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»Es ist wie bei Hofe«

SPIEGEL-Redakteur Ulrich Schwarz über Erich Honeckers DDR *
Von Ulrich Schwarz
aus DER SPIEGEL 36/1987

Das erste, was der Besucher aus dem Westen bewußt wahrnimmt, wenn er am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße das Mauerlabyrinth durchquert hat und die DDR betritt, ist ein überdimensionales Bild. Auf hellblauem Grund sieht ihn von der Wand hinter dem Grenzposten der Landesvater an: weißgraue Haare, milde Augen hinter schlicht dunkler Hornbrille. Die Lippen sind zur Andeutung eines Lächelns verzogen, darunter leuchten auf rein-weißem Hemd ein mit kühnen Strichen gemusterter Schlips und unübersehbar auf dem (modisch viel zu breiten Revers des sommerlichen Anzugs, das Parteiabzeichen der SED.

Überlebensgroß der Genosse Erich Honecker.

Wie von der Wand der Grenzbaracke schaut der oberste Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, in einer Person Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrats der DDR, allgegenwärtig in die Amtsstuben seines Landes und seiner Partei - zeitlos, in der Blüte seiner Mannesjahre. Das offizielle Honecker-Photo ist 20 Jahre alt.

So ließen sich schon immer Regenten ins Bewußtsein ihrer Untertanen gravieren. Assoziationen an Feudalismus und Fürstenherrschaft stellen sich in der DDR zwangsläufig ein.

Wenn am späten Abend des 7. Oktober, dem Gründungs- und Nationalfeiertag der DDR, die Mitglieder des Politbüros von der Jubelfeier im Palast der Republik in ihren Staatskarossen heimwärts chauffiert werden ins vom Volk abgeschirmte Wohngetto nach Wandlitz, läuft an der Protokollstrecke nichts sonst - selbst wenn die Großkopfeten nicht im Pulk, sondern im Abstand nach Hause trödeln. Geduldig harren Tausende müder Bürger 20 Minuten in ihren Trabbis, in Bussen oder Straßenbahnen an den von Volkspolizisten auf Dauerrot geschalteten Ampeln, bis der letzte dunkelblaue Volvo vom Typ 760 GLE vorbeigefahren ist. Keiner käme auf die Idee zu hupen.

Noch härter trifft es den Ost-Bürger, falls er seinem Landesherrn begegnet, wenn der gerade von der Leipziger Messe nach Hause reist. Schon bevor Erich Honecker in Leipzig losfährt, sind die 180 Kilometer Autobahn bis Berlin mit Polizisten, in Uniform und Zivil, besetzt. 20 Kilometer vor der mit 160 Stundenkilometer heimwärts brausenden Kolonne - fürs gemeine Volk sind 100 vorgeschrieben - wird die Autobahn leer gefegt. Vopos treiben Wagen und Motorräder auf die nächsten Parkplätze. Dort müssen sie warten, bis der Genosse Erich nebst Gefolge vorbeigerauscht ist - eine halbe Stunde oder auch, wenn sie Pech haben, eine ganze.

Der Staatsratsvorsitzende nutzt als einziger der SED-Führungsriege keinen Volvo, sondern einen silbergrauen Citroen. Ein Zwilling des Honecker-Autos fährt stets mit. Den haben die Genossen von der Sicherheit angeschafft, um potentielle Attentäter zu verwirren.

Ist die Kolonne durch, macht die Vopo noch mal dicht: Ein Polizeiwagen

sperrt die rechte Spur und erzeugt einen künstlichen Stau, damit keiner den Honecker-Konvoi einholen kann. Honeckers Heimfahrt von der Herbstmesse 1986 fiel mit dem Ende der Sommerferien zusammen. Doch in den Medien der DDR - etwa im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« oder im ostdeutschen Fernsehen - gab es keinerlei Vorwarnung vor dem deutschen demokratischen Stau. Natürlich könnte Honecker auch fliegen. Aber den Hubschrauber benutzt der Staatsratsvorsitzende nicht gern.

Der Hang der Obergenossen zu Pomp und Protz wächst offenbar mit dem Alter der SED-Republik.

Beim Ostblock-Gipfel Ende Mai in Ost-Berlin zelebrierte die Parteispitze die Anfahrt zum Festkonzert im wiederaufgebauten Schauspielhaus am früheren Gendarmenmarkt (heute Platz der Akademie) als pompöses Schauspiel mit einem Hauch Bayreuth. Das Politbüro und seine ausländischen Gäste rollten in aufsteigender Rangfolge an- die Politbürokraten und ihr Gefolge, Gattinnen inklusive, im hochglänzenden Dienst-Volvo, die Chefs der Bruderländer in riesigen russischen Sils. Leutselig winkend schritten sie durch die in Bussen herbeigeschaffte Menge der Claqueure die Stufen der riesigen Freitreppe empor - die Herren in Dunkelblau oder Schwan, die Damen in feiner Abendrobe. Wäre die in Bayreuth unvermeidliche Begum dazwischen gewesen, kaum einem wäre sie aufgefallen.

Aufmerksame Zuschauer registrierten an diesem Abend die hierarchische Aufwertung der beiden Männer hinter Honecker: Erstmals fuhren auch Ministerpräsident Willi Stoph und Volkskammerpräsident Horst Sindermann mit je zwei Volvos vor. Nun rangieren sie gleich.

Solche Allüren führen immer aufs neue den sozialistischen Heilsanspruch einer Gesellschaft ins Absurde, in der doch die Klassengegensätze angeblich immer kleiner werden. Erich Honecker und seine führenden Mitgenossen kommen wohl deshalb mit dem Paradoxon klar, weil sie es gar nicht wahrnehmen. Sie haben ihr Dasein als Machtträger der herrschenden Arbeiterklasse so verinnerlicht, daß sie nicht merken, wie sehr sie gegen sozialistische Ideale anleben.

Ihr - räumliches wie geistiges - Getto haben sich die Verwalter der Arbeiterund-Bauern-Macht selbst geschaffen: Sie wohnen streng abgeschirmt vom Volk, im eigenen Quartier zu Wandlitz bei Berlin. Und ihre Funktionäre und Zuarbeiter sorgen dafür, daß sie die DDR-Realität nur durch zahlreiche Filter wahrnehmen - wenn überhaupt.

Der DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl mischte sich in den fünfziger Jahren noch unter ostdeutsche Menschen. Wenn Honecker heute Untertanen visitiert, werden die zuvor handverlesen: Echtes Volk sieht er allenfalls von weitem, etwa von der Ehrentribüne aus beim Defilee am 1. Mai.

Was das Volk denkt oder bedrückt, erfährt er schon gar nicht - da sind die Bürokraten vor.

Um den Unmut der Bürger über die täglichen Unzulänglichkeiten des realen Sozialismus abzufangen, hat die SED 1961 das Eingabewesen erfunden: Wer immer sich ungerecht von einer Behorde behandelt fühlt, kann sich beschweren. Die betroffenen Funktionäre sind verpflichtet, dem nachzugehen.

Die meisten Eingaben bekommt Erich Honecker selbst. »Das hat«, sagt ein Kenner, »preußische Tradition. Wie weiland die Untertanen Bittschriften an den König richteten, so auch jetzt an den obersten Chef.«

Dafür hat der König zwei eigene getrennte Eingabestellen - die eine als Vorsitzender des Staatsrats, die andere als SED-Chef. Doch von dem, was in beiden Buros waschkörbeweise anlandet, sieht er kaum etwas. Die allermeisten Eingaben delegieren Honeckers eifrige Helfer an jene, über die sich die Einsender beklagen - zur Erledigung.

Der Hang der SED-Unteren, dem Chef nur die Schokoladenseite seiner Republik vorzuzeigen, geht ins Groteske. Als Honecker im April 1983 Eisenach besuchte, wurden, um sein Auge nicht zu beleidigen, an der Besuchsseite

durch die Stadt die Fassaden auch jener Häuser frisch gestrichen, die zum Abbruch vorgesehen waren. Vor tote Fenster wurden weiße Gardinen gehängt, und mitten durch eine trübe Gasse wurde eine Mauer gezogen, die den Blick auf die Trostlosigkeit dahinter versperrte.

Die sinnlose Verschwendung erboste einen Eisenacher Bürger, der seit Wochen vergeblich nach Farbe für sein Eigenheim fahndete, so sehr, daß er einige der Potemkinschen-Dorf-Fassaden mit braunen Strichen beschmierte. Das brachte ihm 18 Monate ein.

Das Ost-Berliner Kabarett »Die Distel« nahm die Kulissenschieberei mit einem Song ins Programm, der noch heute heftig beklatscht wird. Titel: »Erich kommt«.

Doch die Funktionäre gehen selten ins Kabarett. Im Schaufenster einer Drogerie im Stadtbezirk Pankow entdeckte ein Kunde unlängst ein kosmetisches Öl, nach dem er seit Wochen suchte. Freudig betrat er den Laden und sagte: »Ich habe das Zeug in der ganzen Stadt gesucht, Sie haben es.« Die Verkäuferin: »Wir haben''s auch nicht, die Packung ist nur zur Dekoration.« Der Kunde: »Dann geben Sie mir doch das Stück aus dem Fenster.« Die Verkäuferin: »Das geht nicht, wir sind schließlich Protokollstrecke.«

Will heißen: Hier kommen der Genosse Erich und seine Kompagnons aus dem Politbüro vorbei, wenn sie von Wandlitz zur Arbeit in die Stadt gefahren werden. Sie könnten ja mal aussteigen . ..

Der Generalsekretär - sagen DDR-Bürger, die Umgang mit ihm haben, ist eigentlich ganz anders. Selbstbewußt, aber keineswegs landesherrlich von oben herab, bescheiden in seinen persönlichen Ansprüchen; und er stellt, um Menschen zu helfen, sonst mit Verve vertretene politische Prinzipien schon mal hintan.

Etwa beim Wehrdienst. Die DDR hat als einziges Ostblock-Land eine ernst zu nehmende Alternative für Wehrdienstverweigerer geschaffen: Wehrpflichtige, die gezogen werden, können auf Antrag als »Bausoldaten« Dienst tun - im Rahmen der Nationalen Volksarmee, aber ohne Waffen.

Totalverweigerer wurden bis 1982 kategorisch bestraft, sie wanderten für bis zu 24 Monate ins Gefängnis. Honecker setzte eine moderate Lösung durch, die bislang ohne Aufhebens praktiziert wird: Erhebt ein Wehrpflichtiger gegen seinen Einberufungsbescheid Einspruch, zieht die Behörde in der Regel den Bescheid bis auf weiteres zurück. Dem Protestanten geschieht nichts.

Wenn durch das Dickicht der Bürokratie tatsächlich einmal ein Bürgerproblem bis zu Honecker persönlich durchdringt, hat der Bittsteller ähnlich gute Chancen: Häufig entscheidet der Chef gegen den Apparat - mit durchschlagendem Erfolg. Honeckers »Einverstanden E.H.« quer über eine Vorlage geschrieben, läßt jeden Einwand der Funktionäre verstummen.

»Dann«, sagt der Kenner, »gibt es kein Halten mehr, dann ist es wie bei Hofe.«

Von Honeckers Kulanz haben lange Zeit auch Ost-Bürger profitiert, die mit ihrem Staat nichts mehr im Sinn hatten: Jahrelang konnten Ausreisewillige, die in der Bonner Ständigen Vertretung an der Hannoverschen Straße in Ost-Berlin Zuflucht suchten, über diesen Trampelpfad in den Westen. Stets entschied Erich Honecker persönlich für den einzelnen und gegen die Staatsräson vorbei am Apparat der Partei und allen Bedenkenträgern.

Ausgerechnet ein westdeutscher Journalist und nicht das Ministerium für Staatssicherheit zerstörte diesen Schleichweg. Im Januar 1984 berichtete der Rundfunkkorrespondent der ARD Eckart Bethke, über sechs DDR-Bürger die in der Ost-Berliner US-Botschaft um Asyl gebeten hatten. Die Nachricht hatte verheerende Folgen: Wenig später saßen Hunderte DDR-müder Ost-Bürger in den westdeutschen Vertretungen in Ost-Berlin und Prag und versuchten, auf diese Weise ihre Ausreise zu erzwingen Sie bekamen sie. Aber das Schlupfloch ist seither zu.

Eine Wurzel der Fähigkeit Erich Honeckers, auch über politische Schatten zu springen und das Schicksal des einzelnen über ideologische Erfordernisse zu stellen, liegt in seinem Lebenslauf. Der SED-Chef ist tief geprägt von den fast zehn Jahren als politischer Häftling der Nazis in Untersuchungshaft und im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Ein Honecker-Kenner nennt einen zweiten Antrieb: »Das ist wie mit Friedrich II. Der hat in jungen Jahren die Schlesischen Kriege geführt und zeit seines Lebens versucht, die daraus entstandenen Schäden zu reparieren. Erich Honeckers Trauma ist die Mauer, die ja vor allem sein Werk ist.«

Eine merkwürdige Ambivalenz kennzeichnet das gesamte Honecker-Regime. Auf Initiative des SED-Generalsekretärs hat die DDR im Juli als erstes Ostblock-Land die Todesstrafe abgeschafft - ein qualitativer Sprung im Rechtsbewußtsein des SED-Staates. Wenig später wurde in Ost-Berlin ein junger DDR-Bürger verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte im Mai einen Ausreiseantrag gestellt und auf die Frage, was er denn mache, wenn dem nicht bald stattgegeben werde, auf den von ihm verehrten Gandhi verwiesen: Er könne sich vorstellen, wie einst sein indisches Idol, in einen Hungerstreik zu treten.

Der junge Mann wurde gleich einbehalten und Anfang August wegen seiner »Drohung« zu einem Jahr Gefängnis verurteilt - ohne Bewährung.

Genau deshalb ist Erich Honecker bei seinen Landsleuten nicht wirklich populär: Was immer er und die Partei an sozialen Wohltaten ausschütten und an politischen Erleichterungen verfügen, die DDR-Bürger haben stets das Gefühl, es werde ihnen gnadenhalber von oben gewährt. Einen moralischen oder gar rechtlichen Anspruch gibt es nicht. Im Guten wie im Schlechten sind die Untertanen der Willkür der Partei ausgeliefert.

Die Bürger in diesem Gefühl der Ohnmacht und Abhängigkeit zu halten gehört zu den ausgeklügelten Methoden, mit denen die SED ihre Macht sichert. In der DDR ist es Regel, daß Behörden Anordnungen nicht begründen. Auf die Frage nach dem Warum folgt die stereotype Antwort: »Das ist eine Anweisung, der haben Sie Folge zu leisten, die muß ich nicht begründen.«

Erich Honecker ist in einer paradoxen Situation: Seine Bürger zollen ihm zwar hohen Respekt für seine Friedenspolitik. »Er hat«, so räumt selbst ein Mitglied der autonomen Friedensbewegung bereitwillig ein, »das Wort Frieden, das bei uns lange eine leere Propagandahülse war, wieder mit Leben erfüllt. ''

Aber ausgerechnet jene Verbesserungen, die den DDR-Bürgern am meisten bedeuten, schreiben sie dem Genossen Erich Honecker nicht gut: 1984 durften rund 100000 Ostdeutsche in dringenden Familienangelegenheiten in die Bundesrepublik reisen, zwei Jahre später bereits über eine halbe Million, 1987 soll es sogar eine ganze Million werden. Und so dringend müssen die Angelegenheiten der Familie auch nicht mehr sein - ein Freund tut s auch.

Aber Erich Honeckers größte innenpolitische Tat, durchgesetzt gegen mannigfache Widerstände im Sicherheitsapparat der eigenen Partei. erzeugt keineswegs ein landesweites Hochgefühl, sondern Skepsis. Denn Genehmigung wie Ablehnung der beantragten West-Reise erleben die Antragsteller als Lotterie - wenn einer nicht reisen darf, sagt ihm niemand, warum. Und einklagen kann er sein Recht nicht, weil es kein Gesetz gibt, auf das er pochen könnte.

Honeckers Großzügigkeit in Sachen West-Reisen rührt aus einer falschen Einschätzung. Er war - und ist - davon überzeugt, wenn die Leute erst mal fahren dürften, erledige sich das Ausreiseproblem von selbst. »Das«, sagt ein Experte, »ist sein großer Irrtum. Aber er ist davon nicht abzubringen.« Die Zahl der Ausreiseanträge blieb auch nach der Lockerung für West-Reisen konstant - bei 50000 bis 80000.

Einmal in den letzten Jahren, in der Zeit des sowjetischen KP-Chefs Konstantin Tschernenko, wackelte der Thron des obersten Einheitssozialisten. Im Herbst 1984 fuhr der Ost-Berliner SED-Chef Konrad Naumann nach Moskau, um dort über die Ablösung Erich Honeckers zum XI. Parteitag der SED im April 1986 zu verhandeln. Der heute 58jährige Naumann war seit langem Honeckers ärgster Widersacher im Politbüro- ihm paßte die ganze Richtung nicht. Sein doppelter Vorwurf: Im Innern greife Honecker gegen Regimekritiker nicht hart genug durch, mit seiner Wirtschaftspolitik treibe er die DDR in immer größere Abhängigkeit von der Bundesrepublik.

Hätte sich Naumann in Moskau durchgesetzt, wäre er wohl Honeckers Nachfolger geworden. Doch Tschernenko starb, und Naumann fiel Ende November 1985 aus der Macht. Der Anlaß war lächerlich: Der betrunkene Bezirkschef hatte auf einer Versammlung ostdeutsche Professoren beschimpft und war, als er deshalb im Politbüro zur Rede gestellt wurde, mit unflätigen Worten über Erich Honecker hergefallen.

Der Generalsekretär hat aus der gescheiterten Naumann-Intrige gelernt: Er läßt sich Zeit bei der Nachfolge. Eine Zeitlang galt der 50jährige Egon Krenz, bis 1983 Leiter der Staatsjugend FDJ und danach Vollmitglied im Politbüro, als Kronprinz. Doch Krenz tritt seit Monaten nicht mehr besonders in Erscheinung, und auch keiner der übrigen Spitzengenossen wird herausgestellt.

Mindestens bis 1989 wolle Honecker noch ganz oben bleiben, verbreiten Honecker-Vertraute. Dann werde die DDR 40 Jahre alt. Was danach passiere, werde man sehen.

Honeckers Zögern hat wohl noch einen anderen Grund. Gäbe es in Ost-Berlin einen Kronprinzen, fiele es dem großen Bruder in Moskau leichter, einen Wechsel zu betreiben. Das weiß Erich Honecker aus eigener Erfahrung: Als die Russen 1971 den altersstarren Walter Ulbricht loswerden wollten, der ihrer Entspannungspolitik im Wege stand, gelang dies auch deshalb ohne großes Federlesen, weil der Nachfolger bereitstand.

Daß Honecker mit Michail Gorbatschow nicht sonderlich kann, daraus macht er kein Hehl. Einer aus seinem Politbüro, der Genosse Kurt Hager, hat die SED-Sicht auf Gorbatschows Reformpolitik auf die schlichte Formel gebracht: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umgestaltung, müssen dem SED-Generalsekretär und seinen Mitstreitern zuwider sein. Denn sie treffen den Kern des Systems: Setzt Gorbatschow sich durch, dann tritt an die Stelle der Willkür - im guten wie im bösen - der Anspruch des Bürgers- dann kann der sein Recht einklagen. Das aber gefährdet, so fürchtet die SED-Führung, die Macht der Partei.

Die Furcht ist unbegründet, noch.

Bei der Vorfahrt der Prominenz zum Festkonzert im Schauspielhaus beim letzten Ostblock-Gipfel gab es einen Zwischenfall. Als Michail Gorbatschow mit seiner Frau durch das Spalier der Schaulustigen zur Eingangstreppe schritt, streckte ihm eine Frau einen Brief entgegen, den ein Begleiter des KP-Chefs an sich nehmen wollte. Doch da zog die Frau den Arm zurück.

Daraufhin drehte sich Michail Gorbatschow um und sagte auf russisch zu der Frau: »Du kannst ihm den Brief ruhig geben. Er ist einer von uns.«

Auf so einen hoffen die DDR-Bürger, und nicht auf die Konterrevolution. _(Ende Mai in Ost-Berlin. )

Ende Mai in Ost-Berlin.

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