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Briefe

Es ist so blöd
aus DER SPIEGEL 14/1981

Es ist so blöd

(Nr. 11/1981, Wehrdienst: Wer, so das Bremer Verwaltungsgericht, als Autofahrer beim Gedanken an einen tödlichen Unfall in Gewissensnöte gerate, aber dennoch nicht auf das Fahren verzichten wolle, habe auch die Problematik der Kriegsdienstverweigerung »nicht mit der erforderlichen Intensität« durchdacht. Der Kriegsdienstverweigerer wurde abgewiesen.)

Brechts Satz »Recht muß immer in vollkommenem Ernst gesprochen werden, es ist so blöd«, trifft auf dieses Urteil zu.

Münster KARL-HEINZ ZIERVOGEL

Zum Glück gibt es Autofahrer, denen es nicht Wurscht ist, wenn sie Menschen auf der Straße zusammenfahren! Aber es ist ungehörig, jedem Autofahrer von vornherein nicht zu glauben, der meint, daß Verkehrstote ihn mehr angehen als nur Zahlen einer Statistik.

Gerstetten (Bad.-Württ.) J. STROBEL S.12

Hoffentlich muß nun nicht jeder »Gediente« seine Tauglichkeit durch mörderisches Fahrverhalten unter Beweis stellen.

Berlin MARTIN FLIEDNER

Dem Bremer Verwaltungsgericht ist, unter Verwendung eines Zitates aus der Begründung seiner Entscheidung (letzter Absatz) zu entgegnen:

Ein vom definierten »Norm-Gewissen« abweichendes Gewissen wird als nicht existent betrachtet, der Träger dieses Gewissens also als »gewissenlos«.

Schwäbisch Hall (Bad.-Württ.) THOMAS ACKERMANN

Und da wundert sich noch einer, warum die Jugend rebelliert.

Simmozheim (Bad.-Württ.) MARTIN ROTH

Fehlende Glaubwürdigkeit

Als Betroffener, der mehr als 100 Kriegsdienstverweigerer zur Anerkennung geführt hat, kann ich Ihnen versichern: Die Entscheidung der Bremer Verwaltungsrichter geht vollkommen in Ordnung!

Der Kriegsdienstverweigerer macht geltend, daß sein Gewissen ihm die Teilnahme am Kriegswaffendienst verbiete. Er muß seine Gewissensgründe darlegen und sich hierzu auch befragen lassen. Da der Kriegsdienstverweigerer regelmäßig behauptet, daß das menschliche Leben für ihn das höchste Gut sei und daß er niemals einen Menschen töten könne, liegt die Frage nahe, wieso er dann aktiv am -- lebensgefährlichen -- Straßenverkehr teilnehmen könne.

Der Kriegsdienstverweigerer sollte diese Gelegenheit benutzen, um den Unterschied zwischen der Waffe als einem gefährlichen Tötungsinstrument und dem Auto als einem sozialadäquaten Fortbewegungsmittel aufzuzeigen und die unterschiedliche Gewissensbelastung darzustellen, die bei einem Totschlag einerseits und einem Unglücksfall andererseits entstehen muß.

Wer in diesem Zusammenhang aber erklärt, daß ihn beide Konfliktlagen gleichermaßen in unerträgliche Gewissensnot stürzen würden, kann nicht einerseits den Kriegsdienst verweigern und andererseits am Straßenverkehr unverändert teilnehmen wollen.

Das Verwaltungsgericht, das das Anerkennungsbegehren im Rahmen des möglichen Wohlwollens prüfen muß, hat offensichtlich versucht, den Kläger durch wiederholte Vorhalte zu veranlassen, die notwendigen Differenzierungen vorzunehmen.

Offenbar blieben diese Rettungsversuche erfolglos, so daß die Verwaltungsrichter den Kläger an seinen widersprüchlichen und inkonsequenten Ausführungen festhalten mußten.

Kiel WILFRED MAIRGÜNTHER Rechtsanwalt und Notar

Pffige Variante

Häufig wird auch auf das Gebiet der Individualverteidigung ausgewichen. Berühmtes Beispiel: Freundin -- Wald -- Räuber -- Vergewaltigung -- zufällig Pistole dabei ...

Angesichts der Tatsache, daß nur die wenigsten meiner Prüflings-Kollegen gedenken, ständig mit einem Schießeisen herumzulaufen, ist es natürlich prächtig, wenn man auf die polemische Gleichsetzung von Automobil und Waffe ausweichen kann, und dann zum zweiten Schritt der alten Taktik übergehen kann.

Allseitige Geschlossenheit des Weltbildes ist gefragt, und wo sich etwaige Widersprüche zeigen, da wird mit pseudologischen Argumenten erbarmungslos gebohrt. Der Delinquent befindet sich in der vorbereiteten Zwickmühle, erklärt er die Gewissensnot beim Unfall kurzerhand für weniger quälend, so klingt das leicht nonchalant und läßt demgegenüber die Gewissensnot im Krieg unglaubwürdig erscheinen. Die Falle ist zugeschnappt.

Das Bremer Urteil stellt keinen neuen Rekord an Absurdität dar. Es ist nur eine -- allerdings pfiffige -- Variante einer alten Taktik.

Essen MARTIN KUHNA

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