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ERWACHSEN IN DEUTSCHLAND

aus DER SPIEGEL 46/1965

Der Schriftsteller Reinhard Lettau, 36, ist durch zwei Erzählungsbände, »Schwierigkeiten beim Hauserbauen« und »Auftritt Manigs« (SPIEGEL 49/1963), nicht nur in Deutschland bekannt geworden. Vom Pariser »Express« wurde er als ein junger deutscher Autor begrüßt, der endlich einmal »ohne Botschaft oder dokumentarischen Ehrgeiz« schreibe.

In einem Aufsatz über deutsche Nachkriegsliteratur hat »Time« kürzlich die rhetorische Frage gestellt, wie lange man noch von den Deutschen »message« -Literatur - Literatur mit einer (Schuld-) Botschaft - ertragen müsse. Sicherlich ist der 1940 geborene Peter Faecke einer jener nicht seltenen zeitgenössischen Autoren, die sich im Besitz einer solchen Botschaft befinden.

»Die Brandstifter« seines ersten, gleichnamigen Romans (1963) waren zwei Halbbrüder, die sich nach dem Kriege an ihrem Vater, der während des Krieges Nazi und ebenfalls Brandstifter gewesen war, durch Brandstiftung rächen. Hier war der klassische Anti -Vater-Elan des »Sturm und Drang« wie des Expressionismus psychologisch modernisiert und thematisch aktualisiert worden, indem er auf unsere bisher noch nicht bewältigte Vergangenheit gerichtet wurde.

Diese Botschaft ist, seit Vater Matzerath am Parteiabzeichen ersticken mußte, nicht erstaunlich, zumal wenn sie, wie hier, in modisch-glatter Sprache vorgetragen, modern perspektivisch gebrochen und mit so bekannten Motiven (Kartoffelfeuer, Gemischtwarenhandlungsgerüche, Photo-Album. Krawattenfetischismus, Turnhallenszenen, grausame Kinderspiele, erotische Spiele mit Polinnen) und einer Erzählhaltung ("wenn du willst«, »versteh recht«, »denk mal") auftritt, daß man das Buch zutreffender »Mutmaßungen über Katz und Blechtrommel« nennen könnte.

Der zweite, jetzt erschienene Roman Faeckes ist selbständiger als der erste. Dem Roman kommt zugute, daß der Autor mit einer einfacheren, konzentrierten Handlung gearbeitet hat. In Rückblenden, die in fünf Kapitel aufgeteilt sind, werden die Erlebnisse dreier Sommertage des Jahres 1941 erinnert, in deren Verlauf der damals 14jährige Ich-Erzähler »erwachsen« wird. Das heißt, er entdeckt, was um ihn herum geschieht: die Verschleppung und Ermordung der Zigeuner seines Landkreises.

Faecke bedient sich also der bei Günter Graß. Christian Grote ("Für Kinder die Hälfte"), Gisela Elsner ("Die Riesenzwerge"), Hubert Fichte ("Das Waisenhaus"), beispielhaft jedoch in den Anfangskapiteln des »Simplizissimus« verwendeten amoralischen Kinderperspektive, um ungeheuerliche Ereignisse »nebenbei«, ohne Wertung, unmittelbar und überzeugend vorzuführen. Er hat gewußt, daß durch die nicht wertende Nebeneinanderstellung von Zufällig-Privatem und Historischem die Darstellung authentischer werden kann.

Was für die Arbeiten von Graß so typisch ist: die Verknüpfung von Nebensächlichem und Schrecklichem, finden wir auch hier, wenn etwa zu gleicher Zeit beobachtet wird, wie eine Frau Wäsche aufhängt und wie Zigeuner verschleppt werden. Entsprechend erscheinen die Zigeunervernichtungstransporte am Anfang des Romans als unschuldige Sandkastenspiele, wie später, am Ende des Romans, die zeitweilige Befreiung einer alten Zigeunerin aus einem Wehrmachts-Hanomag nur den Charakter eines Jungenstreiches hat.

Also nicht durch die Entdeckung der Naziverbrechen, sondern durch ihre Wahrnehmung als Verbrechen wäre bei dieser Anlage des Romans der Punkt bezeichnet, an dem die Kindheit verloren ist. Faecke hätte damit gezeigt: Erwachsensein in Deutschland ist schuldiges Mitwissen.

Diesen Punkt aber hat er in einer konkreten Szene nicht zeigen, das heißt künstlerisch nicht realisieren können. Der »Moment der Wahrheit«, der Übergang von kindlichem Sehen zum mitschuldigen Begreifen ist nicht in einen Vorgang umgesetzt worden, sondern wird lediglich behauptet, diskursiv mitgeteilt: »Und ich wußte nur: die Zeit der Spielzeugkiste, die Zeit der Murmeln ist vorbei.«

Es fragt sich, ob Faecke es nötig hatte, seinen Roman so aufzubauen, daß er, um »abgeschlossen« zu sein, pointiert enden mußte. Hier wie in der Behandlung des außerordentlich dünnen Rahmens, der die Rückblenden umschließt und verbindet, ist Faecke ungeschickt. Der Rahmen liefert dem Erzähler die zweite, die Nachkriegsperspektive. Die Rahmenhandlung ist beherrscht von der Konfrontation des Erzählers mit dem »roten Milan« - einem von Hühnern

und Hasen gefürchteten Raubvogel, dessen Funktion hier darin besteht, mit sehr bösen »Stechaugen« durchgängig an einen »Hajott«-Jungen sowie an den bösen, namentlich nicht identifizierten Adolf Hitler zu erinnern.

Der Vogel, der, nachdem er dem Roman den Titel geliefert hat, in der angeklebten Schlußepisode unbeschädigt auffliegt, ist also aus zwei Gründen da. Einmal soll er den Zusammenhang der Rahmenszenen sichern. Ferner muß er Bedeutung transportieren, aber eine etwas fragwürdige Bedeutung, indem er als ewiger Vertreter des Bösen, anonym, »lautlos, ungestört«, nicht greifbar, »dort oben« seine erhabenen Kreise zieht.

Genau wie der in den Roman nicht integrierte Titelvogel müssen durchweg unschuldige Vorgänge und Phänomene etwas bedeuten. Ist die Struktur des Romans unbedacht und prätentiös, so sind die Episoden optisch überladen: karge Anblicke, wie man sie von Photos der illustrierten Zeitschrift »Twen« kennt, überbeanspruchte Trivialanblicke also, die man einem 14jährigen Ich -Erzähler, zu seinen Gunsten, nicht glauben mag. Da wird keine Trommel geschlagen, es darf kein Hund herumspringen, kein Schatten über dem Weg liegen, ohne etwas zu bedeuten; andererseits sind oft harmlose Anblicke peinlich verrätselt: »halbierte Brotlaiber vorne dran, an beiden Spitzen zu scharf gebacken« - das beispielsweise sollen Brüste sein.

Dazu kommt, vielleicht als unangenehmste Schwäche, die Unglaubhaftigkeit, sogar Unwahrheit nachprüfbarer Tatsachen. Daß ein 14jähriger Junge im dritten Kriegsjahr ein Hitlerphoto nicht erkennen sollte, daß irgend jemand zu dieser Zeit mit einem HJ-Dolch hätte protzen können, ist völlig unglaubhaft. Leuchtreklamen sah man im Kriege nicht, und die »Hitlerjugend« hatte es nicht nötig, auf »Überläufer« zu warten, denn es gab eine »Dienstpflicht«.

In einem Buch, das letzten Endes realistisch verfährt, müssen gewisse Fakten gesichert sein. Die Erfindung dürfte die Dokumentation nicht überwuchern, die Verfremdung sollte nicht auf Kosten der Glaubhaftigkeit gehen. Und Glaubhaftigkeit muß man angesichts des ernsten thematischen Engagements dieses Buches als,Kriterium gelten lassen.

Daß einem talentierten Autor wie Faecke auch dieser Roman mißglückte, ist eigenartig. Anstatt seinen eigenen Augen zu trauen und die Welt so zu sehen, wie nur er sie sehen kann, bietet er Anblicke, die wir schon kennen, erzählt er eine durch eigene Erfahrung oder Beobachtung offensichtlich nicht gedeckte, aber auch ungenügend recherchierte Geschichte.

Peter Faecke:

»Der rote Milan«

Walter Verlag

Olten

216 Seiten

17 Mark

Lettau

Reinhard Leitau
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