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ERNST FISCHER

aus DER SPIEGEL 35/1968

wurde am Tag vor der militärischen Intervention in der CSSR vom SPIEGEL über die historische Bedeutung des Prager Experiments befragt. Der österreichische Marxist und frühere Wiener Erziehungsminister, 1899 im böhmischen Komotau geboren, ist für ein Urteil über die Synthese zwischen Kommunismus und Demokratie kompetent: Unter dem Eindruck des österreichischen Arbeiteraufstandes von 1934, der durch das Dollfuß-Regime niedergeschlagen wurde, war der Sozialdemokrat Fischer in die kommunistische Partei eingetreten und nach Prag emigriert, 1939 nach Moskau.

Fischer erklärte dem SPIEGEL, er sei damals Stalinist geworden, weil er meinte, die faschistische Gewaltherrschaft sei nur durch Gegen-Gewalt zu bekämpfen. 1948 verfaßte er das Theaterstück »Der große Verrat«, das Titos Abfall von Moskau geißelt. Bei der Ost-Berliner Premiere 1957 lobte das SED-Organ »Neues Deutschland": Fischer »entblößt das klassenkämpferische Triebwerk eines volksverräterischen Unternehmens ... aus dem Freundschaftsverband der Volksdemokratien auszubrechen, sich »von Moskau loszusagen"«.

Ernst Fischer sagte sich selbst vom Stalinismus los, als 1952 im Prager Slánský-Prozeß Freunde von ihm zum Tode verurteilt wurden, deren Unschuld er kannte. Seither kämpft er als Mitglied des Zentralkomitees der österreichischen KP für eine Demokratisierung des Sozialismus. Als marxistischer Kulturkritiker protestierte er gegen die Verurteilung junger Sowjet-Schriftsteller.

Im März 1964 gab Fischer in Prag mit einem Vortrag den Anstoß zum revolutionären, antibürokratischen Denkprozeß in der CSSR: »Haltet über uns Alte Gerichtl«, rief er begeisterten Studenten zu. Die tschechoslowakischen Reformkommunisten beriefen sich auf Fischer, als sie Freiheit und Kommunismus zu vereinigen suchten.

Das Gespräch Fischers mit dem SPIEGEL zeigt, welche Erwartungen die sowjetischen Truppen einen Tag später zerstörten. Ernst Fischer, nach der Intervention nochmals befragt, erklärte letzten Freitag:

»24 Stunden nachdem ich dem SPIEGEL dieses Interview gab, haben die Truppen des Warschauer Pakts die Grenzen der Tschechoslowakei überschritten. Diese Aggression ist ein Bruch des Völkerrechts, aller Grundsätze des Sozialismus sowie der Versprechungen und Vereinbarungen von Cierna nad Tisou und Bratislava. »Panzer haben eine große Hoffnung zermalmt. Dennoch: Was vor acht Monaten in Prag begonnen hat, die Entwicklung eines demokratischen humanen Sozialismus, wird auf die Dauer stärker sein als jede Gewalt und jede Phrase.«

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