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BONN / BUNDESPRÄSIDENT Erste Wahl

aus DER SPIEGEL 45/1968

Als Deutschlands Sozialdemokraten endlich ihren Präsidentschaftsbewerber nominiert hatten, fand die Proklamation des Kandidaten kein Gehör.

In Berlins Sportpalast versuchte SPD-Chef Brandt am Freitag letzter Woche zunächst vergeblich, einer SPD-Massenversammlung mitzuteilen, daß seine Partei Bundesjustizminister Gustav Heinemann gekurt habe. Während Brandt vom mit rotem SPD-Tuch geschmückten Podium herab Heinemanns Qualitäten anpries -- »Unbestechlichkeit des Alters gepaart mit Duldsamkeit« -- wurden die Berliner unduldsam.

Im Mann-zu-Mann-Kampf schlugen Ordnungsliebende auf junge Linksrebellen ein, die Brandt mit »Pfui«- und »Weinbrandt«-Rufen begrüßt hatten. Als die Hiebe der Saalordner mit »SA marschiert« quittiert wurden, steigerte sich das Getümmel derart, daß Brandt seine Heinemann-Hymne abbrach und minutenlang dem Kampf auf den Rängen zuschaute. Erst die Wiederholung (Brandt: »Ich hatte versucht, darzutun ...") gelang.

Sosehr die Vorstellung des abwesenden Kandidaten Heinemann mißglückte: Er kann das erste sozialdemokratische Staatsoberhaupt in Deutschland seit Friedrich Ebert werden.

Denn schon vor Wochen hatten Walter Scheels Liberale der SPD-Führung ihre Unterstützung bei der Wahl eines sozialdemokratischen Nachfolgers für Bundespräsident Heinrich Lübke signalisiert. Der FDP- Wunschkandidat war identisch mit der ersten Wahl der SPD: Gustav Heinemann.

Mit einer solchen Entscheidung hofft die FDP, endgültig den Makel aus der Adenauer-Ära loszuwerden, sie sei nur ein zu Bürgerblock-Koalitionen taugendes Anhängsel der CDU/CSU. Zugleich aber will sie sich jenen Sozialdemokraten als unabhängige politische Kraft präsentieren, die 1966 eine kleine Koalition aus SPD und FDP verhindert hatten, weil auf die Freien Demokraten doch kein Verlaß sei.

Eben dieses Mißtrauen freilich brachte die Sozialdemokraten dazu, trotz der Heinemann-Sympathie der FDP-Führung über ihren Kandidaten nochmals nachzudenken.

Um die im ersten und zweiten Wahlgang der Bundesversammlung erforderliche absolute Mehrheit von 519 Stimmen zu gewinnen, braucht Heinemann neben den 450 SPD-Stimmen nämlich mindestens 69 der insgesamt 84 FDP-Stimmen. Und SPD-Vize Herbert Wehner rechnete sich aus, daß die FDP-Führung allenfalls ihre 49 Bundestagsabgeordneten, nicht aber ihre 35 Wahlmänner aus den Ländern auf den SPD-Kandidaten einschwören könne.

Sollten sich aus dieser Gruppe nur 16 dem Parteibefehl nicht beugen, dann -- so befürchtet der SPD-Profos -- fiele Heinemann durch. Denn von den Christdemokraten hat der von der CDU abgewanderte Heinemann keine Stimme zu erwarten. Hinzu kommt, daß der Dissident Heinemann wegen seiner allzu bürgerlichen Herkunft auf Reserve im eigenen Lager stößt.

Der Sohn eines Krupp-Krankenkassendirektors hatte schon früh bürgerliche Karriere gemacht: Nach der Promotion zum Dr. jur. und zum Dr. rer. pol. wurde er nach kurzer Anwalts-Tätigkeit 1928, im Alter von 29 Jahren, Justitiar und Prokurist der Rheinischen Stahlwerke und rückte acht Jahre später in den Vorstand auf.

Im Dritten Reich unterstützte der engagierte Protestant Heinemann die regimefeindliche Bekennende Kirche. Nach dem Kriege wurde der Mitbegründer der CDU 1946 Oberbürgermeister von Essen, 1947 Justizminister von Nordrhein-Westfalen. 1949 holte ihn Konrad Adenauer als Innenminister in sein erstes Kabinett. Doch der Kanzler sollte seine Wahl bedauern.

Heinemann votierte gegen den Beitritt der Bundesrepublik zum Europarat und quittierte wenig später als erster Bundesminister aus Gewissensgründen seinen Dienst, weil Adenauer den westlichen Alliierten, ohne das Kabinett zu fragen, westdeutsche Soldaten offeriert hatte. 1952 trat Heinemann auch aus der CDU aus und gründete die neutralistische Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP), die sich 1957 wieder auflöste. Noch im selben Jahr wurde Heinemann SPD-Mitglied und beim Großen-Koalitions-Handel schließlich Chef im Justizressort.

Als Anfang dieses Jahres Kandidaten für die Nachfolge Heinrich Lübkes gesucht wurden, stand der Name Gustav Heinemann bei der SPD gleich ganz vorn.

Doch viele traditionsbewußte Genossen vermißten an dem Doppel-Doktor (Partei-Spitzname: »Gustav Gustav Heinemann") die rechte proletarische Herkunft.

So begaben sich einige Spitzengenossen vorletzte Woche auf die Suche nach einer Heinemann-Alternative, die anstatt bei der kleinen FDP beim großen Koalitionsbruder CDU/CSU Unterstützung finden könnte.

Es bot sich Bundesverkehrsminister Georg Leber an, der als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und ehemaliger Führer der Bauarbeitergewerkschaft auch auf der CDU-Linken wohlgelitten ist.

SPD-Fraktionschef Helmut Schmidt fühlte im Bundestag bei CDU-Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner und am Mittwoch vorletzter Woche telephonisch auch bei CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel vor: Ob die CDU/CSU einen SPD-Mann als Gemeinschaftskandidaten der Großen Koalition akzeptieren könne. Barzel sagte nein.

Doch an Mut zu Heinemann fehlte es den SPD-Führern noch immer. Als am Montag letzter Woche die aus sieben prominenten Genossen bestehende Kandidaten-Kommission~ in Berlin zusammentrat, präsentierte Wehner einen dritten Mann: den nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Heinz Kühn.

Kühn kam, lehnte ab -- und empfahl Gustav Heinemann. Zwei Stunden nach Mitternacht endlich hatten die sieben Partei-Weisen zu ihrem Ur-Kandidaten zurückgefunden.

Gleichwohl wurden weiter Kandidaten feilgeboten. Vor allem Springers Zeitungen (siehe Kasten Seite 82) wollten nicht von ihrem Präsidentschafts-Favoriten Leber lassen.

Und FDP-Chef Walter Scheel sah seinen Heinemann-Plan wieder in Gefahr: »Wenn Führungskräfte innerhalb der SPD beispielsweise den von der Publizistik offensichtlich favorisierten Dr. Heinemann nicht aufstellen wollen«, so warnte der Freidemokrat am Dienstagabend in Berlin, »dann werden sie diese Entscheidung allein tragen müssen.«

Ein letztes Mal kämpften die Genossen mit sich selbst. Dann, am Donnerstag und Freitag letzter Woche, kürten SPD-Präsidium, Parteivorstand, Parteirat und Kontrollkommission Dr. Gustav Heinemann zu ihrem Kandidaten um das höchste Staatsamt.

Im Parteivorstand war der Widerstand gegen Heinemann auf eine einzige Stimme geschrumpft: Nur die Berufsberaterin Edith Krappe, SPD-MdB und Schriftführerin des Parteivorstandes, hielt ihn bis zum Schluß nicht für berufen.

Dem Designierten lag Jubel fern: »Mit viel Zagen wegen der Größe der Aufgabe« sah Heinemann letzte Woche seiner nun möglichen Wahl entgegen.

*Mitglieder: SPD-Chef Willy Brandt, Vize Herbert Wehner, Schatzmeister Nau, Fraktionschef Helmut Schmidt, Fraktionsvize Alex Möller, NRW-Fraktionschef Johannes Rau und der bayrische SPD-Vorsitzende Volkmar Gabert.

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