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ORDENSVERLEIHUNG Es dauert Jahre

aus DER SPIEGEL 13/1956

Daß gut Ding Weile haben will, hat das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland Anfang dieses Monats überzeugend dokumentiert. Rund anderthalb Jahre nachdem bei ihm ein Brief eingegangen ist, hat es diese Tatsache dem Verfasser des Briefes schriftlich bestätigt.

Dieser Brief war von seinem Schreiber vor nun achtzehn Monaten, am 7. September 1954, auf den Behördenweg geschickt worden. In dem Schreiben wurde angeregt, dem Polizeichef der südschwedischen Hafen- und Kreisstadt Ahus, Martin Larsson, das Bundesverdienstkreuz zu verleihen.

Larsson hatte sich in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges, als deutsche Zivilisten- und Wehrmachtangehörige zu Tausenden vor der nachrückenden Roten Armee in Fischerbooten und seeuntüchtigen Fahrzeugen aller Art über die Ostsee flohen, weit über das dienstliche Soll hinaus um Flüchtlinge gekümmert, die an der schwedischen Küste landeten.

Das brachte dem Polizeichef Larsson bei seinen Landsleuten den damals nicht angenehmen Ruf eines Deutschenfreundes und »Nazisten« ein. Martin Larsson war aber alles andere als Nazi. Während des Krieges hatte er sich in der gleichen Weise der vor den Deutschen fliehenden dänischen, polnischen und finnischen Juden und Widerständler angenommen, die in seiner kleinen Hafenstadt landeten.

Er bürgte für Aufenthaltsgenehmigungen, besorgte Arbeitsplätze und bettelte, wenn seine privaten Mittel erschöpft waren, bei den Geschäftsleuten und Wohlfahrtsverbänden um materielle Unterstützung.

Schon bald nach dem Kriege bedankten sich Dänemark und Finnland bei Larsson für die Hilfe, die er ihren Staatsbürgern hatte angedeihen lassen. Er wurde von Dänemark mit König Christians Freiheitsmedaille und von Finnland mit der finnischen Medaille »Pro benignitate humana« ausgezeichnet.

Es hätte auch der Bundesrepublik nicht schlecht angestanden, dem Martin Larsson eines der freigiebig verteilten Bundesverdienstkreuze zu verleihen. Aber von den Deutschen, mit denen Philantrop Larsson, weil sie in viel größerer Zahl angekommen waren, am meisten Mühe gehabt hatte, hörte er kein Wort des offiziellen Dankes.

Da bekam am 7. September 1954 der Hamburger Bürgermeister, der als Landesregierungschef für Verdienstkreuzverleihungen vorschlagsberechtigt ist, einen Brief, in dem angeregt wurde, das Versäumte nachzuholen und Larsson auszuzeichnen. Die Hamburger Senatskanzlei antwortete nach elf Wochen, am 16. November 1954, der Vorschlag sei »aus Zuständigkeitsgründen an das Auswärtige Amt, Bonn, weitergeleitet worden, da dieses für die Ordensverleihung für Ausländer und im Ausland lebende Deutsche federführend ist«.

Dann wurde es still, und es schien, als sei der Vorschlag auf dem Wege über Papierkorb und Müllabfuhr längst zu Rauch geworden. Daß diese Vermutung falsch war und bei deutschen Behörden nichts verlorengeht, zeigte sich indes, als in diesem Monat, nach eineinhalb Jahren, Antwort aus Bonn kam. Das Auswärtige Amt teilte unter Aktenzeichen 002/061-04 261/338/56 mit, was der Briefschreiber seit über einem Jahr wußte, daß nämlich sein Schreiben zuständigkeitshalber an das Auswärtige Amt übersandt worden sei.

Warum Martin Larsson den Dank der Bundesrepublik nun doch nicht mehr empfangen konnte, ergab sich aus dem weiteren Wortlaut des Schreibens: »Die Verdienste des Herrn Larsson um die deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten sind bestätigt worden. Eine Ordensüberreichung an den Beliehenen hat jedoch leider nicht erfolgen können, da Herr Larsson nach einem Bericht des Konsulats in Malmö am 10. Juni 1955 verstorben ist.«

Der hilfsbereite Schwede hat den Ordensverleihungsprozeß bundesdeutscher Behörden nicht überlebt.

Schwedischer Menschenfreund Larsson

Der Dienstweg war zu lang

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