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»Es herrscht Willkür selbst in der Partei«

Wie sich der DDR-Spitzenfunktionär Hermann von Berg zum Regimekritiker wandelte Über zwanzig Jahre leistete Hermann von Berg Partei und Staat gute und verschwiegene Dienste. Der SED Genosse hielt Kontakt zu den Kanzlern Kiesinger und Brandt und zu den Sozialdemokraten in Bonn. Am dem vorletzten Wochenende ließ Erich Honecker den ehemals hochdekorierten Muster-Kommunisten ausreisen. Nach Ärger mit der Stasi hatte der Wissenschaftler mit Staat und dem Marxismus gebrochen. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Für den 9. Januar 1978, 16.30 Uhr hatte die Grundorganisation der SED in der Sektion Wirtschaftswissenschaften der Ost-Berliner Humboldt-Universität eine Parteiversammlung angesetzt.

Zehn Minuten vorher erhielt der ordentliche Professor Hermann von Berg einen Anruf aus dem nahegelegenen Büro des Ministerrats. Ein Bekannter bat ihn, er möge sich mal eben herüberbemühen, man habe einige Fragen an ihn.

Berg verwies auf das Parteitreffen, bei dem er nicht fehlen könne. Der Anrufer schlug vor, der Genosse solle wenigstens kurz zum Hinterausgang der Uni kommen, er werde dort auf ihn warten. Der Professor stimmte zu. Er deponierte im Versammlungsraum Hut, Mantel und Tasche und ging nach unten.

Als er vor die Tür trat, genügte dem geübten SED-Funktionär ein Blick: Er war in eine Falle gelaufen. Mehrere Herren traten auf ihn zu, nahmen ihn in die Mitte und eskortierten den überraschten Wissenschaftler schnell und unauffällig in ein wartendes Auto.

Der Tag, an dem die Stasi (Staatssicherheit) den Professor Hermann von Berg verhaftete, war ein Montag. Im SPIEGEL (2/1978) stand der zweite Teil eines Manifests, in dem eine Gruppe oppositioneller Einheitssozialisten deftige Vorwürfe gegen Politik und Lebensstil ihrer Führung erhob.

Für den Genossen von Berg war dieser 9. Januar der Anfang vom Ende einer ostdeutschen Bilderbuchkarriere. Daß es nicht ein abrupter Absturz wurde, hatte der SED-Mann vor allem einer Unaufmerksamkeit seiner Fahnder vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zu verdanken.

Acht Wochen hielten die Stasi-Leute den Professor in ihrem Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen unter Verschluß. Bei neugierigen Kollegen und Bekannten verbreiteten sie, der Wissenschaftler sei in Moskau - auf Dienstreise.

Acht Wochen versuchten die Staatsschützer, ihren Häftling als Politkriminellen zu überführen. Die Vorwürfe hätten ausgereicht, um Berg für lange Zeit aus dem realsozialistischen Verkehr zu ziehen. Der Professor, so die Anklage der Vernehmer, habe *___Geheimdokumente an die SPD-geführte Bonner Regierung ____verraten und damit seiner DDR schweren Schaden ____zugefügt; *___in Vorlesungen und Seminaren sozialdemokratisches ____Gedankengut verbreitet und damit die Studenten ____ideologisch schwer verunsichert; *___die Autoren des im SPIEGEL abgedruckten Manifests ____gekannt, aber nicht bei den Behörden angezeigt und ____damit eine staats- und parteifeindliche ____Oppositionsgruppe gedeckt.

Doch so recht kamen die Rechercheure des MfS bei ihren Verhören nicht voran.

Für ihren Verdacht, Berg habe das Manifest zwar nicht verfaßt, aber an den SPIEGEL weitergeleitet, konnten sie keine handfesten Beweise vorlegen. Zum Vorwurf des Geheimnisverrats hatten sie zwar Belege, doch die machte Berg mit einem schlichten Hinweis zur Makulatur: Er habe in der Tat im Sommer 1977 ostdeutsche Positionen zu bestimmten Fragen nach Bonn weitergegeben - aber im Auftrag von Ministerpräsident Willi Stoph; der habe sondieren wollen, wieweit die Bundesregierung überhaupt verhandlungswillig sei.

Übrig blieb nur eine Unterredung Bergs mit einem Westdeutschen im Ost-Berliner Hotel Unter den Linden, die die Stasi mitgeschnitten hatte. Ein weiteres Treffen, bei dem der Professor ein Papier über den Tisch schob, war sogar im Photo festgehalten worden.

Solch dürftige Beweise hätten zu einer Verurteilung vermutlich dennoch ausgereicht. Anfang März wurde Berg in Hohenschönhausen

dem Haftrichter vorgeführt. Der eröffnete ihm, er werde unter anderem wegen landesverräterischer Beziehungen angeklagt und habe mit Zehn bis 15 Jahren Knast zu rechnen.

Den Wissenschaftler rettete eine Kleinigkeit, die das MfS bei seiner Verhaftung übersehen hatte. Am Ende der Parteiversammlung in der Humboldt-Universität blieben auf Bergs Stuhl Hut, Mantel und Tasche zurück, die der Verhaftete vor der Veranstaltung dort abgelegt hatte. Als sich die Kunde von der angeblichen Dienstreise des Professors verbreitete, erinnerten sich Kollegen an dieses Detail und wurden mißtrauisch. Anfang März erschienen in westdeutschen Medien erste Meldungen vom Verschwinden des Genossen.

So erfuhr schließlich auch ein Mann in Ost-Berlin, daß mit seinem langjährigen deutschlandpolitischen Berater etwas nicht stimmte: DDR-Ministerpräsident Willi Stoph. Und der handelte sofort.

Einen Tag nach der Eröffnung, er habe mindestens zehn Jahre Gefängnis vor sich, wurde Berg erneut zum Verhör geholt. Diesmal war alles anders.

Der Vernehmer forderte ihn auf: »Genosse, möchten Sie sich nicht setzen?« Berg heute: »Genosse? Da wußte ich, es war für mich gelaufen«

Auf denn Schreibtisch des MfS-Offiziers lagen westdeutsche Zeitungsausschnitte mit der Schlagzeile: »Stoph-Vertrauter verhaftet?«.

Der Stasi-Mann machte Berg ohne Umschweife ein Angebot: Die Anschuldigungen gegen ihn hätten sich als unhaltbar erwiesen, das MfS bedauere den Irrtum. Der Professor werde voll rehabilitiert, von den Strapazen der Haft könne er sich samt Frau und kleinem Sohn vier Wochen lang im Luxushotel Warnow an der Ostsee erholen.

Das MfS verlangte nur eine Gegenleistung: Der Wissenschaftler müsse vor westdeutschen Journalisten klarstellen er sei niemals verhaftet gewesen, sondern nach wie vor in Amt und Würden.

Berg akzeptierte. Am 10. März lief er vor seinem Haus in Schöneiche bei Berlin »ganz zufällig« vor die TV-Kamera des ARD-Korrespondenten Fritz Pleitgen und verkündete auf die Frage, was denn an den Gerüchten von seiner Verhaftung dran sei, treuherzig: »Absolut überhaupt nichts... Ich war auf einer längeren Dienstreise im sozialistischen Ausland«

Der Einsatz Willi Stophs, des damals zweitmächtigsten Mannes in der SED nach Erich Honecker, für den Ost-Berliner Professor von Berg kam nicht von ungefähr. Bis zu seiner Verhaftung hatte der SED-Funktionär seiner Partei und seiner Regierung mehr als zwanzig Jahre lang ebenso gute wie verschwiegene Dienste geleistet. Wo immer seit Beginn der sechziger Jahre deutsch-deutsche Angelegenheiten verhandelt wurden, war der kommunistische Adelige aus Thüringen vom Jahrgang 1933 dabei.

Vor allem zu führenden Sozialdemokraten hatte von Berg Kontakte aufgebaut, die seinen Oberen sehr zustatten kamen, als in Bonn 1969 die SPD an die Macht kam und Willy Brandt seine Deutschlandpolitik zu realisieren begann.

Der FDJ-Funktionär und Student der Pädagogik in Leipzig war schon aktiv dabei, als die SED in den fünfziger Jahren, getreu der Devise ihres Parteichefs Walter Ulbricht: »Deutsche an einen Tisch«, Kontakte zum westdeutschen Studentenverband VDS knüpfte.

Damals lernte er den sozialdemokratischen VDS-Funktionär Dietrich Spangenberg kennen, der später Chef der Senatskanzlei des West-Berliner Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, dann Berlins Bundessenator in Bonn, Staatssekretär des Bundespräsidenten Gustav Heinemann und schließlich Berlin-Beauftragter Bonns und Staatssekretär im innerdeutschen Ministerium wurde.

Nach einem Einser-Examen (Fächer: Geschichte, Pädagogik, Politische Ökonomie, Psychologie und Philosophie) berief die Partei den hoffnungsvollen Jungkommunisten Berg nach Berlin, wo er dem Elitekorps der sogenannten Kaderreserve Außenpolitik zugeteilt wurde und dem Politbüromitglied und damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Stoph angenehm auffiel. Der sorgte dafür, daß der Nachwuchsmann seine schon an der Uni begonnene Kontaktpflege zu westdeutschen Stellen in einer Regierungsfunktion fortsetzen konnte: 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau übernahm von Berg die Westabteilung des Ost-Berliner Presseamtes.

Der noch nicht einmal Dreißigjährige bewies im Umgang mit westlichen Journalisten soviel Geschick, daß ihn die Partei bald mit höchst delikaten Missionen betraute.

Erstmals beim Feilschen über ein Passierscheinabkommen für West-Berliner praktizierte die DDR-Regierung 1963 eine Verhandlungsmethode, die Willi Stoph später aufs feinste vervollkommnete: Sie ließ jeweils strittige Punkte inoffiziell klären, ehe sich die offiziellen Unterhändler damit befaßten. »Stoph«, sagt Berg, »wollte immer vorher wissen, was will die andere Seite, was geht, was geht nicht« Betraut mit dieser Recherche wurde bei den Passierschein-Gesprächen Hermann von Berg.

Seither war der Funktionär fast immer dabei - unauffällig, aber stets an entscheidender Stelle -, als die beiden deutschen Staaten darangingen, ihre Beziehungen zu normalisieren. 1966 stieg er zum Experten in der deutschlandpolitischen Arbeitsgruppe im Büro des Ministerpräsidenten auf. Er sondierte in Bonner Ministerzimmern und Parlamentsbüros, er bereitete die Treffen zwischen Stoph und Kanzler Willy Brandt in Erfurt und Kassel vor - er war mit von der Partie bei der Ausarbeitung des Grundlagenvertrags zwischen Bonn und Ost-Berlin.

Berg kannte schließlich besser als alle anderen DDR-Politiker führende Sozialdemokraten und Liberale wie Egon Bahr und Hans-Dietrich Genscher und konnte seinen Leuten wichtige Tips für den rechten Umgang mit ihnen geben.

An solchen taktischen und psychologischen Finessen war die SED stets interessiert. Berg: »Ich habe immer den Eindruck gehabt, daß unsere Spitze der euren an politischer Taktik und an Verhandlungsgeschick weit voraus ist«

Die Partei lohnte Bergs Verdienste mit einem Orden: 1973 verlieh der greise Staatschef Walter Ulbricht dem deutschdeutschen Tester den Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Parallel zu seiner politischen Arbeit betrieb von Berg seine wissenschaftliche Karriere. 1970 promovierte er am SEDeigenen Institut für Gesellschaftswissenschaften über das Verhältnis von sozialdemokratischer und kommunistischer Bewegung in Deutschland im 19. Jahrhundert zum Doktor der Philosophie. 1972 wurde er aufgrund seiner außerordentlichen Leistungen zum ordentlichen Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität befördert.

Dort arbeitete Berg sich in ein neues, für seine Regierung Mitte der siebziger Jahre immer wichtiger werdendes Politik-Thema ein: die Beziehungen zwischen dem Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), der Wirtschaftsgemeinschaft des Ostblocks, und der Europäischen Gemeinschaft. Der Professor sollte in diesem Bereich eine ähnliche Funktion übernehmen, wie er sie mehr als zehn Jahre in der Deutschlandpolitik gespielt hatte.

Doch die Verhaftung im Januar 1978 machte allen politischen Ambitionen des Genossen ein Ende. Zwar setzte sein Protektor Willi Stoph durch, daß Berg wieder an die Universität zurück durfte. Aber die Rehabilitierung war nur formal. Berg bekam keine Westpresse oder -literatur mehr, sein Paß wurde eingezogen, die Partei verzichtete auf seinen Rat. An der Uni durfte er jahrelang keine Vorlesungen halten, sondern nur Fernstudenten betreuen. Das Hochschulministerium belegte ihn mit einem faktischen Publikationsverbot

Die Stasi mißtraute von Berg nach wie vor, überwachte ihn weiter und kassierte nach Gusto seine Post. Als im SPIEGEL (32/1981) ein Flugblatt aus der DDR abgedruckt wurde, in dem die anonymen Autoren zur Nachahmung der polnischen Gewerkschaft »Solidarität« aufriefen, überzogen ihn die Aufpasser vom MfS mit einem Ermittlungsverfahren, wiederum vergeblich.

Berg wehrte sich gegen die totale Isolierung zunächst auf die feine adlige Art: Aus Trotz« habilitierte er sich 1979 mit einer Arbeit über europäische Integrationsprozesse. Ein Jahr später wechselte er, nach Absprache mit der Kaderabteilung des Zentralkomitees der SED, freiwillig in die Sektion Geschichte, »um den ständigen politischen Auseinandersetzungen und willkürlichen Verfolgungen zu entgehen«.

Doch ausgerechnet dieser Wechsel, der dem Wissenschaftler von Berg den Seelenfrieden zurückbringen sollte, führte schließlich zum Bruch nicht nur mit seiner Partei, sondern auch mit seinen kommunistischen Überzeugungen.

Auf seinem neuen Lehrstuhl begann von Berg sich mit den Quellen des Marxismus zu beschäftigen. Das Ergebnis war für ihn selbst schockierend, für das realsozialistische Ideologiesystem, das auf Marx fixiert ist wie die christlichen Kirchen auf die Evangelien, jedoch verheerend: Marx, so seine Erkenntnis sei ein »Plagiator ohne jede selbständige wissenschaftliche Leistung«, er stehe »unter dem Niveau der historischen und ökonomischen Disziplinen des 19. Jahrhunderts. Das erklärt von der theoretischen Wurzel her die Mißstände im realen Sozialismus«.

Der Einsturz seines Ideologiegebäudes war für Hermann von Berg nicht der einzige, wohl aber der entscheidende Anstoß, die Sozialistische Einheitspartei zu verlassen. Am 5. August 1985 begründete er in einem Brief an die SED-Kreisleitung der Humboldt-Universität ausführlich seinen Schritt: _____« 1. Quellenkritische und ökonomische und historische » _____« Studien, die ich eben abgeschlossen habe, vermitteln mir » _____« die Erkenntnis, daß die »Wissenschaft des M/L lediglich » _____« verflachend abgeschriebene pseudotheoretische, » _____« eklektizistisch kompilierte Ideologie, schon zur Zeit » _____« ihrer Entstehung unter dem Niveau der jeweiligen » _____« Fachdisziplinen stehend, ist. Gegen mein Gewissen könnte » _____« ich meinen Studenten die Beweise nicht vorenthalten. » _____« 2. Persönliche Erfahrungen haben mich davon » _____« überzeugt, daß es in sieben Jahren nicht möglich war, » _____« meine statutenwidrige Behandlung durch Partei- und » _____« Sicherheitsorgane zu bereinigen. Es herrscht Willkür » _____« anstelle von Rechtssicherheit selbst in der Partei. » _____« 3. Politisch bin ich nicht mehr bereit, die in meinen » _____« Augen total einseitige, falsche und gefährliche Politik » _____« der Partei in den Punkten Friedenssicherung, Menschen- » _____« und Bürgerrechte, Nation und Ökologie mitzuverantworten. » _____« 4. Die Konsequenz meiner theoretischen, juristischen » _____« und politischen Einsichten lautet, daß nicht die » _____« blanquistische » _(Nach dem Franzosen Blanqui benannte ) _(revolutionär-sozialistische Bewegung. ) _____« Diktatur des Proletariats, sondern die sozial » _____« weitgehend gerechte, pluralistische Demokratie, die den » _____« offenen Meinungskampf zur Durchsetzung aller politischen » _____« und ökonomischen Menschenrechte garantiert, ein politisch » _____« erstrebenswertes Ideal darstellt. » _____« Ich hoffe, meine politische Heimat zukünftig in den » _____« Reihen der SPD zu finden. »

Mit gleicher Post beantragte Berg beim Rat des für seinen Wohnort Schöneiche

zuständigen Kreises Fürstenwalde »die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR zum 1. September 1985«.

Die SED reagierte abwartend. Berg wurde zwar postwendend von der Uni beurlaubt. Und die Partei revanchierte sich für die Kündigung ihres Mitglieds mit dem Rausschmiß des »Partei-, Staats- und Friedensfeindes«.

Aber sonst geschah nichts. Der Professor erhielt pünktlich zum ersten jedes Monats sein Gehalt (netto 2500 Mark), die Stasi verfolgte ihn nicht aufdringlicher als sonst und hinderte ihn nicht an Kontakten mit westlichen Besuchern.

Selbst als im September beim Kölner Bund-Verlag des DGB ein Berg-Buch über die EG ("Die Analyse") mit heftigen Attacken gegen die marxistische Ideologie erschien und Hermann von Berg der Partei zugleich ankündigte, auch seine negativen Erkenntnisse über den kommunistischen Gottvater Marx würden demnächst im Westen erscheinen, blieb die SED ungewohnt sanft.

Wohl aus guten Gründen: Zum einen hat die SED aus dem Fall Rudolf Bahro gelernt. Dessen kritische Abrechnung mit der DDR »Die Alternative« wurde 1977 vor allem deshalb ein Bestseller in West (und Ost), weil die Partei den Autor sofort hinter Gitter brachte.

Zum anderen hätte ein »Fall Berg« die politischen Kreise der SED empfindlich gestört: Bergs gute Dienste um die deutsch-deutsche Verständigung nämlich sind nicht nur bei seinen eigenen Leuten, sondern auch bei Sozialdemokraten in guter Erinnerung. Und an der Stimmungslage der SPD ist der SED derzeit viel gelegen.

Am Tag, als im »Stern« ein Auszug aus Bergs EG-»Analyse« erschien, besuchten Willy Brandt und Egon Bahr den SED-Generalsekretär in Ost-Berlin und ließen Erich Honecker en passant wissen, sie würden es begrüßen, wenn der mit dem abtrünnigen Genossen moderat verfahre.

Die Fürsprache war nicht vergeblich, Berg wurde zwar zum 1. Februar als Professor entlassen, aber seinen Professorentitel sowie seine akademischen Grade durfte er behalten - gegen den Widerstand seiner ehemaligen Kollegen aus der Humboldt-Universität.

Über ein halbes Jahr Bedenkzeit brauchte die SED-Führung, bis sie sich zu einer noch nobleren Geste durchrang: Am Sonntag letzter Woche, kurz nach Mitternacht, passierte Hermann von Berg im D-Zug 440 von Zwickau nach Köln wieder einmal die deutsch-deutsche Grenze - diesmal ohne Auftrag und ohne Rückfahrkarte.

Nach dem Franzosen Blanqui benannte revolutionär-sozialistischeBewegung.1. Quellenkritische und ökonomische und historische Studien, die icheben abgeschlossen habe, vermitteln mir die Erkenntnis, daß die"Wissenschaft des M/L lediglich verflachend abgeschriebenepseudotheoretische, eklektizistisch kompilierte Ideologie, schon zurZeit ihrer Entstehung unter dem Niveau der jeweiligenFachdisziplinen stehend, ist. Gegen mein Gewissen könnte ich meinenStudenten die Beweise nicht vorenthalten. 2. Persönliche Erfahrungenhaben mich davon überzeugt, daß es in sieben Jahren nicht möglichwar, meine statutenwidrige Behandlung durch Partei- undSicherheitsorgane zu bereinigen. Es herrscht Willkür anstelle vonRechtssicherheit selbst in der Partei. 3. Politisch bin ich nichtmehr bereit, die in meinen Augen total einseitige, falsche undgefährliche Politik der Partei in den Punkten Friedenssicherung,Menschen- und Bürgerrechte, Nation und Ökologie mitzuverantworten.4. Die Konsequenz meiner theoretischen, juristischen und politischenEinsichten lautet, daß nicht die blanquistische

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