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Frankreich Eroberung der Welt

Ein beispielloses Netz von Hypermärkten läßt die Innenstädte veröden. Präsident Chirac hat den Konsumkraken den Kampf angesagt.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Ein Ort wie aus dem Bilderbuch der französischen Provinz: Von fern klingt das Rauschen des Atlantiks, ein lauer Wind streicht durch duftende Pinienwälder, gleich hinter den Häusern grüßen die grünen Täler der Pyrenäen.

Für die Familie Bonnet aus Tarnos aber liegt das wahre Paradies direkt am Ortsrand: das gigantische Einkaufszentrum »Mammouth«, das sich in grüner Leuchtschrift als »Lebenszentrum« anpreist.

Das ist längst keine Übertreibung mehr. Der Konsumhangar hat das Leben der Bonnets und der Region verändert. Vater Marcel geht nun samstags nicht mehr angeln, er schwelgt bei Kunstlicht im Warenangebot zwischen Heimwerkergeräten, dem Bistro und der Lottostelle - alles unter einem Dach.

Mutter Geneviève läßt sich beim »Coiffeur Saint Charles« ondulieren und bestaunt glitzernde Juwelierauslagen; derweil rackern sich ihre drei Kinder an Videospielen ab und stopfen sich im »Beefburger-Shop« voll.

Vor der Heimfahrt füllen die Bonnets zwei gewaltige Caddies mit Schinken und Wein, in Plastik gehüllte Torten, Tennissocken im Dutzend und abgepacktem Gemüse; früher haben sie das hinterm Haus selbst gezogen.

Kein Land der Erde, nicht einmal die USA, hat - gemessen an der Einwohnerzahl - ein so dichtes Netz riesiger Verkaufszentren um seine Kommunen gelegt wie Frankreich. 8771 Einkaufshallen mit flugplatzgroßen Parkflächen bedecken inzwischen über 13 Millionen Quadratmeter der Republik, 60 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Nach Großstädten wie Paris, Marseille und Bordeaux umklammern die Konsumkraken mit ihren Fangarmen längst auch Mittelstädte wie Orléans oder Tarbes und selbst kleine Orte wie Tarnos.

Diese »ausgelagerten Stadtzentren«, klagt Jean-Pierre Lehmann, Anführer einer neugegründeten Anti-Hypermarché-Bewegung, die sich »Nationaler Verband der Innenstädte« nennt, schaffen »Öde und zerstören soziales Leben«.

Anfang Mai erhielt Lehmann, Textil-Einzelhändler in Nantes, Unterstützung von höchster Stelle. In dem ihm eigenen Brachialstil attackierte Staatspräsident Jacques Chirac die »außerordentlich negative Bilanz« der Megahändler und verdammte dieses »rein französische Phänomen, das es praktisch nirgendwo sonst auf der Welt gibt«.

Der Gaullist mit den Wurzeln im ländlichen Departement Corrèze, der ohne die Stimmen der Kleinhändler, Handwerker und Bauern den Elysée-Palast in Paris nicht erobert hätte, sorgt sich um die Störung des »territorialen Gleichgewichts« und um den Verlust an »Gemeinschaftsleben«, für die er die Verkaufsgiganten verantwortlich macht.

Mit ihren Kinos und Pizzalokalen, endlosen Lebensmittelregalen, Gartencentern und Boutiquen ziehen die »grandes surfaces« die Käufermassen aus den Innenstädten ab. Bäckereien und Blumengeschäfte, Frisiersalons und Plattenläden machen dort dicht. Den Lebensmittelgeschäften in den Stadtzentren sind nur noch 10 Prozent des Umsatzes geblieben, 1970 hielten sie noch 35 Prozent.

Da das »centre commercial« am Stadtrand oft bis 22 Uhr geöffnet ist, veröden abends Fußgängerzonen und Bistros um die Rathäuser von der Bretagne bis zur Côte d'Azur: deutsche City-Tristesse à la française.

Die Chirac-Regierung hat jetzt verfügt, daß neue Läden, die über 300 Quadratmeter groß sind, die Zustimmung eines Aufsichtsgremiums für ihre Eröffnung brauchen; bisher galt das nur bei Verkaufsflächen von über 1000 Quadratmetern. In den Kontrollkommissionen sollen die Bürgermeister weniger zu sagen haben, denn die Stadtherrscher ließen sich in der Vergangenheit Baugenehmigungen oft mit Schmiergeldern abluchsen. Die Gier nach dicken Gewerbesteuereinnahmen zerstreut meist alle Bedenken.

Chiracs Bannstrahl beeindruckt den Marktführer Carrefour (117 Filialen, 26,2 Milliarden Mark Jahresumsatz) und die anderen Konsumkolosse wie Casino oder Intermarché kein bißchen. Seit Carrefour 1963 in Sainte-Geneviève-des-Bois bei Paris das erste Einkaufszentrum hochzog, sind die Hypermärkte Teil französischer Lebensart geworden wie die 430 McDonald's-Filialen im Land.

Vor allem die ländliche Bevölkerung, sagt der Rathauschef des südwestfranzösischen Capbreton, Jean-Pierre Dufau, sei »geradezu süchtig« nach den Warentempeln: Sie suggerieren den Provinzlern einen Hauch von Weltniveau. Sozialist Dufau, in dessen Seebad - 5000 Einwohner im Winter, 50 000 im August - sich nicht weniger als drei Supermärkte breitmachen, verabscheut die »menschenfeindliche Atmosphäre« der Handelshallen, sieht aber kein Zurück mehr.

Doch viele kleine Ladenbesitzer wollen nicht vor den Übermächtigen kapitulieren. Lehmanns Händlerbund möchte mit Park-and-Ride-Systemen, kostenlosen Einkaufswagen und gar besoldeten Taschenträgern die Kunden in die Innenstädte zurückholen. Mehr Kinos, Restaurants und Fachgeschäfte mit Regionalspezialitäten sollen einen attraktiven »Stadt-Dorf-Charakter« herbeizaubern.

Die Giganten schmunzeln über derlei Naivität. Sie halten einen »Rückfall ins Mittelalter«, so Michel-Edouard Leclerc, Ko-Präsident der gleichnamigen Handelskette, für absurd. Weil sie als Großaufkäufer bei Fischern, Landwirten und Winzern fast alles billiger anbieten können, kommt ihnen Frankreichs neue Sparsamkeit gelegen. Wenn das Baguette im Hypermarkt nur 2,60 Francs kostet statt 4 in der Bäckerei im Zentrum, werden auch Traditionalisten schwach. Und wer will schon 6,92 Francs für einen Liter Super zahlen, wenn er bei Mammouth für 6,07 Francs tanken kann? Letztes Jahr betrieben 3770 Kommerzzentren Zapfsäulen, hingegen sank zwischen 1981 und 1995 die Zahl der Tankstellen von 42 500 auf 18 000.

Durch den Erfolg zu Hause ermuntert, haben die Megahändler zur »Eroberung der Welt« (Le Journal du Dimanche) angesetzt. Carrefour wird allein in diesem Jahr 30 Hallen in Spanien, Zentralamerika, Thailand und sogar China bauen. Leclerc läßt sich in Portugal und Polen nieder, Auchan will Südeuropa beglücken.

Falls Staatspräsident Chirac diesen Großverteilern »den Prozeß machen« wolle, höhnte Leclerc, müsse er schon Philipp dem Schönen nacheifern. Der finanzknappe König erreichte 1312 beim Papst die Auflösung des reichen Templerordens, dessen Mitglieder grausam verfolgt wurden. Das Vermögen kassierte Frankreichs Krone.

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