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Erste Narco-Demokratie

aus DER SPIEGEL 31/1992

Nach der Flucht des kolumbianischen Drogenkönigs Pablo Escobar aus dem Gefängnis fordern Politiker den Rücktritt von Staatspräsident Cesar Gaviria, dessen Kampf gegen die einheimische Rauschgift-Mafia sich als »totaler Fehlschlag« erwiesen habe, so der ehemalige Justizminister Enrique Parejo. Nationale und internationale Drogenexperten hatten schon seit Monaten darauf hingewiesen, daß Escobar offensichtlich völlig unbehindert aus dem Gefängnis heraus seine Geschäfte weiterführen konnte. In Wahrheit, fürchten vor allem ausländische Beobachter, habe Kolumbiens Regierung kaum noch eine Chance, sich der Drogenbarone zu entledigen. So errechneten Spezialisten der US-Regierung, daß die Kokain-Bosse von MedellIn und Cali allein in den vergangenen zwölf Monaten illegale Gewinne in Höhe von 3,6 bis 7,2 Milliarden Dollar nach Kolumbien eingeführt haben - mindestens dreimal mehr, als die kolumbianische Zentralbank für die vergangenen Jahre angegeben hatte. Weil das Geld bevorzugt in legalen Unternehmen angelegt wird, sei die wirtschaftliche Macht der Händler »weitaus bedeutender, als irgend jemand hier zugeben möchte«, glaubt ein US-Fahnder, der in Kolumbien arbeitet. Die Investitionen der Kartell-Chefs - vor allem in Handelsketten, in Automobilvertretungen und im Baugewerbe - sollen das Waschen weiterer Drogengelder ermöglichen. Mit Gewinnen aus den Tarnfirmen finanzieren die Drogenhändler überdies die Wahlkämpfe von Politikern. »Wir erleben«, so der US-Experte resigniert, »die Geburt der ersten Narco-Demokratie der Welt.«

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