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»Es ist absurd, aber Sie müssen es tun«

US-Präsident Ronald Reagan konnte nicht zusehen, wie seine Contras von den nicaraguanischen Sandinisten aus dem Land gejagt wurden: Er schickte 3200 Elite-Soldaten zum Nicaragua-Nachbarn Honduras. Dessen Präsident Jose Azcona Hoyo mußte erst mühsam überredet werden, den verlangten Hilferuf in die USA zu schicken. Zur gleichen Zeit wurden in Washington die Hauptbeteiligten des Iran-Contra-Skandals angeklagt.
aus DER SPIEGEL 12/1988

Sitzungen im Weißen Haus leitet US-Präsident Ronald Reagan durchweg mit betonter Höflichkeit und sehr zurückhaltend. Meist läßt er vortragen, selten hakt er nach. Sich in kontroverse Debatten einzuschalten liegt ihm gar nicht.

Das Lunch-Briefing am Montag vergangener Woche verlief ganz anders. Ein empörter Präsident habe, berichtete ein Sitzungsteilnehmer, »mit Fäusten auf den Tisch geschlagen«, seinen engsten Beratern einen zornigen Vortrag gehalten, dem Kongreß Feigheit vor dem Feind vorgeworfen und schließlich alle jene Länder aufgezählt, die bereits »sowjetischer Expansion« zum Opfer gefallen seien.

Kein Zweifel, zur Beratung stand erneut das weitere Schicksal der nicaraguanischen Contras, und Reagan befand sich, mal wieder, auf dem Kriegspfad. Unbeeindruckt von der Ablehnung weiterer Contra-Hilfe im Kongreß machte der Präsident seine Absicht klar, diese Hilfe für seine Guerilla gegen das marxistische Regime in Nicaragua doch noch durchzusetzen. »Er wollte«, so ein Berater, »daß jeder das unmißverständlich begreift.«

Drei Tage später hatte auch der letzte Hinterbänkler im Kongreß begriffen. Aus Fort Ord in Kalifornien und Fort Bragg in North Carolina machten sich am Donnerstag auf Reagans Befehl 3200 US-Elitesoldaten in riesigen Transportflugzeugen ins mittelamerikanische Krisengebiet nach Honduras auf.

Die Warnung des Nicaragua-besessenen Präsidenten war überdeutlich. Wenn der Kongreß keine Militärhilfe für die Contras bewillige, so die unausgesprochene Drohung, müssen US-Soldaten an die Front.

Anlaß für das Säbelrasseln, das US-Truppen womöglich in einen Schießkrieg mit den Sandinisten-Streitkräften verwickeln kann, war eine Offensive der nicaraguanischen Armee gegen Contra-Einheiten im Grenzgebiet zu Honduras. Die Sandinisten hatten gehofft, noch vor Beginn der neuen Waffenstillstandsverhandlungen am Montag dieser Woche den Contras eine empfindliche Niederlage bereiten und ihren Waffennachschub unterbinden zu können. Sie verfolgten fliehende Contra-Verbände über die Grenze nach Honduras hinein.

Zwar hatte es Grenzverletzungen dieser Art in den vergangenen Jahren - von beiden Seiten - häufiger gegeben, Anlaß für eine politische Eskalation boten sie aber immer nur dann, wenn es Washington ins Konzept paßte. Vergangenen Mittwoch waren die Kämpfe nun genau das, worauf Washington gewartet hatte.

Bereits um elf Uhr morgens fiel im Weißen Haus die Vorentscheidung für die Operation »Goldfasan«. Der einzige Haken: Bislang lag kein Hilfeersuchen der angeblich vom feindlichen Nachbarn so sehr bedrängten honduranischen Regierung vor. Im Gegenteil, in seiner einzigen öffentlichen Erklärung vom Mittwoch bekundete Präsident Jose Azcona Hoyo, er hoffe auf eine diplomatische, nicht auf eine militärische Lösung.

Doch nach einem eineinhalbstündigen Gespräch mit US-Botschafter Everett Briggs hatte er am Abend seine Meinung gründlich geändert. In einem Telex an Reagan schrieb er: »Ich fühle mich gezwungen, Ihre geschätzte Regierung um sofortige und wirksame Hilfe zu bitten.«

So war es wohl auch - im wahren Sinn des Wortes. Zwar erwähnte Azcona militärische Hilfe mit keinem Wort, aber in einem seiner schwächeren Auftritte vor dem Senat vermutete Außenminister Shultz am Donnerstag, in Honduras habe man vielleicht nicht so genau gewußt, worum man bitten solle. Das Szenario erinnerte fatal an ähnliche »Hilferufe«, die bisher meist an Moskau gerichtet wurden - aus Afghanistan etwa. Hilfestellung bei anhaltender Ratlosigkeit haben die USA dem mittelamerikanischen Kleinstaat nicht zum erstenmal gewährt. Nach einem ähnlichen Grenzzwischenfall vor zwei Jahren etwa mußte Azcona ebenfalls schnell um Beistand bitten.

Nach eigenen Angaben hatte der damalige Botschafter John Ferch auf Anweisung Washingtons Druck ausgeübt. Ferch damals zu Azcona: »Sie müssen jetzt einen Brief schicken, die flippen aus. Es ist zwar absurd, aber Sie müssen es tun.«

Ob die Entsendung der US-Truppen ihr Ziel in Washington erreicht, war bis zum Wochenende noch unklar. Tony

Coelho, Fraktionsgeschäftsführer der Demokraten, hält den Aufmarsch vornehmlich für Panikmache: »Diese Administration hat verzweifelt versucht, in Mittelamerika eine Situation zu schaffen, die eine weitere Militärhilfe rechtfertigt.« Vielleicht wird daraus auch noch mehr: Die Sandinisten haben gegen die amerikanische Bedrohung bereits eine Generalmobilmachung befohlen und den Weltsicherheitsrat angerufen. Am Donnerstag griffen honduranische Flugzeuge sandinistische Ziele auf beiden Seiten der Grenze an.

Im übrigen, so Coelho, könne es für die plötzliche riskante Eskalation in Mittelamerika eine noch sehr viel näherliegende Erklärung geben. Denn während im Weißen Haus beraten wurde, wie den Gegnern der Contra-Hilfe im Kongreß ein tüchtiger Schrecken einzujagen sei, wurde andererseits der Iran-Contra-Skandal plötzlich wieder akut.

Nach 14 Monaten Ermittlungsarbeit und der Einvernahme von mehr als 1000 Zeugen erhob eine Geschworenenjury im Bundesgericht in Washington vorigen Mittwoch auf Antrag des Iran-Contra-Sonderanklägers Lawrence Walsh in 23 Punkten Anklage gegen die Hauptfiguren des Iran-Contra-Skandals: den Oberstleutnant Oliver North, Ronald Reagans ehemaligen Sicherheitsberater John Poindexter sowie den pensionierten Luftwaffengeneral Richard Secord und dessen Geschäftspartner Albert Hakim.

Oliver North, der als Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates bis zu seiner Entlassung im November 1986 die Contras betreut hatte, war schnell dabei, die neuesten Vorgänge in Honduras mit der Anklageerhebung zu verknüpfen:

»Eine traurige Ironie« sei es, »daß heute die Entscheidung gefallen ist, mich anzuklagen - am gleichen Tag, an dem die nicaraguanischen Kommunisten einen demokratischen Nachbarn überfallen haben«.

Mit der Anklage gegen die vier holte Sonderankläger Walsh zum zweiten Schlag aus; bereits eine Woche zuvor hatte sich Robert McFarlane, auch er ein ehemaliger Sicherheitsberater Reagans, in vier Fällen der Falschaussage vor Kongreßausschüssen für schuldig bekannt. Um das Strafausmaß zu mildern, hatte McFarlane mit Walsh kooperiert und ein Geständnis abgelegt.

Auf solche Einsicht darf der Sonderankläger bei North, Poindexter, Secord und Hakim jedoch nicht hoffen. Die Klageschrift, 101 Seiten stark, wirft dem Quartett vor, durch eine »Verschwörung« Regierungsgelder »ohne Autorisierung zu ihrem und dem Nutzen anderer« mißbraucht zu haben.

Zwar geht der Sonderankläger davon aus, daß Präsident Reagan und Vizepräsident Bush nichts von der Contra-Finanzierung aus den Erlösen des Irangeschäfts wußten, doch will Walsh weiter ermitteln. Und um Raum für weitere Nachforschungen zu lassen, verweist die Anklageschrift auf »bekannte und unbekannte Mitverschwörer« - eine pikante Formulierung, denn als »nicht angeklagten Mitverschwörer« hatten auch die Watergate-Ankläger einst Richard Nixon identifiziert.

Kaum lag die Anklage vor, kündigten die Beschuldigten und ihre Anwälte einen langen und harten Kampf an. Oliver North, schon bei seiner Aussage vor dem Kongreßausschuß in der Pose des Opferlamms, verneinte auch jetzt wieder jede Schuld. »Ich habe kein Verbrechen begangen und werde gegen die Anschuldigungen kämpfen, solange es notwendig ist.«

Völlig uneinsichtig zeigte sich auch der Mann ganz oben: Er, so Ronald Reagan, wisse von keiner Gesetzesverletzung. Von Journalisten im Beisein des israelischen Premiers Jizchak Schamir auf Robert McFarlanes Schuldbekenntnis angesprochen, meinte Reagan, der frühere Sicherheitsberater habe nur zugegeben, »dem Kongreß nicht alles gesagt zu haben, was der wissen wollte«. Das aber habe er, Reagan, auch schon gemacht.

Es dauerte nur Sekunden, bis dem Präsidenten die Brisanz seines Geständnisses aufging: »Oh, Junge«, flüsterte er dem Gast aus Israel zu, »wegen dieser leichtsinnigen Bemerkung werden sie wieder alle sagen, Reagan will den Kongreß anlügen.«

Einen Trumpf hält Reagan noch in der Hand: Er könnte, nach der Präsidentschaftswahl im November und vor seinem Ausscheiden aus dem Amt im Januar 1989, die vier Angeklagten begnadigen - so, wie Präsident Ford einst seinen zurückgetretenen Vorgänger Nixon vor jeder Strafverfolgung bewahrt hatte.

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