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»Es kann knapp werden«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 37/1987

Ein bißchen dunkel ist es ja im Feuerwehrzelt von Alt Bennebek bei Schleswig, richtig schön gemütlich für einen Knuddelwalzer Backe an Backe. Im schummrigen Licht der gelben und roten Glühbirnen verschwimmen alle Konturen. Und so geht dem erbarmungslosen Heldentum des Wahlkämpfers Uwe Barschel leider einiges an Strahlkraft verloren.

Getanzt wird nämlich erst später. Am Mittwoch vergangener Woche wirbt die Union erst mal um Stimmen für die Landtagswahl am kommenden Sonntag und zwar ziemlich verzweifelt, wie der Ministerpräsident seinen Freunden auf dem flachen Lande zu verklaren sucht: »Es kann knapp werden.«

Aber »uns Uwe«, den die 400 Unionsfreunde »außerordentlich« begrüßt haben, fast emphatisch, obwohl er nicht Uwe Seeler ist, sondern weil er sich nach steilem Aufstieg und jähem Absturz einen eigenen Ruf als notorisches Glückskind erworben hat, als eine Art lebendes Wunder, dieser »uns Uwe« wird es schon reißen.

Viele hören deshalb gar nicht hin, als er um ihr Mitleid wirbt, zum ersten Mal ganz unverblümt. Es sei manchmal nicht einfach gewesen, sagt er leise: »Ich mußte meine ganzen Kräfte zusammennehmen.« Doch »bis zum letzten Tag« wird er seine Pflicht tun.

Sollte es sich bei dem dörflichen Schmuselicht um eine Art Götterdämmerung handeln? Aufrecht und starr steht Barschel hinter dem Vorstandstisch wie sein zu früh vollendetes ehernes Denkmal. Ein junger Mann ist der Ministerpräsident immer noch, gerade 43, aber wie er da einsam, feierlich und mit vor Schwäche fast vibrierender Spannkraft langsam die Hand zum Gruß hebt, da könnte er auch hundert Jahre alt sein, ein plötzlich vergreister Jüngling.

Nur wenige können es erkennen. Weil aber alle sehen sollen, daß Uwe Barschel drei Monate nach dem Flugzeug-Unglück von Lübeck, bei dem drei Menschen starben und nur er - mit schweren Rückenverletzungen - überlebte, trotz allem »wieder voll da« ist, klettert der Gestürzte auch noch zum Schrecken seiner Freunde wacklig auf einen Stuhl.

Vom Himmel ist er gefallen, ein Jahr davor vom Baum, fünfmal ist er aus zerbeulten Autos gekrabbelt, alles ohne eigenes Verschulden - aber ein Dynamiker wie Uwe Barschel, den es von jung an mit Höchstgeschwindigkeit nach oben getrieben hat, der ist eben nicht zu bremsen. Wen Nachrichten begleiten, die mit dem Satz beginnen »Wie durch ein Wunder«, der kann wohl leicht bei aller selbstpropagierten Nachdenklichkeit zu falschen Schlußfolgerungen gelangen.

An sich sollte »die lange schmerzhafte Zwangspause« im Krankenbett, die Barschel an diesem Abend anspricht, sollten Erschöpfung und Qual »bei den langen Autofahrten durchs Land«, die Mutmaßungen über den tatsächlichen Gesundheitszustand des Kandidaten nahelegen, kein Thema sein, zu dem er sich selbst äußert. Die Männer um den Kieler Ministerpräsidenten, den sie den »MP« nennen, sind sich bewußt, daß der Unfall »den Unterhaltungswert« - so Pressesprecher Gerd Behnke - erheblich erhöht hat.

Tatsächlich sitzen besonders in den Kurorten, in Plön und in Eckernförde etwa, nicht wenige in den Wahlveranstaltungen, die gruselnd oder gläubig einem Wunder begegnet sein möchten. Eine fast andächtige Scheu hält die Zuschauer überall auf Abstand. Sie wird vergrößert durch Phasen starrer Abwesenheit des Kandidaten, der seinen Leuten manchmal aus weltenweiter Distanz auf die Schulter zu klopfen scheint.

Nein, das konnte nur ein hilfreicher Nebeneffekt sein. Was die Union braucht, der es in Schleswig-Holstein schwerfällt, den propagierten »klaren Kurs« bei wirtschaftlichen Untiefen und kräftigem Gegenwind durch Björn Engholms SPD zu halten, das ist gewiß nicht der bescheidene, nachdenkliche Barschel mit dem schwarzen Krückstock, der sich anfangs probehalber den Senioren stellt. »Fragil« habe er gewirkt, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, ein Wort, bei dem die nordischen Recken um den MP geradezu Ekel überkommt.

Der Stock verschwand, und das Schlüsselwort der Barschel-Kampagne heißt seither wieder »Kraft«, wie eh und je. Nur wird die Zauberformel anders intoniert: »Wem das Leben buchstäblich noch einmal geschenkt wurde ... der spürt auch Kräfte in sich, die er so nicht kannte.« Wenn er von »Kraft« redet, dann drückt er die geballten Fäuste vor der Brust zusammen, gräbt zwei scharfe

Falten zwischen die Augen und läßt Stahl in seiner Stimme klirren, die in diesen Tagen leicht scheppernd in der Höhe umkippt.

Er inszeniert einen Kult um seine Tat-, Durchschlags-, Entscheidungs- und Einsatzkraft. »Eine kraftvolle Regierung kapituliert nicht«, dröhnt er und reiht Vokabeln wie Mut, Offensive, Aufbruch, beherzt, kämpferisch und dynamisch aneinander, um die »Attraktivität« seines Landes emotional zu unterfüttern.

Da wird der Arbeitsmarkt zur Sportarena, wo aber nicht etwa Arbeitslose aus der Bahn gedrängt oder abgehängt werden, sondern da ist das Land Schleswig-Holstein im Rennen. Längst ist es nicht mehr »Schlußlicht«, sondern es hat »sich vorgearbeitet auf einen der vorderen Mittelplätze«, in »einer dramatischen Aufholjagd« - »sechs Länder haben wir schon hinter uns gelassen«. Wir, das ist immer Barschel selbst, die Partei und andere Politiker dienen dem Heroen bei seiner Tour de force allenfalls als Wasserträger.

Was hat er nicht alles geleistet. »An jedem Tag meiner Amtszeit entstanden 13 neue Arbeitsplätze. Alle elf Tage haben wir einen neuen Betrieb nach Schleswig-Holstein geholt.« Daß dennoch an jedem Tag drei Bürgerinnen oder Bürger seines Landes zusätzlich arbeitslos wurden, daß alle elf Tage 18 Betriebe Pleite machten - das kriegt Barschel bei seinem Blick nach vorn nicht mit. Bauernsterben? Werftenkrise? Strukturprobleme? »Es geht noch nie so gut wie je zuvor«, prahlt er in Eckernförde. Er meint sein Land und also sich.

Es sind aber nur verblasene verbale Kraftakte, die er selten genug mit Schmackes über das Podium bringt. Je länger der Wahlkampf dauert und je länger er bei jeder Veranstaltung redet, desto deutlicher zeichnet den einst so forschen Mann die Anstrengung. Seine Nase wird spitz, die Augen liegen tief in den Höhlen, unter hektischer Röte wirkt seine Haut oft fahl. Er ist routiniert genug, Konzentrationsschwächen durch Wortgerassel zu übertönen. Aber »verbale Sätze, die sich ins Nichts auflösen, wenn Sie sie mal unter der Lupe betrachten«, wie Barschel sie »den Sozialisten vorwirft, die machen einen guten Teil seiner eigenen Rede aus.

Er verspricht sich oft, wird weitschweifig. Will er, wie in Alt Bennebek, sagen »Wir sind stolz auf unser Land«, dann kündigt er fahrig ausholend »die schlichte Aussage« damit an, »daß wir den Mut haben, einen Aufbruch zu beginnen in dem Sinne, daß wir sagen: jawohl ...«. Und dann kommt es am Ende doch noch. Redner und Publikum sind gleichermaßen erleichtert.

Täglich macht Uwe Barschel noch mehrere Stunden Heilgymnastik, schwimmt, muß lange ruhen, damit sich das gebrochene Becken nicht verschiebt. Eigentlich gehöre der Mann zur Kur und nicht in den Wahlkampf, klagt einer seiner Mitarbeiter, fügt dann aber fast ehrfurchtsvoll hinzu: »Physisch wieder fit werden und dann noch so 'ne Geschichte verdrängen, das ist doch keine Kleinigkeit.«

Das nun gewiß nicht. Eher ist es eine Monstrosität, die freilich den Vorteil hat, daß sie am Beispiel Uwe Barschel einen unverschleierten Blick auf den Politikbetrieb ermöglicht - auf den Typus des Erfolgsmanagers und seine Lebenshaltung, für die Barschel alleweil die Floskel bereithält: »Im Mittelpunkt unserer Politik steht der Mensch.«

Er sagt das, ohne zu stutzen oder gar zu erröten. Er redet Vorgestanztes ohne die geringsten Skrupel. Unentwegt legt er Bekenntnisse ab, »zum Reichtum des kulturellen Erbes unserer Väter« etwa, oder er fordert: »Steigt ein in den Zug, der in die Zukunft fahren soll.«

Uwe Barschel spricht so perfekt klischeehaft und ohne die geringste persönliche Nuance, daß man sich am Ende als Opfer einer besonders heimtückischen Satire fühlt. Weil er derzeit alle Kraft braucht, um nicht physisch zusammenzuklappen, kann er keine darauf verschwenden, das ärmliche Skelett seiner Sprache mit dekorativen Mäntelchen von persönlicher Färbung aufzuputzen. Die Sprache verselbständigt sich und verrät, daß der Doktor der Juristerei und der Politologie unverstellt nach dem Muster des Erfolges funktioniert.

So sieht er auch aus. In vielen Dias taucht die markante Leere seiner Züge auf, wenn die Union zum Auftakt seiner Wahlveranstaltungen das meerumschlungene Schleswig-Holstein als Parteleigentum vorführt. Da ist der Vater von vier Kindern, der Naturschützer, der Diplomat, der Lehrer, der MP natürlich Ein steif lächelnder Allerweltstausendsassa.

Irgendwo hat man ihn schon einmal gesehen, oder? Er erinnert sofort an jemanden, an Hans Günter Winkler etwa, den Reiter, oder an Freddy Quinn. Oder nicht eher an Gerold Tandler? Oder an diesen Fußball-Bundesliga-Trainer, wie heißt er doch noch? Egal, man kennt ihn aus dem Fernsehen. Wenn Barschel dann persönlich auftaucht, ist man stets aufs neue überrascht, wie wenig er sich selbst ähnlich sieht.

Eine Karriere hatte Uwe Barschel bis zu jenem 31. Mai um 23.01 Uhr, keine Biographie. Ein paar Pfunde mehr, ein paar graue Haare - andere Veränderungen hat ein Schulfreund seit dem Abitur nicht an ihm entdecken können. Dann brach das Nicht-Plan- und -Machbare mit tödlicher Bedrohlichkeit auf ihn so herein, daß der Schock bis heute nachwirkt.

Seither hat Uwe Barschel viel und publikumswirksam geredet über diese »Grenzerfahrung«, die ihn demütig und bescheiden gemacht habe. Wer hätte das Recht, das anzuzweifeln?

Krise kann eine Chance sein. Eine andere Erfahrung ist, daß Menschen noch verbissener, noch radikaler und perfektionistischer den alten Kurs fortsetzen. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Auf dem Rückflug von einem Gespräch mit Helmut Kohl ist er mit einer Cessna Citation der Charterfirma Travel Air abgestürzt. Mit einer Maschine gleichen Typs von der gleichen Firma fliegt er demonstrativ Ende August zu Helmut Kohl. Er wählt sogar den gleichen Sitzplatz.

Der Wahlkämpfer Uwe Barschel, so scheint es, hat sich entschlossen, von dem Menschen Uwe Barschel vorerst abzusehen; die Karriere hat die biographische Zäsur längst eingeplant. Ausdrücklich »von Person zu Auditorium« bekräftigt er am vergangenen Mittwoch, »daß ich mich nicht schonen werde, weiterhin meine Pflicht für unser schönes Schleswig-Holstein zu tun«.

Da klatschen die Alt Bennebeker ergriffen und begeistert. Woher sie die Zuversicht nehmen, daß »der MP« - sollte es einmal ernst werden in ihrem Leben - auf sie als Menschen mehr Rücksicht nehmen wird als auf sich selbst, das bleibt ihr Geheimnis.

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