heimkehrer, die Pläne des Generals »berühren das Atlantische Bündnis in seinem Kern«. Das Atlantische Bündnis aber ist seinerseits Kern aller deutschen Außenpolitik.

Oppositionsführer Fritz Erler bemühte »das geflügelte Wort eines Bundeskanzlers«, daß die Lage noch nie so ernst gewesen sei. Und der einzige, der die Einigkeit des Entsetzens hätte stören können, hatte im letzten Moment eine Wahlkampfkundgebung in Hamburg vorgezogen: der einst so feurige De -Gaulle-Anhänger Franz-Josef Strauß.

Das »große deutsche Volk« war bestürzt. Im modernen Militär-Jargon der SPD kündete die Schlagzeile des Hamburger »Abendecho": »Das ist Verrat, Herr General!«

Der General, der 1934 die Deutschen als »Ritter der Blauen Blume, die ihr Bier erbrechen« beschrieb, hat schon in seinen 1959 erschienenen Memoiren angekündigt, was die Deutschen nun befürchten: »Frankreich soll mit dem Westen und dem Osten zusammenarbeiten, im Bedarfsfall mit der einen oder anderen Seite die notwendigen Bündnisse abschließen, ohne sich jedoch jemals in irgendeine Abhängigkeit zu begeben.«

Der 75jährige, der seine »Politik des nationalen Ehrgeizes« (de Gaulle) noch zu seinen Lebzeiten verwirklichen möchte, scheint entschlossen, nach diesem Prinzip jetzt ein Bündnis mit der einen Seite aufzulösen und mit der anderen Seite zu ventilieren.

Schon hat der sowjetische Botschafter in Paris, Walerian Sorin, vor Reportern die Bereitschaft seiner Regierung angedeutet, bei de Gaulles Besuch einen Nichtangriffspakt mit Frankreich abzuschließen. Und schon hat der General selbst den Wunsch geäußert, während seiner Reise auch nach Stalingrad zu fahren, dorthin, wo die Deutschen die demütigendste Niederlage ihrer Geschichte erlitten.

»Auf diese Reise darf man gespannt sein«, rief Herbert Wehner im Bundestag voll Beklemmung. Der Stachel Stalingrad sticht schmerzhaft in die deutsche Seele.

Zugleich aber weckt Stalingrad die Erinnerung daran, daß Feinde und Freunde bei dem passionierten Querleger de Gaulle nie ganz sicher sein können. Schon einmal, im Dezember 1944, reiste der General nach Moskau und schloß einen französisch-sowjetischen Pakt (den die Russen 1955 aufkündigten).

Damals, als er noch unerkannt in Moskaus Metro fahren konnte und von drängelnden Genossen rücksichtslos auf die zu langen Füße getreten wurde, sagte er auf dem Empfang der Französischen Botschaft zur Feier des Paktabschlusses bei der Erwähnung des Sieges von Stalingrad: »Ah, Stalingrad! Ein ungeheures Volk, ein sehr großes Volk!«

Sein Gesprächspartner: »Ja, diese Russen ...«

Der General unterbrach: »Mais non! Ich rede von den Deutschen! Trotz allem so weit vorzustoßen ...«

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