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Briefe

Es gab sie, und es gibt sie noch
aus DER SPIEGEL 44/2000

Es gab sie, und es gibt sie noch

Nr. 42/2000, Zeitgeschichte: Die unbekannten Helfer der verfolgten Juden

Es wird Zeit, dass die Namen dieser Menschen so selbstverständlich in den Geschichtsunterricht fließen wie die von Hitler und seinen Helfershelfern, damit sich Kinder auch an positiven Vorbildern orientieren können.

WERMELSKIRCHEN KONSTANTINA DOLMATZI

Solange man sich noch den Satz anhören muss: »Aber unsere Eltern konnten doch nichts tun, sonst wären sie selbst umgebracht worden«, so lange kann gar nicht genug über den Holocaust berichtet werden, egal, ob über gute oder schlechte Deutsche.

MANNHEIM HELMA TRECHMANN

Der sehr gute und zu Herzen gehende Artikel enthält leider eine starke Untertreibung. Sie vermuten, dass nur einige zehntausend »gute Deutsche« den Juden halfen. Ganz genau wissen Sie aber, dass es die »absolute Ausnahme« war, dass jemand wie Frau Nickel die Initiative aus Frömmigkeit ergriff. Christen wurden bekanntlich auch verfolgt; trotzdem gab es Martin Niemöller und das Büro von Probst Grüber. Es trug deshalb keiner der Helfer ein Schild vor dem Bauch: »Ich helfe Juden aus christlichen Motiven!« Außerdem, wer kannte schon einen Juden? Sie waren entweder rechtzeitig entkommen oder auf dem Weg ins KZ.

KÖSCHING (BAYERN) REINER SCHOTTE

Der SPIEGEL gefällt sich neuerdings offenbar in der Rolle des unkritischen Verkünders einer »neuen deutschen Normalität«. Sie führen einige zehntausend »gute Deutsche« (von 70 Millionen) an, um Goldhagens These von der Kollektivschuld »außer Kraft« zu setzen. Auch wenn der Mut der Retter bisher sicher zu wenig gewürdigt wurde: Hier werden Ausnahmen als Regel verbrämt, und das grenzt an Geschichtsklitterung.

AUGSBURG SUSANNE DEHMEL

Nach der Veröffentlichung der Nürnberger Rassengesetze 1935 fuhr mein Vater mit seinem jüdischen Freund Jules Schönfeld im offenen Adler Trumpf Junior stundenlang ostentativ durch die Straßen unserer Innenstadt. Im August 1943 versteckten meine Eltern ihren Freund Fritz Lehmann - Halbjude und hochdekorierter Soldat im 1. Weltkrieg - auf dem Dachboden unseres Hauses in Neustadt. Das Problem für meine Eltern war, dass meine Schwester und ich dichthielten. Meine Mutter verriet uns das so genannte »größte Geheimnis«, indem Onkel Lehmann jetzt Onkel Schröder sei und nur wir in der ganzen Welt dies wüssten. An Weihnachten hatte Onkel Schröder solches Heimweh nach seiner Familie, dass er 30 Kilometer zu Fuß durch den winterlichen Pfälzerwald nach Kaiserslautern lief. Dort wurde er verhaftet und nach Theresienstadt deportiert, wo er das Kriegsende überlebte, um tragischerweise kurz nach seiner Rückkehr bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen.

NEUSTADT/WEINSTRAßE PETER MEININGER

Wurden im Dritten Reich Juden verfolgt, schikaniert und deportiert, sahen die meisten Deutschen weg. Das ist die Vergangenheit! Wird im Jahre 2000 eine Frau in der U-Bahn sexuell belästigt, sehen die meisten Fahrgäste weg. Das ist die Gegenwart! Leider!!

MÜNCHEN THOMAS FALK

Meine Mutter war mit Polinnen und Jüdinnen zusammen in der Schule in Brezeziny (Löwenstadt). Als die Judenrazzien begannen, versteckte sie zwei jüdische Schulkameradinnen so lange, bis diese fliehen konnten. Ihnen soll die Ausreise gelungen sein. Drei andere Freundinnen versteckte meine Mutter vor dem Arbeitsdienst »im Reich«.

MAINZ SIEGFRIED NIETZ

In der Tat scheint sich, nach jahrzehntelanger verdächtiger Stille, jetzt eine Menge zu tun. Auch ich, eine amerikanische Historikerin, habe eher durch Zufall angefangen, Nachforschungen über das Leben einer mutigen Frau aus Berlin, Johanna Eck, anzustellen. Frau Eck wurde sowohl von der Stadt Berlin 1958 als auch von Jad Waschem in Israel 1974 geehrt. Sie nahm einen Juden, Heinz G., bei sich auf und brachte ihn auch, nachdem sie 1943 ausgebombt wurde, unter. Später versteckte sie ein jüdisches Mädchen, Mia G., bei sich, dessen Eltern deportiert wurden. Auch eine Freundin Mias aus Ostpreußen, Erika H., die ich in Berlin ausfindig gemacht habe, hat ihr unter großem Risiko das Überleben ermöglicht. Ja, es gab sie, und es gibt sie noch, die stillen Helden.

GÖTTINGEN ELISABETH LEONARD ECK

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