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»Erwarte keine Gnade«

Östliche Mafia-Gruppen aus Rußland, der Ukraine und Tschetschenien werden immer stärker. Ein Hauptzielort der Geschäfte mit Waffen und Drogen, Kunstschätzen und jungen Frauen ist die Bundesrepublik. Nordrhein-Westfalens Innenminister Schnoor warnt bereits, die Russen-Mafia bedrohe »die innere Sicherheit in Deutschland«.
aus DER SPIEGEL 11/1995

Robert Kwiek, 31, wird von Polizisten als ein Mann gefürchtet, »der schneller schießt, als er denkt«. An einem Tag im vergangenen August aber blieb ihm auch zum Schießen keine Zeit mehr.

Nach einem Gottesdienst im ukrainischen Dnjepropetrowsk, den Kwiek mit seiner Verlobten besucht hatte, griffen die Fahnder blitzartig zu. Der als Bandenchef international gesuchte Mann, ein Roma mit polnischem Paß, mußte sich ohne Gegenwehr abführen lassen.

Was Kwiek zur Last gelegt wird, haben Kriminalisten einer polnischen Sondertruppe in der Industriestadt Lublin akribisch festgehalten: Eine gelbe Wandtafel in einem Dienstzimmer zeigt Orte, Daten und Namen von Opfern und Tatverdächtigen einer grenzüberschreitenden Verbrechensserie. 16 schwarze Kreuze stehen für ebenso viele Raub- und Auftragsmorde. _(* Bei der Auslieferung von der Ukraine ) _(nach Polen im November 1994. )

Die Blutspur führt von der Ukraine bis nach Deutschland: Kwiek wird eines Mordes in Mannheim beschuldigt, einer seiner Leute gilt als Tatverdächtiger für den Tod eines Solinger Ehepaares.

Dieselbe Pistole (Typ Margolin 5,6), die im südpolnischen Lublin das Leben eines Zuckerhändlers auslöschte und in Swidnik einen Gewächshausbesitzer tötete, traf auch den Solinger Antiquitätensammler Wilhelm Schellhaas und seine Frau Karola - das Paar wurde überfallen und ermordet, nachdem es Kostbarkeiten aus Osteuropa erworben hatte.

Seit seiner Auslieferung von der Ukraine nach Polen sitzt Kwiek jetzt in Lublin zusammen mit drei Komplizen im Gefängnis - den Männern droht die Todesstrafe. Ein weiteres Bandenmitglied, einen deutschen Staatsbürger, erwischten Fahnder in Belgien; er wurde nach Mannheim überstellt, wo auch der mutmaßliche Bandenchef Kwiek eine Zeitlang gewohnt hat.

Erfolge wie die Festnahme der Kwiek-Truppe sind eher selten im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität (OK) aus dem Osten. Seit dem Zerfall der Sowjetunion drängen östliche Mafia-Gruppen mit Macht in den Westen vor. Angelockt von Milliardenumsätzen, dealen die Ost-Banden mit Drogen und verschieben Waffen, sie handeln mit Kunstschätzen und mit Mädchen. Selbst für die kleineren Handlanger, die Schläger, Killer und Kuriere, geben die Gewinnspannen in dem Gewerbe noch so viel her, daß ein paar schmutzige Jobs im Westen mehr Geld bringen als viele Jahre ehrlicher Arbeit in Moskau, Kiew oder Nowosibirsk.

Diskrete Hilfe bekommen die Ganoven aus ganz legal operierenden Kreisen. Denn verstrickt sind nach Erkenntnissen des bayerischen Innenministers Günther Beckstein (CSU) häufig »Diplomaten aus Ländern des ehemaligen kommunistischen Machtbereichs«, die mit »ehemaligen Angehörigen der Stasi« gemeinsame Sache machen.

Parallel zu den offiziellen Handelsbeziehungen hat sich nach einer Untersuchung des Londoner Instituts für Konflikt- und Terrorismusforschung im Europa der neunziger Jahre »ein gemeinsamer Markt des Verbrechens« etabliert. Die Bundesrepublik gilt schon aufgrund ihrer geographischen Lage als eines der Hauptangriffsziele für die Ost-Mafia. Fazit der Londoner Studie: »Im Brennpunkt steht Deutschland.«

Das ist, zumindest auf Berliner Polizeiwachen, bereits in der täglichen Arbeit spürbar. Dieter Schenk, Chef des Berliner Landeskriminalamts, spricht von einer »explosiven Mischung« aus Wohlstandsgefälle und kriminellem Know-how. Der Polizeimann sorgt sich, »ein Anwachsen der Mafia wie derzeit in Osteuropa« könne auch in Deutschland »zum Angriff auf unsere freiheitliche Lebensform werden«.

Desgleichen fürchtet der sächsische Innenminister Heinz Eggert (CDU) Schlimmes: Die aus dem einstigen Ostblock importierte Kriminalität habe »solche Dimensionen, daß sie den inneren Frieden der Bundesrepublik gefährdet«. Und Eggerts nordrhein-westfälischer Kollege Herbert Schnoor (SPD) pflichtet bei: »Organisierte Kriminalität ist kein Gespenst, sie ist eine reale Bedrohung für die innere Sicherheit in Deutschland.«

Brandenburgische Behörden berichteten vergangene Woche, die Zahl der OK-Delikte habe sich 1994 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Ein Großteil der Tatverdächtigen stammt aus Osteuropa.

Allein in Rußland operieren derzeit rund 5700 Banden, die zur Organisierten Kriminalität gerechnet werden. Zusammen zählen diese Gruppen mehr als 100 000 Mitglieder. Die kontrollieren etwa 40 000 Firmen, davon allein 2000 staatliche Industrieunternehmen. Überdies müssen unzählige andere Wirtschaftsbetriebe, von der Imbißbude bis zur Bank, Schutzgelder zahlen (siehe Seite 176).

Der russische Präsident Boris Jelzin betrachtet das organisierte Verbrechen als »Bedrohung Nummer eins«, sowohl »für Rußlands innere Sicherheit als auch für seine strategischen Interessen«. Offenbar reichen die Verbindungen des von Sicherheitsexperten so genannten Mobs schon bis ins Vorzimmer des Präsidenten.

Beispielsweise soll Jelzins Leibgarde-Chef und Vertrauter Alexander Korschakow mit der Unterwelt zusammenarbeiten. Ein im Dezember entlassener General der Spionageabwehr behauptet, Korschakow, der 90 000 Soldaten des Sicherheitsdienstes befehligt, leihe seine Leute »zur Schutzgeldeintreibung« an Verbrechersyndikate aus.

Mindestens 160 Banden der Russen-Mafia gelten als stark genug, um auch international mitzumischen. Russische Kriminelle kooperieren mit italienischen und amerikanischen Cosa-Nostra-Angehörigen; verdeckte Verbindungen reichen bis zu den Drogenbaronen Kolumbiens. Neben Rußland ist vor allem die Ukraine führend beim Verbrechensexport aus dem Osten. Laut Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) spielen ukrainische Banden »bereits eine zentrale Rolle im Bereich der international organisierten Kriminalität, insbesondere in der Kfz-Verschiebung und im Rauschgifthandel«.

Als erstes Land des Sowjet-Nachfolgebundes GUS hat die Ukraine vergangenen Monat ein Abkommen mit Deutschland zur gemeinsamen Verbrechensbekämpfung _(* Oben: Liste der Kwiek und seinen ) _(Männern zur Last gelegten Verbrechen; ) _(unten: mit einer Mordwaffe. ) unterzeichnet - für Bonn Teil einer Strategie zur Abschottung gegen die Gefahr aus dem Osten. Die Bundesregierung versucht, mit Hilfe bilateraler Verträge eine Art dreifach gestaffelten Sicherheitskordon um Deutschland zu legen: *___Zum »ersten Ring« gehören Polen, Ungarn, Bulgarien, ____Tschechien und die Slowakei; mit diesen Staaten sind ____Vereinbarungen zur OK-Bekämpfung bereits geschlossen ____worden. *___Den »zweiten Ring« bilden Rußland, Belorußland, die ____Ukraine und das Baltikum. Abkommen gibt es mit Estland ____und, neuerdings, mit der Ukraine. Verträge mit ____Lettland, Litauen und Belorußland sollen noch in diesem ____Jahr unterzeichnet werden, die Gespräche mit Rußland ____dauern an. *___Den »dritten Ring« sollen Abkommen mit den ____zentralasiatischen GUS-Republiken schließen, vor allem ____mit Usbekistan, Kirgisien und Kasachstan. Bonn will im ____Lauf des Jahres mit diesen Ländern verhandeln.

Wichtiger als Abkommen sind vermutlich persönliche Kontakte. Erfolg auf dem kleinen Dienstweg hatte etwa ein Trupp der Berliner Polizei, der am vergangenen Heiligabend im polnischen Slubice anrückte.

Ukrainische Entführer hatten einen Landsmann aus Deutschland ostwärts verschleppt, weil er bei Autogeschäften 30 000 Mark schuldig geblieben war. Im Slubicer Hotel »Polonia« hielten sie den säumigen Zahler gefangen. Mit Hilfe einiger Wodkaflaschen konnten die Berliner Beamten jedoch ihre polnischen Kollegen für eine weihnachtliche Befreiungsaktion gewinnen: Die Polen stürmten das Hotelzimmer, die Deutschen konnten das schwerverletzte Opfer gleich mitnehmen.

Mit offiziellen Anfragen über die Hierarchie der Dienststellen haben Praktiker auf beiden Seiten schlechte Erfahrungen gemacht. »Was über Interpol läuft, hilft nichts«, klagt beispielsweise Jan Swierczynski, Spezialist für Bandenkriminalität im Polizeipräsidium Warschau. Und in Berlin schimpft Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Fätkinhäuer über »die Ineffizienz« in der »internationalen Zusammenarbeit«.

Da bereiten Bürokratie, Behördendünkel und schleppende Sachbearbeitung Probleme. Die schlimmste Bremse aber ist, vor allem in östlichen Dienststellen, die Korruption.

So scheiterten kürzlich die Ermittlungen deutscher Behörden gegen einen Ukrainer, der in Niedersachsen einen Landsmann überfallen und dabei tödlich verletzt hatte: Obwohl Name und Aufenthaltsort des Mannes bekannt waren, konnte er angeblich nicht ausfindig gemacht werden.

Der Tatverdächtige ist der Sohn eines hochrangigen ukrainischen Polizisten. »Da ist man wohl machtlos«, sagt ein deutscher Ordnungshüter resigniert.

Besonders in Rußland haben Mafia-Banden beste Verbindungen zur Polizei. Telefongespräche, die auf einer eigens installierten Direktverbindung zwischen Dienststellen in Berlin und Moskau geführt werden, tauchen anderntags als wörtliche Ausschrift bei russischen Häftlingen auf.

Umgekehrt ist der Informationsfluß schleppender. Als ein Kreis einschlägig bekannter OK-Führungskräfte im letzten Dezember mit zwei Aeroflot-Chartermaschinen in Köln landete, um den Geburtstag eines Exil-Russen zu feiern, wurden deutsche Beamte aktiv. Sie registrierten sämtliche Telefonnummern, die der Besuchertroß aus dem Hotel heraus in Rußland anwählte.

Die Bitte des Bundeskriminalamts (BKA) an die Partner in Moskau, anhand der in Deutschland aufgezeichneten Nummern die russischen Gesprächspartner zu ermitteln, verhallte jedoch. »Da kommt einfach nichts«, sagt ein Moskauer BKA-Resident enttäuscht.

Nichtstun ist für russische Fahnder weniger riskant als Fleiß und Eifer. So wurde Gennadij Tschebotarew, erfahrener Vize-Chef der OK-Abteilung im Moskauer Innenministerium, Mitte Januar ohne stichhaltige Begründung beurlaubt. Tschebotarew hatte seit 1992 etliche Ermittlungen persönlich geleitet und sich international einen Ruf als kompetenter Fachmann erworben.

Schlimmer als Tschebotarew war es im letzten Jahr dem russischen Abgeordneten Andrej Aisderdsis ergangen. Nachdem der Politiker Namen, Decknamen und Biographien von 266 Mafia-Mitgliedern offengelegt hatte, starb er im Kugelhagel eines Killerkommandos.

Auch in anderen Ost-Ländern stoßen die Ermittler auf Widerstände. Marek Ochocki, der in Warschau das Anfang 1994 gegründete Spezialbüro zur OK-Bekämpfung leitet, blickt auf eine Zeit »voll bitterer Erfahrungen und unrealisierter Absichten« zurück. Vor allem beklagt Ochocki, daß »die Unterstützung der Regierung fehlt«.

Zuwendungen von Kriminellen fließen dagegen oft reichlich. VladimIr Nechanicky vom tschechischen Innenministerium spottet: »Die Unterwelt ist besser auf uns vorbereitet als wir auf sie.« Das Ministerium muß sich mit Vorwürfen herumschlagen, wonach interne Untersuchungspapiere für umgerechnet rund 300 Mark an Tatverdächtige verkauft worden sein sollen - für Polizeibeamte in Prag ein runder Monatslohn.

Die tschechische Hauptstadt ist zu einem Tummelplatz der kriminellen Szene geworden. Zu den führenden Köpfen zählen russische Afghanistankämpfer wie der blonde Igor, 28, der seine kräftigen Muskeln gern in saloppen Sakkos verbirgt. Der Mann handelt mit allem, was Geld bringt.

Andere ehemalige Rotarmisten frequentieren die zahlreichen Prager Sportstudios. Schweigsam und diszipliniert halten sich die Muskelmänner für Einsätze im Dienste ihrer Bandenchefs fit. Bei Rundgängen durchs Milieu wunderte Polizeidirektor Josef Doucha sich: »Russen, und saufen nicht!«

Äußerste Brutalität und starker landsmannschaftlicher Zusammenhalt sichern bei den russischen Mafiosi die Schlagkraft. »Die liquidieren gleich ganze Familien«, meint der Warschauer Polizei-Oberst Swierczynski. Und BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert räumt ein: »Es ist unmöglich, verdeckte Ermittler in diese Gruppen einzuschleusen.«

Gerät ein Bandit in Haft, gehorcht er eisern dem Gesetz des Schweigens. Ein jüngst in Warschau verhafteter Mafioso, der vermutlich aus der Kaukasus-Region stammt, gab nicht einmal seine Nationalität preis. Ein abgefangener Kassiber mit arabisch anmutenden Zeichen brachte die Ermittler auch nicht weiter. »Wir sahen nur Würmer«, beschreibt Swierczynski das Gekritzel.

Gut möglich, daß der Häftling Tschetschene ist. Das kaukasische Bergvolk, das in seiner Heimat von den Russen grausam verfolgt wird, hat sich in der Vergangenheit selbst einen gefürchteten Namen gemacht.

In Moskau liegt das angestammte Revier der Tschetschenen im Südosten der Stadt, vor allem am Südhafen. Von dort unternehmen sie Raubzüge durchs Land und nach Westen, bei denen sie sich gern als »islamische Soldaten« bezeichnen. Geheimbündelei gehört zum mafiosen Gewerbe: Ein in Berlin festgenommener Tschetschene trug einen Beutel mit Amuletten sowie ein Kärtchen mit der Aufschrift »Wölfe des Kaukasus« bei sich.

Wenn die Tschetschenen Joint-ventures mit anderen Gruppen eingehen, regeln sie meist die Sicherheitsfragen. Zwei Jahre lang betrieb eine kaukasisch-ukrainische Bande von 30 ehemaligen Sowjetarmisten in Brandenburg Autoschieberei und Frauenhandel, dabei sorgten die Tschetschenen für den Schutz nach außen und die Disziplin in der Truppe.

Gegen die islamischen Soldaten rief sogar die russische Armee zuweilen um Hilfe. So konnten, als die Rotarmisten noch in Ostdeutschland stationiert waren, mehrmals nur demonstrativ große Aufgebote brandenburgischer Polizisten Überfälle auf russische Konvois verhindern.

Etwa als Moskauer Sicherheitsleute erfahren hatten, daß die Tschetschenen-Mafia Geldtransporte der Armee überfallen wollte. In der russischen Garnison Eberswalde sollten 1991 und 1992 jeweils mehr als 15 Millionen Mark an Offizierssold eintreffen. Jürgen Albrecht, Chef der OK-Bekämpfer im brandenburgischen Landeskriminalamt (LKA), bot mit seinen Beamten Geleitschutz: »Wir haben ganz Eberswalde für 36 Stunden dichtgemacht.«

Als Gegenleistung für solcherart Dienstleistungen erhielten die deutschen Behörden gelegentlich einen Tip über aktuelle Mafia-Vorhaben. Bis zum Truppenabzug im August vergangenen Jahres leisteten KGB-geschulte Residenten im Russen-Hauptquartier Berlin-Karlshorst Insiderhilfe, überreichten Namenslisten anreisender Bosse aus der Heimat und warnten vor Aktionen ihrer Landsleute.

»Mit dem Abzug der Truppen sind nun leider auch unsere Operativpartner weg«, klagt der brandenburgische OK-Fahnder Albrecht.

Längergediente Polizisten im deutschen Osten entdecken unter den heute auffallenden Russen-Mobstern immer mal ein paar vertraute Gesichter. »Manche von denen kennen wir noch von Namen und Dienstgrad«, sagt Dieter Kroll vom sächsischen LKA. Die alte Armeehierarchie hat offenbar auch in den Banden Bestand. Kroll: »Wer damals Sergeant war, ist es immer noch, und wehe, er will mehr.«

Russen-Gangster, die einst als Soldaten in Deutschland stationiert waren, verfügen über nützliche Ortskenntnisse. An den alten Standorten haben Banden aus bestimmten Volksgruppen Fuß gefaßt - schon bei der Armee waren die Nationalitäten getrennt, um Streit zu vermeiden.

So setzten sich jetzt im Raum Berlin-Brandenburg vor allem kaukasische und ukrainische Rückkehrer fest. In Sachsen hingegen sammeln sich vermehrt Armenier. Einer von ihnen, Aschot Karapetjan, ehemals Luftwaffenoffizier in Dresden-Klotzsche, ist an der Elbe heute wieder ein großer Chef. »Wenn der das Lokal betritt, stehen seine Leute auf«, sagt ein Ermittler.

Neben ehemaligen Soldaten stießen auch frühere sowjetische Spitzensportler zu den Ost-Banden. Spezialisiert auf Muskelarbeit ist beispielsweise die »Dolgoprudnenskaja«-Gruppe, die ihren Stammsitz in Moskaus Norden und in Teilen des einstigen olympischen Dorfes hat. Russen fürchten die Organisation als Karate-Mafia. Auch in Deutschland tauchen Dolgoprudnenskaja-Mitglieder immer wieder als Schutzgelderpresser bei russischen Händlern und Gastronomen auf.

Eine andere Unterwelt-Truppe, die sich »wory w sakonje« ("Diebe im Gesetz") nennt, blickt auf eine weit längere Tradition zurück. Dem Verbrecherorden gehören einige hundert Mitglieder an, in der Gangster-Hierarchie stehen sie ganz oben. Die Wurzeln der »Diebe im Gesetz« reichen bis in die zwanziger Jahre. Nach ihrem strengen, in Gulags und stalinistischen Gefängnissen gehärteten Gauner-Ethos verpflichten sie sich zu unbedingter Treue gegenüber dem kriminellen Kodex, der über allen anderen Regeln und Gesetzen steht. Auf Zusammenarbeit mit der Polizei steht der Tod.

Auskunft über Zugehörigkeit, Karriere und Meriten russischer Gangster geben Tätowierungen: Ein Raubvogel mit vorgestreckten Krallen und eine Windrose sind das Symbol der »Diebe im Gesetz«. Gekreuzte Dolche identifizieren den Kaukasier, ein Totenschädel mit Wikingerhelm signalisiert: »Erwarte keine Gnade von mir.«

Neuerdings gilt die besondere Aufmerksamkeit deutscher Behörden der »Masutkinskaja«-Mafia, die in Moskau ihre Basis hat. Die Organisation betreibt Kidnapping, Waffenhandel, Autoklau und Schutzgelderpressung. Mindestens drei Masutkinskaja-Bosse residieren seit einiger Zeit in Deutschland.

Im Kampf um Marktanteile bekommen die Gruppen auch untereinander Zoff. So brachte bei einem Streit im Berliner Hotel »Majestic« ein Besucher mit mehreren Diplomaten-Pässen seinem tschetschenischen Gegner zwei Messerschnitte im Hals bei, die so präzise saßen, daß sie nicht tödlich waren.

In seiner Tasche trug der Täter Unterlagen über einen Kredit in Höhe von zwei Milliarden Dollar, den die der Mongolei benachbarte russische Republik Tuwa mit Hilfe eines New Yorker Vermittlers bei der Weltbank ergattern wollte.

Bandenkriege zwischen Ost-Mafiosi werden mit äußerster Härte geführt. So tobte, auf dem Areal des einstigen Sowjethauptquartiers Karlshorst, vergangenen Herbst ein blutiger Kampf zwischen drei Gruppen aus Rußland und der Ukraine.

Ein Opfer wurde mit Maschinenpistolen bedroht, gefesselt und geknebelt. Dann verbrannten ihm die Täter den Oberkörper mit einem Lockenstab, quetschten seine Brustwarzen mit einer Kneifzange und stachen mehrmals mit einer Schere in seinen Oberschenkel. Ein anderer Mann wurde mit einem Abschleppseil gewürgt. Ein dritter erlitt durch ein Bügeleisen Brandwunden dritten Grades, danach rammten ihm die Angreifer einen Holzpflock in die Schulter.

Immer häufiger kooperieren Ost-Banden mit internationalen Gangs. So gründete eine bulgarisch-russische Organisation Scheinfirmen in Deutschland und den Niederlanden. Die Ganoven verhökerten Gewehre und Handgranaten bulgarischer Produktion - die waren in Schafskäse-Lieferungen versteckt in den Westen geschleust worden.

Die Waffen gingen zumeist an Terroristen der kurdischen PKK. Überdies schmuggelte die Bande auch Ikonen und andere Kunstgegenstände aus orthodoxen Kirchen, die bei deutschen Sammlern begehrt sind.

Selbst Großgeräte führen manche Händler im Angebot. Dem bayerischen Landeskriminalamt gingen zwei Deutsche und ein Tscheche ins Netz, die acht MIG-25-Kampfjets aus der ehemaligen Sowjetunion nach Nigeria oder in den Iran verschieben wollten.

Völlig undurchdringlich für Fahnder sind bislang die Verbindungen beim Menschenhandel. Auf vielerlei Wegen bringen die Gangster Frauen aus Osteuropa nach Deutschland und zwingen sie dort mit Drohungen und falschen Versprechungen zur Prostitution.

Moskauer Menschenhändler suchen sich ihre Opfer in Diskotheken und bei Schönheitswettbewerben. Auch per Zeitungsannoncen werben sie »junge Frauen zwischen 18 und 26 Jahren für Tätigkeit im Ausland«.

Die meisten Banden arbeiten mit legaler Tarnung. Der Moskauer Schlepper Sascha, 26, etwa ist offiziell in einem Reisebüro angestellt. Doch in Wahrheit schleust die Firma junge Mädchen nach Deutschland - per Touristenvisum.

In der Bundesrepublik geraten die Frauen rasch in den Kreislauf der Abhängigkeit. Der angekündigte Restaurantbesitzer entpuppt sich als Bordellier, bei dem die Frauen oftmals zuerst ihren eigenen Verkaufspreis (von 2000 Mark und mehr) abarbeiten müssen. Erst wenn sie sich als Sex-Arbeiterinnen fügen, erhalten sie die Chance, eigenes Geld zu verdienen.

Oftmals haben die in Deutschland ansässigen Sex-Unternehmer nur über Mittelsmänner Kontakt zu den russischen Menschenhändlern. Die landes- und sprachunkundigen Frauen halten sie mit einem wirkungsvollen Hinweis davon ab, zur Polizei zu gehen: Sie behaupten, die zuständigen Beamten seien alle gekauft - den Osteuropäerinnen erscheint das plausibel.

Katja Habermann von der Hamburger Hilfsorganisation »Amnesty for Women« berichtet, »verglichen mit Lateinamerikanerinnen oder Asiatinnen« seien Frauen aus Osteuropa »bei uns extrem isoliert und extrem unter Druck«. Nach Schätzungen des BKA haben die Menschenhändler allein im vergangenen Jahr etwa 20 000 Frauen aus dem ehemaligen Ostblock in Deutschland auf den Strich geschickt.

Im weltweiten Milliardenspiel um den Handel mit Rauschgift mischt die Ost-Mafia ebenfalls immer machtvoller mit. Der im vergangenen Monat vorgelegte Uno-Drogenbericht für 1994 warnt: »Drogenbezogene Kriminalität infiltriert zunehmend die wirtschaftlichen und sozialen Sektoren der GUS-Länder.«

Bereits jetzt bilden die zentralasiatischen GUS-Republiken zusammen mit Afghanistan und Pakistan nach den Uno-Ermittlungen den größten Rauschgiftbasar der Welt. Der westeuropäische Heroinmarkt wird inzwischen zu drei Vierteln aus dieser Region beliefert.

Jahr für Jahr transportieren Schmuggler rund 200 Tonnen Opium aus Afghanistan nach Rußland. Unterwegs zieht der Wert der Ware enorm an: Ein Kilogramm Opium, das an der afghanischen Grenze 150 Dollar kostet, wird im kirgisischen Umschlagplatz Osch schon für 1000 Dollar weiterverkauft. In Moskau bringt der Stoff noch einmal das Zehnfache.

Die Transporte sind über Tausende von Kilometern glänzend organisiert. So beschlagnahmten polnische Polizisten auf einen Tip hin an der belorussisch-polnischen Grenze bei Brest einen ganzen Bahnwaggon mit mutmaßlicher Drogenfracht. Zur Aufklärung kam es jedoch nicht: Nachts tauchten plötzlich Unbekannte mit einer Lokomotive auf und zogen den Waggon nach Belorußland zurück.

Auch für Geldfälscher lohnt sich die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. So soll ein Warschauer Wechselstubenbesitzer mit dem Spitznamen »Dziad« ("Der Bettler") Blüten in verschiedenen Währungen für russische Auftraggeber produziert haben.

Das Falschgeld gilt als erstklassig. Auf den Mark-Scheinen sind Mikroschrift und Wasserzeichen täuschend echt gedruckt, das Papier unterscheidet sich nur durch sein Knistergeräusch vom Original - doch das können nur geschulte Prüfer »mit dem gewissen Banknotenpapier-Ohr« (ein BKA-Mann) erkennen.

Gemeinsam mit den Russen soll »Dziad« sich zuletzt 5000 Kilogramm blütentaugliches Papier in Deutschland besorgt haben, um daraus eine Großserie von 50 000-Rubel-Noten aufzulegen. Polizisten stoppten das Geschäft mit einem angepeilten Gewinn von 140 Millionen Mark.

Logistisches Zentrum osteuropäischer Mafiosi in Deutschland ist Berlin. Hier betreiben Exil-Russen, die oft schon seit Jahrzehnten in der Stadt ansässig sind, Spielhallen, um Geld zu waschen. In kleinen Import-Export-Büros laufen legale und illegale Geschäfte bunt durcheinander.

Die Morde im Berliner Russen-Milieu häufen sich. Vor zehn Tagen brachten Killer den Belorussen Pjotr Leonschikow um. Der 27jährige Geschäftemacher starb vor der Garage seiner zwei Millionen Mark teuren Grunewald-Villa.

Welche blutigen Kämpfe hinter den Kulissen ausgetragen werden, erfuhren Polizisten auch, als sie die Hintergründe einer Schießerei aufklärten, die sich im Juli 1991 am Berliner Fasanenplatz ereignete.

Bei dem Edelitaliener »Gianni« hatte, vor den Augen entsetzter Restaurantbesucher, ein Revolverheld vier Männer, die im Vorgarten speisten, unter Feuer genommen. Einer am Vierertisch schoß zurück.

Der 22jährige Pistolero Jegor Balachow aus Minsk, der mittlerweile wegen Mordversuchs zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, war offenbar von einer Tschetschenen-Gruppe für 20 000 Mark als Killer bestellt worden. Er sollte den Georgier Tengis Wachtangowitsch Marianaschwilis umlegen. Grund der Abrechnung war ein Bandenstreit. Im niedersächsischen Wolfsburg hatten Gefolgsleute des Berliner Tschetschenen-Führers Saidamin »Said« Mussostow einen exilrussischen Zahnarzt erpreßt, doch der stand bereits unter dem Schutz des Georgiers Marianaschwili. Der Georgier riet daraufhin seinem Klienten, die Polizei einzuschalten.

Bald wurden zwei Tschetschenen verhaftet. Said war erbittert und gab Order, den Rivalen zu beseitigen.

Die Schüsse am Fasanenplatz waren jedoch nur ein Zwischenspiel. Bald schickten die Georgier ihrerseits einen Killer los, der den verletzt im Krankenhaus liegenden Schützen Balachow umbringen sollte. Die Polizei fing den wohl von Marianaschwili gesandten Mann im Flur des Spitals ab.

Wenig später wurde in einem Kanal bei Amsterdam ein Toter gefunden, ohne Papiere. Die Polizei identifizierte die Leiche als Marianaschwili.

Den Tschetschenen-Boß Said erwischte es in den USA, wohin sich der Gangster abgesetzt hatte. Killer spürten ihn auf und schossen sechsmal. Saids Gegner aus Georgien war zu Lebzeiten ein Topmann der »Diebe im Gesetz« gewesen - da galt Rache als Ehrensache.

Eine Spur der Fasanenplatz-Schießerei führte die Ermittler zu dem aus Rußland in die USA eingewanderten Boris Michailowitsch Nayfeld, genannt Papa.

Papa Nayfeld, der seinen Aufstieg als Fahrer und Leibwächter im Milieu begonnen hat, ist wohlbekannt auf beiden Seiten des Atlantiks. Die amerikanische Bundespolizei FBI rechnet ihn zur Spitze der amerikanischen Russen-Mafia »Organisazija«, die auch im New Yorker Stadtteil Brooklyn residiert. Das BKA kennt ihn als Hausherr gutgesicherter Büroräume in bester Berliner Ku''damm-Lage.

In den USA steht Nayfeld unter anderem im Verdacht, Drahtzieher eines Attentats auf den Brooklyn-Don Vladimir Zilber gewesen zu sein. Der hatte ein Branchen-Tabu verletzt und sich mit dem FBI angelegt. Fortan galt er als Sicherheitsrisiko, eine volle Schrotladung erwischte ihn an der Auffahrt zur Brooklyn Bridge.

Zilbers Lebensziel war es, die Russen-Banden mit den etablierten Italo-Gangs gleichziehen zu lassen. 1992 hatte er es geschafft: Bei der Eröffnungsgala des Vergnügungspalastes »Rasputin« im russischen Viertel von Brooklyn saßen die Russen in einer Reihe mit den Abgesandten der Cosa Nostra.

In einer Senatsanhörung warnte FBI-Chef Louis Freeh kürzlich, der Kampf gegen den russischen Mob sei »entscheidend nicht nur für Rußland, sondern für uns alle«. Sollte die Mafia in der ehemaligen Sowjetunion die Oberhand gewinnen, »wäre das eine unmittelbare Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA und für den Frieden in der Welt«.

Die Gefahr ist durchaus real. Internationale Mafia-Organisationen sind dabei, Kontakte zu weltweit operierenden Terroristen zu knüpfen. Ein wichtiger Knoten in diesem Netz ist Deutschland.

Der US-Terrorismus-Experte Marvin Cetron warnt vor der zunehmend engeren Kooperation zwischen italo-amerikanischen und russischen Mafia-Banden: »Diese Gruppen werden künftig vermutlich im Handel mit Massenvernichtungswaffen zusammenarbeiten.«

Der Nuklearbasar Osteuropa ist bereits eröffnet. Geheimdienstler und Wissenschaftler handeln mit Plutonium, Uran und anderen radioaktiven Materialien, die teils aus Kraftwerken, teils aus militärischen Anlagen stammen.

Der bisher gravierendste Fall von Nuklearschmuggel flog Ende vergangenen Jahres in Prag auf. Kurz vor Weihnachten stoppte die Polizei nach einem Tip einen blauen Saab, in dem drei frühere Atomtechniker aus Tschechien, Belorußland und der Ukraine saßen.

Auf dem Rücksitz des Wagens transportierte das Trio 2,7 Kilo eines grauen Pulvers. Analysen ergaben, daß es sich um hochangereichertes Uran-235 handelte. Der Schwarzmarktwert des brisanten Pulvers, dessen Reinheitsgrad knapp unter Bombentauglichkeit lag, wird auf mehr als 100 Millionen Dollar geschätzt.

Erstmals hat auch der Bundesnachrichtendienst (BND) »waffenfähige Spaltmaterialien« auf dem Nuklearmarkt registriert. »Russische oder internationale Mafia-Strukturen«, meldete der BND vor kurzem an das Bonner Kanzleramt, »könnten sich dem nuklearen Schwarzhandel zuwenden.«

Um den Abwehrkampf gegen Verbrecherorganisationen in Deutschland zu verstärken, fordern vor allem Unionspolitiker schärfere Gesetze. Bayerns Innenminister Beckstein zum Beispiel, der seit August vergangenen Jahres seinen Verfassungsschutz gegen organisierte Kriminelle einsetzt, verlangt nun, auch das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz solle »das organisierte Verbrechen beobachten«.

Gegen die Verquickung von Polizei- und Geheimdienstaufgaben sperrt sich der Bonner Koalitionspartner FDP. Die Liberalen lehnen auch den Großen Lauschangriff ab, der es Fahndern erlauben würde, Wanzen auf Verdacht in Privaträumen zu installieren. Eine Wunderwaffe wäre die Raumüberwachung ohnehin nicht. Auch Befürworter einer Gesetzesänderung müssen einräumen, daß sie allenfalls Mosaiksteine im Ermittlungspuzzle liefern könnte. Überdies hinken die Fahnder bei der Technik hoffnungslos hinterher. Über Funktelefon können Kriminelle beinahe risikofrei ihre Geschäfte und Termine absprechen.

Zwar ist das Abhören auch im D- oder E-Netz möglich, doch mangelt es der Polizei an der nötigen Hardware. Und die privaten Netzbetreiber sperren sich gegen die Kooperation mit den Behörden.

Den Unternehmen, so weiß der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor inzwischen, ist das Vertrauen ihrer Kunden wichtiger.

Schnoor berichtet von Firmen, die »Anschlußinhaber über die Anfrage der Polizei« prompt unterrichteten - und den Verdächtigten eine neue Nummer anboten. Y

Die Unterwelt ist bestens auf die Polizei vorbereitet

Brutalste Folterungen mit Lockenstab, Schere und Kneifzange

In New York ziehen die Russen mit Italo-Gangs gleich

* Bei der Auslieferung von der Ukraine nach Polen im November 1994.* Oben: Liste der Kwiek und seinen Männern zur Last gelegtenVerbrechen; unten: mit einer Mordwaffe.

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