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DDR / JUGOSLAWIEN Ernste Gefahr

aus DER SPIEGEL 46/1969

Im Jahre 1951 fand die SED: »Das Tito-Regime ist zu einer offenen faschistischen Agentur und zu einem hündisch ergebenen Werkzeug für die Verwirklichung der Welt-Eroberungs-Pläne des Dollarimperiums geworden.«

1965 empfing SED-Chef Walter Ulbricht den »lieben Genossen Tito« zum Staatsbesuch In der DDR mit Bruderkuß. Dann dekorierte er den Führer der »faschistischen Tito-Clique« ("Neues Deutschland« 1950) mit dem »Großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold« -- für »die hervorragenden Verdienste Josip Broz Titos im Kampf gegen den Faschismus«.

Doch jetzt, 1969, kehrt die Ost-Berliner Parteizentrale am Werderschen Markt erneut das Trennende hervor: In der 31. Ausgabe ihrer unregelmäßig erscheinenden internen Orientierungs-Hilfe für Spitzenfunktionäre des Partei-Apparates »Informationen« (Auflage: etwa 3000 Exemplare, Umfang: 15 DIN-AS-Druckseiten) unterzogen die Jugoslawien-Experten der ZK-Abteilung »Internationale Verbindungen« die Politik des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) parteiischer Kritik.

Danach verstoßen Jugoslawiens Kommunisten mit ihrer »rechtsopportunistischen und nationalistischen« Innen- wie Außenpolitik gegen die Grundsätze des Marxismus-Leninismus sowjetischer Lesart und versuchen, »aktiv ... den Warschauer Vertrag zu ersetzen und die sozialistische Staatengemeinschaft zu desintegrieren«.

Die SED-Autoren summierten Titos Sünden wider die reine Lehre und erkannten unter anderem:

* 1955 in Ost-Berlin; vorn: Ehefrauen Lotte Ulbricht (l.), Jovanka Broz.

* In der vergesellschafteten Industrie »Tendenzen der privaten Kapitalbildung und Profitmacherei, die die ernste Gefahr der Restauration kapitalistischer Elemente und Denkweisen« In sich bergen;

* in der weithin privaten Landwirtschaft »Tendenzen zur Herausbildung eines Kulakentums« im jugoslawischen Dorf;

an den Universitäten »bürgerliche Ideologien und Theorien, besonders sozialdemokratischer Prägung«;

* in der Außenpolitik die »verstärkte ... Zusammenarbeit mit den Imperialistischen Staaten, insbesondere mit den USA und Westdeutschland«;

* im Selbstverwaltungs-Sozialismus »kleinbürgerlich-anarchistische« sowie »anarchistisch-syndikalistische Auffassungen« und mithin eine »rückständige Utopie«.

Derart belehrt, belehrten seitdem die Propagandisten der Einheitspartei ihre Genossen über Titos Ketzerei. In Versammlungen der SED-Grundorganisationen erregten sich die Polit-Instrukteure über die Arbeitslosigkeit im Balkan-Staat wie über die Versuche der »rechten Kräfte«, den BdKJ »schrittweise in eine Partei sozialdemokratischen Typs zu verwandeln«. Sie referierten aber auch immer die Schlußformel der Denkschrift: »Die DDR wird die staatlichen Beziehungen zur SFRJ nicht einschränken.«

Aktuellen Anlaß zur Genossen-Schelte bot Ost-Berlins strenggläubigen Parteiarbeitern die heftige Kritik, die Jugoslawiens Kommunisten seit dem 21. August 1968 und noch einmal auf ihrem IX. Parteitag im März dieses Jahres an der CSSR-Invasion der Ostblock-Armeen geübt hatten. Sie empörte zudem die Weigerung der Belgrader Parteispitze, sich im Juni zum Moskauer KP-Konzil einzufinden.

Die Ursache des Konflikts freilich ist 21 Jahre alt. Denn seit Titos National-Kommunisten ihren eigenen Weg zum Sozialismus gehen, sich statt des demokratischen Zentralismus dem Marxschen Ideal der gesellschaftlichen Selbstverwaltung, statt des sozialistischen Lagers dem Prinzip der Blockfreiheit verschrieben, wittern die Bruderparteien Verrat.

Was die anonymen SED-Analytiker jetzt parteiintern verbreiteten, hatte bereits 1948 das (1956 aufgelöste) Kommunistische Informationsbüro in einem offiziellen Kommunique verkündet. Das Kominform stellte damals »einmütig fest«, daß sich die jugoslawische Partei mit ihrem Sozialismus-Modell »antisowjetischer« und »nationalistischer« Abweichungen schuldig gemacht und sich damit »außerhalb der Familie der brüderlichen Kommunistischen Parteien ... gestellt hat«, Das Kominform schloß die Stalin-Kritiker aus und nannte sie fortan Faschisten, Sogleich ließ auch Walter Ulbricht ein Parteischulungs-Heft (Auflage: 100 000 Exemplare) »über die Entartung der Führung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens« drucken.

Noch heute bewegen sich Ost-Berlins Diplomaten in Belgrad, als lebten sie in Feindesland. Die »Hausordnung« verpflichtet sie, »Einladungen gegenüber Personen außerhalb des Kollegenkreises nur mit Zustimmung des Leiters« auszusprechen, wie die »Teilnahme an Einladungen nur nach vorheriger Zustimmung« zuzusagen, und. auch der »private Postverkehr mit Personen und Institutionen ... ist (ihnen) untersagt«.

Die Belgrader Parteiführer erfuhren denn auch das Urteil der SED-Genossen über ihre Politik nicht vom DDR-Botschafter. Sie lasen es, in Auszügen, am 26. September in einem »maßgeblichen Organ des westdeutschen Rüstungskapitals« ("Neues Deutschland") -- in der »FAZ« -, und sie reagierten gelassen.

Am 11. Oktober erschien im Zagreber »Vjesnik« eine humorige Glosse und vier Tage darauf in der Provinz-Ausgabe des Belgrader »Komunist« eine Leseprobe aus dem SED-Papier. Die Redakteure hofften, so ließen sie wissen, daß »unsere Kollegen von der Presse der DDR die Veröffentlichung dieses Textes (in der »FAZ") übersehen haben«. Erst am 23. Oktober -- aus Ost-Berlin lag noch immer kein Dementi vor -- druckte der »Komunist« in seiner Hauptstadt-Ausgabe eine ganze Seite DDR-Text.

Am 25. Oktober endlich publizierte »Neues Deutschland« auf der siebten Seite eine 16-Zeilen-Meldung der staatlichen Nachrichten-Agentur ADN -- der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst: »Dieses »Dokument« ist von A bis Z gefälscht.« Das SED-Zentralkomitee aber, Herausgeber der »Informationen«, schwieg.

»Komunist« -Redakteur Zdravko Micic zum SPIEGEL: »Wir meinen, daß ein derartiges Dementi nicht vollkommen den Zweifel über dap Bestehen eines solchen Dokuments beseitigen kann«, und beim Belgrader KP-Organ »Borba« verdichteten sich die Zweifel am Donnerstag letzter Woche zu der Schlagzeile: »Mysteriöse Angriffe auf Jugoslawien«.

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