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»Erst eine Niete und dann das Große Los«

aus DER SPIEGEL 34/1979

Vom Hochsee-Segeln habe ich die Nase voll -- zumindest für dieses Jahr. Damit habe ich bereits das erste der vielen Versprechen gebrochen, die ich, wem auch immer, während des mehr als zwölf Stunden dauernden Orkans in der Irischen See gegeben hatte: Wenn du hier heil rauskommst, ist Schluß mit der Segelei. Ein Entschluß, der mir damals, das ist heute drei Tage her, so leicht fiel.

Dabei hatte alles so gemütlich angefangen, als die über 300 Jachten am 11. August aus den Häfen von Cowes an den Start zum Fastnet Race liefen. Wie 1975 und 1977 brachten uns vom Wetterbericht angesagte westliche Winde mit drei bis vier Windstärken an der englischen Südküste entlang nach Land?s End, dem Ausgang zur Irischen See. Wie 1975 und 1977 empfing uns am Montagmorgen das letzte Stückchen England mit einer recht ruppigen See und Stunden anhaltender totaler Flaute. Wir, die neun Mann von der »Tai Fat« der Hamburger Regatta Gemeinschaft, einem 1973 gebauten Holzschiff von knapp 12 Meter Länge, beten um wenigstens so viel Wind, daß der Wetterbericht wieder wahr werde.

Bei unserer Windbestellung müssen wir vergessen haben, eine Grenze nach oben anzugeben. Unser Wunsch jedenfalls wird in überreichlichem Maße erfüllt. Vom späten Nachmittag bis Mitternacht dieses Montags steigert sich das laue Lüftchen über Wind, starken Wind und Sturm zum Orkan. Wir schießen zuletzt nur noch unter einem winzigen Sturmvorsegel mit über sechs Knoten Fahrt auf Fastnet Rock, die Wendemarke an der irischen Küste, zu.

Vorgewarnt hatte uns nur das Barometer, das mit rasender Geschwindigkeit auf 983 Millibar abfällt. Die Sicht, eh schon nicht gut, wird miserabel, Gischt peitscht über Deck, das Schiff nimmt viel Wasser über.

Eine gewaltige See baut sich auf. Noch können wir den direkten Kurs auf den Felsen halten. An Deck sind nur noch der Rudergänger und ein Standby-man; der Rest der Mannschaft versucht, unter Deck zu schlafen.

Die See wird jetzt bemerkenswert hoch. In rabenschwarzer Nacht sehen wir Wellen auf uns zukommen und unter dem Schiff ablaufen, die wir nicht mehr abschätzen können. Es wird ungemütlich. Die See hat gerade zwölf Grad, und der Wind ist eisig und erreicht in schweren Böen 60 Knoten. Im Schiff steigt das Wasser über die Bodenbretter. Die Lenzpumpe versagt den Dienst. Mit Eimern und Plastikschüsseln gehen 200 Liter außenbords. Die See nimmt immer mehr an Höhe zu. Wir schießen in rasender Fahrt Berge hinauf und in tiefe Wellentäler hinein. Der Mast ächzt und zittert, wir hoffen auf unsere Wanten und Stage. Sogenannte Karwenzmänner, Wellen, deren Kamm bricht, werden zur Regel. Das Aussteuern erfordert höchste Konzentration. Ich sitze bei Christian Schaumlöffel, einem unserer Rudergänger, und habe Angst, Angst sowohl vor dem Hinaufreiten auf Wellen, deren Höhe wir erst erkennen können. wenn wir die schäumende Krone erreicht haben, als auch Angst vor der Schußfahrt in Täler, deren Tiefe erst deutlich wird, wenn wir den Himmel nur noch wie durch einen Trichter sehen. Nur wenig Trost, daß ich weiß, ich bin mit meiner Angst nicht alleine.

Ich bete, daß es Tag werde, und dieser gottverdammte Sturm sich endlich -welch bescheidene Bitte -- um wenigstens zehn Knoten abschwächen möge. Der Tag kommt, der Sturm bleibt. Das Tageslicht zeigt, was die Nacht uns gnädig verdeckte; ich wünsche, es wäre wieder Nacht. Die Seen sind schrecklich, furchterregend, riesig, haushoch; regelmäßig schlägt das Cockpit mit Wasser voll.

Endlich kurz vor sechs Uhr Wachwechsel. Steifgefroren, klatschnaß legen wir uns auf die unter Deck lagernden ebenso nassen Segel und versuchen, wenigstens für kurze Zeit die Augen zuzumachen. Verdammt schwer bei dem Höllenlärm, den Wind, Wellen und das Schiff machen, bei dem Ächzen des Mastes und den Wassermassen, die jedesmal unter Deck einschießen, wenn wir Wasser übernehmen.

Die nächste Wache reitet die Wellen ebenso präzise ab, kann aber auch nicht verhindern, daß das Schiff immer weiter nach Lee abgetrieben wird. Wir stehen, das bestätigt eine Funkpeilung, jetzt fast östlich vom Rock, der noch etwa 30 Seemeilen vor uns liegt. Das bedeutet eine voraussichtlich endlose Kreuz gegen Seen, deren jede uns alle zittern läßt, weiß Gott nicht nur vor Kälte. Jeder, das gestanden wir uns nach der glücklichen Ankunft in Plymouth, hatte nur noch einen Gedanken: Schiff und Mannschaft heil zurückzubringen. Alle gelobten, wenn das gelänge, sollte das die letzte Reise in solchen Gewässern, die Ostsee, wenn überhaupt, fürderhin unser Revier sein.

Einige Crew-Mitglieder werden seekrank, einer schafft nicht einmal mehr den kurzen Weg zum Klo. Er versucht, die Spuren seiner Tat, völlig abwesend und von den abrupten, harten Schiffsbewegungen hin- und hergeworfen, mit dem Fuß zwischen die Bodenbretter zu schieben; dann legt er sich wieder hin. Zwei bleiben erschöpft in den Kojen.

Um 7.15 Uhr treffen sich alle, soweit sie noch stehen können oder wollen, zu einer »Konferenz«. Mit dem uns allein verbliebenen einen Sturmvorsegel -- das zweite hatte der Wind zerfetzt, als das Zwischenstag brach -- können wir, da sind sich alle einig, die Meilen zum Fastnet nicht aufkreuzen. Wir beschließen, das Rennen aufzugeben und die über 200 Seemeilen nach Plymouth abzulaufen.

Wir halsen, das heißt, wenden das Schiff vor dem Wind und sind hernach alle erstaunt, daß das so einfach geht. Wir sind erschöpft, und doch weckt der gemeinsame Entschluß neue Kräfte. Wir teilen Zweierwachen ein, die sich in möglichst kurzen Abständen ablösen sollen, da die Konzentration immer schneller nachläßt. Unter Deck gibt es keinen trockenen Fleck mehr. Die Deckswache von oben, die Freiwache von unten beobachten ständig den Windspeedometer und atmen auf, wenn der Zeiger nach einer der brutalen Böen auch nur auf 50 Knots zurückgeht. Doch das ist die Ausnahme. Der Orkan hält unvermindert an.

Es wird zum Lotterie-Spiel, ob der nächste brechende Kamm nur über Deck stürzt oder das Schiff kentert. Wir ziehen eine Niete und dann das Große Los. Birger Steinbrück, unser Navigator, sieht nach längerem Rudergehen eine riesige Welle auf sich zukommen, deren Kamm zu brechen beginnt, als sie nur noch wenige Meter von der »Tai Fat« entfernt ist. Dann stürzt sie sich auf das Boot, der Rudergänger sieht den Bootsrumpf unter sich wegdrehen, bevor er unter Wasser gezogen wird; der Bootskörper schlägt sekundenschnell nach Lee in ein Wellental, die Mastspitze geht unter Wasser; ebenso blitzartig richtet sich das Boot wieder auf.

Der Mast steht und bleibt stehen. Die gesamte Elektronik am Masttop ist in der See geblieben, Birger wird außenbords geschleudert und landet mit der nächsten Welle nahezu auf seinem Sitzplatz. Die an Deck verzurrte Rettungsinsel geht über Bord und bläht sich in erfreulich kurzer Zeit auf; unmittelbar danach bricht die Sicherungsleine, die Insel treibt schnell nach Lee ab.

Unter Deck ist Chaos. Alles, was nicht gesichert ist, schießt unkontrolliert durch das Schiff. Peter, unser Koch, landet zunächst auf den Aufbauten der Pantry und wird dann dorthin zurückgeschleudert, wo er vorher stand. Ich wache auf einem Segel zwischen Mast und Koje liegend von einem kanonenschußartigen Knall auf und schlage kurz hintereinander mit dem Kopf mehrfach abwechselnd an Mast und Kojenrand; danach bleibe ich eine ganze Weile liegen. Diagnose der Mannschaft: Schock. Nur der Kopf, keine wichtigen Teile verletzt.

Wer kann, stürzt nach oben an Deck. Da steht Birger und sieht geistesabwesend der davontreibenden Rettungsinsel nach.

Nico Jansen steigt in Windeseile in sein Ölzeug, das er stets so griffbereit hat wie andere ihre Zigaretten, übernimmt das Ruder und schickt den immer noch fassungslosen Birger nach unten.

Dieser Sturz, die stündlichen Nachrichten, die von Mal zu Mal mehr Tote nennen, und der Verlust der Rettungsinsel haben die Moral der ganzen Mannschaft angeschlagen. Die Frage, ob wir weiterfahren oder auch das letzte Segel bergen und vor dem Wind mit Treibanker driften sollen, wird nur noch von zweien ernsthaft erörtert. Mir ist alles egal, Rudolf, Nicos Bruder, sagt, Treibanker sei das einzig Richtige, jedes Stück Segel zuviel.

»Tai Fat« liegt nun ruhig und driftet mit zwei bis drei Knoten. Diese Ruhe brauchen alle. Als dann zwei, drei Stunden später der Wind erstmals unter 50 Knoten geht, ist auch die ganze Crew wieder lebendig.

Wir beschließen, das Stagsegel erneut zu setzen. Die See beruhigt sich zusehends; uns kommt es so vor, als seien die Wellen nur noch halb so hoch.

Da wird plötzlich in Lee voraus Rot geschossen. Wir fallen ab und sehen eine kleine Jacht mit Namen »Grimalkin«, ohne Mast, der Bootskörper zu drei Vierteln bereits unter Wasser, am Ruder ein einsamer Mann. Noch ehe wir näher kommen, steht ein Hubschrauber der »Royal Navy« über dem Boot. Er hat Schwierigkeiten, sich in dem immer noch heftigen Wind zu positionieren. Schließlich gelingt es ihm, einen Winchman an Deck der »Grimalkin« zu setzen. Der kommt am Heck auf, wird durch eine plötzliche Drehung des Schiffes über die ganze Länge in. den Bugkorb geschleudert, steht auf, als sei nichts geschehen, und legt dem Rudergänger die rettende Leine um, an der er an Bord des Helikopters gezogen wird.

Dann steigt er unter Deck und holt einen offenbar ohnmächtigen Mann heraus, mit dem er zusammen aufsteigt. Wie wir später erfahren, waren zu diesem Zeitpunkt bereits zwei »Grimalkin«-Segler tot, der dritte von unter Deck stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

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