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VERKEHR Es hat pressiert

aus DER SPIEGEL 10/1966

Seine Gnaden, der Hochwürdigste Herr Abt Vitalis Maier von Ottobeuren, scherte nach links hinaus und trat aufs Gaspedal.

Im Opel, an dem der perlweiße VW 1500 des Gottesmannes (Baujahr 1963; polizeiliches Kennzeichen MM-NA 75) vorbeizog, sagte der Postfacharbeiter Erwin Kraust zum Heizer Josef Stöckle: »Der fährt aber frech vor... Der hat schon Nerven, wenn er uns in dieser Kurve überholt.«

Es war eine Rechtskurve auf der Bundesstraße 18, etwa in der Mitte zwischen Leutkirch und Wangen/Allgäu. Auf regennasser Fahrbahn und bei dunstiger Witterung steuerte Abt Vitalis frühmorgens einem Gottesdienst entgegen, den er anläßlich des Ulrichfestes halten wollte. Aber St. Ulrich stand dem Ottobeurener Statthalter St. Benedikts nicht bei.

Wohl ließ Abt Vitalis - mit rund 80 Stundenkilometer Geschwindigkeit - den Opel hinter sich. Doch prompt geriet er ins Schleudern. Und als ihm ein Wagen entgegenkam, der aus derselben Serie stammen mochte wie sein eigener (VW 1500; perlweiß; Baujahr 1963; polizeiliches Kennzeichen LI-LH 75), gab es doppelten Totalschaden.

Dr. med. Reinhard Bischoff aus Lindenberg barg Frau, Tochter und Schwager aus seinem demolierten Auto, konstatierte Prellungen, Schürfwunden und Rippenbrüche in seiner Familie und wandte sich dann dem Mann im Straßengraben zu. Abt Vitalis (bürgerlich: Josef), 53, zappelte mit einigen frischen blauen Flecken hilflos im feuchten Staub; sein geistliches Gewand hatte sich im VW-Wrack verfangen.

Manierlich entschuldigte sich der hohe Kleriker. Frau Christa Bischoff vernahm: »Es hat mir pressiert.« Auch Josef Stöckle hörte deutlich aus dem Munde des Abtes, er sei zu schnell gefahren, weil er es eilig gehabt habe. Bevor er sich ins nächste Haus begab, ermahnte Abt Vitalis die beiden Opel -Insassen noch eindringlich: »Daß ihr mich nicht bei der Polizei verkauft!«

Für die Polizei stand es bereits am gleichen Tage - dem 4. Juli 1965 - fest: Der Abt hatte in »einer unübersichtlichen Rechtskurve« überholt. Genauso empfand alsbald auch die Staatsanwaltschaft: Vitalis Maier habe »im Straßenverkehr grob verkehrswidrig und rücksichtslos falsch überholt und fahrlässig dadurch Leib und Leben anderer und fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet« sowie »durch Fahrlässigkeit die Körperverletzung von drei Personen verursacht«.

Der Benediktiner freilich wies jedwede Schuld weit von sich: Zwar habe er den

- korrekt fahrenden - Arzt gerammt,

aber nur, weil er ins Schleudern geraten war; als Ursache dafür »ist eine Unebenheit in der Fahrbahn anzusehen«.

Wenig später präsentierte Abt Vitalis eine neue Schleuder-Ursache, und die Staatsanwaltschaft erbat von der Polizei alsbald eine 'Äußerung darüber, ob sich an der Unfallstelle... am Tattag eine Ölspur befunden hat«. Aber noch war die - negative - Antwort nicht abgefaßt, da offerierte der Geistliche eine »Blockierspur, die von den Zwillingsreifen eines Lastkraftwagens stammen mußte«; auf ihr sei er unschuldigerweise ins Rutschen gekommen.

Im übrigen habe er trotz Kurve eine Sicht von mindestens 300 Meter gehabt und insgesamt wesentlich risikoloser überholt als Polizeibeamte, Opel-Insassen und Bischoff-Sippe es übereinstimmend darstellten. Mithin seien diese Zeugen »objektiv unzuverlässig«.

Solch bündige Wertung des Gottesmannes wog doppelt schwer, denn er führt die Devise »In veritate et caritate« - in Wahrheit und Nächstenliebe.

Trotzdem befand das Amtsgericht Leutkirch, als es zur Hauptverhandlung kam, des Abtes Bekundungen seien »nicht frei von Widersprüchen«, wohingegen keinerlei Ursache bestehe, die Zeugenaussagen anzuzweifeln. Amtsgerichtsrat Eyssel hielt einen Lokalaugenschein ab und kam nicht umhin, im Urteil zu fixieren, auch Vitalis Maiers Einlassungen über die Sichtverhältnisse seien »widerlegt« worden.

Der Benediktinerobere - mit schwarzer Kutte und goldener Abtskette angetan - wehrte sich von der Anklagebank aus: Frau Bischoff und Josef Stöckle hätten ihn in puncto Eile ganz falsch verstanden; seine damalige Entschuldigung könne beileibe nicht etwa als Schuldanerkenntnis, sondern allenfalls als einfaches Bedauern an sich begriffen werden; und seine Polizei-Bemerkung gegenüber den zwei Opel-Fahrern sei nur so aufzufassen gewesen, daß die beiden wirklich die ganze Wahrheit und sonst nichts bekennen sollten.

Dann faßte sein Verteidiger den Amtsgerichtsrat Eyssel ins Auge: »Hier sehen Sie einen hohen Kirchenmann, der von seinem heiligen Amt her zur absoluten Wahrheit verpflichtet ist; das muß bei der Würdigung der Zeugenaussagen berücksichtigt werden.«

Abt Vitalis schließlich nicht ohne Grandezza: Falls das Gericht im Sinne der Anklage entscheiden sollte, sehe er sich leider genötigt, sein Bundesverdienstkreuz zurückzuschicken.

Amtsgerichtsrat Eyssel ersparte ihm das. Der Angeklagte Maier wurde lediglich wegen fahrlässigen Falschüberholens verurteilt. Zwar habe er sich objektiv grob verkehrswidrig benommen, doch hatte Eyssel »Bedenken, hier das subjektive Tatbestandsmerkmal der Rücksichtslosigkeit festzustellen«.

Und da nicht mit letzter Sicherheit auszuschließen sei, daß der Angeklagte wirklich auf einer gummierten Lkw -Spur ins Rutschen kam, könnten ihm Schleuderei und Unfall strafrechtlich nicht zur Last gelegt werden.

Konsequenz für den Abt: 200 Mark Geldstrafe und Fahrverbot für einen Monat. Konsequenz für die Bischoffs: voraussichtlich kein Schmerzensgeld, da der Kirchenmann von der Anklage der Körperverletzung freigesprochen wurde.

Abt Vitalis freilich, der in Ottobeuren als freudiger, wenngleich nicht erstklassiger Herrenfahrer gilt und seine bisherigen Kollisionen mit anderen Fahrzeugen stets ohne polizeiliche Einmischung zu bereinigen verstand, wünscht zu erfahren, ob auch eine höhere Instanz ihm weniger glaubt als weltlichen Wesen. Er hat Berufung zum Landgericht Ravensburg eingelegt.

Ottobeurener Abt Maier

Mit 80 in die Kurve

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