Zur Ausgabe
Artikel 13 / 61
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KAMERADEN-JUSTIZ Erziehung von unten

aus DER SPIEGEL 39/1960

Als gegen 21 Uhr im evangelischen Gemeindehaus zu Wiesbaden -Schierstein die Bierquelle des Pfarrers Adam versiegt war, trotteten die Soldaten, die hier seit 18 Uhr nach Landserart geprostet hatten, wieder kasernenwärts.

Gemeindepfarrer Adam, der als nebenamtlicher geistlicher Betreuer der in Schierstein stationierten 735. Bundeswehr-Flußpionierkompanie regelmäßig abendliche »Männer-Erbauungsstunden« abhält ("Ein paar Gläschen erleichtern den Kontakt zwischen Seelsorger und Truppe"), hatte es als Gastgeber an nichts fehlen lassen: weder an christlichem Zuspruch noch an Alkoholika.

Drei der insgesamt 15 Seelsorge -Bedürftigen im Waffenrock, die sich an des Pfarrers Reden und an seinem Freibier gelabt hatten, machten - »weil das Bier beim Herrn Pfarrer so gut schmeckte« - auf dem Heimweg noch einmal Station in der Schiersteiner Gastwirtschaft »Deutsches Haus«, um hier ein zusätzliches Glas Bier zu trinken. (Bei Adam hatte jeder Soldat vorher mehrere Flaschen bekommen.) Dann fühlten sich die drei Soldaten für eine seit langem geplante Aktion mutig -genug: Sie bleuten einem Kameraden in der folgenden Nacht den »Heiligen Geist« so heftig ein, daß für das Opfer eine vierwöchige Lazarettbehandlung erforderlich wurde.

Mit dem »Heiligen Geist« ist nach preußischer Kommiß-Tradition weder der Geist gemeint, den Militärpfarrer gemeinhin zu predigen pflegen, noch der, den geistliche Männer-Tröster ausschenken: »Heiliger Geist« heißt im Barras-Deutsch vielmehr die nächtliche Prügelstrafe für, Kameraden, die sich unbeliebt gemacht haben.

Der Wiesbadener SPD-Bundestagsabgeordnete und Rechtsanwalt Karl Wittrock, der vom unguten Treiben der drei uniformierten Schiersteiner Nachtgespenster im Februar dieses Jahres erfuhr, machte diesen Vorfall jetzt zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage. Franz-Josef Strauß soll öffentlich erklären, ob er in seiner Eigenschaft als Bundesverteidigungsminister gedenkt, seine Soldaten »darüber belehren zu lassen, daß das nächtliche Verprügeln von Kameraden

- der sogenannte 'Heilige Geist' - ein rechtswidriges und somit unzulässiges Erziehungsmittel ist«.

Volksvertreter Wittrock glaubte sich zu einer solchen Anfrage um so mehr verpflichtet, als das publik gewordene Beispiel Schierstein deutlich zeigte, daß der »Heilige Geist« keinesfalls immer mit harmloser Stubenkeile gleichzusetzen ist.

Das Schiersteiner Schläger-Trio, bestehend aus dem 21jährigen Pionier Rudolf Anthes, dem 31jährigen Gefreiten Otto Erwin Schiel und dem 22jährigen Obergefreiten Wolfgang Hermann Gräff war nämlich in der Nacht vom 10. zum 11. Februar dieses Jahres - nach dem Kommers mit dem Truppenpfarrer - gleich zweimal über

den 22jährigen Gefreiten Wolfgang Fleckenstein hergefallen, der friedlich in der Baracke B der Schiersteiner Bundeswehrbehausung schlummerte.

Gefreiter Fleckenstein hatte sich mißliebig gemacht, weil er nach Aussage der drei Schläger »tratschte« und die Kameraden mehrmals unter seiner Nachlässigkeit beim Deck-Schrubben auf den Bundeswehr-Sicherungsbooten, auf denen die Pioniere Dienst tun, hatten leiden müssen. Diese Verstöße Flekkensteins gegen die Militär-Disziplin wurden von Anthes, Schiel und Gräff zunächst durch kräftige Fausthiebe und Schläge mit dem Koppel geahndet, die im Dunkeln - die Schläger hatten vor dem Überfall die elektrischen Sicherungen der Baracke B ausgedreht - auf den schlafenden Fleckenstein niederprasselten.

Kurze Zeit nach Beendigung der nächtlichen Exekution, bei der die drei Faustrechtler unerkannt blieben, entdeckte das Trio, daß ein Koppel am Tatort liegengeblieben war. Da dieses Koppel leicht zum Verräter hätte werden können, wurde eine zweite Expedition in den Schlafraum des Fleckenstein gestartet.

Der unsanft geweckte Fleckenstein hatte inzwischen den eisernen Bügel am Fußende seines Bettes abmontiert, um sich damit gegen einen etwaigen zweiten Kameraden-Angriff wehren zu können. Indes: Der kräftige und als Schläger erprobte Anthes, ein einschlägig Vorbestrafter, entriß ihm diese Waffe und schlug selbst damit zu.

Fleckenstein wurde am nächsten Morgen ohnmächtig aufgefunden und schwerverletzt - mit einer zwölf Zentimeter langen Schlagwunde am Schädel und einem Speichenbruch über dem rechten Handgelenk - in ein Lazarett gebracht. Der für die Schiersteiner Truppe zuständige Bataillons-Kommandeur, Major Gedamke, erstattete korrekt gegen Anthes, Gräff und Schiel Strafanzeige wegen Körperverletzung.

Mehr noch als die bekanntgewordene Feme in der Schiersteiner Bundeswehr -Baracke empörte den Juristen Wittrock später, wie das Wiesbadener Schöffengericht auf die Kameraden-Justiz der gemeinhin zur Anwendung von Brachialgewalt neigenden Pioniere reagierte:

nämlich mit einem Freispruch der Rohlinge.

Bei den nachsichtigen Richtern über Anthes und seine Kumpane handelte es sich um den Wiesbadener Amtsgerichtsrat Rabe und seine Schöffen: die Hausfrau Eva Prüfer und den Buchhalter Wolf Tilmes. Dieses Triumvirat befand,

- »daß die Handlungsweise der Angegeklagten... eine Körperverletzung darstellt« und

- daß durch Schläge mit den Fäusten, dem Koppel und einer Eisenstange

»das körperliche Wohlbefinden des Nebenklägers Fleckenstein beeinträchtigt worden ist«.

Trotz dieser Einsicht entschlossen sich Richter Rabe und seine Beisitzer jedoch,

»die Angeklagten mangels nachweisbaren Verschuldens freizusprechen«.

Die Angeklagten kamen deshalb so glimpflich davon, weil ihnen, wie Richter Rabe konstatierte, beim Zuschlagen

("teilweise mit harten, beweglichen Gegenständen") das Unrechtsbewußtsein gefehlt habe. Diesen Mängel erklärte Rabe allerdings keineswegs damit,

»daß der von alters her beim Militär bekannte sogenannte 'Heilige Geist' keine Körperverletzung darstelle«, wie, vorher die Verteidigung argumentiert hatte.

Richter Rabe war vielmehr der Meinung, das fehlende Unrechtsbewußtsein habe seine Ursache-schlechthin,im Geiste der Schiersteiner Truppe: Bei den 735ern sind nämlich Schlägereien keineswegs eine Seltenheit - beispielsweise wurde der Gefreite Morlock bei einer »Heilig-Geist«-Aktion blutig geschlagen, ohne daß dies für die illegalen Strafvollzieher der Kompanie Folgen gehabt hätte. Anthes, Schiel und Gräff hätten demnach annehmen müssen, daß auch ihre Tat in der Truppe geduldet, wenn nicht gar gebilligt würde.

Das Trio konnte in der Tat der Meinung sein, der Gebrauch einer eisernen Rute sei nachgerade löblich: Der unmittelbare Vorgesetzte der Pioniere, Oberleutnant Hans-Georg Seitz, 26, hatte nämlich seinen Leuten die Belehrung erteilt, daß die Kameraden-Erziehung

»von unten anfängt«. Er forderte die Soldaten auf, sich mit Kameraden, »die nicht spuren«, zunächst einmal stubenintern zu beschäftigen.

Richter Rabe kam zu dem Schluß, daß sich die vor der »Heilig-Geist«-Aktion von dem Oberleutnant unterrichteten Soldaten schuldlos gefühlt haben müßten, weil sie - im Gegensatz zu ihrem Vorgesetzten - »von den Grundsätzen der modernen Pädagogik keine Ahnung haben«. In der schlichten Sprache der Soldaten sei Kameraden-Erziehung, zu der Oberleutnant Seitz mißverständlich aufgefordert habe, zudem »gleichbedeutend mit Strafen, das heißt Schlagen«.

Da Oberleutnant Seitz nicht ausdrücklich gesagt habe, es dürfe nicht geschlagen werden, hätten sich die nächtlichen Spukgeister in einem entschuldbaren Verbotsirrtum befunden.

Während die Angeklagten mit diesem Urteil sehr zufrieden waren, machte der vor Gericht aussagende Rechtsberater des Wehrkreiskommandos IV (Wiesbaden), der Regierungsrat Laabs, geltend, daß bereits 1957 ein Rechtslehrergremium übereingekommen sei, den »Heiligen Geist« als strafbare Körperverletzung zu werten.

Der Wiesbadener Bundestagsabgeordnete Wittrock forderte mit viel Spürsinn für Publizität eine generelle Belehrung der Truppe über die Strafbarkeit der »Heilig-Geist«-Unsitten, und die Wiesbadener Staatsanwaltschaft legte gegen die Freisprüche Berufung ein:

»Es gab genügend gesetzliche Handhaben für eine Verurteilung.« Tatsächlich hätte neben der Anwendung der einschlägigen Bestimmungen des Strafgesetzbuchs beispielsweise auch die Heranziehung des Paragraphen 30 (2)* des Wehrstrafgesetzes genügt, um eindeutig zu klären, daß »Heilig - Geist« -Aktionen juristisch nicht als Kameraden-Scherze abzutun sind. Daß Richter Rabe das Wehrstrafgesetz genau kannte und vor dessen Anwendung keinerlei Scheu empfand, bewies er in demselben Prozeß, in dem der Fall Fleckenstein zur Verhandlung stand.

Der milde Richter Rabe, der mit der Formulierung »Verbotsirrtum« den angeklagten Pionieren eine sichere Brücke gebaut hatte, zeigte sich ungleich energischer, als in demselben Verfahren das - nach dem Wehrstrafgesetz ebenfalls zu ahndende - ungebührliche Verhalten des Angeklagten Anthes gegenüber seinem Vorgesetzten, dem Unteroffizier Bullmann, zur Sprache kam.

Anthes hatte nämlich einmal, so wurde bekannt, im Wachlokal der Pioniere Meldung in einer Form erstattet,

»die der Unteroffizier beanstandete«.

Der durch laxe Haltung und lose Reden des Anthes unangenehm berührte Unteroffizier Bullmann befand sich zur Zeit der Meldungsentgegennahme im Wachlokal in Gesellschaft einer jungen Dame.

Als Anthes später noch einmal Meldung erstattete und dabei von Bullmann aus dem Wachlokal gewiesen wurde, bezeichnete er den Unteroffizier erregt als »Drecksau«.

In den Augen des Richters Rabe wog diese Beleidigung eines Unteroffiziers schwerer als der Gebrauch einer Eisenstange gegenüber einem Kameraden:

Gemeiner Anthes, der wegen der unsanften Schläge auf Fleckensteins Haupt straffrei ausging, bekam wegen seiner Aufsässigkeit gegenüber dem Unteroffizier Bullmann eine Woche Strafarrest aufgebrummt.

* Paragraph 30 (1): »Wer vorsätzlich einen

Untergebenen körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit beschädigt, wird mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft.«

- Paragraph 30 (2): »Ebenso wird bestraft, wer es vorsätzlich fördert oder pflichtwidrig duldet, daß ein Untergebener die Tat gegen andere Soldaten begeht.«

Schläger Anthes

Heiliger Geist...

Opfer Fleckenstein

... beeinträchtigt Wohlbefinden

Richter Rabe, Schöffen. Im Wachlokal eine Dame

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 61
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel