Zur Ausgabe
Artikel 32 / 83

»Es gibt hier nichts zu schießen ...!«

aus DER SPIEGEL 45/1968

Ihrem ungeliebten ersten Präsidenten gleich, hassen die Deutschen die Revolution wie die Sünde. Hundertfünfzig Jahre lang, die in ganz Europa eine Epoche der Unruhen und Umwälzungen waren, blieb Deutschland nahezu unbewegt und seinen Verspätungen treu. Immer haben höhere Gesichtspunkte: Ordnung beispielsweise oder Vaterland oder Sicherheit es verhindert, die politischen und sozialen Fragen, wie die Zeit es verlangte, zu bewältigen.

»Es gibt hier nichts zu schießen«, herrschte eine revolutionäre Ordnungsperson einen einsamen Rotgardisten an, der 1918, am Tage der Münchner Revolution, auf dem Maximiliansplatz seiner revolutionären Wut durch einen Schuß in die oberen Stockwerke des Regina-Palast-Hotels Luft machte.

Das deutsche Gedächtnis kennt weder geköpfte Könige noch erschlagene Gauleiter, keine Straßenschlachten, keinen Bastillensturm oder siegreich durchgestandenen Verfassungskonflikt.

Eher geniert bewahrt es die Erinnerung an einige halbherzige Erhebungen und einen selbstquälerisch wankelmütigen Widerstand, alles in Jammer und Bitternis endend. Nicht einmal der Rückblick auf große Niederlagen ist ihm vergönnt, es kennt nur den Katzenjammer kläglichen Scheiterns. Entmutigt schrieb ein Hamburger Jakobiner in den »Annalen für die leidende Menschheit« von 1796: »In Deutschland ist eine Revolution unmöglich.«

Dieses Unvermögen hat viele Interpretationen gefunden, und am Ende gelten wohl auch viele Gründe. Die besondere Psychologie eines Volkes in bedrängter Mittellage zählt ebenso dazu wie das protestantische Staatsverständnis, »die unvergessene Schockerfahrung des Dreißigjährigen Krieges und die Kleinstaaterei mitsamt der deutschen »Obödienzgesinnung« sowie dem Mangel an bürgerlichem Selbstbewußtsein. Durchweg in Ihrer neueren Geschichte hat die Nation sich der Macht gegenüber vornehmlich durch Gutwilligkeit und anhänglichen Sinn bemerkbar gemacht. Selbst die Aufklärung, die überall in Europa als radikale Herausforderung nicht nur der Ideellen, sondern auch der politischen Autoritäten auftrat, hat in Deutschland, sofern sie nicht unpolitisch war, das Landesfürstentum gestützt und gefeiert.

Nicht ohne Grund hat das Land denn auch vom päpstlichen Hof einst den Ehrennamen »Land des Gehorsams« erhalten. Napoleon meinte, die Deutschen machten keine Revolution, denn sie seien nicht Mörder genug; und sein Landsmann Tocqueville, der, nicht anders als die sensible Intelligenz des 19. Jahrhunderts überhaupt, tief beunruhigt in die von Revolution und Volksherrschaft bestimmte Zukunft sah, äußerte mit ironischer Gefaßtheit: »In Deutschland finden Revolutionen nicht statt, weil die Polizei sie verbieten würde.«

Die höhnische Pointe verbirgt ein Paradox. Denn das Land ohne Revolution hat zur revolutionären Mobilisierung Europas mehr als jedes andere beigetragen. Einem Jahrhundert hat es die bravourösesten Erkenntnisse, die schneidendsten Parolen -- und zugleich die elendesten Beispiele für ein dienerhaftes Verhältnis zur Macht geliefert. Es hat die Revolution begründet, proklamiert und versäumt. Tatenarm und gedankenvoll: so, mit einem ihrer romantischen Dichter, haben die Deutschen sich selbst gern gesehen und ihre revolutionäre Ohnmacht apologetisch gedeutet.

Tatsächlich hat der ·deutsche Umgang mit der Revolution, philosophisch und studierstubenhaft wie er war, immer den Charakter einer Ersatzhandlung gehabt. Die Radikalität des Gedankens verdeckte ·die Schwäche des Willens. Indem man Kant zum »Scharfrichter der Ideen«, zu »unserem Robespierre« erhob, vollstreckte und vermied man die Revolution in einem. Zum »Kartell der Angst«, an dessen Widerstand sich jeder Neuerungswille brach, haben nicht zuletzt die bravourösen Philosophen gezählt, sobald sie ihre Schreibtische verließen. Die Wirklichkeit war Ihnen immer unheimlich. »Wer«, so glossierte Heinrich Heine die Besorgnis vor der Realität, »etwas Liebes zu verlieren hat, und sei es auch nur den eigenen Kopf, flüstert bedenklich: Wird die deutsche Revolution eine trockene sein oder eine naßrote?«

Weder das eine wird sie sein noch das andere. Die deutsche Revolution entwickelte sich gerade aus der Zurückweisung des herkömmlichen revolutionären Geschehens, aus dem Schrecken vor Chaos und öffentlichem Blutvergießen. Zwar akzeptiert sie den Einsatz von Gewalt, doch sie verweigert ihn der Straße. Die deutsche Revolution, sofern sie außerhalb ihrer Studierstuben auftritt, ist Gegenrevolution oder gebärdet sich doch so; das heißt, zu ihren Voraussetzungen zählt, daß sie von oben und zugleich von rechts erfolgt. Revolutionäre Unternehmungen, in denen eine dieser Voraussetzungen fehlt oder unberücksichtigt bleibt, sind ohne Chance.

Das ist die Erfahrung, die, beginnend mit Georg Forster und den deutschen Jakobinern, jeder aus der Galerie deutscher Revolutionäre machen mußte: der Vormärz und die frühen Sozialisten, Lassalle, Bebel, die Soldatenräte vom November 1918, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Ebert, Thälmann, Röhm oder Ulbricht und selbst die Wortführer des Protestes von heute. Hitler schließlich auch. Sein Erfolg wird dadurch genauso erklärt wie der Mißerfolg aller anderen.

Die Ausgangslage freilich deutete keineswegs darauf hin. Denn die Deutschen, vor allem in ihren »räsonierenden Klassen«, haben die Französische Revolution als »Morgenröte«, »große Umrollung der Herzen« und »Befreiung der Menschheit« nicht weniger schwärmerisch begrüßt als die übrigen Völker Europas. »Alle denkenden Wesen haben die Epoche mitgefeiert«, erinnerte sich der Philosoph Hegel mit ungewohntem Enthusiasmus: »Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herum kreisen, war das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem baut.«

Die aufklärerische Überzeugung von der intellektuellen Konstruierbarkeit menschlicher Verhältnisse schien mit der ersten Probe zugleich bekräftigt. Die Revolution erwies sich als die Erfüllung der Philosophie.

Das Pathos, das der Epoche eigen ist, rührt folglich weniger aus dem stolzen Bewußtsein, den Absolutismus durch die Volksherrschaft verdrängt zu haben; es entstammt vielmehr der Gewißheit, daß der Mensch zum Herrn seiner Geschicke, zu seinem Gesetzgeber erst geworden sei, seit er die Herrschaft der Verhältnisse durch die Herrschaft über die Verhältnisse ersetzt habe. Das war die Freiheit, deren Anbruch die Zeit feierte.

Nur so wird der furchtbare Schock verständlich, den die Entwicklung der Revolution zur Schreckensherrschaft auslöste. Es war weniger das Mitleid mit den Opfern von Guillotine oder Septembermorden, das die Phantasie okkupierte; niederschmetternd war vielmehr der Eindruck, daß die Revolution offenbar wie eine Naturgewalt, ohne Rücksicht auf die Absichten der Akteure, ihren Weg nahm: ungerührt, mechanisch, ihrer eigenen Konsequenz folgend. »Die Lava der Revolution fließt majestätisch und schont nichts. Wer kann sie aufhalten?« notierte Georg Forster in Paris.

Es war eine Ohnmachtserfahrung« die unvergeßlich blieb. Deprimiert wandten sich Deutschlands Wortführer vom Geschehen in Frankreich ab. Kaum einer blieb dem Enthusiasmus des Jahres 1789 treu. Nur Immanuel Kant, unerschrocken in Königsberg, empfahl »neue Versuche dieser Art« Der Begriffskatalog, der künftig die Vorstellung der Revolution bestimmte, orientierte sich, tief pessimistisch, am Vokabular des Chaos: Pöbelwut, Sittenlosigkeit, Zerstörung, Mord, Elend oder Krise ersetzten die bis dahin gültigen Formeln des Überschwangs. Das Wort »Revolution« selbst, so lange ein Begriff der Hoffnung, wurde nun zu einem Synonym für »Schreckensherrschaft«. Dahinter war stets die Auffassung wirksam, daß Revolutionen, erst einmal entfesselt, mit historischer Zwangsläufigkeit in Unglück und Anarchie ausarten müßten. Die französischen Vorgänge lieferten das abschreckende Modell, das, bis in die Gegenwart, den Begriff wie die Anschauung bestimmte.

La Grande Peur, die Große Angst vor der Revolution, hat das ganze 19. Jahrhundert beherrscht und gepeinigt. Sie kroch aus allen Winkeln und verdarb selbst die Unschuld patriotischer Empfindung. Als Friedrich Wilhelm III. 1813 den Ausmarsch der Befreiungsheere beobachtete, äußerte er inmitten seiner hochgestimmten Umgebung bedrückt: »Da unten marschiert die Revolution.« Der beschauliche Charakter, zu dem das Jahrhundert von Biedermeier und Bürgertum sich stilisierte, gelang nicht ohne- Anstrengung und war, wie der Historiker Heinrich von Sybel formulierte, eher ein »Fanatismus der Ruhe«, der von der allgegenwärtigen Angst sich nährte.

Diese Angst hat für das bürgerliche Denken aus der Zukunft eine Kategorie der Verzweiflung gemacht. Sie hat der Zeit den grundsätzlich antirevolutionären opportunistischen Zug verschafft und verhindert, daß eine der zahlreichen sozialrevolutionären Bewegungen zum Erfolg gelangte. Den radikalen Liberalismus hat sie In Deutschland, verhängnisvollerweise, sogar umgebracht. Sie war in der Tat das »Gespenst«, von dem das »Kommunistische Manifest« sprach.

Der Gedanke an die Elementargewalt revolutionärer Prozesse ängstigte die einen wie die anderen: Adel, Bürgertum und Volk, Herrschende wie Beherrschte. Er hat 1830 den Willen der gegnerischen Kräfte korrumpiert und achtzehn Jahre später bewirkt, daß die Revolution, vor der nach dem Eingeständnis Friedrich Wilhelms IV. »alle auf dem Rauche lagen«, wie spielend zu Anfangserfolgen kam; er erklärt aber auch, warum die Erhebung, führungslos, so überaus rasch scheiterte. In ihrer ersten Sitzung nach den Märzereignissen von 1848 verabschiedete die neugewählte Berliner Stadtverordnetenversammlung eine »kräftige Proclamation«. Das Bekenntnis zu den Errungenschaften der Revolution enthält, was künftig zur Standardformel aller Aufrufe in Zeiten des Umsturzes wird: die Warnung vor »Unordnung und Anarchie« als den »gefährlichsten Feinden«. Die deutsche Revolution fürchtet nichts so sehr wie die Revolution.

Die gleiche Sorge hat auch bewirkt, daß die Bewegung der Paulskirche in Ergebnislosigkeit und Enttäuschung auslief. Die liberalen und bürgerlichen Kreise, die ihre Spitze bildeten, gerieten nicht zuletzt infolge ihres revolutionären Halbmuts in eine überaus widerspruchsvolle Lage. Denn sie benutzten die aufgebrachten Massen und fürchteten sie zugleich; sie wollten die Revolution, aber wohlreguliert durch konterrevolutionäre Mittel; sie drohten den alten Mächten mit dem Volk und verbündeten sich mit ihnen gegen das Volk. Die Revolution ging daran zugrunde: la Grande Peur.

Es gab um die Mitte des Jahrhunderts, das bewiesen Stimmung wie Ereignisse, keine Bejahung revolutionärer Konzepte mehr. Die Furcht vor der »souveränen Kanaille«, wie Schopenhauer den gemeinen Mann nannte, erfüllte den gemeinen Mann selbst. Entgegen der liberalen Legende hat ja sowohl die breite Bevölkerung Berlins als auch, etwas später, die der badischen Aufstandsgebiete, nicht zuletzt in den Arbeitervierteln, den Mut der Revolutionäre schlecht gelohnt und eher gegenrevolutionäre Neigungen bekundet: Noch »sehr ruhebedürftig und den alten Autoritäten ergeben«, nennt Friedrich Meinecke sie. Zweifellos wollten sie Anerkennung ihrer Bedürfnisse, Verbesserung der materiellen Lage, bürgerliche Freiheiten aber deshalb noch keineswegs die Revolution.

Sie wollten nun endlich und vor allem die nationale Einigung. Das Verlangen danach erwies sich, quer durch alle Fronten und Schichten, als so unwiderstehlich, wie es die Forderung nach Freiheit und Gleichberechtigung im Innern nie gewesen war. Schon in der Paulskirche hatte es begonnen, die verfassungspolitische und soziale Programmatik der Linken zu zersetzen. Es war zweifellos das primäre Bedürfnis der Epoche, auch wenn man davon ausgeht, daß der Einigungswille teilweise erst hochgesteuert wurde, um die Dynamik der Massen in einem populären Ziel aufzufangen.

Jedenfalls verwirrten sich nationale und soziale Frage auf unentflechtbare Weise und blieben am Ende, die eine wie die andere, unzureichend gelöst. Nationalgesinntes Gelehrtentum tat zur Begriffsverschlingung noch einiges hinzu. Indem es die Einigungskriege von 1866 und 1870/71 als »die größte Revolution seit Luther« oder als »Revolution in Uniform« zu feiern anhob, begründete es eine eigentümliche Tradition; denn anders als der Begriff es verlangt, sind von da an nach deutschem Allgemeinverständnis Revolutionen eigentlich nicht, die Phasen innenpolitischer Spaltungen und Machtkämpfe, sondern gerade die Stunden emphatischer Verbrüderung: August 1914 war deutsche Revolution; 1933 wiederum.

An der Macht nationaler Sentiments wie antirevolutionärer Stimmungen versuchten sich die sozialrevolutionären Konzepte vergebens. Das verdeutlicht das Schicksal der sozialistischen Bewegung. Es war der provokante Marxsche Einfall, das verpönte Wort »Revolution« gerade zum zentralen Begriff und Programmpunkt zu erheben, um sich dessen Schreckcharakter nutzbar zu machen. Doch der Zeitgeist ließ sich nicht düpieren. Marx hatte anderwärts formuliert, daß die Idee nicht nur zur Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit auch zur Idee drängen müsse. Die Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts jedoch drängte nicht zur revolutionären Idee.

Die Folge war, daß die revolutionäre Zielsetzung zusehends an programmatischem Ernst verlor und sich statt dessen zur rhetorischen Figur zurückbildete. Nicht selten sah sie sich von im Grunde ganz verträglichen Männern beschworen, die es gelernt hatten, den Mund revolutionär zu spitzen, ohne je zu pfeifen. Während sie die Zeit erschaudern machen wollten, vertrauten sie in Wirklichkeit, ihren deterministischen Überzeugungen getreu, auf das Gesetz der Geschichte, das im »großen Kladderadatsch« die Sache der Revolution schon ans Ziel führen werde. Der eher idyllische Typus des sozialdemokratischen Funktionärs der Jahrhundertwende, der so viel oratorische Unerbittlichkeit mit friedfertigem Gemeinsinn zu vereinbaren wußte und die Ballonmütze wie zum Maskenfeste trug, spiegelte diese Widersprüche: rechtschaffene, von keinem Mutwillen getriebene Erscheinungen, die nicht Visionen, sondern Vorstandsbeschlüssen folgten, einer wie der andere ein Sachwalter mit dem Sinn fürs Praktische, aufopferungswillig im Dienst des Ganzen -- tüchtiges proletarisches Honoratiorentum.

Unter dem eher geselligen und jedenfalls gänzlich unblutigen Temperament seiner Repräsentanz hat der revolutionäre Sozialismus, vor die Entscheidung gestellt, die Revolution selbst immer wieder verworfen um ihr schließlich abgeschworen: Gewalt sei ein reaktionärer Faktor, versicherte Wilhelm Liebknecht 1891, und selbst Friedrich Engels machte sich um diese Zeit daran, die alten Postulate zu opfern: Die Zeit der politischen Überrumpelungen und Revolutionen sei vorbei, so beteuerte er, der Sozialismus gedeihe »weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz«. Als revolutionäres »Gespenst« war der Sozialismus fünfzig Jahre zuvor aufgetreten -nie mehr als ein Gespenst war er gewesen.

Die Revolution als Fiktion: So kam sie auch der Gegenseite zustatten. Denn trotz aller Lossagungen und Widerrufe hat die Sozialdemokratie dem kaiserlichen Deutschland durchgängig als Drohung gegenüber einem Bürgertum gedient, das in seine gemütvolle Antiquiertheit verliebt war; gerade die Mischung von revolutionärer Rhetorik und Arglosigkeit hat die SPD der etablierten Macht für die Zwecke der Herrschaftssicherung unersetzlich gemacht.

Unabhängig davon hat es der Sozialdemokratie freilich, wie eigentlich immer dem revolutionär gestimmten Temperament auf der deutschen politischen Szene, an der zureichenden Provokation durch die Macht gefehlt. Stets gelang es, die revolutionäre Zuspitzung zu vermeiden und der Revolution von unten, wenn je sie drohte, durch eine Konzession von oben zuvorzukommen: Wieder und wieder wurden die deutschen Revolutionäre am Sturm auf die Bastille gehindert, indem man ihnen ein ordnungsgemäßes Entreebillet in die Wand drückte. In der Tat mochte es nur ein unbeugsames Gemüt verdrießen. daß die nicht unbeträchtlichen sozialpolitischen Verbesserungen für die Arbeiterschaft nicht vor der verheißenen endzeitlichen Kulisse zustande gekommen waren, wenn die »Verdammten dieser Erde« unter Donner und Posaunenton zum Gerichtstag schreiten und ihr Erbe antreten, sondern als prosaische Vereinbarung unter Sozialgegnern; daß sie nicht nur keinen Erfolg der Revolution bedeuteten, sondern geradezu deren absehbaren Mißerfolg.

Die Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft, ihre Führung gewiß eingeschlossen, hat diesen Mißerfolg durchaus in Kauf genommen und sich taub gestellt gegenüber der ungeniert eingestandenen Zähmungsabsicht der Gegenseite. Ihr Bedürfnis nach konstruktiver Mitarbeit am Ganzen, nach Loyalität, zeigte sich aller ideologischen Grundsatztreue weit überlegen und stieß sich weder am monarchischen System noch an politischer und gesellschaftlicher Diskreditierung: Der reine Proteststandpunkt, rief Wilhelm Liebknecht unter dem Beifall seiner Anhänger, ermüde und lähme auf die Dauer. Auch hat die Arbeiterschaft des Reiches, traditionellen Reflexen folgend, die gebietende Autorität viel eher im Strahlenglanz des Thrones gesehen als am filzgedeckten Vorstandstisch ihrer Zahlabende. Möglicherweise hat Walther Rathenau nicht unrecht mit der Überlegung, daß die Sozialdemokratie im August 1914 die Kriegskredite bewilligen mußte, weil »die Massen von ihr hinweg zu den Vorgesetzten strömten": den wirklichen Vorgesetzten, Herr Leutnant, Herr Unteroffizier.

Diese Schwächen, Kompromisse und »Verrätereien« im Auge, hat Rosa Luxemburg, ganz außer sich In ihrem furiosen Radikalismus, das »beispiellose Versagen einer gesellschaftlichen Klasse Ihren geschichtlichen Aufgaben gegenüber« gegeißelt: Nicht einen Löwen, sondern einen Hund werde einst ein Bildhauer als Symbol der ergreifenden Sklaventreue des deutschen Proletariats wählen müssen.

Was Wunder, daß auch die revolutionäre Chance, die sich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem klanglosen Abgang der deutschen Fürsten bot, ungenutzt blieb; denn was die Umgangssprache »Novemberrevolution« nennt, war nur ein wirrer, aus Erschöpfung und Depression herrührender Militärstreik, keine Erhebung, sondern ein Zusammenbruch. Im Gedächtnis der Nation haben jene Wochen und Monate sich denn auch nie als Überwältigung des Alten und Neubeginn dargestellt, sondern als ein wirres Gemisch von Meuterei, Niederlage, Verrat, Chaos und Grauen vor dem »roten Mob«. Die Erinnerungen an 1789, die Ängste des 19. Jahrhunderts, drückten noch immer.

Man weiß, wie unglücklich Friedrich Ebert war, daß die Geschichte samt dem Genossen Scheidemann die Monarchie liquidierte: In seinem hausväterlichen Biedersinn hat er die Zukunft vor allem in der Vergangenheit gesehen. Schon der Übergang zu einem halbdemokratischen System, vom Kaiserreich noch in letzter Stunde verfügt, hatte eine in allen Lagern gänzlich unvorbereitete Öffentlichkeit angetroffen, deren Reichstag sich unfähig zeigte, aus seiner Mitte einen Kanzler zu wählen. Die Republik kam als große Verlegenheit und ohne sich selbst recht zu wollen; das Zögern des Kaisers in der Abdankungsfrage und die Absicht, einen linksradikalen Revolutionsversuch abzufangen, hatten sie überraschend beschert -- mißliche Fügung für ein Land, dessen politische Phantasie, wie sich zeigte, allenfalls ausreichte, einen republikanischen Obrigkeitsstaat an die Stelle des monarchischen zu setzen. Die Gewalt, so hatte Karl Marx erklärt, sei die Geburtshelferin der Geschichte. Folgerichtig unterblieb sie im November 1918; denn es gab nichts, was geboren werden wollte.

Ordnung und, wie Josef Hofmiller schrieb, Kartoffeln: Das war der Wille der Nation. Die Sozialdemokratie hat ihn artikuliert. Im eiligen Bündnis mit den alten Mächten hat ihre Führung die Minderheiten überspielt und unterdrückt, die im Rätesystem einen revolutionären Neuansatz suchten. Sie hat damit nicht nur jene Mächte politisch aufs neue legitimiert, sondern auch den eigenen Verzicht auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kundgetan.

Angst und Bekümmerung blockierten alles. Hinzu trat das exzessive Verantwortungsbewußtsein einer Partei, die sich nach langem und entbehrungsreichem Außenseitertum als Ordnungsmacht zur Bewährung gerufen glaubte. Statt sich der revolutionären Dynamik zumindest taktisch, als Gegenkraft, zu bedienen, wurde sie, rabiat und kurzsichtig, im neugewonnenen Obrigkeitsbewußtsein zerschlagen. »Wir können nicht sagen, wir haben die Revolution »gemacht«, aber wir sind nicht ihre Gegner gewesen«, versicherte bald nach dem November 1918 eine Erklärung des Parteivorstandes, und selbst diese Formulierung ist nicht ohne beschönigenden Zug. Gewiß gab es viele Gründe, dem Neuerungswillen, spontan und unreflektiert wie er war, Schranken zu setzen. Aber entscheidend war wohl, daß der Sozialdemokratie Bebels und Eberts die gegenrevolutionäre Position längst einleuchtender und vertrauter war als die revolutionäre.

Infolgedessen kam nicht einmal ein zaghafter Sozialisierungsversuch zustande. Max Cohen-Reuß, sozialdemokratisches Mitglied der Revolutionsregierung, sprach mit dem Blick auf seine Partei von der »Angst vor der Zerschlagung der jetzigen Wirtschaftsformen«, die feudalen Positionen des Großgrundbesitzes blieben unangetastet, und selbst der vergleichsweise radikale Kurt Eisner in München garantierte »allen Beamten« ihre Stellungen: Die gesellschaftlichen Gruppen, die einzig über Herrschaftsverständnis und Herrschaftstradition verfügten und ihre autoritären Neigungen besaßen, gingen nahezu ohne Machtverlust aus dem Übergang zur neuen Staatsform hervor. »Die größte Dummheit der Revolutionäre war es«, pflegte Ludendorff zu höhnen, »daß sie uns alle leben ließen.«

So stark war die Macht des Alten, daß noch die Verfassung stellenweise versuchte, die Verhältnisse der Kaiserzeit republikanisch zu kopieren und sich beispielsweise in der Ausstattung des Präsidentenamtes ein »Ersatzkaisertum« zu schaffen. Das Bedürfnis nach Kontinuität angesichts einer zusammenbrechenden Ordnung verschaffte der Revolution einen opportunistischen, halbherzig konservativen Zug, durch den sie sich selbst aufhob oder doch in Frage stellte. »Ach ja, die kleine Revolution damals ...": auf diesen Ton einer vernichtenden Gerührtheit sind zahlreiche zeitgenössische Erinnerungen gestimmt.

Nimmt man es genau, so proklamierte die Weimarer Verfassung eine Revolution, die niemals stattgefunden hatte. Ganz im Gegenteil war die Verfassung gerade das Mittel gewesen, die Macht und die Chancen der revolutionären Bewegung zu brechen. In resignierter Vorahnung nannte einer der revolutionären Wortführer schon im Dezember 1918 sie alle, die bewahrungsfreundlichen Revolutionäre, einen »politischen Selbstmörderklub«. Zeit ihres Bestehens hat dann die Republik an diesen unausgetragenen Problemen gekrankt, an dem Grundwiderspruch »zwischen einem politischen System, das die Demokratie gestattete, und einer sozialen Struktur, die sie verbot« (Dahrendorf).

Allen Veränderungen an der repräsentativen Spitze zum Trotz hatte Deutschland sich seine Verspätungen bewahrt. Vor einem demokratischen Prospekt bewegte sich eine Nation, die, mißtrauisch gegenüber der Gegenwart, ihren Traditionen und altertümelnden Bewußtseinsneigungen anhing, die Demokratie verachtete und sich deren Wirklichkeit auf dunkle Weise mit Entwurzelung, Verstädterung, Minderwertigkeit und Zerstörung des Hergebrachten zusammenreimte. Nie hat die Weimarer Republik, die so viel Vergangenheit zu retten versucht hatte, den Charakter des Illegitimen, den »Ludergeruch der Revolution« ganz abtun können.

Denn die angebliche Revolution von 1918 hat sich immer als eine linke Revolution verstanden: Das machte sie auf die Dauer anstößig und verdarb ihre Chancen. Auch litt sie an dem paradoxen deutschen Begriff der revolutionären Legitimität. Für Revolutionen war danach die Obrigkeit zuständig. Sie gewährte oder verwarf: 1848 beispielsweise hatte sie die Revolution verworfen, im Oktober 1918 beispielsweise sie gewährt. Die rechtmäßige Revolution, hieß das, erfolgt stets von oben.

Erst 1933 erhielt und vollführte Deutschland eine Revolution, ganz wie es seinen Vorstellungen entsprach: veranstaltet in Ruhe und Ordnung, als Stunde der Einigung erlebt, von rechts her vorgetragen und von der staatlichen Autorität, zuständigkeitshalber, legitimiert. Es war die Erfüllung der vielfach fehlgelaufenen, gescheiterten, in Ungeduld oder Versäumnis zuschanden gewordenen deutschen Revolution.

Hitler selbst hatte ihre Voraussetzungen erst erlernen müssen. Im November 1923 war vor der Münchner Feldherrnhalle, im Feuer eines Gendarmeriepostens, sein Versuch gescheitert, eine rechte Revolution von der Straße her, im offenen Konflikt mit der Staatsmacht, zum Erfolg zu führen. Die Einsichten. die er aus dem Fehlschlag zog, haben seine gesamte Taktik, weit über die Phase der Machtergreifung hinaus, bestimmt.

Beherrschend war die Überlegung, daß die romantische Figur der Revolution endgültig der Vergangenheit angehöre: jenes idealische Melodrama, das sich an grellen Öldrucken vom Bastillensturm wie an Delacroix« barrikadebrechender »Freiheit« eher poetisch orientierte und das Volk, heroisch zusammengerottet. unter Schlachtenblitz und Pulverknall, vor den Zwingburgen der Unfreiheit geschichtsträchtig versammelt sah. Im Begriff der Revolution, wie er lange gültig war, lebten diese Erinnerungen weiter: Die Französische Revolution sei das »Urbild aller Revolutionen«, hatte Friedrich Schlegel bemerkt, »die Revolution schlechthin«.

Indes, die Carmagnole war verstummt. Der Verzicht auf den gewaltsamen Umsturz, den Friedrich Engels formuliert hatte, war von der Vorstellung bestimmt, daß 1849 bereits die Barrikade »ihren Zauber verloren« und die Straße als klassischer Schauplatz revolutionärer Ereignisse abgedankt habe. »Der Revolutionär müßte verrückt sein«, notierte er, der sich auf den offenen Kampf einließe, da die Entwicklung »alles zugunsten des Militärs«, der Staatsmacht also, verändert habe. Als Engels diese Sätze schrieb, 1895, hatte der kleinkalibrige Magazin-Hinterlader den glatten Perkussion-Vorderlader in eben der Weise verdrängt wie in den zwanziger Jahren das Maschinengewehr den Hinterlader. Das »tiefe Gefühl der Heiterkeit«, das Ernst Jünger empfand, als eine dreiköpfige Maschinengewehrgruppe fünftausend Demonstranten binnen einer Minute zum Verschwinden brachte (siehe Kasten), spiegelte die Erleichterung des bürgerlichen Bewußtseins nach mehr als einem Jahrhundert der Angst.

Diese Entwicklung ist auf den Begriff der Revolution nicht ohne Einfluß geblieben. Die romantische Vorstellung war beherrscht von den Bildern der aufständischen Gewalt und rückte sowohl den ideologischen als auch den sozialen Aspekt des revolutionären Geschehens, die Veränderungen in Herrschaftspersonal oder Produktionsverhältnissen, ihren Bilderbuchneigungen zuliebe in den Hintergrund. Die moderne Revolution dagegen sieht, im Bewußtsein der Unterlegenheit gegenüber der etablierten Gewalt, ab von der Insurrektion. Sie erobert die Macht nicht, sondern »ergreift« sie. Sie übt eher bürokratische als brachiale Gewalt. Sie verwirklicht sich mit Hilfe, nicht im Konflikt mit der Staatsgewalt. Als »gleitende«, »schleichende«, »legale« Revolution hat man diesen Typus begrifflich zu erfassen versucht.

Das Modell dafür war die nationalsozialistische Machtergreifung. Denn niemand hat konsequenter und erfolgreicher als Hitler aus dieser Erkenntnis die Nutzanwendung gezogen. Er hat damit zugleich das deutsche Volk mit Idee und Wirklichkeit der Revolution versöhnt.

Die taktischen Prinzipien, die er seinem zweiten Anlauf zur Macht zugrunde gelegt und gegen alle Ungeduld In den eigenen Reihen hartnäckig verteidigt hat, verlangten Ordnung und strikte Legalität. Die Töne einer teils revolutionären, teils bloß gewaltgelaunten Aggressivität wurden gedämpft und nur gelegentlich einschüchternd zur Geltung gebracht. Hitler selbst entwickelte sich zu einem Manne der Ordnung, sammelte Sympathien bei Honoratioren und machtvollen Institutionen und überdeckte seine radikalen Absichten durch unermüdlich neu vorgetragene Wohlverhaltungsschwüre und Traditionsbekenntnisse. Der revolutionären Gewalt, so notierte Curzio Malaparte 1931 nach einem Besuch in Deutschland, zeige Hitler sich »in zunehmendem Maße abgeneigt. Schüsse tun seinen Ohren weh«.

Als »Adolphe Légalité« achtete er auf Reputierlichkeit. In seinem berühmten Legalitätseid« den er 1930 vor dem Reichsgericht schwor, hat er, nicht ohne Berufung auf »Gott den Allmächtigen«, für das Problem der revolutionären Gewalt die im Lande weithin überzeugende Lösung angeboten: »Ich sage Ihnen, daß, wenn ich legal zur Macht gekommen sein werde, dann will ich in legaler Regierung Staatsgerichte einsetzen, die die Verantwortlichen an dem Unglück unseres Volkes gesetzmäßig aburteilen sollen. Dann werden möglicherweise legal einige Köpfe rollen.«

Der zynische Spaß, den die Erklärung mit dem Begriff der Legalität trieb, blieb nahezu unbemerkt. Sie konnte sich die verbreitete Auffassung zunutze machen, daß Gewalt, war sie gesetzlich gedeckt, ihren Gewaltcharakter und damit ihren Schrecken verlor. Hans Frank, Rechtsanwalt und späterer Generalgouverneur Hitlers, hat versichert, daß die Äußerung »befriedigend und befreiend« gewirkt und zahlreiche »ernste Bedenken einem allenfalls von Hitler zu befürchtenden Gewaltregiment gegenüber« zerstreut habe. Die eigentümliche Reaktion brachte das soziale Ressentiment zum Vorschein, das die antirevolutionären Haltungen stets mitbestimmt hat: Das bürgerliche Bewußtsein leidet es nicht, daß »die Straße« Rechte geltend macht. Auch die revolutionäre Gewalt kennt ihr Oben und Unten. Ausgeübt durch eine beamtete Staatspolizei oder auch eine korrupte, in Opportunismus und Rechtsverrat »heillos versinkende Justiz ist sie diesem Bewußtsein weitaus erträglicher als in den plebejischen Händen hergelaufener Schlagetots aus den SA-Stürmen.

Immerhin hatten Röhm und seine braune Armee lange Zeit von dem anderen Rechtfertigungsmotiv profitieren können, das der Gewalt in Deutschland zugute kommt; denn solange sie sich durch Uniformen, diszipliniertes Auftreten und gestochenen Marschtritt als Gegenbild zum chaotischen Aufruhr proletarischer Prägung in Erscheinung zu bringen vermochten, waren Respekt und Nachsieht ihnen sicher. Gewalt legitimierte sich auch dadurch, daß sie nicht wie Meuterei, sondern wie die Erfüllung eines Befehls oder doch einer

Pflicht erschien. Erst als Röhm und seine Gefolgsleute, vom Frühjahr 1933 an, die disziplinäre Unbedingtheit aufgaben und das gestiegene Selbstbewußtsein in Willkürakten terroristisch zur Geltung brachten, forderten sie Hitler heraus: Sie desavouierten seine Taktik an entscheidender Stelle.

Denn als Revolution gegen die Revolution hatte die nationalsozialistische Bewegung Ihren Aufbruch begonnen. Mit diesem Etikett hatte sie unter einem verängstigten Kleinbürgertum Hoffnungen und Anhängerschaft mobilisiert.

Die nationale Revolution, die sie in scharfer Frontstellung gegen die Revolution von links proklamiert hatte, unterschied sich eben durch das Element der Ordnung vom Schreckbild sozialistischer Anarchie. Diese Erwartungen sahen sich nun durch Röhms anmaßenden Terrorismus zunehmend In Frage gestellt.

Zum entscheidenden Termin, der Begriff wie Absichten der nationalsozialistischen Revolution aufdeckte, ist der 30. Juni 1934, der Tag des sogenannten Röhm-Putsches, geworden. An ihm kollidierten zwei revolutionäre Konzepte. Während Hitler begonnen hatte, die Revolution unter dem Mantel der Legalität und hinter den bewußt aufrechterhaltenen alten institutionellen Fassaden zu betreiben, drängten Röhm und seine rüde Kumpanei mit wachsendem Nachdruck auf eine »richtige« Revolution und jene »Nacht der langen Messer«, in der für ein sentimentales Spießgesellentum der revolutionäre Prozeß kulminierte. Vor den Pelotons in Stadelheim und Lichterfelde wurde der Konflikt gegen die Revolution des traditionellen, romantischen Typs entschieden.

Das mehrtägige Morden kam paradoxerweise der Popularität Hitlers zugute. Denn trotz anfänglichen Erschreckens über die Brutalität des Vorgehens überwog das Gefühl der Erleichterung darüber, daß den revolutionären Umtrieben der SA, die so viele tiefsitzende Ängste wiederbelebt hatten, ein Ende gesetzt sei. Mit Vorliebe deutete man sich das blutige Strafgericht im Sinne des eigenen antirevolutionären Affekts: als Überwindung der »Flegeljahre der Bewegung«, als Sieg der gemäßigten Kräfte, als Abschied von der Revolution.

Der zweite Schlag jedoch, den Hitler in den Tagen der Röhm-Affäre führte, läßt den illusionären Charakter solcher Deutungsversuche erkennen, In einer gezielten Mordaktion zerbrach er Moral und Machtanspruch. der alten Herrschaftskasten, weil sie das gemeinsame Bündnis zusehends benutzten, um ähnlich wie 1918 beim Bündnis mit der SPD die Revolution zu verhindern. Die Morde vom 30. Juni 1934 machten den Weg frei für die Revolution neuen Typs. Der von dem Geschehen zunächst an herkömmliche revolutionäre Prozesse erinnerten und beunruhigten Nation rief Hitler wenig

* Bei einer Fahnenübergabe November 1933.

später, auf dem Parteitag in Nürnberg, beschwichtigend zu: »In den nächsten tausend Jahren findet in Deutschland keine Revolution mehr statt.«

Im gleichen Augenblick, eigentlich, begann sie. Hitler hatte gelegentlich vom »ganz besonderen heimlichen Genuß« gesprochen, »zu sehen, wie die Leute um uns nicht gewahr werden, was mit ihnen wirklich geschieht«. Während das Regime im Vordergrund einen rührseligen ideologischen Mummenschanz aufführte, der ihm die vertrauenerweckend konservativen Züge lieh, entfaltete es in Wirklichkeit eine radikale revolutionäre Praxis.

Nichts blieb von ihr verschont. Sie erfaßte und veränderte die politischen Institutionen, sie zerbrach die in Generationen verkrusteten Klassenstrukturen in Armee, Bürokratie und Wirtschaft und ließ weder die Kirchen, die Universitäten oder Vereine noch die Familien unbehelligt: Nur der Schlaf sei noch Privatsache, verkündete Robert Ley. Und während die einst revolutionäre SA den Schlagring mit der Winterhilfsbüchse vertauschte und zum politischen Kriegerverein entartete, wurde in den Kadern der SS, in den Adolf-Hitler-Schulen und Ordensburgen eine revolutionäre Elite des neuen Typs herangebildet: traditionslos, unsentimental, aktionsbereit.

Der Krieg und das rasche Ende des Regimes haben verhindert, daß diese Eliten zu jenen Einsätzen gelangten, für die sie als die utopische Vorhut des Nationalsozialismus gedacht waren; überhaupt blieb vieles nur Ansatz, Entwurf, wie beispielsweise die Überlegungen zur Ehe- und Familiengesetzgebung; anderes enthüllte sich als Ausdruck jener exzessiven Projektemacherei, zu der das Regime eigentümliche Anreize vermittelte. Hitler, der in einer Geheimrede zu Beginn des Jahres 1939 für die Verwirklichung der nationalsozialistischen Revolution, die genetischen Planspiele zur Züchtung des »neuen Menschen« eingeschlossen, einen Zeitraum von hundert Jahren verlangt hatte, klagte in einer seiner letzten überlieferten Äußerungen, das Ende schon vor Augen, daß ihm das Schicksal die Chance der Zeit verweigert habe.

So war es in der Tat. Was immer das Regime an Traditionen erstickt und an Bindungen zerrissen hatte, war nicht lange genug zerstört gewesen, um der Vergessenheit anheimzufallen; aber doch lange genug, um in seiner Lebenskraft gebrochen zu sein. Entgegen dem Anspruch, die deutsche Vergangenheit, ihre Würde, ihren Zauber, ihren Adel wiederherzustellen, hat das Dritte Reich tatsächlich den Rückweg dahin zerstört.

Ironischerweise verdankt daher die Bundesrepublik nicht zuletzt der nationalsozialistischen Revolution, die sich vom Krieg und seinen Folgen noch intensiviert sah, ihren verfassungspolitisch relativ unangefochtenen Status. Die Zerschlagung überständiger Strukturen, die Ausschaltung der konservativ-autoritären Herrschaftsklassen sowie die Neuverteilung sozialen Ranges haben das 19. Jahrhundert in Deutschland an sein Ende gebracht.

Das Anden régime, das über alle Wechselfälle der Zelt, alle Krisen und vermeintlichen Niederlagen hinweg seine soziale Resistenz erwiesen hatte, ist damit erst im ganzen vorüber. Sein Abschied von der Geschichte ist nicht ohne Opfer und tragisch empfundene Begleiterscheinungen erfolgt: Es hat zwischen dem 30. Juni 1934 und dem 20. Juli 1944 seine Führungsschicht, in den verlorenen Ostgebieten einen erheblichen Teil seiner ökonomischen und gesellschaftlichen Basis eingebüßt und schließlich durch Korruption und Unzulänglichkeit auch noch die Integrität der Erinnerung verdorben. Sein Abgang hat vielfältige Konsequenzen. Zwangsläufig bedeutet er Verstummen, Reduzierung, Verzicht. Er hat bewirkt, daß die konservative Position in der Bundesrepublik unbesetzt geblieben ist. Aber er hat diesem Staat bislang auch den militanten Widerspruch und damit die Notstände erspart, die nicht unbeträchtlich zum Ende der Weimarer Republik beigetragen haben.

Nimmt man alles zusammen, so weiß das deutsche Gedächtnis von keiner Revolution, die Respekt und Anhänglichkeit zum Bewußtsein verdiente. Bis auf den heutigen Tag ist die Geschichte der revolutionären Bemühungen der Nation, so oder so, mit der Erinnerung an Niederlagen verknüpft.

Dabei wird es bleiben. Denn an die Stelle der Revolutionen, die noch mit Sieg oder Niederlage endeten, Ist zusehends die Revolution als bürokratischer und technischer Prozeß getreten, dessen Funktionszusammenhang so kompliziert wie ungreifbar ist. Aus der Revolution alten Stils ließen sich noch ergreifende Emotionen, Bilder, Lieder und herzwärmende Parolen gewinnen; sie mochten ein Gefühl dessen vermitteln, was John Jay, einer der Führer der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, »the charms of liberty« genannt hat. Das ist vorbei. Der Protest der jungen Generation richtet sich auch gegen den zunehmenden Abstrahierungsprozeß gesellschaftlicher Vorgänge. Sie ist die romantische Nachhut der revolutionären Intelligenz des 19. Jahrhunderts.

Sie ist erkennbar im Verzuge. Ihr Verhalten, das intellektuellen Rigorismus und die Dynamik der Straße zu verbinden sucht, steht nicht nur gegen deutsche Ängste und Traditionen, sondern auch gegen die Zukunft. Indem es sich einen lange überholten Revolutionsbegriff zu eigen macht, hat es zwangsläufig auch den Horror vor der revolutionären Gewalt, das bürgerliche Ressentiment gegen »das Pack hinter der Barrikade« erneut wachgerufen.

Es sind die Revolutionäre einer verspäteten Nation. Sie fixieren die Bundesrepublik auf einige antiquierte Positionen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

So bleibt, im ganzen, was die Revolutionierung des Bewußtseins angeht, das Ergebnis so kurios wie ernüchternd. Weit über hundert Jahre revolutionärer Bemühung: Gedankenarbeit, Utopien, Aufbrüche, Tote, Verzweiflung, Erfolge, Niederlagen immer wieder -- und am Ende eine Nation, erbost über Abgestandenem.

Doch »um relativ nur weniges zu erreichen«, steht in Jacob Burckhardts »Weltgeschichtlichen Betrachtungen«, »braucht die Geschichte ganz enorme Veranstaltungen und einen ganz unverhältnismäßigen Lärm ... Mit Anspannung des größten Pathos werden Entscheidungen getroffen, aus welchen Wunder was hervorgehen sollte, und aus welchen dann ein ordinäres, aber notwendiges Schicksal folgt«.

Joachim Fest
Zur Ausgabe
Artikel 32 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.