Zur Ausgabe
Artikel 10 / 81

»Es gibt viele Zünglein an der Waage«

In Schleswig-Holstein entscheiden die kleinen Parteien die Wahl *
aus DER SPIEGEL 37/1987

Auf der Leinwand im Foyer der Kieler Ostseehalle flimmerte das Chaos: Die Landesregierung hatte die »sofortige Renaturierung der schleswig-holsteinischen Westküste« beschlossen und zu diesem Zweck an den Ufern »weiträumig abgedeicht«. Ungehindert schwappten nun die Nordseefluten über das flache Land.

Nicht genug: Eine Koalitionskontroverse über »die Nutzung des Nord-Ostsee-Kanals« endete mit der Entscheidung, »sämtliche Schleusen zu öffnen«. Ein »Minister für Jung und Alt« knipste derweil kurz entschlossen alle Atomkraftwerke aus. Und in der Kieler Innenstadt begann die »vollständige Rückgabe der Volkszählungsdaten an die Gezählten«.

Geschehen konnte das alles, weil, so die Filmregie, die Mehrheit der Bevölkerung am 13. September 1987 »das Chaos gewählt« hatte. Der Christdemokrat Uwe Barschel mußte gehen, der Sozialdemokrat Björn Engholm wurde zum »Revolutionsführer« eines rot-grünen Regimes bestellt.

Der Videoclip, von Jungsozialisten und Junggrünen in Szene gesetzt, parodiert, was die CDU des Landes den Wählern suggerieren möchte: Angst vor einem rot-grünen Regierungsbündnis. Mit Schreckensparolen und Warnungen vor »Chaos«, »Zoff« und »no future« versuchen die Christdemokraten seit Wochen, den drohenden Machtverlust aufzuhalten. »So dicht wie dieses Mal«, glaubt auch SPD-Spitzenmann Engholm, 47, seien die Sozialdemokraten »noch nie dran gewesen«.

Sicher scheint zur Zeit nur eines: daß es jene Koalition von SPD und Grünen, vor der die CDU immerfort warnt, nicht geben wird. Die Grünen »schließen das aus«, betont Engholm landauf, landab, und auch die SPD halte ein derart heikles Bündnis »objektiv nicht für möglich«.

Im übrigen gilt der Wahlausgang als offen. Denn über Macht und Ohnmacht der beiden Großen entscheiden diesmal allein die kleinen Parteien, deren Chancen nur schwer einzuschätzen sind: die Grünen, die FDP und eine Unabhängige Wählergemeinschaft Schleswig-Holstein (UWSH). Die Frage ist, ob Alternative, Liberale und Unabhängige den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen oder wie viele Stimmen sie, im Falle eines Scheiterns, den beiden Etablierten abnehmen.

»Es gibt viele Zünglein an der Waage«, sagt SPD-Landesgeschäftsführer Klaus Rave: »Über die Ablösung der CDU nach 37 Regierungsjahren bestimmt, wer den richtigen Zungenschlag hat«.

Titelverteidiger Uwe Barschel, 43, dessen CDU noch vor vier Jahren 49 Prozent der Stimmen für die absolute Mehrheit der Landtagsmandate reichten, scheint diesmal ohne FDP nicht auszukommen. Wirtschaftsflaute, Werftenkrise und Bauernnotstand haben seiner Partei schon bei der Kommunalwahl im letzten Jahr ein deftiges Stimmen-Minus von 5,9 Prozentpunkten beschert. Nach den umstrittenen EG-Agrarbeschlüssen rechnet auch Landes-Bauernpräsident Karl Eigen mit einem weiteren »Denkzettel« aus dem Landvolk.

Verringert werden die Chancen der Christdemokraten - deren Wahlkampf nach dem Flugzeugabsturz und einem achtwöchigen Krankenhausaufenthalt ihres Spitzenkandidaten nur mühsam auf Touren gekommen war - durch den Streit der Bonner Koalitionsparteien um Steuerreform und Abrüstung. Für solchen Hickhack hätten Wähler in Schleswig-Holstein, baut Barschel vor, »kein Verständnis«.

Ermutigt durch das Formtief ihres Wunschpartners CDU fühlen sich die Freidemokraten, die 1983 nur auf 2,2 Prozent gekommen waren. Einem Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde könnten allerdings das Wahlsystem und die, wie Wahlforscher des Mannheimer Ipos-Instituts herausfanden, »deutlich erkennbaren Zweifel« der Wähler an der »koalitionspolitischen Zuverlässigkeit« der Liberalen im Wege stehen.

Weil bei der Landtagswahl nur eine Stimme vergeben werden darf, kann die FDP nicht auf einen Leihstimmenwahlkampf setzen. Vor allem zwischen den Direktkandidaten der Union, die nicht auf der Landesliste abgesichert sind, und den Liberalen ist daher seit Wochen, so FDP-Landeschef Wolf-Dieter Zumpfort, 42, ein »Kampf um jede Stimme« entbrannt.

Verunsichert scheinen liberale Wähler durch die Koalitionspolitik der FDP-Nachbarn: In Hamburg gingen die Freien Demokraten just zur heißen Phase des Kieler Kampfes in die erste sozialliberale Koalition seit der Bonner Wende. Und in Bremen, wo am selben Sonntag wie in Schleswig-Holstein gewählt wird, machen sich die Liberalen auf den gleichen Weg.

Mit negativen Auswirkungen aus der Nachbarschaft plagen sich auch die Grünen herum (siehe Seite 87). »Enttäuschte Hoffnungen« nach der Verweigerungsstrategie der Hamburger GAL und ihrer Schlappe bei der Nachwahl in Hamburg (minus 3,4 Prozentpunkte)

sind nach Meinung von Grünen-Landesgeschaftsführer Heino Schomaker Ursachen für eine unerwartete »Wahlmüdigkeit«, die sich im alternativen Lager abzeichnet. Veranstaltungen, häufig schlecht besucht, werden mit Namen von Musikantengruppen angekündigt, die manch einem wie ein böses Omen erscheinen: »Out«, »Bad News Reunion«. »Cold Sweat«.

Zur Eröffnung einer großangelegten Kultur-Tournee mit Rock und Kabarett kamen gerade 200 Getreue in die 6000 Plätze große Kieler Ostseehalle.

Bei einer Diskussionsveranstaltung in Husum waren die grüne Spitzenkandidatin Christa Limmer, 34, und ein Kamerateam des ZDF fast unter sich - die Grünen hatten vergessen zu plakatieren.

Zur Wahl stellt sich ein grüner Landesverband, dessen Spitzenleute weitgehend unbekannt sind. Obschon in ihrer Mehrzahl fundamentalistisch ausgerichtet, wollen sie immerhin »realpolitisch etwas verändern«. Und dazu, sagt Christa Limmer, gebe es »echte Berührungspunkte nur in der Sozialdemokratie«.

Als Voraussetzung für ein »sehr intensives Angebot an eine Zusammenarbeit mit der SPD auf parlamentarischer Ebene« (Schomaker) forderten die Grünen ungewöhnlich zurückhaltend, lediglich die Realisierung von zwei Programmpunkten: unverzüglicher Ausstieg aus der Kernenergie, Stopp der Sondermüll-Transporte nach Schönberg - Forderungen, die Engholm auch ohne die Grünen einlösen will.

Die entscheidende Rolle zwischen den beinahe gleich großen Lagern der Rot-Grünen und der Schwarz-Gelben könnte womöglich dem bunten Haufen der Unabhängigen zufallen. Angeführt von Reinhardt Guldager, 58, einem Professor für Entwicklungsplanung und Siedlungswesen, drängt eine Ansammlung vergrätzter Landwirte, frustrierter Kommunalpolitiker und ehemaliger CDU-Lokalgrößen nach Höherem.

Sechs bis acht Prozent erwartet der selbstbewußte Guldager, Sohn eines Kleinbauern und ehrenamtlicher Bürgermeister im Dithmarscher Dorf Hennstedt, für seine UWSH.

Der Sportflieger und Kunstmaler will mit der CDU »eine Realpolitik von unten nach oben« und eine »Abkehr von der EG-Agrarpolitik« erreichen.

»Überall, wo Wählergemeinschaften antreten«, gibt sich Guldager zuversichtlich, »steigt die Wahlbeteiligung enorm an.« Bei der letzten Kommunalwahl zogen die Unabhängigen auf Anhieb mit 11,2 Prozent in den Dithmarscher Kreistag ein.

Zur Ausgabe
Artikel 10 / 81
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.