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TARIFRUNDE Erst mal Pause

Die IG Metall hat sich im Streit um die Arbeitszeit in eine schlechte Position manövriert. Franz Steinkühler sucht nach einem Ausweg. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Werner Stumpfe ließ seinen Partner hängen. Die eilige Botschaft aus der Frankfurter IG-Metall-Zentrale, die den Präsidenten des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall am Donnerstag vergangener Woche, kurz nach 16 Uhr erreichte, ließ ihn offenbar kalt.

Metaller-Chef Franz Steinkühler hatte Stumpfe mitgeteilt, er sei »von heute an jeden Tag« zu einem Spitzengespräch bereit. Außerdem bat er um »unmittelbaren telephonischen Rückruf« zur Absprache eines Termins. Der Arbeitgeberpräsident meldete sich nicht. Auch als Steinkühler seinerseits versuchte, mit Stumpfe zu telephonieren, war der für ihn nicht erreichbar.

Die Arbeitgeber drängt es nicht sehr, der IG Metall aus der Misere zu helfen, in die sich die Gewerkschafter selbst manövriert haben. Nach über 90 regionalen Gesprächsrunden sind die Tarifverhandlungen um die 35-Stunden-Woche festgefahren, und die IG Metall kommt nun allmählich in Zeitnot.

Wegen der Osterferien kann die Gewerkschaft ihre Leute erst wieder nach den Feiertagen für einen Arbeitskampf mobilisieren. Die Zeit ist knapp, denn sieben Wochen später beginnen bereits in Hessen die Schulferien, bald darauf auch in Baden-Württemberg, wo sich die Metaller am stärksten fühlen.

Stumpfe kann seinen Kontrahenten Steinkühler bequem aussitzen. Mit jedem Tag, der verstreicht, verschlechtern sich die Kampfbedingungen für die Metaller.

Steinkühlers sozialdemokratische Freunde stecken Niederlagen bei den Landtagswahlen ein, und die Konjunkturforscher werden mit Prognosen immer pessimistischer. Statt drei Prozent sagen sie nun nur noch ein bis zwei Prozent Wirtschaftswachstum voraus. Je länger sich die Tarifrunde hinzieht, um so weniger gibt es am Ende zu verteilen.

Die Arbeitgeber waren diesmal von Anfang an Herr der Lage. Frühzeitig teilte ihr Verband Gesamtmetall in weitgestreuten Anzeigen mit, wo es langgeht: »Metaller setzen auf Vernunft«. Anders als vor dem siebenwöchigen Arbeitskampf 1984 gingen die Arbeitgeber rasch auf die Forderungen der Gewerkschaft ein, sie boten kürzere Arbeitszeiten und Lohnerhöhung an, die IG Metall sollte dafür mehr Flexibilität bei der Verteilung der Wochenstunden zeigen. Die Gewerkschaftsbasis, eingelullt von den sanften Tönen, gewann den Eindruck, diesmal liefe es ohne Streik ab. Ihre Unterhändler müßten in den Tarifverhandlungen nur geduldig und hartnäckig auftreten.

Auf den Gewerkschaftskundgebungen machte sich Langeweile breit, wenn die Funktionäre versuchten, für die 35-Stunden-Woche zu werben. Alle Argumente für die Arbeitszeitverkürzung sind den Metallern aus der Tarifrunde von 1984 noch bestens vertraut.

Steinkühler, dem nun seine erste Tarifrunde als Vorsitzender der IG Metall zu mißlingen droht, will mit einem Spitzengespräch die Initiative zurückgewinnen. Der Metaller-Chef mußte eingreifen, weil sich im wichtigsten Bezirk in Stuttgart, die Lage in der vergangenen Woche bedrohlich zuspitzte.

Bezirksleiter Ernst Eisenmann hatte den Arbeitgebern bereits beträchtliche Zugeständnisse abgerungen. So sollte Samstagsarbeit zum Beispiel nicht gegen das Veto der Betriebsräte angeordnet werden können. Außerdem erklärten sich die Arbeitgeber bereit, künftig auch gewerblichen Arbeitnehmern Monatslöhne zu zahlen, so wie es die Gewerkschaft immer gefordert hatte.

Verhandlungsführer Hans Peter Stihl ließ durchblicken, daß er den Metallern auch sonst entgegenkommen wollte. Eine Stunde Arbeitszeitverkürzung und 3,7 Prozent mehr Lohn seien drin.

Eisenmann ging jedoch nicht darauf ein. Er beharrte auf der 35-Stunden-Woche, die am Ende eines Stufenplans stehen müßte. An diesem Punkt wurden die Verhandlungen abgebrochen.

Die Große Tarifkommission der IG Metall erklärte die Gespräche für gescheitert und forderte die Mitglieder auf, den Druck auf die Arbeitgeber zu verstärken. Die Stuttgarter steuerten den Streik an.

Auf Steinkühlers Wunsch soll nun jedoch erst einmal Pause sein. Durch die vorgesehene Schlichtung sind die streiklustigen Schwaben bis in den Mai hinein kaltgestellt.

Das ist auch ganz im Sinne von Gesamtmetall. Im Arbeitgeberverband herrscht tiefes Mißtrauen gegen die Stuttgarter Unterhändler, weil dort Großunternehmen wie Daimler-Benz, Bosch oder BBC den Ton angeben. Ihre Repräsentanten gelten als nachgiebig, weil Großunternehmen eine Arbeitszeitverkürzung leichter verkraften als Klein- und Mittelbetriebe.

Rund 80 Prozent aller Gesamtmetall-Mitglieder sind jedoch Unternehmen mit weniger als 200 Beschäftigten. Statt in Stuttgart, wo er teuer käme, würden die Arbeitgeber deshalb den Durchbruch in der Tarifrunde gern anderswo erzielen. Wenn keiner der Bezirksfürsten in der IG Metall sich traut, hätten die Arbeitgeber auch nichts dagegen, falls der Vorsitzende Steinkühler den Erfolg einer Einigung für sich verbucht.

Langfristig möchte der Arbeitgeberverband weg von den ideologischen Ringkämpfen mit den Metall-Funktionären. Gesamtmetall wäre eine ähnliche Zusammenarbeit, wie sie die Chemie-Tarifpartner praktizieren, schon recht.

Den allseits respektierten Steinkühler wollen besonnene Arbeitgeber wie Stumpfe deshalb nicht gleich in seinem ersten Amtsjahr an der Spitze der IG Metall demontieren. Schließlich müssen sie noch lange mit ihm zurechtkommen.

So war der Kontakt zwischen Steinkühler und Stumpfe Ende vergangener Woche auch nur für kurze Zeit gestört. Noch vor Ostern, so ließ der Gesamtmetaller den Gewerkschafter wissen, werde ein Spitzengespräch stattfinden. _(Links: Tarifpolitiker Klaus Zwickel. )

Links: Tarifpolitiker Klaus Zwickel.

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