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LÜBKE-REISE Erst mal nachfragen

aus DER SPIEGEL 10/1966

Von der Terrasse der »Villa Berlin«,

der Residenz des deutschen Botschafters Steffen in Madagaskars Hauptstadt Tananarive, gab Bundespräsident Heinrich Lübke eine Lektion in Staatsbürgerkunde.

»Sie tragen im Ausland die gleiche Verantwortung wie unsere Diplomaten«, belehrte das Staatsoberhaupt seine Landsleute. Die kleine deutsche Kolonie hatte sich, das Sektglas in der einen, die auf Lübkes ausdrücklichen Wunsch mitgebrachten Kleinkinder an der anderen Hand, auf dem gepflegten Rasen des Gartens um ihn geschart.

Und da der Bundespräsident nicht eine vorbereitete Ansprache verlas, sondern frei redete, erfuhren »die lieben Landsleute« weiter: »Wenn Sie sich schlecht verhalten gegenüber der Bevölkerung, dann dürfen Sie sich nicht wundern, daß sie so aus dem Wald herausruft.«

Heinrich Lübke allerdings konnte in Tananarive, der ersten offiziellen Station seiner dritten Afrika-Reise als Bundespräsident, über das Echo der Bevölkerung auf seinen Besuch nicht klagen. Am Dienstagmittag letzter Woche, als im Rheinland der Karneval wogte, hatten die Madagassen ihrem Gast einen fröhlichen Empfang bereitet.

Schon auf dem stadtnahen Flughafen Ivato drängte sich eine bunte Menschenmenge und begleitete mit Lachen, Schwatzen und Winken den Austausch der Begrüßungsreden zwischen dem Bundespräsidenten und seinem Gastgeber, Staatspräsident Philibert Tsiranana. Dabei flocht Lübke in seine Rede die Bemerkung ein, er habe vernommen, daß die Bevölkerung »glücklich, zufrieden und wunschlos« sei: »Ob letzteres wirklich stimmt, werde ich beim Präsidenten erst mal nachzufragen haben.«

Kaum hatten die beiden Staatsoberhäupter anschließend das weiße Buick -Kabriolett mit dem Kennzeichen PR bestiegen - ein Automobil, das Tsiranana nur bei Staatsbesuchen aus der Garage holen läßt, während er sonst einen Opel Kapitän oder einen Mercedes benutzt -, als der achte Zyklon dieser Regenzeit die Insel überquerte. Doch eine unüberschaubare Zahl Madagassen, die meisten barfuß, ließ sich dadurch nicht stören.

Der Jubel, der Lübke bis zum Rathausplatz begleitete, erstickte restlos alle Versuche einer Gegendemonstration, zu der die in Opposition zur regierenden sozialistischen Partei PSD stehende linksnationalistische AKFM aufgerufen hatte. Die Zeitungen dieser Partei, deren Auflage nur selten jeweils 500 Exemplare übersteigt, hatten schon seit Wochen gegen den Besuch des Bundespräsidenten polemisiert.

Die Blätter hatten wortgetreu die aus Ost-Berlin stammenden Vorwürfe gegen Lübke übernommen. Auch die Plakate mit den Porträts des Bundespräsidenten, seines Gastgebers und dem Katzenkopf-Emblem der PSD waren von Anhängern der AKFM mit dem Satz: »Wir Studenten fordern Aufklärung für das, was Sie im Dritten Reich getan haben!« überklebt worden. Die Regierung hatte daraufhin die Zeitungen beschlagnahmt und die Plakate abermals überkleben lassen.

Als der Bundespräsident schließlich vor dem Rathaus von Tananarive eintraf, absolvierte jedoch AKFM-Chef Andriamanjato, Bürgermeister der Hauptstadt und Pastor, anstandslos die Begrüßungsansprache. Was er sagte, blieb weithin unverständlich, ebenso wie die Reden Tsirananas und Lübkes.

Ein Blitz hatte die Mikrophonanlage auf dem Platz außer Betrieb gesetzt.

Während Lübke dann bei seiner zweiten Rede auf dem Boden Madagaskars das Präsidenten-Ehepaar Tsiranana mit den Worten ansprach: »Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Tananarive«, bemühte sich die aus Mangel an Pferden zu Fuß marschierende Kavallerie des Landes, angefeuert von gezischelten Kommandos Tsirananas, den als Schutz aufgestellten Baldachin vor dem Einsturz zu bewahren.

Ärger hatte es auch wegen des Ordensaustausches gegeben, den die beiden Präsidenten später absolvierten. Ein über mehrere Tage geführter Papierkrieg zwischen der deutschen Botschaft und dem madagassischen Protokoll hatte mit einem Kompromiß geendet, der Frau Lübkes Friseuse, Loni Schmidt, eine Medaille bescherte.

Die Haarkünstlerin, die Frau Wilhelmine auf allen Reisen begleitet und schon eine Anzahl Orden ihr eigen nennen kann, hatte auf der Vorschlagsliste der Botschaft gestanden. Die madagassische Regierung aber sträubte sich gegen eine solche Verwendung, bis man schließlich darauf verfiel, der Loni eine Art Verdienstmedaille zukommen zu lassen.

Der Abend des ersten Besuchstages bescherte beiden Seiten weitere Überraschungen. Der Bundespräsident überreichte Tsiranana als Gastgeschenk ein Fernsehgerät. Es kann dem Staatsoberhaupt Madagaskars vorerst allerdings nicht nützen, denn einen TV-Sender gibt es auf der Insel noch nicht.

Die deutsche Delegation wiederum fand in ihren Quartieren als Gegengabe ausladend dimensionierte Holztische vor. Um einen Transport für diese Präsente bemüht, schaltete sich Entwicklungshilfe-Minister Scheel ein, der Lübke als Vertreter von Außenminister Schröder begleitet: Über den Kanzler der deutschen Botschaft forderte Scheel höchstpersönlich Werkzeug zum Zerlegen der Möbel an.

Der folgende Tag stand im Zeichen des deutschen Geldes und Liedes. Schon am Morgen während eines politischen Gespräches teilte der Präsident seinem Gastgeber mit, die Bundesregierung werde Madagaskar nach den bisher zugesagten 34 Millionen eine weitere Kapitalhilfe von 14 Millionen und neuerlich technische Hilfe im Werte von 1,5 Millionen Mark gewähren.

Nicht unerwartet, doch unerwünscht sah sich Lübke daraufhin plötzlich von den Madagassen als Musterknabe gepriesen. Mit einer deutlichen Spitze gegen Frankreich, das sich durch seine Hilfe in der ehemaligen Kolonie zu einer wirtschaftlichen Vorrangstellung verholfen hat, veröffentlichten die regierungstreuen Zeitungen Madagaskars eine frühere Ansprache des Bundespräsidenten mit der programmatischen Überschrift »Hilfe ohne Profit«.

Die Afrika-Reise des Staatsoberhauptes führt - mit Ausnahme Kenias - nur durch ehemaliges französisches Gebiet. Deshalb hatte Lübke schon vor dem Start vom Flughafen Wahn betont. Bonn wolle nicht mit Paris in einen Wettstreit um die afrikanischen Länder eintreten.

Als Gegenleistung für die Bonner Hilfe machten die Madagassen sich mit

Eifer zu Fürsprechern der Wiedervereinigung: Auf Spruchbändern, die zwar nicht immer die Beherrschung der deutschen Orthographie, wohl aber der deutschen Sprachregelung verrieten, wurde versichert, Madagaskars Volk trete für die deutsche »Self-Bestimmung« ein. Präsident Tsiranana erläuterte: »Die Unterstützung der Wiedervereinigungspolitik ist die einzige Hilfe, die wir Ihnen als Gegenleistung anbieten können.«

Nachdem man sich auf dieser Basis getroffen hatte, wurde das Bündnis im Präsidenten-Palast besiegelt. Mit herrischer Gebärde, die den früheren Lehrer verriet, forderte Tsiranana mittags die Tischgesellschaft zum Hinsetzen auf. Dann wurde in einen riesigen Saal eine Zuckerbäcker-Pyramide getragen, gekrönt mit den eßbaren Flaggen der Bundesrepublik und Madagaskars.

Eigenhändig zerteilte Tsiranana die beiden Flaggen, legte von jeder eine Hälfte auf seinen Teller und den seines Gastes, und gemeinsam verspeisten er und Heinrich Lübke diesen Gipfel der Konditorkunst. Eine madagassische Kapelle untermalte die neuartige Zeremonie außenpolitischer Verbrüderung mit dem Brahms-Lied »Guten Abend, gut' Nacht«.

Während des Essens kommentierte Tsiranana im Gespräch mit seinem Gast sehr offenherzig die Nachrichten vom Umsturz in Ghana, die ihm laufend nachgereicht wurden: »Nkrumah hätte sich lieber um sein Land kümmern sollen, statt den großen Mann in der Weltpolitik zu spielen.«

Für Heinrich Lübke war der Tag noch lange nicht zu Ende. Nach dem Mittagessen besichtigte er gemeinsam mit seinem Gastgeber die Erwachsenen -Schule »Fondation Philibert Tsiranana«. Die Baukosten hatte die der SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung getragen, was der deutschen Leitung des Hauses die Idee eingab, Lübke mit dem Spruchband: »Nur der Sozialismus garantiert den Völkern Entwicklung und Erfolg« zu begrüßen.

Bis ins kleinste Detail prüfte Lübke diese Behauptung nach. Geführt von Elmar Müller, dem deutschen Leiter des Heimes, besichtigte der Bundespräsident sogar die Duschräume und Toiletten. Sein Urteil fiel positiv aus. Vor der langen Reihe der Brausen stehend, meinte das Staatsoberhaupt: »Die Leute müssen ja auch mal lernen, daß sie sauber werden.«

Später, bei einem Empfang in der Botschafter-Residenz, lobte der Präsident seine Auslanddeutschen: »Der gewaltige Aufmarsch der Bevölkerung rührt von denen her, die hier gearbeitet haben.«

Ehe der Bundespräsident anderntags Tananarive verließ, um eine Rundreise durch das Land zu unternehmen, besuchten er und Frau Wilhelmine am Mittwochabend noch eine Folklore-Veranstaltung. Das einheimische Ensemble verabschiedete sich, indem es das von einem Referenten der Friedrich-Ebert -Stiftung deutsch und madagassisch einstudierte Lied »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus« anstimmte.

Das Ehepaar Lübke klatschte im Takt mit. Frau Lübke war begeistert. Beim Hinausgehen rief sie Angehörigen der deutschen Kolonie zu: »Es war schön, nicht? Wunderbar!«

Madagaskar-Besucher Lübke, Gastgeber*: Zum Diner eine halbe Flagge

* Staatspräsident Tsiranana, Ehefrau auf dem Flughafen Ivato.

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