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Es fehlt die Kreativität

aus DER SPIEGEL 5/1995

Ein Jahr lang holte sich Peter Bürger stets eine blutige Nase beim Karate mit den Japanern. Dann merkte er, daß der Kampf im Kopf stattfindet. »Ich habe einfach nicht mehr an den Zauber von ihrer Überlegenheit geglaubt«, sagt der Abteilungsleiter der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Tokio. Der Erfolg war durchschlagend: »Der Japaner fiel einfach um.«

Wie der Kämpfer mit dem Schwarzen Gürtel seine Angstsperre abbaute, so müssen auch die deutschen Unternehmer ihre Komplexe gegenüber den japanischen Konkurrenten nur ablegen, meint Bürger, »dann kriegen wir sie bei den Hosen«.

Sind mit den zerstörten Straßen und Bahnlinien, den zerborstenen Container-Terminals nun auch die berühmten Netzwerke von »Just in time« und »Lean production« zerrissen? Können die Deutschen es den Konkurrenten aus Japan nun endlich mal zeigen?

Für die deutschen Konzerne wäre das »ein Riesending«, sagt Folker Streib, der bis vor kurzem für die Commerzbank in Tokio war. Mit Glasfaserkabeln oder Umwelttechnik könnten die Firmen beim Aufbau der zerstörten Infrastruktur helfen - und verdienen.

Dirk Vaubel von der Unternehmensberatung Roland Berger & Partner in Tokio sieht das ganz anders: »Für die deutsche Wirtschaft wird es schwieriger, weil aus Angst vor einem Beben niemand mehr hierher will.« Die Japaner dagegen, glaubt der Wirtschaftsberater mit seiner Erfahrung von 25 Jahren im Land, haben den Schock von Kobe in einem halben Jahr vergessen.

Eine schon lange geplante Konferenz von Siemens in Kyoto, am Rande des Erdbebengebiets, ist plötzlich zum Problem geworden. Ob es denn wirklich ratsam sei, gerade jetzt dort zu tagen, muß sich der Chef der japanischen Siemens-Gesellschaft von seinen Kollegen aus Europa und Amerika fragen lassen.

Die Siemens-Leute in Tokio sind recht glücklich, daß sie gerade in der Woche nach der Katastrophe von Kobe in ein völlig neues Gebäude umziehen, das ihnen eine größere Überlebenschance verspricht. Dennoch überlegen etliche deutsche Siemens-Mitarbeiter im stillen, ob sie nicht lieber in die Heimat zurückkehren sollten.

Besonders unter den Ehefrauen und Familien der deutschen Siemens-Mitarbeiter »geht die Angst um«, weiß Ralph Gündling, Chef der japanischen Siemens-Niederlassung. Die Rucksäcke mit der Notausrüstung für Erdbeben waren in Tokio am Wochenende nach dem Desaster ausverkauft. Unter ihren Betten haben viele Deutsche jetzt eine Axt verstaut, um im Ernstfall die eingeklemmten Türen einschlagen zu können. Die Vorräte an Wasser, Lebensmitteln und Bargeld wurden aufgestockt.

Bei dem Erdbeben in Kobe sind die deutschen Firmen noch glimpflich davongekommen. Ein Vertriebsbüro von Siemens brannte aus, ein anderes fiel ein. Die Mitarbeiter kamen nicht zu Schaden. Das Gebäude eines Mercedes-Benz-Händlers brach total zusammen.

Beim Brand der Holzhäuser in der Innenstadt von Kobe wurden auch die Zulieferer der Otto-Sumisho Inc. zerstört. Die japanische Tochter des Otto-Versands kaufte bei den kleinen Sweat-Shops Kunstlederschuhe.

Drei Pharma- und Farben-Fabriken von Bayer in der Umgebung von Kobe und Osaka blieben bis auf ein paar Risse und Fensterbrüche voll funktionsfähig. Besonders das Pharma-Werk »fährt jetzt volle Pulle«, sagt Bayer-Chef Knut Kleddehn, weil die obdachlosen Erdbebenopfer einen starken Bedarf an Grippe- und Schnupfmitteln haben.

Für seine Mitarbeiter, von denen 35 ihre Häuser verloren, richtete der Chemie-Konzern einen Hilfsfonds mit 100 Millionen Yen (1,5 Millionen Mark) ein. Ein eigenes Krisenzentrum mit mehreren Depots stellt die Versorgung der Mitarbeiter sicher. »Der organisatorische Ablauf bei den Japanern war zu Anfang katastrophal«, sagt Kleddehn, »einerseits sind sie überorganisiert, andererseits fehlt die Kreativität im Einsatz.«

Die japanische Industrie traf das Beben heftiger. Die Stahlwerke von Kawasaki, Sumitomo und Kobe Steel sind beschädigt, Software-Fabriken von NEC und Mitsubishi liegen still. Hosiden, eine Fabrik für Flüssigkristall-Bildschirme, ist »zeitweise geschlossen wegen Reinigung der Räume«.

Bedroht ist auch die ausreichende Versorgung mit Sake. Kobe ist mit rund 50 Brennereien traditionell das Zentrum der japanischen Reisschnapsherstellung. Viele kleine Fabriken stürzten ein, den anderen fehlt das nötige Wasser.

Alle großen Autohersteller mußten kurz nach dem Beben ihre Produktion einschränken, obwohl manche Werke weit vom Katastrophengebiet entfernt sind: Die produktionsgerechte Anlieferung von Zubehörteilen ("Just in time") funktionierte nicht mehr. Wie in einer Kettenreaktion pflanzte sich der Lieferstopp fort. Mitsubishi und Daihatsu konnten keine Teile in andere asiatische Werke schicken, weil der Hafen von Kobe zerstört ist.

Die Anfälligkeit dieser Netzwerke könnte die japanischen Autohersteller veranlassen, ihre Produktion noch mehr als ohnehin geplant in Länder wie Korea zu verlegen, vermutet der Tokioter Professor Tetsuo Abo, ein Spezialist für die Internationalisierung der Fahrzeugindustrie: »Das würde unsere Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft erhöhen.« In einem halben Jahr, so Abo, ist das inländische Transportsystem wiederhergestellt. Die beschädigten Fabriken in Kobe sind für ihn »kein essentielles Problem«.

»Wir sind ein Volk, das über solche Dinge nicht reflektiert«, sagt Sung-jo Park, Professor an der Freien Universität Berlin. Er erlebte das Beben während eines Forschungssemesters in seiner Heimat. »Der Ruf des japanischen Management-Systems«, meint der Wirtschaftsfachmann Park, »hat in Kobe sehr viel Schaden davongetragen.«

Vorsorge, vorausschauendes Denken und Gruppengeist sind in Japan nur auf den Unternehmensgewinn ausgerichtet, glaubt der Professor, nicht auf die Gesellschaft.

Aber auch in den Unternehmen funktioniert das Modell nicht mehr so recht. »Die Deutschen und Europäer ziehen an euch vorbei«, warnt Park seine Landsleute.

»Probleme, die bisher nur schwelten, kommen jetzt heraus«, sagt der Karatekämpfer Bürger. Die Zerstörung der billigen Hinterhoffabriken im Zentrum von Kobe etwa machte der Nation erst klar, daß dort Zehntausende von illegalen Einwanderern von den Philippinen oder aus Korea ausgebeutet wurden. Insgesamt vermutet die Regierung eine halbe Millon Illegale im Land.

Der Sachschaden des Erdbebens, derzeit auf 75 bis 150 Milliarden Mark geschätzt, ist nur mit 3 Milliarden Mark versichert. Der ungedeckte Rest kommt zum großen Teil auf den ohnehin hochverschuldeten Staat zu. Die tatsächliche, offiziell nicht zugegebene Staatsverschuldung liegt nach Meinung vieler Japan-Kenner bei 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (in Deutschland 53 Prozent).

»Japan ist im Klub der saturierten Staaten angekommen«, sagt Gerd Bissen von der WestLB in Tokio, »aber die Rolle müssen sie erst noch verstehen.« Mit bisher ungewohnten Erscheinungen wie Konjunkturzyklen oder einer chaotischen Regierung kommen die Japaner schlecht zurecht. Der Bankchef weiß: »Das ist nicht mehr das Modell der nächsten Dekade.«

Doch der Japaner Park warnt die deutschen Unternehmer vor allzu frohem Übermut. »Ganz subtil und heimlich« werden seine Landsleute jetzt überall verbreiten, wie schlecht es ihnen geht und um Nachsicht und Geduld bitten, vermutet der Professor. Am Ende aber »gehen die Japaner immer stärker aus der Krise hervor«. Y

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