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»Es gibt viele einsame Wölfe«

Die amerikanischen Vorbilder von Neonazi Diesner sind gefährlicher als deutsche Gruppen. Sie stehen im Verdacht, in den größten Terroranschlag der USA verwickelt zu sein.
aus DER SPIEGEL 10/1997

Tom Metzger aus Fallbrook in Kalifornien ist ein bulliger Mann, den so leicht nichts aus der Bahn wirft. Doch als er vergangene Woche von dem Polizistenmord im fernen Deutschland erfuhr, gab er sich entrüstet. »Da ist wohl einer durchgedreht«, zürnte er erst und dann etwas ruhiger: »Mensch, der junge Mann tut mir wirklich leid.«

Damit meint Metzger, 58, nicht den erschossenen Streifenbeamten. Dem einstigen Fernsehtechniker tut vielmehr Kay Diesner leid, der Todesschütze vom »Weißen Arischen Widerstand«. Denn Metzger ist einer der prominentesten US-Neonazis und führt die Organisation »White Aryan Resistance« (WAR) - das Vorbild für Diesners Minitruppe.

Gegen Metzger und seine amerikanischen Gesinnungsgenossen wirken deutsche Neonazi-Vereine fast harmlos. Die US-Kameraden dürfen dank Redefreiheit an Haß-Propaganda verbreiten, was sie wollen. Sie können zudem auf Rückhalt bei religiösen Fanatikern im Land bauen. Vor allem aber sind sie hochgerüstet: Allein die rechtsradikalen Milizen haben nach Schätzungen von Bürgerrechtlern bis zu 60 000 Mann unter Waffen.

Im Zentrum des kunterbraunen Durcheinanders der amerikanischen Rechten sitzen zwei Organisationen, zu denen bei so manchem Verbrechen eine Spur führt: Metzgers WAR versorgt Gleichgesinnte »weltweit«, so sagt er, mit Tips für den Guerrillakrieg. Und in einer Siedlung namens »Elohim City« treffen sich die Rechten von Rang und Namen zu Verschwörung und Klatsch. Zur Zeit untersuchen Fahnder Verbindungen zum größten Terroranschlag der US-Geschichte, dem Bombenattentat von Oklahoma City.

Elohim City liegt an einer Schlammpiste in den Bergen von Oklahoma; Bretterbuden und Wohnwagen scharen sich um ein verfallendes Gebetshaus. Das Dorf betreten dürfen neben den rund 80 ständigen Bewohnern nur gute Kameraden - was auch immer sie verbrochen haben mögen. Der weißbärtige Dorf-Gründer und Prediger Robert Millar, 71, beruft sich auf Jesus: »Mein König aß mit Sündern, und er ließ eine Hure seine Füße waschen.«

Außerdem glaubt der rechtsradikale Alte, ähnlich wie seine Gäste, daß die arischen Stämme Gottes Krieger im letzten Kampf sein werden - und der könnte schon bald beginnen: »Wir werden einen Bürgerkrieg bekommen.«

Da macht es Sinn, die Kriegskasse zu füllen: Zu den Besuchern von Elohim City gehörten etwa Mitglieder der Arisch-Republikanischen Armee (ARA). Die sind allerdings dezimiert, einer aus der kleinen Truppe hat sich in seiner Zelle erhängt, zwei andere stehen vor Gericht. Denn sie wollten die US-Regierung niederkämpfen - dafür brauchten sie Geld.

Ihre Technik war so ruppig wie effizient. Die ARA-Soldaten zogen sich Karnevalsmasken übers Gesicht, schnallten kugelsichere Westen um und luden die Sturmgewehre durch. Derart vorbereitet plünderten sie binnen zwei Jahren 22 Banken in acht Bundesstaaten. Damit hätten sie fast den US-Rekord gebrochen; den halten mit 25 Banken die Wildwest-Legende Jesse James und seine Bande.

»Es gibt eben viele einsame Wölfe da draußen«, freut sich Dennis Mahon, 46, der als Dauergast bis vor kurzem seinen Wohnwagen in Elohim City stehen hatte. Der arbeitslose Flugzeugmechaniker aus Catoosa in Oklahoma war einst »Grand Dragon« des Ku-Klux-Klan: »Bomben, Schießereien, Schlägereien - es war eine großartige Zeit«, sagt er, wechselte aber gleichwohl später als Regionalchef zu Metzgers WAR.

»Ich habe in den letzten 10 bis 15 Jahren nichts Illegales mehr angestellt«, behauptet Mahon. Das entspricht der neuen Strategie der amerikanischen Rechten, die den »führerlosen Widerstand« propagiert: Kleine Zellen von wenigen Leuten schlagen zu, die Hetzer bleiben im Hintergrund, unangreifbar für das FBI.

»Wir haben überhaupt keine Mitglieder«, sagt auch WAR-Chef Metzger. Er vertreibt eine Hetz-Zeitschrift, hat eine Fernsehsendung im Kabelnetz und ein Angebot im Internet. Er verkauft Videos ("90 Minuten Farbmaterial über Onkel Adolf") und Bücher. Rund 25 Mark kostet ein Werk »mit Techniken, wie ihr eure Feinde ausbremsen und töten könnt«. Zum gleichen Preis gibt es auch »150 Fragen eines Guerrilleros« - »hartes Zeug, nichts für Schwache«.

»Wir können ja nicht kontrollieren, was die Leute damit machen«, sagt Metzger und bleibt so auf der sicheren Seite der US-Gesetze: »Einer schreibt halt ein Buch, und ein anderer schießt auf jemanden.«

Auch mit dem deutschen Todesschützen vom Weißen Arischen Widerstand und dessen Freunden will er nichts zu tun haben: »Ich kenne die nicht mal, und auf unseren Namen haben wir ja kein Copyright.«

Kontakte nach Deutschland hat auf jeden Fall Metzgers Kumpan Mahon. Als Klan-Führer verbrannte er 1991 auf einer brandenburgischen Wiese zusammen mit deutschen Kameraden ein Holzkreuz.

Ein Freund aus Deutschland könnte Mahon demnächst Ärger bereiten: Über den Berliner Neonazi Andreas Strassmeir, 38, sind Mahon und WAR samt Elohim City in die Ermittlungen zum Bombenanschlag von Oklahoma verwickelt. Für ein förmliches Ermittlungsverfahren reichen den Fahndern die Verdachtsmomente aber noch nicht aus.

Am 19. April 1995 detonierte vor dem Behördenhaus »Alfred P. Murrah Building« eine 2000 Kilogramm-Bombe, die in einem Miet-Transporter versteckt war. Sie riß den neunstöckigen Bau auf wie eine Konservenbüchse, 168 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Der Rechtsextremist Timothy McVeigh soll die Bombe plaziert haben. Ab März wird McVeigh und einem mutmaßlichen Helfer in Denver der Prozeß gemacht - »das größte Kriminalverfahren in der Geschichte der Vereinigten Staaten«, sagt McVeighs Anwalt.

Drei Spuren führen nach Elohim City: Vor dem Anschlag rief der mutmaßliche Attentäter dort in einer Gemeinschaftsküche an. Er wollte den Berliner Strassmeir sprechen, Sohn eines ehemaligen CDU-Staatssekretärs in Helmut Kohls Kanzleramt. Als McVeigh anrief, so Strassmeirs schriftliche Erklärung in den Ermittlungsakten, habe er jedoch gerade draußen einen Zaun geflickt.

Der ehemalige Bundeswehr-Offizier behauptet, er habe McVeigh nur flüchtig auf einer Waffenmesse kennengelernt. »Ich habe ihm ein Nahkampfmesser der Navy verkauft«, so »Andy the German«, wie er in Elohim City gerufen wurde. Anschließend, sagt Strassmeir, habe er McVeigh eine Visitenkarte von Elohim City zugesteckt. Das sei alles.

Nicht ganz: Spur Nummer zwei ist Richard Wayne Snell, ein prominenter Rechtsradikaler, der zwölf Stunden nach dem Bombenanschlag wegen Mordes hingerichtet wurde. Vor der Detonation hatte der Todeskandidat, so ein Gefängnisangestellter, nebulös von einer großen Bombe, einer Explosion gesprochen.

Vielleicht meinte er nur seinen eigenen Traum: Denn er hatte schon in den achtziger Jahren geplant, das Murrah Building in die Luft zu jagen - als Rache dafür, daß US-Marshals einen Nazi-Führer erschossen hatten. Vielleicht meinte Snell aber auch etwas anderes: Sein geistlicher Beistand vor der Hinrichtung war Robert Millar - der Priesterchef von Elohim City. Die beiden haben viel miteinander geredet.

Spur Nummer drei ist eine Rechtsradikale aus Elohim City, die US-Beamte weit vor dem Anschlag umgedreht hatten. Die Frau galt den Fahndern zwar als unzuverlässig. Aber sie behauptet sehr vage, Mahon und sein Berliner Kumpel Strassmeir hätten darüber gesprochen, Behörden-Gebäude wie das Murrah Building zu sprengen. Die Frau bringt die US-Behörden möglicherweise in Schwierigkeiten.

Eine Mutter, deren Kinder bei dem Attentat von Oklahoma umkamen, will Wiedergutmachung. Von McVeigh wäre, tot oder lebendig, nichts zu holen. Wußten die Fahnder über ihre Spionin tatsächlich vorher von dem Anschlag, ohne etwas unternommen zu haben, könnte die Mutter womöglich die Regierung verklagen.

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