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»Es geht weiter bergab«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über den Wahlkämpfer Ignaz Kiechle *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 21/1986

Über seinem Wahlkampfphoto sitzt der niedersächsische CDU-Landtagskandidat Lothar Hampe auf dem Podium wie sein eigenes Dementi: Der Mund, auf dem Strahlemann-Plakat optimistisch lächelnd, wirkt ärgerlich verkniffen, der triumphierende Kolonialoffiziers-Bart hängt: trüb herab. Und je länger der Mann am Pult neben ihm redet, desto tiefer sackt der anfangs forsch gereckte Politiker in sich zusammen.

Wahrlich, einen deprimierenderen Wahlhelfer als den Bayern Ignaz Kiechle aus Bonn hat die Republik noch nicht gesehen.

Eine »bäuerliche Großveranstaltung« mit dem Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten hatte die CDU in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim zur Unterstützung Hampes in der vergangenen Woche angekündigt. Ignaz Kiechle, der mit dem Hubschrauber einschwebt, entnimmt unterwegs seinen Unterlagen, daß ihn ein Saal mit 500 Plätzen erwartet. Als er dann - »hoffentlich gibt es keine Entgleisungen« - von hinten das »Relaxa«-Hotel betreten hat, findet er sich zu seinem sichtlichen Unbehagen in einem taubengrau-sterilen Konferenzraum wieder, in dem etwa 160 bedrückte Landwirte wie in einem Krankenzimmer hocken.

Wirkt schon der Raum wie eine örtliche Betäubung, der Redner lähmt die Versammlung vollends. Mit fast tonloser Stimme, kaum den traurigen Blick hebend, teilt der Allgäuer seinen bäuerlichen Zuhörern unverschnörkelt mit, was sie schon wissen: Die Lage ist trostlos und wird noch schlechter, zumal jetzt »die blöde Strahlerei« dazukommt, wie der Minister insgeheim den Fallout von Tschernobyl nennt. Wenn Kiechle doch einmal aufblickt, starrt er in angespannt leere Gesichter, fahl wie die Tapeten, resigniert, nicht mal mehr zornig.

Nein, viel Hoffnung und Mut können die Niedersachsen von Ignaz Kiechle nicht mitnehmen, höchstens Kraft im Leiden. Der Minister präsentiert sich als unerschütterlicher Bauern-Hiob des Bonner Passionsspiels, der Not und Wut der Landwirte wie ein Kreuz auf seine massigen Schultern nimmt. Was immer die Bürokraten in Brüssel, die Sozialdemokraten in Bonn, »die uns den Sauladen hinterlassen haben«, und nun auch noch die Sowjets den deutschen Bauern antun: »Der Minister, der dafür die Verantwortung trägt, der muß dafür den Buckel hinhalten. Na schön«

Dieses eher ergebene als trotzige Bekenntnis entringt sich der mächtigen Brust des Ministers einen Tag später ein paar hundert Kilometer südlich, im oberfränkischen Dorf Schneckenlohe »ziemlich am Ende der Welt«, wie ein Reporter des lokalen »Coburger Tageblatts« empfindet. Doch scheint sie in Ordnung zu sein.

Als Kiechles Bundeswehr-Helikopter im satten Wiesengrunde neben dem CSU-Festzelt aufsetzt, ist die Feuerwehr geschlossen angetreten, eine Blasmusik empfängt den Gast mit der schmetternden Falschmeldung: »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein«

Im Festzelt hocken 800 Bauern hinterm Bier. Wenn es auch nach Volksfest riecht - die Stimmung ist trist. Der CSU-Kreisvorsitzende Rudi Daum, den sie den »Frankenwald-Strauß« nennen, sucht sie vergeblich zu heben, indem er Kiechle mit stimmgewaltiger Überschwenglichkeit »als einen echten Verfechter gerade der Landwirtschaft« begrüßt. In Pfui-Rufe und Pfiffe hinein hob er dröhnend auf »eine echte politische Stunde«.

Die Pfeifer halten ihre Plakate hoch. auf denen steht: »Wahltag ist Zahltag - und »Wenn Kiechle ein Jahr vom Einkommen eines Frankenwaldbauern leben müßte, wären wir nicht in einer solchen Situation«

Ach, ihr Leut'', als wenn der Kiechle-Ignaz das nicht wüßte. Er sei schlimmeren _(Auf der Landwirtschaftsschau Hannover: ) _(auf dem Podium vorn ) _(Bauernverbandspräsident Heereman (2. v. ) _(l.), Niedersachsen-Premier Albrecht, ) _(Kiechle-Vorgänger Ertl. )

Empfang gewohnt, läßt er müde wissen. Zwar zieht er hier die Jacke aus, aber dann breitet er vor den Bayern mit peinigender Ausführlichkeit trostlose »Zukunftsperspektiven«- aus: »Im laufenden Wirtschaftsjahr geht es weiter bergab.«

Und wie in Niedersachsen senken sich Resignation und Hilflosigkeit über die Versammelten. Hinter den Maßkrügen leeren sich die Gesichter. Auf dem Platzhirsch-Podium vergräbt der Bundestagsabgeordnete Lorenz Niegel gottergeben das Gesicht hinter seinen Fäusten. Die Finger seines CSU-Kollegen Otto Regenspurger trommeln nervös einen Trauermarsch.

Als Regenspurger am Ende, nur wenige Pfiffe und Pfui-Rufe beleben den pflichtschuldigen Applaus, dem sehr geehrten Herrn Minister und lieben Ignaz »für diese Aufklärung« dankt, enden all seine krampfhaften Munterkeitsanläufe an einem Schild, das Jungbauern ihm entgegenrecken: »Frankenwaldbauer, ein Beruf ohne Zukunft«.

Besser kann keiner Kiechles Rede zusammenfassen. Otto Regenspurger wirkt in seiner schnieken Trachtenjacke, der Uniform christlich-sozialer Funktionäre, in diesem Augenblick so unglaubwürdig wie der Minister den ganzen Abend nicht.

Der sitzt längst wieder in sich versunken auf seinem Stuhl, wischt sich mit weißem Schnupftuch den Schweiß vom breiten Nacken, kreuzt die mächtigen Unterarme vor dem Leib und faltet die Hände: ein praller unfideler Bauer, im Wortsinne um vieles leibhaftiger als die geschundenen Gestalten unten im Bierzelt. Als er zu den Klängen des Marsches Alte Kameraden« schwer zu seinem Hubschrauber trottet, winken die Zurückgebliebenen: Ehrlich ist er ja, im Grunde ein armes Schwein wie sie. Und hat er nicht noch Schlimmeres verhütet?

Rund und erdenschwer, sparsam mit Gefühlen, Gesten und Worten, eine in sich ruhende politische Einheit - gibt es eine eindeutigere Figur in der hektischen Bonner Szene als Ignaz Kiechle? Trauer und Zorn, Resignation und Ratlosigkeit angesichts einer total verfahrenen Agrarpolitik trägt dieser Mann wie eine zweite Haut. Daß man den Kiechle nicht rabiat angreifen kann, weil er eine so bejammernswerte Figur sei, gilt bei seinen Gegnern als ausgemacht: Der weint so schön.

Gerade das aber erzeugt auch Mißtrauen. Könnte diese Haltung etwa deshalb echt sein, weil sie die Ohnmacht einer in sich selbst gebrochenen Person spiegelt? Antje Vollmer jedenfalls, die Landwirtschaftsexpertin der Grünen, ist sicher, daß Ignaz Kiechle vor allem daran leidet »ein betrogener Betrüger« zu sein.

Tatsächlich geht dem Minister, dessen Name schon Folklore verspricht, auf den Leim, wer hinter seiner simplen Erscheinung

einen biederen Bauern vermutet und weiter nichts. Würde ein dumpfer Bauerndimpel den urbaner Hochmut leicht in eine; solchen Figur vermutet, wohl auf die Idee kommen die Brüsseler Preispolitik mit dem Titel eines Goya-Bildes zu vergleichen: »Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer«?

Nicht zufällig gehört für Ignaz Kiechle »die Neugier, herauszubekommen, was sich hinter den Fassaden der Politiker verbirgt«, zu den aufregendsten Motivationen seiner Bonner Karriere, neben Ehrgeiz und Pflichtgefühl.

Man muß auch nicht lange suchen, um an dem Bauern, dem der Vater einen 250 Jahre alten Familienbesitz in der Nähe von Kempten hinterlassen hat, einige weniger bodenständige Züge zu entdecken. Es fangt damit an, daß Ignaz Kiechle Rechtsanwalt werden wollte, nicht Landwirt. Daß er, obwohl Allgäuer Kleinbauer, bereits als junger Mann in den USA nicht unbeeindruckt blieb von der Faszination einer technisierten Großlandwirtschaft. Daß er heute hauptberuflich Verleger ist - mit 70 Angestellten - und nicht von Milchkühen lebt.

Er sammelt Bierkrüge und trinkt am liebsten Wein. Er sieht aus als ernähre er sich nur von Knödeln, Kartoffeln und Käse, und weiß doch Austern zu schätzen oder Seezunge. Er lebt auf seinem alten Hof, aber er hat ihn mit Swimmingpool ausgestattet. Er tritt auf, als sei er die Gesundheit selbst und läßt sich doch regelmäßig von Spezialisten durchchecken, seit er nach dem Veto in Brüssel letztes Jahr plötzlich seinen linken Arm nicht mehr spürte.

Die bedeutsamste Diskrepanz aber im Leben des Ignaz Kiechle rührt aus dem Umstand, daß er mit einfachem Volksschulabschluß Bundesminister geworden ist. Das macht ihn, sagt er, »ein bißchen stolz«. »Ein bißchen« steht für ungeheuer. Nicht zuletzt, um diese Unglaublichkeit vor sich und anderen immer wieder herauszustreichen, klammert er sich ziemlich gewaltsam in seiner neuen Rolle an die alten Verhaltensweisen.

Er tritt auf, redet und kleidet sich, als sei er nicht Minister, sondern allenfalls Kreisbauernverbandsobmann. Und er freut sich diebisch - »aber das geb'' ich nicht zu« -, wenn die Menschen in den Städten in dem tapsigen Trumm vom Lande, der probehalber die Düsseldorfer Königsallee abläuft, den Minister erkennen. Vor spiegelnden Schaufensterscheiben beobachtet er in sich hineinkichernd, wie die Bürger sich anstoßen und tuscheln, mancher gar ihn anzusprechen wagt.

Daß Ignaz Kiechle diesen naiven Frohsinn im Amt zunächst auch den deutschen Bauern vermittelte, den kleinen zumal, die in ihm einen vom gleichen Schrot und Korn witterten, kam vor allem jenen in der Kohl-Regierung zupaß, die sich über die Zukunftsaussichten bäuerlicher Familienbetriebe trotz allen ideologischen Geredes keine Illusionen machten. Für Ignaz Kiechle von der CSU mag es ein persönlicher Triumph gewesen sein, sich gegen den adligen Agrarfabrikanten Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck im Wettbewerb um das Ministeramt durchgesetzt zu haben; für die Pragmatiker und Realpolitiker der Union war das ein trickreicher Glücksfall.

Die Einführung von Milchquoten wie die Senkung von Getreide- und Fleischpreisen hätten die mißtrauischen Kleinbauern vom Konzern-Aristokraten Heereman nicht so lange hingenommen wie vom schwäbischen Milchbauern Ignaz Kiechle. Und wenn sie selbst diesen Minister niederzubrüllen begannen - mit Tomaten und Eiern, Kiechle ist stolz darauf, hat ihn keiner beworfen.

Er erzählt das gern, um von jenem Vorwurf abzulenken, der ihn tiefer verletzt hat als jede andere Anpöbelei in »diesem Mistjob«; der Beschuldigung nämlich, ein Bauernverräter zu sein, der »Judas des Allgäu«. Er habe klare »innere

Grenzlinien«, versichert er, bis an die Grenzen des Mittragbaren habe ihn sein Amt gebracht, aber nie darüber hinaus.

Dennoch werden Selbstzweifel spürbar. Argwohn und Unbehagen sind mit Händen zu greifen, als er Anfang Mai stundenlang neben Heereman durch die Hannoversche Landwirtschaftsausstellung stapft, ohne ein Wort mit ihm zu reden. Stets wittert er Konspiration bei den Bossen aus Verbänden und Parteien, fürchtet, daß ausgerechnet die zur Jagd auf ihn blasen die sonntags mit Gummistiefeln und Hobby-Loden durch Wald und Flur schlurfen. Wenn er besonders wütend ist, träumt er davon, als Führer eines Kleinbauern-Verbandes denen »die Hölle heiß zu machen«.

Es klingt nach Selbstbeschwörung, wenn Kiechle in Bad Salzdetfurth skeptischen Jungbauern versichert, er habe »wenig Interesse daran, dafür zu sorgen. daß die Bilanzen der Konzerne stimmen«. Doch eine Diskussion über große und kleine Bauern zu beginnen, halte er für gefährlich. »Ich glaube an den Familienbetrieb und katalogisiere ihn nicht nach Größe«, fügt er lahm hinzu. Sein Glaube wird das Höfeversetzen nicht beenden und auch nicht das Bauernsterben.

Kiechle weiß das. Es macht ihn unsicher und unfroh - und genau deshalb glaubwürdig für seine Zuhörer und nützlich für die Partei. Wenn der Frankenwald-CSU-Häuptling Rudi Daum ins Mikrophon donnert: »Die Bauern sind gerade bei der Union besonders gut aufgehoben«, schallen Pfui-Rufe und Pfiffe zurück.

Aber wenn Ignaz Kiechle, die traurige Gestalt, mit leiser Stimme sagt: »Es nützt ja nichts. Eine nicht abgegebene Stimme ist weg«, dann nicken die meisten.

Auf der Landwirtschaftsschau Hannover: auf dem Podium vornBauernverbandspräsident Heereman (2. v. l.), Niedersachsen-PremierAlbrecht, Kiechle-Vorgänger Ertl.

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