Zur Ausgabe
Artikel 26 / 84

»Es ist total am Markt vorbeigebaut worden«

Das Ende des dreißigjährigen Immobilien-Booms: Viele Wohnungen stehen leer, überall sinken die Häuserpreise Gut 250 000 Mietwohnungen sind in der Bundesrepublik ungenutzt, und die Zahl nicht vermietbarer Wohnungen steigt zügig an: von Luxus-Apartments, deren Mieten keiner aufbringen kann, bis hin zu Sozialbehausungen, in denen keiner mehr leben will. Und noch schwerer sind Wohnungen zu verkaufen: Eine jahrzehntelange Immobilien-Spekulation hat die Preise so maßlos überzogen, daß an Wertzuwachs nicht mehr zu denken ist. *
aus DER SPIEGEL 41/1984

Wehmütig denkt der Hamburger Hausmakler Gerrit Behrens an die guten alten Zeiten zurück: »Wenn ich früher eine Wohnungsbesichtigung machte, kamen 50 bis 60 Leute. Im vergangenen Jahr waren es noch fünf bis sechs, und heute erscheint manchmal kein einziger.«

Eine 80-Quadratmeter-Wohnung in durchschnittlicher Lage ist für 780 Mark kalt nur noch mühsam zu vermieten - wenn überhaupt. Denn Wohnungen gibt es mittlerweile genug, auch wenn es viele Grundeigentümer nicht wahrhaben wollen.

»Mieten, die noch vor zwei Jahren in Hamburg zu bekommen waren, sind heute nicht mehr zu erzielen«, weiß Theodor Paul, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer.

Das gilt nicht nur für Hamburg. Selbst in Stuttgart und München, wo Wohnraum knapper ist als irgendwo anders in der Bundesrepublik, müssen die Besitzer teurer Apartments vielfach ihre Forderungen herunterschrauben, um einen Mieter zu finden.

Als Manfred Brunner, FDP-Stadtrat im Münchner Rathaus, 1980 eine Wohnung am Kustermannpark bezog, kostete der Quadratmeter 12,50 Mark. Sein Nachfolger zahlt jetzt 9,75 Mark.

Schlimm für Vermieter, erfreulich für Mieter sieht es besonders im Ruhrgebiet aus. Von Duisburg bis Dortmund, sagt Helmut Tepper, Vorstandsvorsitzender des Gesamtverbands Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen, »bestimmt weitgehend schon der Nachfrager, wie die Wohnung aussehen soll und welchen Preis er zahlt«.

Vorbei seien die Zeiten, beschreibt Tepper die Lage, in denen sich die Leute um Wohnungen rissen: »Ein dreißigjähriger Verteilermarkt ist zu Ende gegangen.«

Mehr als drei Nachkriegsjahrzehnte lang schien es wie ein Naturgesetz, daß Mieten und Immobilienpreise sich nur in eine Richtung bewegen können - nach oben. Die Nachfrage nach Grundstücken und Eigenheimen, nach größeren und schöneren Wohnungen überstieg bei weitem das Angebot.

Inzwischen aber habe »der Verbraucher in diesem Markt das Sagen«, warnt der Krefelder Unternehmensberater Bernd Heuer unbedachte Investoren, die glauben, daß Wohnungen - egal, wo, egal, welcher Größe - immer gebraucht würden.

Die Wende trifft nicht nur den Mieten-, sondern auch den Kaufmarkt. Seit Jahresbeginn ist die Nachfrage nach Eigentumswohnungen und Reihenhäusern schlagartig zurückgegangen. Selbst das freistehende Einfamilienhaus mit Garten, Wunschtraum des Bundesbürgers, ist erstmals schwer zu verkaufen.

Einen »Trendumbruch« sieht Ernst Gerth, Göttinger Betriebswirtschaftsprofessor und wissenschaftlicher Leiter des (privaten) Instituts für Wohnungswesen. »Drastische Zusammenbrüche auf lokalen Wohnungsmärkten« hatte Gerth schon vor einem Jahr vorausgesagt.

Überall, von Flensburg bis Füssen, stehen Wohnungen leer. Wie viele es sind, weiß keiner. 800 000 bis eine Million seien es, behauptet der Zentralverband der Grundbesitzer; nur eine Viertelmillion, schätzen andere.

Als »echte Leerstände« wertet Tepper nur jene Unterkünfte, die länger als drei Monate nicht vermietet sind. Das mache ein Prozent des gesamten Wohnungsbestands aus. Auf die gleiche Zahl - rund 250 000 - kommt auch Dietrich von Viebahn, Geschäftsführer des Bundesverbands

Freier Wohnungsunternehmen, ebenso auch der Bonner Bauminister Oscar Schneider.

Einig sind sich die Experten, daß die Leerstände zunehmen werden; betroffen sind vorwiegend Wohnungen an lauten Durchgangsstraßen, aber auch teure Apartments und die Beton-Silos des Sozialen Wohnungsbaus.

Wie sehr mittlerweile ein Überangebot die gemeinnützigen Gesellschaften plagt, belegt unter anderem eine Hamburger Durchwahl: Unter der Rufnummer 6 38 42 65 meldet sich der telephonische Anrufbeantworter der Allgemeinen Deutschen Schiffszimmerer-Genossenschaft, eine gemeinnützige Wohnungsgesellschaft. Eine Frauenstimme bietet auf Tonband die Wohnungen an, die »kurzfristig angemietet« werden können - zu Mietpreisen ab 133 Mark.

Schmerzlich trifft das Überangebot die gutverdienenden Kapitalanleger, die steuersparend Bauherren-Modelle gezeichnet haben. Deren Objekte, meist aufwendig gebaut und in guter Lage, stehen bei geforderten Quadratmeterpreisen zwischen 12 und 16 Mark reihenweise leer.

Seit Monaten sucht die Trilsbach & Wöhler Wohnbau Köln GmbH nach Mietern für einen Neubau in der Herderstraße, einer weniger guten Lage in dem schönen Viertel Köln-Lindenthal. In dem Haus machte zunächst nur ein Zahnarzt im Erdgeschoß seine Praxis auf. Im Juli waren schließlich drei Wohnungen vermietet. Jetzt stehen von den insgesamt neun Wohnungen immer noch fünf leer. Quadratmeterpreis: 12,35 Mark.

Wenige Straßenzüge weiter, in der Krieler Straße, ebenfalls eine weniger gute Lage Lindenthals, ist gerade ein Gebäude fertiggestellt worden, errichtet nach dem Bauherren-Modell. 14 Mark soll dort der Quadratmeter kosten. »Die werden Mühe haben, die Wohnungen zu vermieten«, sagt ein ortskundiger Makler.

In dem ganzen Viertel wird kräftig gebaut - dabei weisen bereits jetzt überall Fenster ohn Vorhänge darauf hin, daß Wohnungen leerstehen.

Wie in Köln-Lindenthal sieht es in den besseren Vierteln anderer Großstädte aus, von München-Herzogpark bis Hamburg-Othmarschen. »Es ist total am Markt vorbeigebaut worden«, meint Thomas Vorwerk, Geschäftsführer der Münchner Wirtschaftsforschungsgesellschaft Südprojekt.

Vorwerks Beratungsfirma untersucht derzeit die Wohnungsmärkte der wichtigsten Großstädte und verkauft die Analysen zum Stückpreis von 178 Mark an Bauträger und Banken, Makler und Anleger. Denn die sind mittlerweile recht verwirrt über die Zustände in ihrer Branche.

»Tiefgreifende Verwerfungen« sieht Vorwerk. Anders als früher, »wo einer blind in den Immobilienmarkt gehen konnte«, entscheide mehr und mehr der richtige Standort, ob ein Eigentümer seine Wohnung vermieten oder verkaufen kann.

Noch schwerer als zahlungskräftige Mieter finden die Immobilienhändler Kaufwillige. Eine Wohnung oder ein Haus, Ende der er Jahre erworben, ist derzeit häufig nur unter dem Einstandspreis loszuwerden.

»Immobilien sind nicht mehr wertbeständig«, warnte der Freiburger Informationsdienst »Vorteilhafte Geldanlagen« seine Abonnenten: »Die tatsächlich eingetretene Entwicklung übersteigt alle Befürchtungen.«

Schon vor drei Jahren befand der Ring Deutscher Makler, die Preise seien ausgereizt; sie kletterten, wenn auch leicht gebremst, gleichwohl weiter.

Daß es jetzt erstmals auf breiter Front bergab geht, hat mehrere Gründe: *___Die anhaltend niedrige Teuerungsrate, derzeit unter ____zwei Prozent, macht eine Anlage in inflationssicheren ____Sachwerten wenig attraktiv; *___das beständig hohe Zinsniveau, für Hypotheken derzeit ____fast neum Prozent, erschwert die Finanzierung; *___die schlechten Erfahrungen, die kapitalkräftige Anleger ____mit Immobilien machten, lassen die Zahl der Nachfrager ____schrumpfen; *___die vielen Wohnungen aus dem Bestand gemeinnütziger ____Unternehmen wie der Neuen Heimat, die allein 50 000 ____Wohnungen verkaufen will, vergrößern das Angebot.

Vor allem aber drückt die wirtschaftliche Lage auf die Stimmung. Angesichts sinkender oder zumindest gleichbleibender Realeinkommen sehen die meisten Bundesbürger ihre finanzielle Zukunft eher düster - eine denkbar schlechte Voraussetzung für eine langfristige Investition mit hohen finanziellen Verpflichtungen. »Die Verschuldungsbereitschaft ist geringer geworden«, stellt Bernhard Wischmeier, Chef der LBS Immobilien GmbH in Münster, fest.

Zwar sei der Wunsch nach dem eigenen Häuschen oder zumindest nach der eigenen Wohnung ungebrochen, meint der Verband Freier Wohnungsunternehmen. Aber, so Geschäftsführer von Viebahn, »die Leute sind vorsichtiger geworden«. Die Angst vor einer ungewissen _(Hamburg-Ottensen, Holstenring 12-18. )

Zukunft ließ nicht nur die Nachfrage nach Eigentum absacken. Überall beobachteten Makler, daß Mieter sich nach preiswerteren, meist kleineren Wohnungen umsehen, um - Vorsorge für schlechte Zeiten - ihre festen Ausgaben zu verringern.

Beispielsweise ist zusehends schwerer zu vermieten, was noch Ende der 70er Jahre unter Bauherren als lukrative Investition galt: die gediegene Wohnanlage mit gepflegten Gärten, mit Sauna und Schwimmbad. Jetzt schrecken nicht zuletzt die hohen Nebenkosten - bis zu sechs Mark pro Quadratmeter - ab.

Vor allem die Spitzenverdiener, die ihre Objekte nach dem teuren Bauherren-Modell hochzogen, haben die Kaufkraft der Bevölkerung überschätzt. Nur eine hauchdünne Schicht ist in der Lage, eine 120-Quadratmeter-Wohnung für über 2000 Mark monatlich, inklusive Nebenkosten und Heizgeld, anzumieten. Wohlhabende, die solche Beträge aufbringen könnten, sitzen zumeist in ihren eigenen Häusern.

»Ab einer Quadratmeter-Miete von 6 DM monatlich«, schreibt der Gesamtverband Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen, »werden Vermietungsschwierigkeiten deutlich spürbar.«

Überschätzt haben fast alle Bauherren, geblendet von einem 30jährigen Boom und gelockt von steuerlichen Anreizen, den Wertzuwachs ihrer Immobilie. Ständig steigende Baukosten und die noch rascher hochschießenden Grundstückspreise (siehe Graphik Seite 119) heizten die Immobilienspekulation an. Viele vergaßen dabei, daß eines Tages der Bedarf an Wohnraum gedeckt sein könnte und daß maßlos überzogene Preise den Markt umkippen lassen könnten.

Da kauften Bauträger über Strohmänner ein Grundstück für eine Million Mark und reichten es gleich für drei Millionen Mark an ihre Bauherrengemeinschaft weiter. Altbau-Spekulanten erwarben sanierungsbedürftige Sozialwohnungen für rund 1000 Mark pro Quadratmeter und wurden sie, ohne einen Eimer Farbe verschwendet zu haben, sofort für über 2000 Mark los.

Nur wenige sahen, auf welch sandigem Boden die Spekulation mit dem Wertzuwachs stand. Hans Günther Schönmann, für das Hypothekengeschäft zuständiges Vorstandsmitglied der Bayerischen Vereinsbank: »Das waren keine Wertzuwächse, das waren Preiszuwächse.« Mit anderen Worten: Immobilien waren häufig nicht das Geld wert, das ein Käufer dafür ausgab.

Fachleute der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank (DG Hyp) in Hamburg wunderten sich immer wieder über Preise, die verlangt - und gezahlt wurden: Die »Narrenseite« heißt bei ihnen der Immobilienteil des »Hamburger Abendblatts«.

Mittlerweile sind die Angebote auf der »Narrenseite« wesentlich vernünftiger geworden. In diesem Jahr rutschten die Preise um 20 Prozent und mehr nach unten.

Für viele Immobilienexperten ist der Preisrutsch allein die Folge der langjährigen ungezügelten Spekulation - »ein Normalisierungsprozeß« (Wischmeier), »ein Anpassungsprozeß« (Schönmann).

Es ist dies aber auch ein Resultat, das durch staatliche Reglementierungen zustande kam: durch soziale Alimentierung eines Wohnungsbaus, der in der untersten Preisklasse an den Bedürfnissen der Bürger vorbeiproduzierte; durch steuerliche Anreize für kapitalstarke Anleger, die in den oberen Kategorien für ein beträchtliches Überangebot sorgten.

Wie zügig es bergab geht, belegt - ein Beispiel unter vielen - eine Kleinsiedlung

in Hamburg-Ottensen, Hostenring 12-18.

Dort hatte das gemeinnützige Stuttgarter Unternehmen GSG im Sommer vergangenen Jahres 88 Eigentumswohnungen fertiggestellt und Käufer gesucht. Bei Quadratmeterpreisen von 3337 Mark an aufwärts, so lockten die Stuttgarter, sei dies ein spottbilliges Angebot, »nahezu konkurrenzlos auf dem Hamburger Immobilienmarkt«.

Doch bis April dieses Jahres wurde die GSG nur 55 Wohnungen los. Dann entschloß sie sich, »aufgrund des allgemein stagnierenden Verkaufs auf dem Immobiliensektor« den Preis auf 2904 Mark pro Quadratmeter zu senken.

Keine einzige Wohnung wurde verkauft. Im Juni ging die Firma auf 2700 Mark herunter, und zu diesem Preis wartet sie noch heute auf Käufer.

Ähnlich steil fielen die Preise in anderen Regionen - im Saarland und in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen, Bremen und weiten Teilen Nordrhein-Westfalens. Nur in den beiden gesündesten Wirtschaftszentren der Bundesrepubilk, im Gebiet um Stuttgart und im Großraum München, schweben die Immobilienpreise noch in schwindelnder Höhe.

Aber wohl nicht mehr lange: »München ist ein total überhitzter Markt«, warnt Wohnungsexperte Vorwerk. In keiner anderen Stadt sind die Preise so überzogen wie in der Bayern-Hauptstadt. Vor wenigen Monaten wurde im Olympiadorf ein schlichter Stellplatz in einer Tiefgarage für 35 000 Mark verkauft. Selbst Bauten aus den 50er Jahren kosten im Durchschnitt noch über 3800 Mark pro Quadratmeter.

Aber auch in der Boom-Stadt kippt der Trend. »Seit Jahresanfang« registriert der Münchner Mieter-Anwalt Klaus Warnecke eine neuartige Klientel: Ratsuchende, die eine günstigere Wohnung gefunden haben und vom bisherigen Vermieter nicht aus dem Vertrag entlassen werden.

Das gab es bislang nicht. Wer vorzeitig aus seinem - in München oft üblichen - Fünfjahresvertrag wollte, wurde vom Hauseigentümer freundlich verabschiedet: Der Nachfolgemieter zahlte mehr. Wer aber jetzt aus seiner teuren Wohnung zieht, muß dem Besitzer die Differenz zur niedrigeren Nachfolgemiete erstatten. Das sind nicht selten, wie Warnecke weiß, »200 Mark und mehr im Monat«.

Auch in München schrumpft die Bevölkerung und wächst das Wohnungsangebot. Gleichwohl schossen dort im letzten Jahr die Grundstückspreise um 10,7 Prozent in die Höhe, Bauplätze für Mehrfamilienhäuser verteuerten sich gar um 13 Prozent.

Wer künftig die Mieten für solche Objekte zahlen soll, bleibt räselhaft.

Teure Mietwohnungen gibt es mehr als genug, und in den nächsten fünf Jahren, so schätzen Experten, werden Zigtausende Eigentumswohnungen zum Kauf angeboten, die von 1980 bis 1984 als Bauherren-Modell gebaut wurden.

In der Regel kassieren die Anleger nur in den ersten fünf Jahren Spitzenmieten zwischen 13 und 17 Mark pro Quadratmeter. Diese Beträge hat ihnen der Bauträger garantiert, und er zahlt die Mieten zum Teil aus jenem Geld, das er zuvor auf den Preis der Immobile draufgepackt hat.

Nach fünf Jahren aber wird es kritisch. Da läuft die Mietgarantie ab, gleichzeitig hüfig auch der festgeschriebene niedrige Zins. Das Steuersparmodell wird auf Dauer zum Verlustbringer - »so zwischen 20 000 und 40 000 Mark im Jahr«, wie der Hypothekenleiter einer norddeutschen Sparkasse ausgerechnet hat. Viele müssen verkaufen, und sie holen dabei nicht mal den oft grotesk überzogenen Kaufpreis heraus.

»Das gibt ein Massen-Desaster«, ahnt der Kölner Immobilienhändler Olaf Merkt, Geschäftsführer der Classic Bau GmbH Projekt KG.

Aus ist es mit dem Wertzuwachs, und nur noch wenige Bauträger gehen mit diesem Argument auf Dummenfang. Die Düsseldorfer Investor Treuhand GmbH versucht es immer noch. Sie warb kürzlich mit folgender Rechnung: »500 000 Mark Hypotheken haben in zehn Jahren nur ca. 250 000 Mark Kaufkraft. Die Immobilie für 500 000 bringt dann aber ca. 750 000 Mark.«

Mit riskanten Finanzierungsplänen und mit windigen Versprechungen wurden in den letzten Jahren selbst Kleinverdiener in den Immobilienmarkt getrieben. Bauen sei »billiger als mieten«, warb beispielsweise im vergangenen Jahr eine Tochterfirma der Hamburgischen Landesbank. Kein Wunder, daß den Kreditinstituten nun eine Welle von Zwangsversteigerungen zu schaffen macht.

Noch in diesem Frühjahr meinte Rolf Lührig, der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Bank von 1861, ein Arbeitnehmer mit zwei Kindern und 2600 Mark netto im Monat könne sich ruhig ein Reihenhäuschen für 380 000 Mark zulegen. 61 000 Mark Eigenkapital seien für diesen Schritt in den Grundbesitz ausreichend.

Wie jemand mit 2600 Mark monatlich eine vierköpfige Familie durchbringen und einen Schuldenberg von 320 000 Mark abtragen soll, verriet der Bankier nicht.

Solch waghalsige Finanzierungsmodelle funktionieren nur bei zügig steigenden Einkommen. Wenn nur wieder mehr verdient würde, meinen denn auch viele in der Immobilienbranche, komme der Markt ins Lot. Es sei eine vorübergehende »Nachfrageschwäche«, die derzeit für fallende Preise sorge.

Wohl kaum. Es reiche völlig aus, wenn in der Bundesrepublik im Jahr etwa 150 000 Wohnungen neu gebaut würden, meint der Göttinger Wohnungsexperte Gerth. Tatsächlich aber werden jedes Jahr im Schnitt allein 200 000 Eigenheime gebaut, überwiegend von Bürgern, die, koste es, was es wolle, ihrem Drang nach dem eigenen Häuschen nachgeben.

Jeder Eigenheim-Erbauer macht eine Mietwohnung frei. Und so wächst, bei schrumpfender Bevölkerung, das Angebot an Wohnungen. Doch die vielen frei

werdenden Wohnungen bleiben für die meisten Familien unerschwinglich.

Zwar lamentiert die konservative Grundeigentümer-Lobby, die Mieter würden ihr Geld lieber für Urlaub und Autos verprassen, statt einen angemessenen Preis für das Konsumgut Wohnung auszugeben. Doch das ist eine verquere Optik. Viele Mieter sind einfach nicht in der Lage, die geforderten Preise zu bezahlen.

Von den rund 15 Millionen Mieter-Haushalten in der Bundesrepublik verfügen neun bis zehn Millionen über ein Haushaltseinkommen von weniger als 2000 Mark netto im Monat. Und die können kaum mehr als ein Drittel ihres Monatsbudgets für die Miete ausgeben. »Deutliche Widerstände werden bei der Vermietung von Wohnungen über 500 DM Monatsmiete spürbar«, berichtet der Gesamtverband Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen.

In den letzten Jahren mußten zahllose Mieter ihre Wohnung räumen, weil sie sich die teuren Behausungen nicht mehr leisten konnten. Bei den gemeinnützigen Gesellschaften stehen überwiegend Vier-Zimmer-Wohnungen leer: Kinderreicht Familien zogen, der unerschwinglich gewordenen Miete wegen, von 100 Quadratmeter in 60 Quadratmeter um. In der tristen Sozialsiedlung Hamburg-Steilshoop etwa wird derzeit eine 84-Quadratmeter-Wohnung für 1100 Mark, inklusive Heizung, angeboten.

Folge: Während überall in der Bundesrepublik die Preise von großen und komfortablen Wohnungen fielen, wurden kleine Wohnungen in der unteren Preisklasse merklich teurer. So erklärt sich der Anstieg der Mieten um 5,4 Prozent im vergangenen Jahr und um rund vier Prozent im laufenden Jahr.

Die wachsende Nachfrage nach anspruchslosem, aber verhältnismäßig billigem Wohnraum kommt vor allem den Besitzen von Altbauten zugute, klagt Toni Spitz, Vorsitzender des Münchner Mietervereins: »In den alten Bruchbuden, die schon zweimal abgeschrieben sind«, seien die Preise überdurchschnittlich gestiegen.

Ebenso aber auch im Sozialen Wohnungsbau, wie Theodor Paul, Chef-Lobbyist der privaten Hausbesitzer, gern herausstreicht. Und tatsächlich sind ausgerechnet Sozialwohnungen zum »Preistreiber« (Paul) bei den Mieten geworden.

Viele Sozialwohnungen stehen inzwischen leer. Es sind nahezu ausschließlich Wohnungen in den Mammut-Siedlungen, die in den 70er Jahren entstanden: etwa in Hamburg-Mümmelmannsberg, Köln-Chorweiler oder Berlin-Gropiusstadt.

Je später diese Betonburgen gebaut wurden, desto schlechter war die Lage, desto teurer war der Bau und desto höher wurden sie beliehen. Milliardenbeträge aus den Steuerkassen flossen in Groß-Siedlungen. Jetzt geht die Förderung zurück, und entsprechend steigen die Mieten. Derzeit liegt der Spitzensatz um neun Mark pro Quadratmeter, ohne Heizkosten - unerschwinglich für sozial schwache Familien, für die solche Wohnungen ursprünglich gedacht waren.

So zogen die Mieter aus, in preiswerteren Altbau oder aber in Sozialwohnungen, bei denen die staatlichen Zuschüsse höher sind. Wo diese »Subventionsnomaden«, wie sie bei den gemeinnützigen Gesellschaften heißen, abwanderten, hinterließen sie Wohnungen, die wegen der hohen Miete leer blieben.

Oder aber kommunale Wohnungsämter schickten ihr Problemfälle in solche Bauten - Menschen, die in der Branche als »A-Gruppe« gefürchtet sind: Arme, Alte, Ausländer, Arbeitslose, Alkoholiker.

Wo diese geballt einziehen, fällt das ohnehin miese Image der Siedlung noch weiter ab. Kleinbürger verlassen scharenweise ihre Wohn-Klötze. Die Hochhäuser, keine zehn Jahre alt, verkommen rasch zu Slums.

Neue Mieter finden sich kaum. Selbst Aussiedler aus der DDR, wahrlich nicht verwöhnt, lehnten entsetzt die angebotenen Wohnungen in Berlin-Gropiusstadt ab - so hatten sie sich das Leben im Westen nicht vorgestellt.

Seit der schlimme Wohnungsmangel der Nachkriegsjahre behoben ist, seit schöneres Wohnen gefragt ist und seit man solch eine Wohnung unter mehreren leerstehenden aussuchen kann - seitdem werden auch im öffentlich geförderten Wohnungsbau neben dem Preis zusehends Lage und soziales Umfeld wichtiger.

Immer mehr zieht es die Mieter, vor allem die jüngeren, von den fad-häßlichen Betonklötzen mit Fahrstuhl und zentraler Warmwasserversorgung weg in die schlichten und vielfach angegammelten, aber lebendigeren Altbau-Viertel der Städte.

So unzumutbar werden ganze Großsiedlungen wie Mümmelmannsberg oder Chorweiler, daß manche Immobilienexperten für diese Wohnanlagen nur noch einen Verwendungszweck sehen: »Der Bundeswehr schenken und in die Luft jagen«, empfiehlt der Kölner Bauträger Olaf Merkt.

Auch der Sozialdemokrat Christoph Zöpel, Nordrhein-Westfalens Minister für Landes- und Stadtentwicklung, ahnt, daß sich manche triste Betonsilos wohl bald ganz entvölkern und daß man früher oder später »sich von solchen Hochhäusern trennen muß« - mit Hilfe von Dynamit.

Der Gedanke gefällt den gemeinnützigen Gesellschaften. Ihr Verbandsdirektor Tepper meint, der Staat könne, nachdem er erst den Bua subventioniert hat, den Unternehmen nunmehr auch den Abriß subventionieren.

Schließlich, so Tepper, »kriegt auch ein Bauer, der seine Kuh schlachtet, eine Prämie, weil er die Überproduktion aus dem Markt nimmt«.

[Grafiktext]

Entwicklungen im Wohnungsbau; Preisindizes 1970 = 100 Grundstücke Preise für baureifes Land Baukosten für Wohnungen zum Vergleich: Lebenshaltungskosten aller privaten Haushalte Mieten für Wohnungen TEURES BAUEN

[GrafiktextEnde]

Hamburg-Ottensen, Holstenring 12-18.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.