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TOGO Erleuchteter Führer

Französische Truppen für das ehemalige Kolonialgebiet - Frankreich hilft immer. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Die Putschisten kamen nach Feierabend, überquerten zu Fuß von Ghana aus die grüne Grenze. Es schien, als wollten sie den winzigen Nachbarstaat Togo im Laufschritt einnehmen - die Hauptstadt Lome liegt nur ein paar hundert Meter von der Grenze entfernt.

Doch in Lome wurden die Rebellen noch während der Nacht von Regierungstruppen aufgerieben. 13 Tote forderte der Aufstand am vergangenen Dienstag nach Regierungsangaben, es können auch viel mehr gewesen sein.

Schon am nächsten Morgen präsentierte Togos Staatschef Gnassingbe Eyadema, 50, dem erstaunten diplomatischen Korps in Lome das von seinen Soldaten erbeutete angebliche Waffenarsenal der Rebellen: Maschinengewehre, Raketenwerfer, Granaten - so schnell, daß etliche der Zuschauer wähnten, der Militär habe das Attentat selbst inszeniert.

Welche Version auch immer zutrifft - die Botschaft kam an im fernen Paris. Noch am Donnerstag kommandierte die Schutzmacht Frankreich 150 Fallschirmjäger aus Gabun und der Zentralafrikanischen Republik samt »Jaguar«-Jagdbombern nach Lome, in dessen Hafen außerdem das französische Minensuchboot »Croix du Sud« festmachte: Frankreich zeigte Flagge in Afrika. Es pflegt damit seine Interessen und den Mythos einer frankophonen Gemeinsamkeit, begründet durch ein enges Engagement, das alle Turbulenzen der französischen Innenpolitik schadlos überstanden hat.

Ein Vierteljahrhundert nach der Auflösung des französischen Kolonialreichs südlich der Sahara leben gut eine Viertelmillion Franzosen auf dem Schwarzen Kontinent, weit mehr als in den fünfziger Jahren, als man noch von Marseille bis zum Kongo reisen konnte, ohne französisches Terrain zu verlassen.

Die meisten leben im milden politischen Klima prowestlicher Staaten, wo es noch heute ein Privileg ist, Europäer zu sein: 25000 im Erdöl-Dorado Gabun, 50000 an der Elfenbeinküste. Die Mitglieder der aus 13 ehemaligen Kolonien und Frankreich gebildeten lockeren Wirtschaftsgemeinschaft »CFA-Zone« wickeln noch immer 40 bis 60 Prozent ihres Außenhandels mit Paris ab.

Zum Schutz ihrer Interessen haben die Franzosen den Kontinent mit 32 Beistandspakten und Militärhilfeabkommen überzogen. Die Pariser Sozialisten, die mit dem Versprechen angetreten waren, Frankreichs Funktion als afrikanische Ordnungsmacht zu beenden, haben das Netz eher noch enger geknüpft.

Zwischen Atlantik und Indischem Ozean sind derzeit fast 8000 französische Soldaten stationiert - im Senegal, im Tschad, Zaire, Gabun, Dschibuti und der Zentralafrikanischen Republik. Eine Schnelle Eingreiftruppe hält sich in Südfrankreich für besondere Aufgaben in Afrika bereit.

Wie schnell die notfalls eingreifen können, bewiesen die Franzosen etwa 1978, als sie die von Aufständischen besetzte Bergbaustadt Kolwezi im südlichen Zaire innerhalb von 48 Stunden zurückeroberten und mehrere hundert weiße Ingenieure samt Familien aus den Händen der schwarzen Rebellen sowie Zaire-Staatschef Mobutu Sese Seko vor dem drohenden Umsturz retteten.

Der Tschad ließ sich durch eine Intervention klassischer Art nicht pazifizieren. Der Bürgerkrieg am Südrand der Sahara schleppt sich trotz massiver französischer Hilfe für die Regierung in Ndjamena ins dritte Jahrzehnt, weil Libyens Muammar el-Gaddafi das Schisma der feindlichen Tschad-Parteien immer wieder neu anfeuert.

Gaddafi sieht durch die französische Präsenz in Afrika seine außenpolitische Missionstätigkeit in der weiteren Nachbarschaft bedroht. Als sich im Dezember vergangenen Jahres die Staatschefs von 35 afrikanischen Staaten zum frankoafrikanischen Gipfel in Paris trafen, tobte er los: »Diese Konferenz muß verschwinden, sie ist eine Schande für Afrika.« Sie verschwand aber nicht. Im Gegenteil. Sie tagt regelmäßig jedes Jahr. Das winzige _(1984 im Tschad. )

Togo ist Frankreich besonders verbunden. Die einst kleinste, aber als vorbildlich angesehene Afrika-Kolonie des deutschen Kaiserreichs war nach dem Ersten Weltkrieg geteilt worden. Die westliche Hälfte kam an die Briten-Kolonie Goldküste, das heutige Ghana, den Osten erhielt Frankreich. Wie in anderen Kolonien wurde Französisch die verbindende Sprache unter den Stämmen.

Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit war Togo lange Zeit das Hätschelkind nicht nur der französischen, sondern auch der deutschen Entwicklungshilfe. Seit 1960 erhielt es mit rund 600 Millionen Mark die höchste deutsche Entwicklungshilfe pro Einwohner.

Die Beziehungen zu Togo pflegen in Deutschland vor allem die Bayern. Im Mai 1983, als »Francois Schossef« Strauß an der Spitze einer vielköpfigen Delegation zu Besuch in Lome weilte, wurde der bayrische Landesvater auf Spruchbändern wie ein Präsident Westdeutschlands gefeiert. Der Bayer scherzte mit dem knorrigen Ausspruch: »Wir Schwarzen müssen zusammenhalten.«

Die Schwarzen in Togo taten das nicht. Der erste Staatschef des unabhängigen Togo, der gebildete Deutschland-Fan Sylvanus Olympio, wurde 1963 von dem Feldwebel Eyadema ermordet. Der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke trat daher zum Staatsbesuch in Lome mit einem um die rechte Faust drapierten dicken Verband an, um dem Mörder nicht die Hand geben zu müssen.

Togo wurde auch unter Eyadema nicht wieder die solide, konfliktfreie »afrikanische Schweiz«, die es einst gewesen war und als die es sich in Europa immer noch ausgab. In zwei Dekaden schaffte es der »erleuchtete Führer«, wie die Schulkinder Togos den Staatschef nennen müssen, alle Schlüsselpositionen mit seinen Stammesbrüdern aus dem Norden zu besetzen und die Ewe, den Hauptstamm im Süden, gegen sich aufzubringen. Oppositionelle, besonders aus diesem Stamm, läßt der Staatschef verschwinden oder einsperren.

Die kurze Blüte des reichen Agrarlandes Togo verwirtschaftete Eyadema in sinnlosen Prestigeprojekten: einem über 100 Meter hohen Luxus-»Hotel du 2 fevrier«, dessen 52 Suiten fast immer leerstehen, einem überdimensionalen Kongreßzentrum, einer bombastischen Parteizentrale - und seinem eigenen Mausoleum in seinem Heimatdistrikt Kara.

Der Einsatz der Franzosen dürfte den Mausoleums-Erbauer vorerst an der Macht halten - doch er empörte die sich progressiv gebenden Nachbarstaaten Ghana, Burkina Faso und Benin.

Ghanas Präsident Jerry Rawlings nannte Eyademas Hilferuf »beschämend, schändlich und moralisch verwerflich«.

1984 im Tschad.

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