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ERNST LEMMER

aus DER SPIEGEL 10/1963

ERNST LEMMER

hat nach der Wahlniederlage der CDU in Berlin eine Parteireform an Haupt und Gliedern gefordert. Der Mitbegründer der Christlich-Demokratischen Union glaubt, daß seine Partei künftige innen- und außenpolitische Stürme nur überstehen kann, wenn sie ihre Organisation verbessert und in der Führungsspitze klare Verhältnisse schafft. Deshalb verlangt er, daß die Frage der Kanzlernachfolge in der CDU umgehend gelöst wird.

Lemmer, der 1898 in Remscheid als Sohn eines Architekten geboren wurde, ist der dienstälteste Parlamentarier in Bonn. 1924 zog er, knapp sechsundzwanzigjährig, als Kandidat der Deutschen Demokratischen Partei in den Reichstag ein. Er behauptete sein Abgeordneten-Mandat bis 1933. Mit der Politik begann der liberal gesonnene Lemmer schon in den Schützengräben des 1. Weltkriegs. Wegen der Lektüre sozialdemokratischer Zeitungen wurde der Kriegsfreiwillige vom Offizierskurs zurückgestellt. Erst ein paar Monate vor Kriegsende rückte er zum Leutnant und Kompaniechef auf. Wenige Monate später, im November 1918, wählten ihn die Soldaten seines Regiments zum Vorsitzenden des Soldatenrats.

Nach der Entlassung aus der Armee schloß sich der bürgerliche Revolutionär der neugegründeten Deutschen Demokratischen Partei an und erregte als Werkstudent in Marburg den Zorn der konservativ orientierten Professorenschaft: Lemmer hatte ein Linkskartell der Marburger Studentenschaft gegründet, in dem sich unter seinem Vorsitz Kommunisten, Sozialisten, Demokraten und Katholiken zusammenfanden.

An der Spitze eines Volksbataillons aus Arbeitern und Studenten fuhr Lemmer mit einer requirierten Lokomotive nach Kassel, um dort gegen den Kapp-Putsch Front zu machen. Nur der Intervention des hessischen Kultusministers hatte er es zu verdanken, daß ein Beschluß des Marburger Universitäts-Senats, der ihm die Fortsetzung des Studiums untersagte, rückgängig gemacht wurde.

Nach kurzem Volontariat an der liberalen »Frankfurter Zeitung« übernahm der Student der Nationalökonomie das Sekretariat des Gewerkschaftsringes

Deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenverbände und avancierte, wenig später zum Führer der Jungdemokraten.

Während der nationalsozialistischen Zeit griff Ernst Lemmer wieder auf seine journalistischen Fähigkeiten zurück. Da der Demokrat 1933 aus der Berufsliste der Journalisten gestrichen wurde, konnte er nur für ausländische Blätter tätig werden. Die »Neue Zürcher Zeitung« und der ungarische »Pester Lloyd« druckten seine Artikel, in denen er zwischen den Zeilen oft Einwände gegen die nationalsozialistische Politik deutlich werden ließ.

Nach dem Kriege stieß Ernst Lemmer zur Christlich-Demokratischen Union, ohne dabei auf seine linksliberale Tradition zu verzichten. In der Unionspartei hoffte er seinen alten Marburger Traum - die Zusammenführung von Bürgertum und Arbeiterschaft - verwirklichen zu können. In der sowjetischen Besatzungszone half er beim Aufbau des Freien Deutschen Gewerkschafts-Bundes, dessen 3. Vorsitzender er wurde, und des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Zusammen mit Jakob Kaiser übernahm er 1946 die Führung der Ostzonen-CDU und harrte trotz massiver sowjetischer Pressionen aus, bis der Bruch mit der sowjetischen Besatzungsmacht um die Jahreswende 1947-48 unvermeidlich wurde.

Im Westen übernahm Lemmer die Chefredaktion des Berliner »Kurier«, wurde 1952 in den Bundestag delegiert und begann seine Ministerkarriere 1956 als Bundesminister für Post- und Fernmeldewesen, ehe er 1957 die Nachfolge des schwer erkrankten Jakob Kaiser als Minister für gesamtdeutsche Fragen antrat. Er ist Ehrenvorsitzender des Berliner Landesverbandes der CDU.

Lemmer, der bei der Regierungsumbildung im Herbst vergangenen Jahres aus dem Kabinett entlassen wurde ("Ich weiß bis heute nicht, warum"), hat nicht die Absicht, von der Politik Abschied zu nehmen. Als einer der stellvertretenden CDU -Fraktionsvorsitzenden im Bundestag fühlt er sich berufen, eine Reform seiner Partei einzuleiten, die sich dem Wähler heute als ein vom Streit um die Kanzlernachfolge erschütterter Wahlverband präsentiert.

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