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ZEITGESCHICHTE Erzogen zum Rassenwahn

Vergangenheitsbewältigung auf Japanisch: Hof-Historiker arbeiten an einer Mammut-Biografie über Kaiser Hirohito. Besonders umstritten ist seine Rolle als Kriegsherr.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Jeden Morgen überquert Keita Kita, 47, mitten in Tokio einen Burggraben und passiert ein streng bewachtes, eisenbeschlagenes Tor. Dahinter, versteckt im weitläufigen Gelände des Palastgartens, liegt Kitas Arbeitsplatz - das Archiv des japanischen Kaisers.

Was der Historiker Kita und seine 26 Mitarbeiter hier erforschen, gilt in Japan als hoch brisant und ist in Teilen immer noch ein Staatsgeheimnis: die Biografie des 1989 im Alter von 87 Jahren verstorbenen Kaisers Hirohito.

Die Hof-Chronisten versinken fast hinter hohen Stapeln von Akten, Briefen und Büchern. Ihr Material zeichnet die einzigartige Karriere des Mannes nach, der 1926 als Gottkaiser den Chrysanthemen-Thron bestieg, seine Nation als Oberbefehlshaber in die demütigende Niederlage des Zweiten Weltkriegs führte und sich nach 1945 mit einem tristen Schattendasein als machtloses »Symbol des Staates und der Einheit des Volkes« abfinden musste.

Postum haben die Japaner ihrem früheren Kaiser jenen Namen verliehen, den auch seine Ära trug: »Showa - Erleuchteter Friede«. Doch keine Ehrenbezeichnung könnte unpassender sein. Allein in Asien kosteten von Japan angezettelte Kriege rund 24 Millionen Menschen das Leben.

Von 1937 an ließ Hirohito einen »heiligen Krieg« gegen China führen. 1941 gab er den Befehl zum Überraschungsangriff auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor. Dabei zerstörten die Japaner große Teile der amerikanischen Pazifikflotte und provozierten die westliche Großmacht zum Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Doch die Rolle des Showa-Tenno in dem blutigen Geschichtsdrama ist immer noch nicht restlos geklärt und deshalb heftig umstritten.

Seine Gegner verachten ihn als ranghöchsten Kriegsverbrecher, seine Anhänger sehen ihn ganz anders. Für sie war der zierliche Monarch, der bei seinen Auftritten so weltfremd wirkte, nur eine Marionette seiner Generäle und Berater.

Vertiefte er sich nicht am liebsten in sein akademisches Hobby, die Meeresbiologie? War Hirohito nicht doch jener Pazifist, als den ihn rechte japanische Politiker auch heute noch rühmen? Sie glauben, Hirohito habe sich nach den Atombomben-Abwürfen auf Hiroschima und Nagasaki im August 1945 mutig gegen seine Militärs durchgesetzt und aus Sorge um seine Untertanen die Kapitulation angeordnet.

Schon seit zehn Jahren arbeitet Kitas Team an der Biografie, die vom Kaiserlichen Hofamt in Auftrag gegeben wurde. Bis Ende März 2011 will es seine Chronik mit Hilfe zahlloser Originalquellen fertig stellen. Das Riesenwerk soll 24 Bände von je 1000 Seiten umfassen.

Ob Hirohitos Lebensgeschichte, bisher mit 110 Millionen Yen (gut 2,3 Millionen Mark) Steuergeldern finanziert, allerdings jemals veröffentlicht wird, ist ungewiss - die Biografie seines geistig verwirrten Vaters, des 1926 verstorbenen Kaisers Taisho, verstaubt seit Jahren im Hof-Archiv.

Im Fall Hirohito befindet sich das Kaiserhaus in einem besonderen Dilemma. Zwar gebieten es Respekt und Tradition, auch über den umstrittenen Monarchen des 20. Jahrhunderts eine Biografie anzufertigen, aber selbst die Hof-Chronisten schrecken davor zurück, Hirohitos brisante Tagebücher aus den privaten Gemächern des Palastes anzufordern.

Dass er zumindest in seiner Jugend regelmäßig Tagebuch führte, halten viele Geschichtswissenschaftler für gesichert. Aber auch als Kaiser machte er sich möglicherweise private Notizen. Kita fürchtet, durch allzu neugierige Anfragen den Argwohn seiner Auftraggeber zu wecken: »Zunächst einmal wollen wir Vertrauen schaffen.«

Die Forscher erinnern sich, wie beharrlich das Kaiserliche Hofamt auch die Veröffentlichung der Tagebücher von Prinz Takamatsu zu verhindern suchte. Die Aufzeichnungen des 1987 verstorbenen jüngeren Kaiser-Bruders legen nahe, dass sich Hirohito Japans militärischer Unterlegenheit durchaus bewusst war, als er den Angriff auf Pearl Harbor anordnete.

Vor drei Jahren kamen die Tagebücher des Prinzen doch heraus - wie schon zuvor die Erinnerungen anderer ehemaliger höfischer Berater. Denn seit Hirohitos Tod trauen sich immer mehr Zeitzeugen oder deren Nachfahren an die Öffentlichkeit.

Besonders krass zeichnet der in Tokio lehrende US-Historiker Herbert Bix das Bild eines politisch äußerst aktiven Kaisers, der sich bis in Details über Japans Kriegsstrategie informieren ließ. Bix'' neue, 800 Seiten starke Biografie beschreibt den Showa-Tenno - ebenso kritisch wie seriös - als Oberbefehlshaber, der von strategischen Fragen geradezu besessen war und bisweilen sogar in operative Entscheidungen eingriff.

Schon als Kind wurde Hirohito demnach für die Rolle des Kriegsherrn gedrillt. Seine konservativen Lehrer erzogen ihn in striktem Rassendenken. Dem späteren Kaiser musste es daher als natürliche Aufgabe erscheinen, die »weißen Kolonialmächte« aus Asien zu vertreiben und die Nachbarstaaten zu unterjochen.

Über die Angriffspläne seiner Militärs gegen China, Südostasien und die USA zeigte sich Hirohito seit den dreißiger Jahren blendend unterrichtet. Da ihm Heer, Marine und Kabinett jeweils getrennt vortrugen, liefen alle Informationskanäle beim Monarchen zusammen. Seinen Einfluss übte er hauptsächlich durch bohrende Fragen aus, und die wirkten wie Befehle: Hirohito, resümiert Bix, war zwar kein Diktator, aber der »führend Beteiligte«.

Dass der Tenno aggressiven Kriegsplänen widersprochen hätte, lässt sich dagegen nicht belegen. Höchstens forderte er zuweilen »mehr Siegessicherheit, bevor er die Nation in den Krieg führte«. Dabei wusste Hirohito ebenso wie sein Stab, dass die USA, die Japan vor allem wegen des China-Krieges mit einem Öl-Embargo belegt hatten, nicht zu besiegen waren.

Aber noch stärker als den Krieg fürchtete er Aufstände im Land. Seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 vermochte Japans autoritäres Herrschaftssystem soziale Unruhen kaum noch zu kontrollieren. Auch aus Sorge um die Monarchie entschied sich Hirohito, seine nationalistischen Militärs auf das Feld der Ehre zu treiben.

Am Tag des Angriffs auf Pearl Harbor notierte Hirohitos Marineberater Eiichiro Jo: »Den ganzen Tag lang trug der Kaiser seine Marineuniform und schien in glänzender Stimmung zu sein.« Und als sich das Kriegsglück nach der Niederlage von Midway im Juni 1942 gegen Japan wendete, drängte ein gereizter Tenno seine Admiräle, gefallene Vorposten wie die Pazifikinsel Saipan zurückzuerobern: »Wir müssen angreifen.« Demonstrativ inspizierte er am Neujahrstag 1945 mit Kaiserin Nagako Kamikaze-Piloten bei ihrer letzten Mahlzeit, bevor sie zu ihren Selbstmordkommandos starteten. Jedes Mal, wenn Hirohito von erfolgreichen Kamikaze-Aktionen hörte, verbeugte er sich rituell vor den Toten.

Im Mai 1945 besichtigte er dann das ausgebombte Tokio. Aber statt nun endlich die Waffen zu strecken und weitere unnötige Opfer zu vermeiden, wie es ihm gemäßigte Hofadlige längst rieten, sorgte der Herrscher sich um das Überleben des Kaiserhauses. Er suchte nach einem sicheren Versteck für seine Insignien - Spiegel, Juwelen und Schwert.

Nach der Kapitulation am 15. August 1945 feilte Hirohito eifrig am neuen Image als Friedens-Tenno. Als wichtigsten Verbündeten gewann er den US-Besatzungsgeneral in Japan, Douglas MacArthur. Dieser verschonte ihn, damit sich die geschlagenen Japaner der Besatzung willig fügten, von einer Anklage beim Tokioter Kriegsverbrecherprozess von 1946 bis 1948.

Dennoch musste der Kaiser zunächst um seinen Thron bangen. Nicht nur im Ausland, sogar bei Hofe wurde der Ruf nach Abdankung laut. Im März 1946 empfing er seine engsten Ratgeber und probte die neue Verteidigungslinie: Als konstitutioneller Monarch habe er den Krieg nicht verhindern können.

Dieser so genannte Monolog kam erst nach Hirohitos Tod ans Licht. Er ist eine der wenigen unmittelbaren Äußerungen des Tenno über seine Rolle im Zweiten Weltkrieg. Doch viele Zitate, die seine Wegbegleiter überliefern, zeigen den anderen Hirohito: einen unbeugsamen Herrscher, der sich vor allem um seine Zukunft als Monarch sorgte.

Durch sein öffentliches Schweigen zur Kriegsschuldfrage schuf Hirohito die Grundlage für jenes tiefe Misstrauen, das zwischen Japan und seinen Nachbarn bis heute herrscht. Zugleich half er Japans Konservativen, die unselige Vergangenheit zu verklären. Sie predigen die Rückbesinnung auf autoritäre Werte der frühen Showa-Zeit und wollen von einer Entschuldigung für den Angriffskrieg nichts hören. Darüber müsse die Geschichte befinden, wischte Japans Premier Yoshiro Mori das Thema noch vor kurzem beiseite.

Im kommenden April tritt ein neues Gesetz in Kraft, mit dessen Hilfe Bürger die Offenlegung amtlicher Akten verlangen können. Wären die erst einmal freigegeben, könnte sich Historiker Kita vielleicht auch besser mit kritischen Fachkollegen wie Bix streiten, dem er jetzt pauschal widerspricht, ohne dies belegen zu können.

»Der Showa-Tenno war zwar Japans Staatsoberhaupt«, verteidigt Kita seine kaiserfreundliche Auffassung, »aber politisch verantwortlich war er nicht.«

WIELAND WAGNER

* Oben: am 7. Dezember 1941; unten: als Oberbefehlshaber derStreitkräfte am 8. Dezember 1941.

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