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»Es hat mehr gemenschelt als gesachelt«

Selbst Genossen zweifeln an Willy Brandts Fortüne in Personalsachen. Mit dem Abgang Schillers aus dem Kabinett und der Entlassung von Staatssekretär Wetzel aus dem Verteidigungsressort lieferte die Koalition der oppositionellen CDU/CSU Wahlhilfe. Doch selbst Unionsstrategen wollen sich in der Ausbeute zurückhalten.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Willy Brandts Regierungsmannschaft versuchte sich in Ramba-Zamba -- und geriet ins Stolpern.

Fassungslos registrierten die Genossen. wie Kanzler Brandt den seit Monaten fälligen Superstar Schiller nur mit Zank und erst zu einem Zeitpunkt ziehen ließ, zu dem es für die SPD/FDP-Koalition existenzgefährdend werden kann.

Parteipräside Heinz Kühn, NRW-Ministerpräsident. klagt: »Die Regierung schmälert ihre an sich positive Leistungsbilanz durch törichte Schienbeintretereien.« Und auch dem zum Parlamentarischen Staatssekretär emporgestiegenen SPD-Hinterbänkler Karl Herold erschloß sich der Sinn des Kanzler-Manövers nur schwer: »Das alles ist mir unerfindlich. Um das zu verstehen, muß man wohl schon zu den Höheren der Partei gehören.«

Um so dankbarer deutete die Opposition den Abgang des rosa Libero Karl Schiller -- obgleich durch den rechten Verteidiger Helmut Schmidt ersetzt -- als Linksrutsch der sozialliberalen Koalition. »Es geht darum«. tönte Unionsführer Rainer Barzel, »ob ein anderer Staat im Sinne einer sozialistischen Gesellschaftsordnung entstehen soll.« Und Franz Josef Strauß entfuhr es: »Vorwärts -- es geht zurück.«

Nach dem nicht gerade geräuschlosen Abgang der Devisendiva hatten die SPD-Führer ein übriges getan und neues Schiller-Theater inszeniert. SPD-Altregisseur Herbert Wehner, Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises 19 Hamburg-Harburg« rechnete am Abend der Schiller-Entlassung Freitag vorletzter Woche vor heimischen Genossen mit dem liberalen Gewissenstater ab. Schillers angebliche sachliche Gründe seien nur eine »Legende«. In Wahrheit sei er zurückgetreten, weil Kanzler Brandt ihm für den nächsten Bundestag weder die Wiederverwendung im Kabinett noch einen sicheren Listenplatz garantieren wollte.

Tatsächlich hatte der Exminister zweimal ein Mandat und Kabinettsrang angemahnt -- in einem Brief an Kanzler Brandt während des Haushalts-Streits im Mai und in einem Brief an Parteichef Brandt in der vorletzten Woche. Und vor Freunden hatte Schiller nichts dabei gefunden: »Daß man ein Interesse hat zu erfahren, wie es weiterläuft, ist ja bei uns Arbeitnehmern legitim.«

Doch nachdem Wehner des Ministers geheime Wünsche verraten hatte, reagierte Schiller gereizt. Er warf dem Kollegen im SPD-Präsidium »unsachliche Unterstellung« vor: »Wohin will Wehner die Dinge eigentlich treiben?« Selbst Bayerns SPD-Chef Hans-Jochen Vogel ging Wehners Offenheit zu weit: »Das war wenig hilfreich. Ich bewundere Wehner als ein politisches Urgestein, aber da entstehen schon mal explosive Gase.«

Als fast ebenso explosiv erwies sich der Rausschmiß des querulierenden Staatssekretärs Günter Wetzel, den Parteivize Helmut Schmidt bei seinem Auszug aus dem Verteidigungsministerium seinem Nachfolger Georg Leber empfohlen hatte.

Was Wehner insgeheim Schiller zutraut, vollzog Wetzel prompt: den Austritt aus der Sozialdemokratischen Partei. Und wie Wehner den Schiller annahm, griff SPD-Bundesgeschäftsführer Holger Börner den Ex-Sozi Wetzel an: »Ich finde es eigenartig, daß ein politischer Beamter, der jederzeit in den Ruhestand treten kann, seine Gewissenskonflikte erst nach Erhalt der Entlassungsurkunde ausdrückt« (siehe Seite 21).

Den Oppositionsstrategen und ihren publizistischen Helfern kam der Abgang der beiden Unzufriedenen aus dem Kabinett gerade recht. Doch auch ihnen fiel nichts Rechtes ein, In ihrem Drang, Brandts denkwürdige Personalpolitik in einen Linksruck der Regierung umzumünzen, suchten sie den eher konservativen Marktwirtschaftler Schmidt zum linksradikaten Systemveränderer umzuschminken, der »Wetzel den Linken geopfert« hat (Strauß).

Und Springers »Welt«, deren Wohlwollen sich der SPD-Hanseat stets gerühmt hatte, zögerte nun nicht länger, den gemäßigten Langzeit- Reformer zu schmähen. Der neue Doppelminister betreibe »Sozialismus von oben«. Im ersten Überschwang ließ sich die Union gar Anzeigen mit einem Schmidt-Zitat ("Die Besorgnis um die Stabilität bedrängt mich persönlich nicht so sehr wie andere") runde 450 000 Mark kosten.

Besonnene Christdemokraten warnten freilich davor, allzusehr gegen den gemäßigten und populären Schmidt zu hetzen. Da die Union nur dann gegen Brandt bestehen könne, wenn sie ein eigenes, vorsichtiges Reformprogramm vorlege, sei eine hektische Kampagne unzweckmäßig. Sogar CSU-Strauß steckte einstweilen zurück« Natürlich ist die Ernennung Helmut Schmidts nicht das Ende aller marktwirtschaftlichen Ordnung.«

Mitte letzter Woche besannen sich auch die Sozialdemokraten. Vor staunendem Publikum begannen sie ein neues Spiel: Die gerade Gefeuerten erfuhren höchstes Lob und Anerkennung.

Regierungssprecher Conrad Ahlers. von seinem Sylt-Urlaub für zwei Tage ins hitzige Bonn eingeflogen, wusch im Westdeutschen Rundfunk den Wetzel weiß: »Ich bin der Meinung, daß man auf keinen Fall einen respektablen Beamten nachträglich diffamieren sollte und dürfte.« Und Herbert Wehner färbte den Schiller schön: »Der brillante Solist« werde der SPD-Fraktion »durch sein hervorragendes Fachwissen nützlich sein können«.

Bei Tee und Calvados schließlich stiftete Präside Kühn in der Bonner Privatwohnung Schillers, Am Klostergarten 1, 13. Stock, »ohne Prestige, in keines Auftrag und auch nicht als Bittsteller« Frieden mit dem Versprengten. Er bot ihm den begehrten dritten Platz auf der nordrhein-westfälischen Landesliste der SPD an. Landesvater Kühn milde: »In der Affäre Schiller hat es mehr gemenschelt als gesachelt.«

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