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»Es ist bereits zu spät«

Interview mit Dennis Meadows über die Gefährdung des Planeten
aus DER SPIEGEL 29/1989

SPIEGEL: Als Sie 1972 die Studie »Grenzen des Wachstums«, eine Auftragsarbeit des »Club of Rome«, veröffentlichten, sorgte das zwar für Aufsehen, wurde aber nur von wenigen ernst genommen. Jetzt reden manche Regierungschefs so, als ob sie bei Ihnen abgeschrieben hätten. Stimmt Sie das nicht optimistisch?

MEADOWS: In gewisser Weise ja. In der Frage des drohenden Klimawandels arbeiten Regierungen erstmals zusammen, um ein zukünftiges Umweltproblem zu vermeiden. Normalerweise werden sie erst aktiv, wenn der tatsächliche Schaden bereits so groß ist, daß er nicht mehr ignoriert werden kann. Aber grundsätzlich bin ich nicht optimistisch, denn auch in den laufenden Diskussionen bemüht man sich nicht um grundlegende Veränderungen, um die Wachstumsdynamik in unserer endlichen Welt zu begrenzen.

SPIEGEL: Wieviel Zeit bleibt denn Ihrer Meinung noch, das Steuer herumzureißen?

MEADOWS: Jetzt ist es bereits zu spät. Die Umweltbedingungen haben sich schon so verschlechtert, daß wir bald nicht einmal die gegenwärtige Weltbevölkerung ernähren und unseren angenehmen Lebensstandard erhalten können.

SPIEGEL: Was aber, wenn sich die grünen Lippenbekenntnisse der Politiker nun sehr rasch in konkretes Handeln verwandeln sollten?

MEADOWS: Unser Gesellschaftssystem verfügt über eine Dynamik, die sich nicht so einfach stoppen läßt. Die Welt rast wie ein Auto auf einen Wald zu. Auch wenn wir jetzt sofort versuchten, stehenzubleiben, wäre der Bremsweg zu lang. Ein Aufprall läßt sich nicht mehr vermeiden.

SPIEGEL: Auf welchen Baum werden wir denn knallen?

MEADOWS: Die Fahrgeschwindigkeit des Autos ist entscheidend, nicht die Frage, welcher Baum es denn sein wird. Solange wir weiter auf das Gaspedal treten, könnte es das Ozonloch, die Bodenerosion oder das Verseuchen der Trinkwasserreserven sein, und wenn es gelingen sollte, mit Hilfe modernster Technologien eines dieser Probleme zu vermeiden, wird uns ein anderes einholen.

SPIEGEL: Wäre das dann das Ende der Menschheit?

MEADOWS: Als Gattung werden wir wohl überleben, aber nicht die ressourcen-intensive Zivilisation, wie wir sie heute kennen.

SPIEGEL: Halten Sie in der Zukunft Umweltkriege für unvermeidlich?

MEADOWS: Übervölkerung, die zwangsläufig zu Armut und Spannungen führt, verschärft schon heute viele Konfliktherde in der Welt.

SPIEGEL: Haben Sie manchmal Lust, noch einmal ein großes, aufrüttelndes Buch zu schreiben?

MEADOWS: Ich habe mich lange genug als globaler Evangelist versucht und dabei gelernt, daß ich die Welt nicht verändern kann. Außerdem verhält sich die Menschheit wie ein Selbstmörder, und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, wenn er bereits aus dem Fenster gesprungen ist.

SPIEGEL: Haben Sie völlig resigniert?

MEADOWS: Keineswegs. Ich habe nur die Grenzen sehr eingeschränkt, innerhalb derer ich mich verantwortlich fühle. Aber im kleinen Bereich gibt es sehr viele sinnvolle Dinge zu tun: Ich lehre an einer Universität und entwickle Computerspiele, die Studenten vielleicht wichtige Einblicke vermitteln können.

SPIEGEL: Welche?

MEADOWS: Wie sich die Entscheidungsträger in den verschiedensten Ländern verhalten müßten, damit die Bevölkerungszahlen nicht weiter ansteigen und die Umwelt nicht auf Kosten kommender Generationen ausgebeutet wird.

H. P. Martin
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